Teams oder Gruppen generell sind Brutstätten allerlei denkwürdiger psychosozialer Gruppenphänomene. Nicht wenige Menschen verbringen die Hälfte ihrer Arbeitszeit in Besprechungen (vulgo Meetings) mit anderen Kollegen, diskutieren mit ihnen Wenn und Aber, grübeln über Szenarien, malen auf Flipcharts und ziehen sich eine um die andere Powerpointfolie rein – und wundern sich über das, was sie längst spüren: Dass nämlich solche zwischenmenschlichen Zusammenkünfte zuweilen unglaubliche Marktplätze für Machtspiele und Eitelkeiten sind – zumal mit hohen Risiken und Nebenwirkungen.
Eines der wohl bekanntesten Experimente dazu stammt von Solomon Asch aus den Fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und Sie können es hier gleich selbst einmal ausprobieren: Welche der im rechten Kasten abgebildeten Linien ist genauso lang wie die linke – A, B oder C? Naja, die Frage ist nicht wirklich schwer: Es ist ganz offensichtlich Linie C. Als Asch und sein Team das Experiment damals durchführten, entschieden sich aber ganze 76 Prozent der Probanden mindestens einmal für die Linien A oder B und widersprachen damit ihren eigenen Sinneseindrücken. Wie konnte das geschehen?
Ganz einfach: Als Asch damals sein sogenanntes Konformitätsexperiment durchführte, war die Mehrheit der Teilnehmer eingeweiht. Asch ließ damals eine Gruppe von Studenten mit eben seinen Undercover-Kollegen in einem Raum darüber abstimmen, welche von drei Linien auf diversen Abbildungen gleich lang seien. Bei den ersten Durchgängen stimmten alle so ab, wie sie die Linien tatsächlich wahrnahmen (Kontrolldurchgang), danach aber stimmten Aschs Agenten absichtlich falsch ab und erzeugten so eine Art Gruppenzwang. Was dabei heraus kam, überraschte selbst Asch und sein Team:
- 50 Prozent der Probanden gaben in mehr als der Hälfte der Abstimmungsrunden eine offensichtlich falsche Antwort, schlossen sich damit aber der Mehrheit an.
- Nur 25 Prozent der Teilnehmer monierten, dass hier offenbar eine Mehrheit versuche, das Ergebnis zu beeinflussen.
- 5 Prozent zeigten regelrecht blinden Gehorsam, indem sie sie kategorisch der Mehrheit anschlossen.
- Im Schnitt und über alle Experimente schloss sich jeder in einem Drittel der Fälle der Mehrheit an.
Später befragte der Sozialpsychologe seine Probanden dazu, warum sie sich gegen ihre eigene Meinung und Wahrnehmung entschieden hätten. Auch hierbei gab es bemerkenswerte Begründungen:
- So gaben einige an, zunächst unsicher gewesen zu sein. Weil sich aber die Mehrheit sicher schien, hätten sie zugestimmt.
- Andere gaben zu, Angst vor Repressalien gehabt zu haben, wenn Sie sich gegen die Mehrheit stellten.
- Wieder andere wollten wegen ihre abweichenden Meinung einfach nicht aus der Gruppe hervorstechen.
- Und einige wenige behaupteten, es ganz genauso wie die Mehrheit gesehen zu haben.
Weil Aschs Ergebnisse zu Gruppendynamik und Gruppenzwang so beeindruckend waren, inspirierten sie seit viele weitere Wissenschaftler zu ähnlichen Versuchen. Die Prozentzahlen der Anpassungsbereitschaft variieren dabei immer wieder (zumal in asiatischen Kulturen, in denen etwa Gruppenkonformität einen besonders hohen Stellenwert genießt) – im Kern aber läuft es auf dasselbe hinaus: Ganz viele Gruppenentscheidungen sehen nur so aus, als würden sie auf Objektivität oder einem rationalen Konsens basieren. Tatsächlich aber sind sie auf falsche Annahmen, selektive Wahrnehmung oder eben auf Konformität zurückzuführen, weshalb sie uns zu Ergebnissen leiten, die nur suboptimal sein können – wenn nicht gar objektiv falsch.
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