Kritik am Chef: Unbedingt richtig formulieren!

Immer heikel, aber manchmal unvermeidbar: die Kritik am Chef. Auch Vorgesetzte sind nur Menschen, können irren oder sich falsch verhalten. Das dürfen und sollten Sie ansprechen und dem Boss Ihre Meinung sagen – aber bitte stets respektvoll und sachlich. Er ist es immer noch Ihr Vorgesetzter! Tipps wie Sie den Chef kritisieren – ohne sich selbst zu schaden…

Kritik Am Chef Richtig Formulieren Tipps

Kritik am Chef: Unbedingt richtig formulieren!

Feedback im Job geht meistens vom Chef aus – im sogenannten Mitarbeitergespräch oder Feedbackgespräch. Rückmeldungen sind jedoch keine Einbahnstraße – Kritik ist auch umgekehrt erlaubt (siehe: Führung von unten).

Bei der Kritik am Chef müssen Mitarbeiter allerdings unbedingt ein paar Punkte beachten, um auf offene Ohren zu stoßen und nicht gleich eine Abmahnung zu kassieren. Selbst bei einem kooperativen Führungsstil des Vorgesetzten gelten arbeitsrechtliche Regeln!

Konstruktive Kritik üben – Tipps

Das richtige Vorgehen ist bei der Kritik am Chef entscheidend. Wir haben dazu die wichtigsten Tipps zusammengestellt, mit denen Sie Vorgesetzten Feedback geben, ohne die Karriere zu riskieren:

  1. Perspektive wechseln

    Beim Schach gewinnt derjenige, der voraus denkt. Bevor Sie den Chef kritisieren, versetzen Sie sich deshalb immer zuerst in seine Lage und beurteilen Sie sein Verhalten oder seine Entscheidung aus seiner Perspektive. Sprechen Sie dazu ruhig auch mit Kollegen, wie die das sehen oder empfinden. Oft gewinnen Sie dabei nützliche Argumente.

  2. Timing beachten

    Zahlreiche Experten und Arbeitspsychologen empfehlen ein Feedback stets zeitnah zu geben – am besten binnen 48 Stunden. Warten Sie mit der Kritik nicht zu lange, sonst leidet meist die Nachvollziehbarkeit und die Details und Erinnerung verschwimmen. Wählen Sie überdies einen günstigen Zeitpunkt, bei dem der Chef nicht gestresst ist. Das gilt im Übrigen auch für die nächste Gehaltsverhandlung.

  3. Atmosphäre schaffen

    Der Beginn ist entscheidend – für Sie! Bemühen Sie sich von Anfang an um einen geschützten Raum – etwa das 4-Augen-Gespräch und einen festen Termin mit 30 Minuten Zeit. Kein Chef möchte vor dem Team bloßgestellt werden und sein Gesicht verlieren!

  4. Sachlich bleiben

    Eigene Emotionen haben bei der Kritik am Chef nichts verloren. Sie wirken auch nicht sonderlich überzeugend oder souverän. Bleiben Sie bei Ihren Schilderungen unbedingt sachlich und respektvoll – Beispiel: „Sie sehen das so, ich sehe das so. Wie kommen wir da zusammen?“ Auch nonverbale Faktoren spielen eine Rolle: Zeigen Sie Ihre positive Absicht durch Kopfnicken oder Blickkontakt.

  5. Verallgemeinerungen vermeiden

    Pauschalurteile und Verallgemeinerungen vom Typ „jedes Mal“ oder „Sie machen immer“ sind absolut tabu. Solche Formulierungen und Vorwürfe sorgen eher dafür, dass der Chef dicht macht und Sie gleich wieder aus dem Büro verbannt. Schildern Sie besser konkrete Situationen oder nennen Sie spezifische Beispiele, wie etwas wirkt oder welche Folgen ein bestimmter Führungsstil hat. Gut sind immer sogenannte Ich-Botschaften: „Ich habe mich dabei sehr schlecht und ungerecht behandelt gefühlt…“

  6. Argumente und Fakten nennen

    Zeigen Sie in der Kritik bitte immer, dass es Ihnen um eine bessere Zusammenarbeit und das Wohl des Unternehmens geht. Bitte nicht einfach nur Meckern, sondern im ruhigen Ton Fakten und Argumente nennen. Stellen Sie dazu Fragen, wie der Chef das sieht und lassen Sie ihn unbedingt ausreden! Denken Sie an das 4-Ohren-Modell und achten Sie auf den Subtext: Wenn Sie auf der Sachebene kritisieren, sollten Sie gleichzeitig auf der Beziehungsebene zeigen, dass Sie den Boss in seiner Funktion schätzen und respektieren.

  7. Lösungsvorschläge machen

    Kommen Sie nicht mit Problemen zum Chef, sondern bringen Sie passende Lösungen gleich mit. Wenn Sie glauben, dass Ihr Chef falsch liegt, unterstützen Sie ihn mit einer besseren Idee. Taktisch kluge Mitarbeiter machen 2-3 Vorschläge, sodass der Chef sich eine Lösung aussuchen kann und immer noch das Gefühl hat, eine eigene Entscheidung getroffen zu haben.

Kritik am Chef? Immer mündlich!

Als Bonus-Tipp empfehlen wir Kritik am Chef stets mündlich und unter vier Augen zu äußern. Alles, was Sie per E-Mail versenden, ist damit dokumentiert und kann womöglich gegen Sie verwendet werden. Im Gespräch können Sie zudem Missverständnisse sofort richtig stellen und besser auf mögliche emotionale Reaktionen eingehen (siehe: SARA-Modell).

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Kritik am Chef – Beispiele

Dem Chef angemessenes und professionelles Feedback zu geben, kann umgekehrt sogar Ihr Ansehen bei ihm oder ihr steigern. Wir haben für Sie daher ein paar Gründe für eine mögliche Kritik am Chef gesammelt und zeigen Ihnen bewährte Beispiele, wie Sie Ihr Feedback formulieren können.

    Steigende Arbeitsbelastung

    Ein häufiger Grund für Unzufriedenheit im Job sind steigende Aufgaben und Arbeitsanforderungen, während das Gehalt stagniert. So können Sie das Problem ansprechen:

  • „Ich mag meinen Job wirklich sehr. In der Vergangenheit hat das Arbeitspensum allerdings deutlich zugenommen und ein Maß erreicht, das kaum noch zu bewältigen ist, ohne dass andere Aufgaben darunter leiden. Ich möchte deshalb mit Ihnen über eine bessere Aufgabenverteilung und die Anpassung meines Gehalts sprechen, das den neuen Anforderungen entspricht…“
  • Unangemessenes Verhalten

    Der Vorgesetzte reagiert schnell aufbrausend, cholerisch und vergreift sich dann im Ton. Das müssen Sie sich nicht gefallen lassen. Im Gegenteil: Zeigen Sie, dass Sie ein solches Verhalten nicht tolerieren. So bringen das Thema professionell zur Sprache:

  • „Ich möchte nochmal auf den Vorfall gestern eingehen: Ich empfinde Ihre Reaktion und den Tonfall manchmal als herausfordernd und spüre darin wenig Respekt oder Wertschätzung. Ich wünsche mir für ein kollegiales Arbeitsverhältnis einen anderen Umgang. Es ist völlig okay, wenn Sie mit meinen Leistungen nicht einverstanden sind. Ich bin gerne bereit, mich zu verbessern. Könnten wir gemeinsam Wege finden, um die Kommunikation insgesamt freundlicher zu gestalten?“
  • Häufiges Mikromanagement

    Die Führungskraft mischt sich ständig in die Arbeit ein, will alles kontrollieren und verliert sich in Details, die nur aufhalten? Klassischer Fall von Mikromanagement. Auch in diesem Fall sollten Sie etwas sagen und für mehr Vertrauen und Freiraum werben:

  • „Mir ist aufgefallen, dass es häufiger Schwierigkeiten beim Delegieren der Aufgaben gibt. Ich habe das Gefühl, meine Arbeit wird zunehmend kontrolliert und Sie sind damit nicht zufrieden. Stimmt das? Ich würde mich freuen, wenn wir einen Weg finden, wie Sie meiner Arbeit wieder mehr vertrauen und wir anschließend über die Ergebnisse sprechen. Ist das auch in Ihrem Sinne?“
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Kritik am Chef: Diese Fehler unbedingt vermeiden!

Je nachdem, was vorgefallen ist, kochen die Emotionen auch schon mal hoch. Nicht wenige reagieren dann im Affekt und sagen Dinge, die sie später bereuen oder die sogar arbeitsrechtliche Konsequenzen haben können – von Abmahnung bis Kündigung!

Wenn Sie Kritik am Chef üben wollen, sollten Sie deshalb unbedingt die folgenden – leider häufigen – Fehler vermeiden:

  • Bestürmen

    Reinkommen, Zettel zücken und dem Boss 37,5 Vorwürfe vor den Latz knallen? Das macht jeden Gesprächspartner aggressiv. Wer dafür sofort eine Abfuhr oder Rüge vom Chef kassiert, darf sich nicht wundern.

  • Lamentieren

    Wer unzufrieden ist, sollte seiner Kritik konkrete Konturen geben und diese ebenso konstruktiv wie konkret formulieren. Allgemeines Nörgeln disqualifiziert jeden Kritiker.

  • Angreifen

    Eigentlich selbstverständlich, kommt aber dennoch vor: Persönliche Angriffe gegenüber dem Vorgesetzten sind ein kompletter Tabubruch und verschlimmern alles nur noch. Wer so kritisiert, zeigt, dass er oder sie die Autorität und Hierarchie nicht anerkennt. Eine solche Insubordination kostet zu 99% den Job.

  • Unterstellen

    Der Chef verhält sich daneben. Aber war das böse Absicht? Wer mit einer solchen Unterstellung ins Kritikgespräch geht, ist weder offen noch konstruktiv. Eine solche Haltung führt immer in eine Spirale aus Schuldzuweisungen und Rechtfertigungen – und in ein Gespräch ohne Ergebnis.

  • Moralisieren

    Sind die Argumente gut, ist Moral unnötig. Sind sie es nicht, helfen auch Appelle und Adjektive wenig. Sätze wie „Ich bin nicht der einzige, der das so sieht!“ gehen immer nach hinten los. Ein kluger Chef fragt jetzt nach Namen – und dann werden Sie entweder zur Petze oder das Argument verpufft.

  • Erpressen

    Die dümmste Variante, ist dem Chef gleichzeitig zu drohen. Erpressung wird immer zum Bumerang. Wer zum Beispiel mit Kündigung oder Dienst nach Vorschrift droht, sägt schon am eigenen Job.

  • Triumphieren

    Sollte der Chef einlenken, ist plumpe Vertraulichkeit ebenso tabu wie Sarkasmus. Nur weil Sie ihn überzeugt haben, ist das kein Grund, sich zurückzulehnen und überlegen zu grinsen.

Wer ohne Strategie den Chef kritisiert, blitzt in der Regel sofort ab. Die meisten Manager assoziieren Kritik mit Schwäche und reagieren deshalb oft dünnhäutig wie Mark Twain. Der sagte einst: „Ich liebe Kritik, aber ich muss damit einverstanden sein.“

Kündigungsgrund: Gefährliche Schmähkritik!

Achtung: Der falsche Ton im Kritikgespräch kann den Job kosten. So gelten Verunglimpfungen und Beleidigungen des Vorgesetzen vom Typ „Sie Idiot“ oder „Sie Arschloch!“ im Arbeitsrecht als Schmähkritik. Diese kann eine verhaltensbedingte Kündigung rechtfertigen. Wer dabei Fäkalwörter nutzt oder mit Gewalt droht, riskiert sogar eine fristlose Kündigung.

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Kritik am Chef: Wer schweigt, kann nichts ändern

Lassen Sie sich von den möglichen negativen Folgen trotzdem nicht abschrecken. Zwar liegt die Hürde der freien Meinungsäußerung gegenüber dem Chef höher als bei Kollegen. Dennoch sollten Sie Ihren Mund aufmachen und dem Chef selbstbewusst sagen, was Ihnen in der Zusammenarbeit nicht gefällt.

Zahlreiche Studien zeigen: Mitarbeiter kommen wegen des Jobs und kündigen wegen des Chefs. Zuvor sollten Sie aber stets alle Mittel ausschöpfen. Kritik am Chef kann anstrengend sein – und nicht jeder Vorgesetzte kann gleich gut mit Kritik umgehen. Wer jedoch schweigt und still weiterleidet, ändert auch nichts!

Kritik als Chance verstehen

Kritikfähigkeit bedeutet nicht nur, dass Sie Kritik professionell annehmen können. Die wichtige Fähigkeit beinhaltet genauso, richtig und konstruktiv kritisieren zu können. Das lässt sich lernen wie alle Soft Skills!

Kritik am Chef ist immer auch eine Chance, den eigenen Job und die Arbeitszufriedenheit zu verbessern. Erst recht, wenn Sie das Gefühl haben, dass die Stelle perfekt zu Ihnen passt. Ärger runterschlucken oder sich unangemessenes Verhalten gefallen zu lassen, ist genauso wenig eine Lösung wie die Flucht zu einem anderen Arbeitgeber. Schlimmstenfalls geraten Sie so nur vom Regen in die Traufe.


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