Führung von unten: So halten Sie Ihren Chef in Schach

Arbeitnehmer kommen wegen des Jobs – und gehen wegen des Chefs. Blender, Pedanten, Kontrollfreaks, Ausbeuter, Choleriker – die Liste der Chefattribute und -allüren ist lang. Eine Alternative zum Jobwechsel für Mitarbeiter ist die Führung von unten. Denn auch Manager lassen sich managen. Mit subtilen Tricks gelingt das sogar richtig gut – ist aber auch mit einigen Risiken und Fehlerquellen verbunden. Wir zeigen, was Führung von unten bedeutet, wie diese funktioniert und worauf Sie dabei unbedingt achten müssen, um sich nicht ins Aus zu schießen…

Führung von unten: So halten Sie Ihren Chef in Schach

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Definition: Was ist Führung von unten?

Führung von unten (auch „Führen nach oben“ oder „Cheffing“ genannt) bedeutet die bewusste, gezielt und meist subtile Einflussnahme von Mitarbeitern auf deren Vorgesetzte. Obwohl sie hierarchisch dem Chef unterstehen, verändern die Mitarbeiter so das Verhalten oder die Entscheidungen des Managers in ihrem Sinne.

Diese Einflussnahme kann durch klassische Manipulationstechniken wie zum Beispiel die positive Konditionierung oder die Spiegeltechnik geschehen, aber auch durch einen konstruktiven Dialog und loyale Unterstützung.

Weitere Strategien bei der Führung von unten nach oben können auch Druck sein, wie es beispielsweise Gewerkschaften und Betriebsräte regelmäßig tun, durch das Einschalten übergeordneter Instanzen oder durch strategische Fehlzeiten und Krankmeldungen. Subtiler wirken dagegen diskursive Methoden – in Form von Überzeugungsarbeit oder mithilfe von Anreizen, wie zusätzlichen Leistungsversprechen.

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Manager managen: Den perfekten Chef gibt es nicht

Viele Arbeitnehmer wünschen sich den perfekten Chef. Einen Vorgesetzten, bei dem Führung von unten gar nicht notwendig wäre, weil er bereits die optimale Führungsrolle einnimmt. Aber wie würde ein solcher Chef aussehen, wenn Sie ihn sich selbst zusammenstellen könnten? Häufige Punkte sind:

  • Der perfekte Chef wäre eine Person, die gut mit Menschen umgehen kann und gerne mit diesen zu tun hat.
  • Er wäre offen für neue Vorschläge und würde seine Mitarbeiter inspirieren und motivieren.
  • Diese Sorte Chef würde selbst Fehler machen und wäre aus diesem Grund auch tolerant gegenüber den Fehlern der Mitarbeiter.
  • Im richtigen Moment würde er die Zügel ergreifen, aber auch seinen Mitarbeitern die Leitung überlassen.
  • Der perfekte Chef würde anspornen, aber ohne unnötig Druck auszuüben oder Angst und Schrecken zu verbreiten.
  • Natürlich hätte er auch stets ein offenes Ohr für die Probleme seiner Mitarbeiter.

Kurzum der perfekte Chef wäre eine Mischung aus Superheld und gutmütigem Vater. So die Theorie. In der Realität wird man einen solchen Menschen kaum antreffen. Eben weil Chefs auch Menschen sind – mit Launen, Macken und Defiziten. Wer sein Chefbild also zu sehr heroisiert, kann dabei nur unzufrieden werden.

Chefs in der Wirklichkeit

Leider treffen Mitarbeiter in der Realität auf zahlreiche Arten von Vorgesetzten, die mit dem Idealbild herzlich wenig zu tun haben. Manche sind Choleriker, die bei jedem Fehler einen Wutanfall bekommen, andere sind scheinbar komplett überfordert und wissen nicht, was im Team und der Abteilung vor geht und wieder andere denken nur an die eigenen Interessen und ihre Karrierepläne.

Je unzufriedener und frustrierter Arbeitnehmer mit dem Chef und seiner Arbeit sind, desto eher versuchen sie durch Führung von unten entgegenzuwirken und die Situation zum eigenen Vorteil zu beeinflussen. Wie anstrengend man seinen Chef empfindet, hängt dabei auch von der eigenen Persönlichkeit ab: Viele Gemeinsamkeiten mit dem Chef sorgen für bessere Zusammenarbeit.

Wer ordnungsliebend ist, wird weniger Probleme mit einem strukturierten oder gar pedantischen Chef haben. Jemand, der das kreative Chaos liebt, wird hingegen größte Schwierigkeiten haben, mit dem Cheftypus Ordnungsfanatiker zurechtzukommen. Doch selbst wenn die Charaktere so unterschiedlich sind, lässt sich immer ein gemeinsamer Nenner finden. Und genau über diesen lassen sich Manager managen.

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Führung von unten: So gelingt die Chef-Dressur

Statt sich über das Verhalten des Chefs zu ärgern und insgeheim über einen Jobwechsel nachzudenken, drehen Sie den Spieß doch einfach um: Führen Sie Ihren Chef.

Die oberste Regel dabei ist: Verstehen Sie zuerst, wie Ihr Chef tickt. Analysieren Sie seine Persönlichkeit, seine Motive, sein Verhalten. Erkennen Sie typische Muster und die Führung von unten wird nicht nur leichter, sondern auch erfolgreicher. So können Sie selbst aktiv lenken, statt nur gelenkt zu werden:

  • Lassen Sie Ihren Chef glänzen

    Wenn Ihr Chef eine gute Figur abgibt, wirkt sich das auch positiv auf Ihre Arbeit und Ihre Stellung im Team aus. Lassen Sie Ihren Vorgesetzten stets durch Ihre Arbeit brillieren und stellen Sie Ihr Licht ruhig mal unter den Scheffel. Was hindert Sie schon daran, außer dem eigenen Stolz und Geltungsdrang? Auf der anderen Seite gewinnen Sie so langfristig viel mehr als den kurzfristigen Ruhm im Rampenlicht.

  • Argumentieren Sie im Sinne Ihres Chefs

    Bedenken Sie bei all Ihren Vorschlägen, welchen Vorteil Ihr Chef davon hat. Diesen Vorteil gilt es geschickt darzustellen und den Chef damit zu ködern. Wie Sie der Vorschlag persönlich oder beruflich weiterbringen wird, ist irrelevant. So wird Ihr Chef häufiger genau so entscheiden, wie Sie es sich wünschen.

  • Loben Sie Ihren Chef

    Ihr Chef ist auch nur ein Mensch und freut sich genauso wie Sie über Lob und Anerkennung. Das gehört zur Strategie der klassischen Konditionierung: Sie verstärken so gezielt positives Verhalten. Ein guter Moment für ein Lob nach oben ist zum Beispiel, wenn Ihr Chef Neuigkeiten frühzeitig ans Team kommuniziert, sodass sich alle darauf einstellen können. Durch das Lob bekräftigen Sie das Verhalten des Chef und das führt im besten Fall dazu, dass er es beim nächsten Mal genauso macht. Verfallen Sie aber nicht in offensichtliches Schleimen.

  • Zeigen Sie Interesse

    Menschen in Führungspositionen sind in der Regel recht einsam. Dadurch, dass sie sich nicht auf einer Ebene mit Ihren Mitarbeitern bewegen, können keine Freundschaften entstehen. Durch zu enge Beziehungen fürchten sie zum einen ihre Autorität zu verlieren oder Konkurrenten zu begünstigen. Doch der Mensch ist ein soziales Wesen. Nutzen Sie diese Eigenschaft, und zeigen Sie Interesse. Werden Sie nicht zu persönlich und fragen nach sehr privaten Dingen. Es spricht aber nichts dagegen, sich zum Beispiel nach dem Urlaub zu erkundigen.

  • Werden Sie zu einem wertvollen Berater

    In seiner Position hat der Chef wenig Kontakt mit dem Alltagsgeschäft. Das spiegelt sich auch in seinen Entscheidungen wider. Geben Sie Ihrem Chef Feedback über die Auswirkungen seiner Entscheidung – ohne ihn offen zu kritisieren. Sprechen Sie Dinge an wie Zeit- und Arbeitsaufwand oder mögliche Hürden bei der Umsetzung. Zeigen Sie dazu aber auch gleich Lösungen auf. So kann Ihr Chef später glänzen – und sieht in Ihnen einen wertvollen, stillen Verbündeten.

  • Beweisen Sie Loyalität

    Ob Ihr Chef Sie fördert oder nicht, hängt nicht nur von Ihren Fähigkeiten ab, sondern auch davon, wie sehr er Ihnen vertrauen kann. Wenn Ihr Chef sich ständig fragen muss, ob Sie Ihm nicht irgendwann in den Rücken fallen, wird er sie nicht unterstützen. Schon aus Angst um seine eigene Position. Umgekehrt aber funktioniert das umso besser: Betonen Sie Ihre Loyalität und gewinnen Sie sein Vertrauen – dann lässt er sich auch bereitwilliger beeinflussen.

  • Seien Sie hartnäckig

    Geben Sie nicht schnell klein bei. Häufig haben Vorgesetzte die Strategie, erst einmal Vorschläge abzulehnen, um zu sehen, ob das nur heiße Luft oder eine Herzensangelegenheit ist. Wollen Sie den Chef führen, braucht es Hartnäckigkeit – eine Eigenschaft, die den meisten Chefs ohnehin imponiert. Denn sie beweist auch Durchsetzungsvermögen und ist damit wiederum eine wichtige Gemeinsamkeit mit Managern.

Führung von unten: Das sollten Sie besser lassen

  • Beeinflussen Sie Ihren Chef nicht hinterrücks

    Die Einflussnahme sollte subtil, aber offen stattfinden. Chefs sind schließlich nicht doof. Und haben Sie erst einmal das Gefühl, manipuliert zu werden, sehen sie darin einen Versuch, ihre Autorität zu untergraben und reagieren entsprechend disziplinarisch-autoritär.

  • Blamieren Sie Ihren Chef nicht

    Auch wenn Ihr Chef nur so vor Unfähigkeit strotzt und den größten Blödsinn von sich gibt, sollten Sie es tunlichst unterlassen, ihn vor dem gesamten Team bloßzustellen. Verletzen Sie das Ego des Chefs, wird er auf Rache sinnen – und Chefs können das durchaus, schließlich sitzen sie am längeren Hebel.

  • Verkaufen Sie Erfolge nicht als Ihre eigenen

    Machen Sie nicht den Fehler und brüsten sich allein mit dem Erfolg eines gelungenen Projekts. Selbst wenn Sie die entscheidenen Weichen gestellt haben, präsentieren Sie den Erfolg bitte nicht als den Ihren. Das ist nicht nur unfair den Kollegen gegenüber – mancher Chef erkennt Sie anschließend als Konkurrenten. Stellen Sie lieber die Teamleistung und den Verdienst seiner Führung in den Vordergrund.

Selbst wenn Sie kein Interesse an der Führung von unten haben: Denken Sie sich trotzdem ab und an in die Rolle und die Aufgaben des Vorgesetzten hinein. Auch wenn Sie nie den gesamten Überblick haben, verstehen Sie viele seiner Entscheidungen, aber auch Sorgen und Verhaltensweisen anschließend besser.

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[Bildnachweis: Jiw Ingka by Shutterstock.com]
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22. März 2021 Jochen Mai Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Der Autor mehrerer Bücher doziert an der TH Köln und ist gefragter Keynote-Speaker, Coach und Berater.

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