Wissen Sie, wie der Tag heißt, an dem statistisch die meisten Projekte beginnen, die meisten Kunden kontaktiert werden und die meisten Diäten starten? Genau: Morgen. Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, sind Sie vielleicht ein typischer Aufschieber, oder wie Sie im Fachjargon genannt würden: Prokrastinierer. Das gewohnheitsmäßige Vertagen von Aufgaben, die eigentlich erledigt werden müssten, wird seit Mitte der Achtziger Jahre erforscht. Bei Untersuchungen von Psychologen aus Deutschland und den USA kam heraus, dass weltweit fast jeder Fünfte von diesem Phänomen betroffen ist. Der US-Psychologe Joe Ferrari von der DePaul University in Chicago ist einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet und der Meinung, dass chronische Aufschieber nur durch eine Verhaltenstherapie geheilt werden. Wobei Wissenschaftler zunächst zwischen zwei Typen unterscheiden:

  1. Den Erregungsaufschieber. Er reagiert erst auf den letzten Drücker und genießt den Kick, den der Hochdruck zum Schluss erzeugt. Meist behauptet er, erst dadurch kreativ zu werden.
  2. Den Vermeidungsaufschieber. Er leidet unter der Angst zu versagen. Deshalb meidet er den Leistungsdruck, den die Aufgabe erzeugt. Dafür ist er ein Meister der Ausreden.

Das Kernproblem vieler Aufschieber ist: Sie haben Schwierigkeiten Prioritäten zu setzen und leiden unter latenten Minderwertigkeitsgefühlen. Fälschlicherweise setzen sie Erfolg mit Selbstwert gleich. Um dieses Gefühl zu erreichen, brauchen sie häufige und kurzfristige Erfolgserlebnisse. Sind die Aufgaben aber scheinbar zu groß, liegen diese subjektiv zu weit entfernt. Also ziehen sie kleinere Aufgaben vor (Aufräumen, Abwaschen, …), weil die eine schnelle Belohnung versprechen. Außerdem: Wer über zu viel Arbeit klagt, erntet meistens Mitgefühl.

Keine Frage, Aufschieben hat auch Vorteile: Manche Aufgaben erledigen sich tatsächlich von alleine. Andere erledigen sich nach einiger Zeit leichter, weil man bis dahin bessere Informationen darüber hat. Und wieder andere Beinahe-Entscheidungen stellen sich im Lauf der Zeit als gefährliche Irrtümer heraus. Gut also, dass man nichts unternommen hat! Und wer weiß: Manchmal lernt man sogar noch etwas über sich selbst. Denn das, was man tut, während man prokrastiniert, ist möglicherweise das, was man den Rest seines Lebens (beruflich) tun sollte…

Langfristig aber sorgt Prokrastination für Frust, weil man nicht mehr schafft, was man sich vornimmt und bald an Leistungsfähigkeit und Selbstwert zweifelt. Dann beginnt ein Teufelskreis aus Aufschieben, Überforderungs- und Minderwertigkeitsgefühlen. Damit es erst gar nicht so weit kommt, raten Experten zu ganz unterschiedlichen Wegen aus der Aufschieberitis. Ich habe dazu etwas recherchiert und ein paar Tipps von anderen Bloggern, Trainern und Zeitmanagement-Profis zusammengetragen. Das sind ihre Erkenntnisse dazu:

Prokrastination oder Inkubation?

Monika Birkner, Monika-Birkner.de:

Prokrastination findet vor harter Arbeit statt, Inkubation danach. Wer erst noch die Schreibtischschublade sortieren, sich einen Kaffee kochen, die Blumen gießen muss, bevor er einen Kundenanruf tätigt oder am Buchmanuskript weiter arbeitet, ist im Zweifel von Prokrastination befallen. Wer sich intensiv mit einem Problem auseinander gesetzt hat, nun keine weiteren Gesichtspunkte mehr erkennt und sich zu einem Spaziergang aufmacht, hat das Problem in die Inkubationsphase entlassen. Dort kann eine Lösung heranreifen, die oft wie aus heiterem Himmel auftaucht. Prokrastination ist ein Akt der Selbstsabotage. Inkubation ist häufig ein unerlässlicher Schritt, um zu neuen Lösungen zu gelangen.

Ablenkungen fördern die Konzentration

Daniel Rettig, Alltagsforschung:

Glaubt man Alejandro Lleras und Atsunori Ariga von der Universität von Illinois, dann sind gelegentliche Zerstreuungen jedoch gar nicht mal schlecht. In einer Studie ließen sie 84 Freiwillige 50 Minuten lang eine Aufgabe am Computer bearbeiten. Vorher teilten sie die Teilnehmer in vier Gruppen. Die erste sollte vor der eigentlichen Aufgabe vier Zahlen memorieren. Diese Zahlen erschienen dann wahrend der Aufgabe zwei Mal auf dem Monitor, genau dann sollten die Probanden eine Taste drücken. Die zweite Gruppe sollte sich zwar ebenfalls die Zahlen merken, sah sie im Anschluss aber nicht auf dem Bildschirm. Die dritte sah zwar die Zahlen, wusste vorher aber von nichts und die vierte bearbeitete einfach die Aufgabe. Hinterher werteten die Wissenschaftler die Leistung aller Teilnehmer aus. Und siehe da: Alle Probanden ließen mit der Zeit messbar nach – außer den Mitgliedern der ersten Gruppe. Ihre Aufmerksamkeit wurde nicht weniger, sondern blieb konstant. Offenbar halfen die kurzen Ablenkungen dabei, konzentriert bei der Sache zu bleiben. Lleras glaubt, dass Aufmerksamkeit keineswegs eine begrenzte Ressource ist – sondern dass sie bloß nicht immer vollständig auf die aktuelle Tätigkeit gerichtet ist.

Weg mit dem Perfektionismus

Simone Janson, Berufebilder:

Weniger ist mehr. Denn was bringt es, wenn Sie immer Höchsleistungen bringen wollen und dafür das Ziel nicht erreichen? Daher: Zügeln Sie die eigenen Ansprüche, konzentrieren Sie sich auf das Wesentliche, damit Sie sich nicht in Details verlieren. Und setzen Sie sich realistische, erreichbare Ziele. Sie werden feststellen, dass Sie viel lieber anfangen mit der Arbeit.

Nutzen Sie die Pausen produktiv

Stephan Lamprecht, Der Lifehacker:

Wer Dinge aufschiebt, starrt ja nicht regungslos vor sich hin, sondern tut Dinge, die ihn von einer einmal vorgenommenen Aufgabe ablenken. Wenn Sie vor einer solchen Aufgabe wieder entfliehen, nutzen Sie diese Zeit für Dinge, die Sie ablenken, die aber letztlich dazu führen, dass Sie doch etwas erledigen. Richten Sie sich für diese Momente, in denen Sie sich zu schwach fühlen, etwas “Wichtiges” zu tun, eine Liste ein. Notieren Sie darauf Dinge, die nicht an einen bestimmten Termin gebunden sind. Also keinesfalls wichtige Aufgaben, auf deren Erledigung vielleicht sogar andere Menschen warten. «Schreibtisch aufräumen», «Fotos sortieren», «Altpapier bündeln» sind gute Beispiele für eine solche Liste. Wenn Sie jetzt bemerken, dass Sie vor Ihrem Schreibtisch fliehen, schauen Sie auf die Liste und nehmen Sie dort notierten Elemente als Anregung, was Sie statt dessen tun könnten.

Die Aufschieberitis-Spirale

Ivan Blatter, Blatternet:

Aufschieben ist ein Symptom, keine Ursache. Was passiert? Ich schiebe eine Aufgabe auf, aus Angst zu versagen. Die Aufschieberitis hilft mir, der unangenehmen Aufgabe auszuweichen und etwas anderes zu tun. [Doch nun] beginne [ich], mich selbst zu kritisieren, und ich erhöhe den Druck. Druck erzeugt Gegendruck und das lockt den inneren Schweinehund erst richtig aus der Reserve. Mir läuft die Zeit weg, der Druck steigt noch mehr. Die Folge: Mein Selbstwertgefühl sinkt mehr und mehr, da ich jetzt erst recht nicht schaffe, mich zu überwinden und loszulegen. Dadurch steigt meine Versagensangst mehr und mehr. Und die Spirale beginnt sich zu drehen. Ich schiebe noch mehr auf, kritisiere mich noch mehr, erhöhe noch mehr den Druck usw. Aufschieberitis führt zu noch mehr Aufschieberitis. Das Ziel muss [daher] sein, die Aufschieberitis in das eigene Leben zu integrieren und soweit im Griff zu haben, dass sie den eigenen Erfolg nicht sabotiert.

Den Frosch gleich am Morgen essen

Burkhard Heidenberger, Zeitblüten:

Unangenehme Aufgaben bezeichne ich als Froschaufgaben – z.B. wieder das unangenehme Telefonat. Solche Froschaufgaben packe ich – wenn möglich – gleich am Morgen an. Da habe ich am meisten Energie, Elan und Konzentration. [Und] ich habe mir eine Liste gemacht mit allen Aufgaben, die ich vor mir herschiebe. Hinter jeder Aufgabe habe ich dann den Zeitaufwand für die Erledigung der Aufgabe notiert. Das war oft ein Aha-Erlebnis. Oft sind das nicht mehr als fünf Minuten – z.B. bei einem unangenehmen Telefonanruf. Nur durch dieses Bewusstwerden des Zeitaufwandes wird der innere Schweinehund meist kleinlaut.

Anti-Aufschieberitis-Tipps von der Karrierebibel

Bei uns finden Sie natürlich auch noch einige Artikel über das Phänomen des Prokrastinierens. Diese zum Beispiel:

So, und jetzt genug darüber gelesen… Weitermachen!