Transparenz Paradoxon: Mehr Transparenz, weniger Leistung
In modernen Bürolandschaften gilt es als schick, Barrikaden einzureißen. Wände werden abgebaut - sprichwörtlich - und durch viel Glas und offene Strukturen ersetzt. Die große Transparenz soll nicht nur dem modernen Design von Arbeitsplätzen entsprechen, sondern wird auch gezielt eingesetzt, um die Leistungen der Mitarbeiter zu verbessern. So war zumindest die Annahme. Studien malen ein anderes Bild und stellen die Organisation von vielen Büros durch das Transparenz Paradoxon in Frage. Das erstaunliche Ergebnis der Wissenschaftler: Transparenz steigert die Produktivität eines Teams nicht - sie sorgt im Gegenteil sogar für schlechtere Leistungen. Entscheidend für diesen Effekt sind aber nicht nur die fehlende Wände, sondern vor allem die wachsamen Augen des Chefs...

Was Unternehmen sich von Transparenz versprechen

Offene Arbeitsplätze, keine kleinen und dunklen Büros, in der jeder Arbeitnehmer sein trauriges Dasein fristet und insgesamt ein modernes Auftreten. Die Vorteile des Designs, dem sich viele Unternehmen heutzutage verschrieben haben, liegen scheinbar auf der Hand. Niemand erinnert sich noch gern an die tristen grauen Bürokomplexe der vergangenen Jahrzehnte zurück, die in den Augen vieler nur noch als Schandfleck in deutschen Städten zu finden sind.

Das moderne Büro ist großzügig gestaltet, hat keine sichtbaren Grenzen in Form von Wänden oder geschlossenen Türen, sondern besticht durch Glas und Offenheit. Transparenz lautet das vermeintliche Zauberwort. Doch soll die Gestaltung des Arbeitsplatzes nicht nur ästhetisch ansprechend sein, sondern auch einen ganz praktischen Nutzen mitbringen: Mehr Produktivität, bessere Leistungen oder kurz gesagt - mehr Erfolg für das Unternehmen.

Die Gedanken dahinter sind einfach, nachvollziehbar und bestechend logisch.

  • Die Kommunikation wird einfacher. Jeder sieht jeden, jeder kann mit jedem sprechen, sich austauschen, gemeinsam kreativ sein, Lösungen erarbeiten, Fehler erkennen und beheben. Kurzum: Statt vieler einzelner Mitarbeiter kann ein wirkliches Team entstehen, das zusammen arbeitet und durch den ständigen Austausch immer informiert ist.
  • Die Hierarchie wird flacher. Der Chef sitzt nicht mehr in einem Büro am Ende des Flurs, sondern vielleicht gleich am Schreibtisch nebenan. Das reduziert die interne Bürokratie, ermöglicht schnellere Abläufe und Informationsketten und steigert die Motivation der Mitarbeiter.
  • Die Arbeitsatmosphäre wird verbessert. Acht Stunden täglich alleine im Büro sitzen? Nicht gerade die schönste Vorstellung. Gemeinsames Arbeiten mit den netten Kollegen, die zwischendurch auch Zeit für einen kleinen Plausch haben klingt schon mehr nach einer guten Arbeitsatmosphäre.

All diese Effekte gemeinsam sollen zu mehr Produktivität führen und die Leistungen der Mitarbeiter verbessern. Klingt einleuchtend, entspricht aber leider nicht der Realität.

Transparenz Paradoxon: Was Manager sehen, ist ein Schauspiel

Monkey Business ImagesDem Trugschluss kam eine Studie der Harvard Business School auf die Schliche. Ethan S. Bernstein und seine Kollegen stellten fest: Was Manager in den Büros sehen, ist zumeist ein pures Schauspiel. Die Mitarbeiter simulieren Geschäftigkeit, Fleiß und Engagement - solange, wie sie sich beobachtet fühlen. Wirklich produktiv sind sie dabei aber nicht. Es ist, um es mit einem Schlagwort zu formulieren, lediglich Aktionismus.

Wir wühlen also in Unterlagen, tippen energisch auf der Tastatur herum, sind scheinbar vertieft in die Lektüre eines wichtigen Dokuments - und warten doch eigentlich nur darauf, dass der Chef endlich wieder von dannen zieht, damit wir wirklich anfangen können zu arbeiten.

Beinstein nennt dieses Phänomen das "Transparency Paradox", das Transparenz Paradoxon. Denn es funktioniert auch genauso anders herum.

Dort, wo die Belegschaft sich unbeobachtet und vor der permanenten Kontrolle durch die Chefs geschützt fühlte, die hoch gelobte Transparenz also wieder abgebaut wurde, stieg die Produktivität.

So analysierten Bernstein und sein Team unter anderem fünf Monate lang die Arbeitsweise an 32 Produktionsstandorten. In einigen Unternehmen arbeiteten die Mitarbeiter in sehr offenen Bürokonzepten, andere malochten in eher klassischem Ambiente – mit Einzelbüros und undurchsichtigen Fluren. Jedenfalls konnte das Management die Kollegen bei der Arbeit nicht permanent beobachten. Und genau diese Privatsphäre hatte einen massiven Einfluss auf die Produktivität der Mitarbeiter: Die Arbeiter erzielten in der gleichen Zeit zehn bis 15 Prozent bessere Leistungen.

Neben der gestiegenen Privatsphäre machten die Forscher noch einen weiteren Faktor für die besseren Leistungen verantwortlich: den Wegfall von Ablenkungen. Wer nicht in Versuchung gerät, mit den Kollegen zu quatschen, dem Getuschel der anderen zu lauschen oder einfach nur den anderen beim Arbeiten zuzusehen, konzentriert sich mehr auf die eigentliche Arbeit, ist entspannter und hat in der Folge sogar mehr kreative Ideen.

Das Ergebnis stellt, zugegebenermaßen, ein Dilemma dar: Wohl kaum einer wünscht sich, wieder in den grauen Bürobauten der Siebzigerjahre zu arbeiten - mit hermetisch verschlossenen Einzelzellen samt obligatem Gummibaum und dunklen Flurschluchten. Die Hölle können aber eben auch Büros sein, in denen alle alles sehen und die letzte Privatsphäre-Bastion lediglich noch auf der Toilette zu finden ist.

Das Optimum liegt eben auch hier im Kompromiss. Das ist zwar einerseits keine Raketenwissenschaft - und doch widerspricht es dem aktuellen Trend zu allzu großer Durchsichtigkeit. "Wer sein Unternehmen und die Belegschaft produktiver machen möchte", sagt Bernstein, sollte mehr über "visuell geschützte Bereiche", Ecken, Winkel und Nischen nachdenken.

Die Türen können ja trotzdem offen bleiben...

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