Das riskieren Sie, wenn Sie Ihren Job lieben

Man könnte meinen, alles sei in Butter, wenn Sie Ihren Job lieben. Schließlich ist es genau das, was sich viele Arbeitnehmer wünschen. Vor allem die, die gefühlt tagein, tagaus in derselben Tretmühle ackern. Sei es, dass sie aus persönlichen Gründen keine Alternativen sehen, sei es, dass die finanziellen Verpflichtungen wenig Spielraum lassen. Wer seinen Job liebt – so die Annahme – arbeitet eigentlich nicht so richtig, sondern tut jeden Tag das, was er wirklich von Herzen mag. Eine neue Studie zeigt allerdings: Dieses Denken blendet eine große Gefahr aus…

Das riskieren Sie, wenn Sie Ihren Job lieben

Wie viel Engagement ist in Ordnung?

Wie würden Sie Leidenschaft im Job definieren, wenn jemand für seine Arbeit brennt? Wenn Menschen sich in die Arbeit einbringen, Überstunden machen, zusätzliche Aufgaben erledigen, selbst in ihrer Freizeit noch an die Arbeit denken: Würden Sie sagen, dass diese Menschen ihren Job lieben?

Tatsächlich ist das ein weit verbreitetes Bild und Ideal: Wer seinen Job wirklich liebt, der gibt alles. Und das am besten immer. Die ständige Erreichbarkeit ist ein Symptom dieses Denkens.

Leider ist der Rückschluss auch weit verbreitet: Wer nicht willens ist, seine Freizeit gänzlich der Arbeit unterzuordnen, scheint offenbar nicht so sehr seinen Job zu lieben. Damit dieser Verdacht erst gar nicht aufkommt, gehen immer wieder Menschen über ihre Grenzen.

Eine Studie kommt jetzt zu dem Ergebnis, dass es einen klaren Nachteil gibt, wenn Sie Ihren Job lieben…

Wer seinen Job liebt, liebt alles?

Der Organisationspsychologe Aaron C. Kay von der Duke University und seine Kollegen fanden heraus, dass Menschen, die ihren Job lieben, häufiger Opfer von unfairen Managementverhalten werden. In sieben Studien und einer Metaanalyse konnten sie folgendes Phänomen nachweisen:

Wenn angenommen wird, dass jemand seinen Job liebt, wird als legitim erachtet

  • dass ein Arbeitnehmer für seine Stelle irrelevante oder erniedrigende Aufgaben erledigen muss.
  • dass er mehr Arbeit aufgetragen bekommt, ohne dafür entlohnt zu werden.

Eine offenbar weitverbreitete Annahme unter den immerhin 2.400 Teilnehmern der Studie. Umgekehrt werden ebenfalls Kollegen, die auf der Arbeit ausgebeutet werden als leidenschaftlich eingestuft. Wer sich hingegen nicht ausbeuten lässt, wirkt offenbar weniger leidenschaftlich.

Psychotrick hilft bei der Rechtfertigung

Statt das Kind beim Namen zu nennen und von Ausbeutung zu sprechen, wird dem Kollegen einfach nur unterstellt, dass er seinen Job lieben würde und daher große Leidenschaft für seine Arbeit an den Tag lege. Das macht es natürlich auch leichter, über Ungerechtigkeiten hinwegzusehen – würde man sie anprangern, müsste man mit der Konsequenz leben und das hieße im Zweifelsfall, selbst mehr Arbeit erledigen zu müssen.

Da ist sich offenbar jeder selbst der nächste.

Die Forscher geben diesem Phänomen den Namen „passion exploitation“, Ausbeutung aus Leidenschaft oder auf den Punkt gebracht: legitime Ausbeutung. Denn offenbar neigen viele Menschen dazu, etwas, das eigentlich abzulehnen ist, nachträglich zu legitimieren.

Weiterhin kommen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass sich die Einschätzung der Befragten aus zwei Annahmen speist:

  • Der betroffene Kollege hätte sich ohnehin für die Zusatzaufgaben gemeldet, wenn er die Gelegenheit dazu gehabt hätte.
  • Die zusätzliche Arbeit an sich ist Belohnung genug für ihn, da er ja seinen Job so sehr liebt.

Interessanterweise ist dieses Denken besonders stark unter Menschen ausgeprägt, die an eine gerechte und faire Welt glauben. Was den Schluss zulässt: Leidenschaft hat offensichtlich zwei Seiten und scheint schlechte beziehungsweise ausbeuterische Behandlung zu fördern.

Den Job lieben: Ideal oder Realität?

Es gibt sie, Menschen, die ihren Job lieben. Und gar nicht so wenige, auch wenn Umfragen wie die des Gallup-Instituts etwas anderes vermuten lassen. Die dortigen Studien ergeben bereits seit Jahren, dass etwa 70 Prozent aller Arbeitnehmer regelmäßig in der inneren Kündigung sind.

Und so wundert es nicht, dass unzählige Ratgeber sich inhaltlich eher damit auseinandersetzen zu erklären, wie andere Menschen wieder ihren Job lieben lernen, statt davor zu warnen. Es gibt Grund zur Annahme, dass weitaus mehr als nur 30 Prozent der arbeitenden Bevölkerung ihren Job lieben.

Kritik am Gallup-Index wird in mehrerlei Hinsicht laut: Dünne Teilnehmerzahlen und die Frage, wenn die Wechselmotivation angeblich so hoch ist: Wo bleibt der Wechsel? Offenbar hängen eben nicht wenige Arbeitnehmer an der Sicherheit, die ihnen ihr derzeitiger Job bietet.

Das heißt allerdings auch, dass gar nicht so wenige Menschen tatsächlich der Gefahr ausgeliefert sind, ausgebeutet zu werden.

Wann besteht die Gefahr der Ausbeutung?

Folgt man den Ergebnissen der Studie, dann sind Menschen, die ihren Job lieben, ganz klar von Ausbeutung gefährdet:

  • Für den Chef bequemes Opfer, da der Mitarbeiter aufgrund seiner Neigung die Arbeit mit großer Wahrscheinlichkeit gut machen wird.
  • Für die Kollegen dankbares Opfer, da ihnen Mehrarbeit erspart bleibt.

Das treibt jedem Gerechtigkeitsfanatiker die Zornesröte auf die Stirn, allerdings tragen je nach Ausmaß alle Beteiligten dazu bei:

  • Der Chef

    indem er seine Fürsorgepflicht verletzt. Natürlich kann auch ein Vorgesetzter nicht zu jeder Zeit alles im Blick haben. Wenn aber einer seiner Mitarbeiter ständig Überstunden schiebt und nahe am Burnout ist, kann etwas nicht stimmen. Gerade in kleinen Unternehmen sollte es sehr wohl möglich sein, einen Überblick zu halten – Mitarbeitergespräche bieten eine gute Gelegenheit, eigene Wahrnehmung und Realität zu überprüfen. Nicht zuletzt ist es eine Frage der Fairness und der erforderlichen Gleichbehandlung.

  • Die Kollegen

    indem sie die erforderliche Kollegialität vermissen lassen. Der Job sollte mehr als Arbeit sein – dazu gehört ein freundliches Miteinander. Das zeigt sich in der Kommunikation untereinander, vielleicht sogar in gemeinsamen Unternehmungen, die über die Weihnachtsfeier hinausgehen. Ganz sicher aber auch in Unterstützung: Dem Kollegen mal ungefragt seine Hilfe anzubieten tut nicht weh. Im Gegenteil: Sehr wahrscheinlich wird sich der Kollege bei Gelegenheit revanchieren. Natürlich sollte sich alles die Waage halten. Wenn der unterstützte Kollege fortan pünktlich Feierabend macht während Sie neuerdings lauter Überstunden ansammeln, ist etwas aus dem Lot geraten.

  • Der Mitarbeiter

    indem er es als Betroffener zulässt. Gelegentliche Zusatzaufgaben können in Ordnung sein – sofern sie mit der Stellenbeschreibung konform gehen. Wer allerdings ständig Tätigkeiten erledigen soll, die sein Arbeitsvertrag überhaupt nicht vorsieht, die deutlich unter seinem Qualifikationsniveau liegen und ihn bei seinen eigentlichen Aufgaben zurückwerfen, sollte aufmerksam werden. Wird die zulässige Anzahl an Überstunden außerdem noch überschritten, ist es spätestens Zeit einzuschreiten. Das fällt nicht jedem leicht, denn es geht darum, nein zu sagen und das birgt immer die Gefahr, dass einen Leute auf einmal nicht mehr so lieb und nett finden.

Das können Sie als Betroffener tun

Wer betroffen ist, muss vor allem gegen das oben beschriebene Vorurteil kämpfen, dass Leute nur dann ihren Job lieben, wenn sie bereit sind, sich dafür aufzureiben: Nein, auch wer seinen Job liebt, braucht Erholung und Freizeit! Anderenfalls – und das belegen ebenfalls zahlreiche Studien – landen Sie wahlweise mit Burnout in einer Klinik oder mit Herzinfarkt im Grab.

Wandelt sich der einstmals so geliebte Job zum Hamsterrad, gehen Leidenschaft und Motivation nämlich verloren, gesundheitliche Probleme nehmen im Gegenzug zu. Nehmen Sie solche Warnsignale wahr – beispielsweise, dass Sie die Mittagspausen durcharbeiten, sich sogar noch krank zur Arbeit schleppen, sollte handeln:

  • Kosten-Nutzen-Analyse erstellen

    Inwieweit deckt sich das, was Sie tun noch mit dem, wofür Sie sich ursprünglich beworben haben? Haben Sie Spaß an Ihrem Job? Sind Überstunden die Ausnahme oder die Regel? Wer zu dem Schluss kommt, dass die Nachteile überwiegen und das auch schon seit längerem, sollte handeln. Abgrenzung ist ein wichtiger Schritt.

    Lernen Sie nein zu sagen. Das gilt Kollegen gegenüber, die Ihnen immer wieder Aufgaben übertragen wollen, obwohl Ihr Aufgabenbereich komplexer ist oder sie im Gegenzug nie Arbeit abnehmen (Ich brauche Hilfe, Du kannst das viel besser…).

    Das gilt ebenso für den Chef – was nicht ganz leicht ist. Verdeutlichen Sie die Auswirkungen, wenn Sie zum wiederholten Male zusätzliche Aufgaben übernehmen müssen: Dadurch wird sich die Abgabe von Projekt XY verzögern/ Sie hatten mir für heute Nachmittag frei gegeben, ich habe wichtige Termine in diesem Zeitraum liegen, die ich nicht verschieben kann. Geht es um Aufgaben, die eigentlich nicht in Ihren Zuständigkeitsbereich fallen, können Sie beispielsweise darauf hinweisen: Ich würde diese Aufgabe übernehmen, allerdings fehlt mir das erforderliche Qualifikationsprofil dafür – Kollege XY übernimmt diesen Bereich für gewöhnlich.

  • Perfektion stoppen

    Es geht darum, Zeit einzusparen, da Sie in derselben Zeit nun mehr erledigen müssen. Das muss sich nicht immer auf die Qualität auswirken, denn manchmal sind es unbewusste Zeitdiebe, die dazu beitragen, dass die vorhandene Zeit nicht effizient genutzt wird. Einer davon ist der Hang zum Perfektionismus. Auch wenn Sie Ihren Job lieben: Wenn Sie wollen, dass das so bleibt, sollten Sie darauf achten, dass Sie nicht unnötig unter Stress geraten.

  • Gespräch suchen

    Idealerweise nutzen Vorgesetzte ihre Mitarbeiter nicht aus, da sich das als Eigentor erweisen könnte. Aber sie können ihre Augen nicht überall haben. Sie tragen eine hohe Verantwortung fürs Unternehmen und eine Reihe anderer Mitarbeiter und da kann es passieren, dass einem Chef das Arbeitsvolumen seines Mitarbeiters nicht bewusst ist – Ihre Aufgabe als Betroffener ist es, ihm oder ihr das in Erinnerung zu rufen. Am besten, Sie machen eine Liste mit den Aufgaben, die Sie zusätzlich erledigen und gleichen das mit Ihrer Stellenbeschreibung ab. So haben Sie im Übrigen eine gute Argumentationshilfe für eine Beförderung.

[Bildnachweis: by Shutterstock.com]
28. Mai 2019 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.



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