Warum gibt es Stressfragen im Vorstellungsgespräch?
Stressfragen im Vorstellungsgespräch (siehe auch: Stressinterview) sind unerwartete, teils provokante Fragen, die die Reaktion, Kreativität, Belastbarkeit oder Problemlösungsfähigkeit von Kandidaten unter Druck testen sollen. Bei diesen Fragen geht es Personalverantwortlichen vor allem darum, wie Bewerber denken, arbeiten und reagieren (z.B. Spontanität, Stressresistenz). Nicht immer geht es um eine „richtige“ Antwort, sondern vielmehr darum, ruhig, sachlich und strukturiert seine Kompetenzen zu demonstrieren und die Intention hinter der Frage zu erkennen.
Welche Stressfragen gibt es?
Stressfragen können unterschiedliche Bereiche prüfen oder testen, wie jemand mit Kritik, Lücken im Lebenslauf oder Fehlern umgeht. Klassiker hierbei sind:
- Reflexionsfragen: „Was ist Ihre größte Schwäche?“
- Provokationen: „Warum haben Sie so lange studiert?“
- Fangfragen: „Sind Sie einer Kündigung zuvor gekommen?“
- Fermi-Fragen: „Wie viele Golfbälle passen in einen SUV?“
- Persönliche Fragen: „Was war Ihr größter Fehler?“
- Wertfragen: „Wie kommen Sie auf dieses Gehalt?“
- Kreativfragen: „Welche Superkraft hätten Sie gerne?“
- Humorfragen: Warum sollten Regenwürmer Lederhosen tragen?
- Analogiefragen: „Wenn Sie wählen könnten: Welches Tier wären Sie?“
- Skurrile Fragen: „Welches Küchengerät wären Sie?“
Nicht selten geben Stressfragen Einblick in die Persönlichkeit, Selbstreflexion, Werte und Gedankenwelt von Kandidaten: Man sieht, ob jemand ruhig bleibt, sachlich argumentiert und zur Unternehmenskultur passt. Solange es sich nicht um unzulässige Fragen handelt, sind sie legitim, legal – und Sie sollten sich sportlich darauf einlassen.
Übersicht: Was sind die wichtigsten Stressfragen Arten?
Die meisten Stressfragen im Bewerbungsgespräch lassen sich in 6 Gruppen einteilen. Unsere Übersicht zeigt zahlreiche Stressfragen Beispiele zum Üben und vorbereiten. Eine umfassende Liste dieser Bewerbungsfragen können Sie sich zusätzlich kostenlos als PDF herunterladen:
Analogie-Fragen scheinen auf den ersten Blick völlig sinnlos und haben nichts mit dem Job zu tun. Scheinbar! Tatsächlich sprechen Bewerber hierbei über sich ohne es zu merken, weil der Kontext ein anderer ist. Meist geht es bei diesen Fragen um Werte, Motivation oder berufliche Ziele. Beispiele:
- Was ist Ihr persönliches Geheimnis?
- Wenn Sie ein Tier wären, welches wären Sie?
- Wenn Sie ein Superheld sein könnten, welche Superkraft hätten Sie?
- Was würden Sie tun, wenn Sie im Lotto gewinnen?
- Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?
- Was wollen Sie werden, wenn Sie groß sind?
- Was tun Sie, wenn Sie Spaß haben wollen?
- Wie mache ich mich in Ihren Augen als Interviewer?
Fangfragen klingen nach Falle, sind aber oft nur der Versuch, die Reaktion und Persönlichkeit der Bewerber testen in stressigen Situationen zu testen. Eine „richtige“ Antwort darauf gibt es selten, nur eine möglichst professionelle und souveräne Reaktion. Zu dieser Art Stressfragen gehören:
- Warum hatten Sie mit Ihren Bewerbungen noch keinen Erfolg?
- Woher wissen Sie, dass Sie einen guten Job machen?
- Wie würden Sie sich selbst in nur einem Wort beschreiben?
- Was können unsere Kollegen von Ihnen lernen?
- Wann haben Sie das letzte Mal die Regeln gebrochen und warum?
- Was mochten Sie an Ihrem bisherigen Job am wenigsten?
- Was schuldet ein Unternehmen seinen Mitarbeitern?
- Welche Frage möchten Sie nicht gestellt bekommen?
Typische Stressfragen sind manchmal gar keine Fragen, sondern provokative Aussagen mit offenem Ausgang. Sie sollen irgendeine Reaktion oder Aussage von Ihnen hervorrufen – insbesondere, wenn Personaler damit versuchen, den Finger in eine potenzielle Wunde zu legen bzw. eine Schwäche zu offenbaren. Beispiele solcher Stressfragen sind:
- Sie sind ja schon 3 Monate auf Jobsuche! Warum?
- Sie haben aber ziemlich lange studiert…
- Erzählen Sie etwas, das nicht im Lebenslauf steht.
- Sie haben also Ihre Berufsziele bisher nicht erreicht?!
- Und das soll Sie von anderen Bewerbern unterscheiden???
- Da sind aber einige versteckte Botschaften im Arbeitszeugnis!
- Was ist Ihre schlechteste Eigenschaft, die Ihnen andere nachsagen?
- Warum könnte jemand nicht mit Ihnen arbeiten wollen?
Sogenannte Brainteaser im Bewerbungsgespräch zielen auf die Kreativität, Auffassungsgabe, Analysestärke und das logische Denken von Kandidaten ab. Große Unternehmen wie Google sind berüchtigt für solche Knobelaufgaben und Logikrätsel. Beispiele:
- Wie viele Klavierstimmer leben in Chicago?
- Warum sind Kanaldeckel rund und nicht eckig?
- Wie viele Kalorien gibt es in einem Supermarkt?
- Wozu dient der Filz auf dem Tennisball?
- Wie viele Gärten gibt es in Deutschland?
- Wie oft am Tag überlappen sich die Zeiger einer Uhr?
- Erklären Sie einem Blinden die Farbe Rot.
- Verkaufen Sie mir diesen Bleistift!
Schätzfragen bzw. sogenannte Fermi-Fragen testen teilweise das Allgemeinwissen der Kandidaten, weil es zur Berechnung oft als Basis dient. Zum anderen interessiert Personaler hier vor allem Ihr logischer und strukturierter Lösungsweg – die „richtige“ Antwort kennt ohnehin niemand. Typische Fermi-Fragen sind etwa:
- Wie schwer ist Berlin?
- Wie viele Hotdogs kann man in 10 Minuten essen?
- Was kostet ein Kind bis zum 18. Lebensjahr?
- Wie viele Bäume gibt es auf der Welt?
- Wie viele Klavierstimmer gibt es in Köln?
- Wie viele Grashalme wachsen auf einem Fußballfeld?
- Wie viele Tennisbälle passen in einen SUV?
- Wie viele Katzen leben in Deutschland?
Dieser Stressfragen-Typus hat die unangenehme Eigenschaft zunächst überhaupt nicht nach einer Stressfrage zu klingen, sondern völlig harmlos. Der Personalentscheider fragt Sie beispielsweise: „Wie zufrieden waren Sie mit Ihrem letzten Projekt?“ Klingt noch nicht nach Stress. Doch dann setzt der Interviewer nach – etwa mit diesen Fragen:
- Wie viele Mitglieder hatte Ihr Team?
- Wie groß war das Budget für das Projekt?
- Wie groß war Ihr Anteil an der Gesamtleistung?
- Welche Probleme gab es?
- Wie haben Sie diese gelöst?
- Warum ausgerechnet so?
- Was hat es im Unternehmen bewirkt?
- Welchen Mehrwert konnten Sie schaffen?
Wie bei einem Trichter geht es mit jeder Stressfrage immer tiefer ins Detail. Das hat zwei Gründe: Erstens, können Sie vielleicht noch bei der Eingangsfrage schwindeln. Je tiefer der Personaler aber gräbt, desto eher wird deutlich, was und wie Sie wirklich gearbeitet haben. Klar, dass sich jeder, der vorher viel heiße Luft verblasen hat, beim Nachhaken ins Abseits manövriert. Zweitens liefern Trichterfragen gute Indizien für die Arbeitsweise und Problemlösungskompetenz von Bewerbern.
Schweigen als zusätzlicher Stressfaktor
Einige Personaler setzen zusätzlich gezieltes Schweigen ein – und reagieren oder antworten auf Ihre Aussagen erst einmal gar nicht. Oder völlig unerwartet. Das soll natürlich verunsichern und dazu provozieren, sich um Kopf und Kragen zu plappern. Egal, wie groß Ihre Nervosität ist: Lassen Sie sich davon nicht stressen, und halten Sie das Schweigen eine Weile aus. Danach reagieren Sie mit einer cleveren Rückfrage: „Falls Sie dazu nichts mehr interessiert: Ich hätte auch noch ein paar Fragen.“
Wie reagiere ich richtig auf Stressfragen im Bewerbungsgespräch?
Wann immer Sie mit Stressfragen im Vorstellungsgespräch konfrontiert werden, nehmen Sie diese bitte nie persönlich! Es geht lediglich darum, Sie ein bisschen aus der Reserve zu locken. Schließlich ist es nur wahrscheinlich, dass Sie auch später im Job mal unter hohem Stress und Zeitdruck stehen. Dann dürfen Sie auch nicht lospoltern, sondern müssen das Problem systematisch und souverän lösen. Ihre Reaktion ist also immer eine Art erste Arbeitsprobe…
Bei allen Provokationen, Kuriositäten und Fangfragen: Bewahren Sie bitte stets einen kühlen Kopf. Gelassenheit und ein strukturiertes Vorgehen sind jetzt Ihr größter Trumpf. Bei vielen Stressfragen kommt es nicht auf eine perfekte Antwort an, sondern auf eine kluge, besonnene und professionelle Reaktion – idealerweise nach unserer COOL-Formel und Strategie:
Stressfragen beantworten per COOL-Formel
Am besten lassen sich Stressfragen nach der COOL-Formel beantworten:
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Contenance bewahren
Bleiben Sie zunächst ruhig und lassen Sie sich bei der Antwort Zeit. Das ist kein Quiz und der Schnellste gewinnt auch nichts. Eher verlieren Sie die Chance, eine kluge und ausgereifte Antwort auf Fangfragen zu geben. Mehr noch: Indem Sie etwas Bedenkzeit erbitten, beweisen Sie Ihre Ernsthaftigkeit und Sorgfalt. Das imponiert jedem Personaler. Spielverderber, die sich jetzt über solche Fragen beschweren, disqualifizieren sich nur selbst.
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Offenheit signalisieren
Das Ziel von Stressfragen ist, keine auswendig gelernten Mustersätze zu hören. Es ist daher zwar klug, solche Fragen im Vorfeld zu üben. Vermeiden Sie aber, fertige Antworten abzuspulen. Demonstrieren Sie stattdessen Offenheit, indem Sie z.B. sagen: „Das ist eine ungewöhnliche Frage. Da muss ich erst einmal kurz nachdenken.“ Lassen Sie sich keinesfalls auf Provokationen ein. Absolut tabu sind Lästereien über bisherige Arbeitgeber oder Chefs. Wer zum Beispiel danach gefragt wird, was andere über ihn sagen könnten, antwortet besser: „Ich kann nicht für andere sprechen – ich rede lieber mit Menschen. Erst kürzlich ergab es sich…“ Schon antworten Sie, ohne zu antworten.
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Objektivität herstellen
Zerlegen Sie trickreiche Fermi-Fragen in Einzelteile und beantworten Sie diese schrittweise und durch lautes Denken. Auf heikle Fragen antworten Sie idealerweise indirekt – durch Anekdoten und Beispiele aus Ihrer bisherigen Berufspraxis. Entweder-Oder-Fragen, die Sie aufs Glatteis führen sollen („Was ist Ihnen wichtiger: Erfolg im Beruf oder ein hohes Gehalt?“), sollten Sie diplomatisch beantworten, ohne sich für eine Seite zu entscheiden: „Meine Motivation ist, stets Ziele zu erreichen. Die Wertschätzung dafür sollte sich auch im Gehalt spiegeln.“
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Labern vermeiden
Antworten Sie kurz und knapp. Je weiter Sie bei den Erklärungen ausholen, desto größer die Chance, sich zu verplappern oder dummes Zeug zu erzählen. Auch wenn es nicht immer leicht fällt, sollten Sie versuchen, Ihre Gedankengänge und Begründungen auf den Punkt zu bringen und die wichtigsten Punkte prägnant zu formulieren. Sie wollen die Stresssituation ja nicht noch in die Länge ziehen, sondern zu einem normalen Gespräch auf Augenhöhe zurückkehren!
Achten Sie überdies auf Ihre Körpersprache. Versuchen Sie beim Nachdenken oder Antworten nicht die Arme zu verschränken, das könnten verschlossen und abwehrend wirken. Besser: Lächeln Sie dazu und nehmen Sie die Frage als sportliche Herausforderung an.
Zugegeben, wenn Stressfragen im Vorstellungsgespräch gestellt werden, ist es mit einem Dialog auf Augenhöhe kurzfristig vorbei. In den meisten Fällen ist dies aber nicht böse gemeint. Sehen Sie solche Fragen vielmehr als Kompliment: Wenn Sie nicht passen würden, könnte man Ihnen auch gleich absagen. So aber will man den authentischen Menschen hinter der bisherigen Fassade noch besser kennenlernen… und sichergehen, dass alles passt.
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