Vertrauensarbeitszeit SelbstausbeutungVertrauensarbeitszeit, Gleitzeit und Home Office sind nur die drei bekanntesten Vertreter der noch relativen neuen Gattung flexibler Arbeitszeitmodelle. Jedes größere - und verstärkt auch kleinere - Unternehmen bietet eines oder mehrere dieser Modelle an. Das müssen sie auch, denn die Young Professionals von heute und morgen legen immer mehr Wert auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit auch auf flexible Arbeitszeiten. Die Schattenseite dieser Entwicklung wird jedoch oft übersehen: Mehrarbeit bis hin zur Selbstausbeutung. Denn ohne klare Grenzen nimmt die Arbeitszeit schnell zu.

Und dass es hier einen Anstieg gibt, bestätigt das Statistische Bundesamt. In seinem Bericht „Qualität der Arbeit“ (PDF) zeigt es deutlich auf, dass die durchschnittliche Arbeitszeit deutscher Erwerbstätiger im vergangenen Jahr spürbar angestiegen ist. Vor allem bei Vollzeitbeschäftigten wird Samstagsarbeit immer mehr zur Regel.

Diese Zahlen allein bilden die Situation jedoch nicht vollständig ab. Denn flexible Arbeitszeitmodelle bringen - neben all den unbestrittenen Vorzügen - einige Nachteile mit sich, die über Statistiken nur schwer oder gar nicht erfassbar sind:

  • Arbeitnehmer nehmen verstärkt Arbeit mit nach Hause - Zeit, die in der Regel bei Erhebungen nicht berücksichtigt wird.
  • Im Home Office gibt es oft keinen definierten Feierabend. Die Gefahr, unbezahlte Überstunden zu machen, ist hier sehr groß.
  • Durch Smartphone und Firmen-Laptop sind viele Arbeitnehmer ständig erreichbar. Die durch E-Mails oder „kurze“ Anfragen anfallende Arbeitszeit wird oft weder dokumentiert noch vergütet.
  • Flexible Arbeitszeitmodelle können die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit verschwimmen lassen. Das Stresslevel kann so spürbar steigen und das Abschalten schwer bis unmöglich werden.

Flexible Arbeitszeit braucht Grenzen

Ein großer Teil des Problems besteht also nicht nur in der messbaren Arbeitszeit, sondern auch in der gedanklichen Trennung von Arbeit und Freizeit. Die enge Verzahnung ist zwar für viele Arbeitnehmer wünschenswert, wird jedoch zum Problem, wenn darunter Erholung, Freizeit und Familie leiden.

Auch wenn es paradox klingt: Vor allem flexible Arbeitszeitmodell brauchen klare Grenzen, an denen Arbeitnehmer den Übergang von Arbeit zur Freizeit für sich festmachen können. Wer sich jetzt jedoch eigene Grenzen setzt und diese einhalten will, wird vermutlich eine eher unangenehme Überraschung erleben: Denn die Chancen stehen gut, dass die selbstgesetzten Grenzen nicht funktionieren.

So gut der Ansatz und die Intention auch sein mögen: Ohne Rücksprache mit Ihrem Arbeitgeber können Sie effektiv keine Grenzen für die Arbeitszeit setzen. Bei den meisten Aufgaben werden Sie vermutlich mit Kollegen zusammenarbeiten - und sind daher teilweise von deren Zeitplan und Struktur abhängig.

Argumente für den Chef

Als Arbeitnehmer stecken Sie jetzt in einem Dilemma: Einerseits wollen Sie Ihre flexiblen Arbeitszeiten vermutlich beibehalten und mussten diese vielleicht auch mühsam erkämpfen. Andererseits wird Ihr Chef nicht gerade begeistert sein, wenn Sie Grenzen für die Arbeitszeit definieren und so die Flexibilität scheinbar einschränken wollen.

Hier kommen Sie nur mit guten Argumenten weiter. Machen Sie Ihrem Chef daher deutlich, dass…

  • … klare Grenzen der Arbeitszeit schon aus organisatorischen Gründen wichtig sind.
  • … auch Ihre Kollegen und damit die Abteilung davon profitieren, da so immer klar ist, wann Sie erreichbar sind.
  • … Sie in den festgelegten Zeiträumen dann innerhalb eines klar definierten Zeitraums - oft zwischen 30 und 60 Minuten - reagieren.
  • … es sich im Grund nur um die Verschriftlichung und Klärung der bestehenden Praxis handelt.

Argumentieren Sie auf keinen Fall, dass klare Grenzen Ihre Produktivität steigern werden. Damit senden Sie eine klare Botschaft aus: Sie sind nicht in der Lage, sich selbst Grenzen zu setzen und sich zu organisieren - und disqualifizieren sich damit selbst für die Anwendung flexibler Arbeitszeiten.

Klärung im Vorfeld ist optimal

Mancher Leser wird sich bei den oben genannten Argumenten vielleicht gewundert haben. Das ist verständlich, denn grundsätzlich sollten diese Punkte Teil des Arbeitsvertrages oder - falls es die gibt - der Arbeitszeit- oder Home Office Regelung sein. Und ein guter Chef sollte diese Punkte von sich aus ansprechen.

Da diese Aspekte in der Praxis jedoch oft ignoriert werden, obliegt es oft Ihnen als Arbeitnehmer, diese zu klären. Erst auf dieser Grundlage haben Sie die Chance, selbstgesetzte Regeln wirklich einhalten zu können. Einfach ist das jedoch - vor allem wenn Ihr Job Ihnen Freude bereitet und Sie erfüllt - nicht. Daher haben wir noch einige Tipps für Sie, mit denen Sie selbstgesetzte Grenzen konsequent umsetzen können:

  • Sprechen Sie die Grenzen mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin ab. Er oder Sie wird Sie sicherlich gerne daran erinnern, Feierabend zu machen.
  • Stellen Sie sich einen Wecker oder den Alarm Ihres Mobiltelefons auf die geplante Feierabendzeit und beenden Sie die Arbeit, sobald der Alarm ertönt.
  • Planen Sie Ihre Arbeitstage im Voraus und lassen Sie vor allem ausreichend lange Pufferzeiten. Nur so können Sie Ihr Pensum innerhalb der veranschlagten Zeit schaffen.
  • Schalten Sie am Ende Ihrer Arbeitszeit Laptop und Smartphone aus oder schalten Sie auf Letzterem zumindest den automatischen E-Mail-Abruf ab.
  • Reagieren Sie nur in Ausnahmefällen nach Feierabend auf Anfragen und E-Mails.