Buddy Punching: Wenn der Kollege zweimal stempelt

Ein neuer Anglizismus erobert unsere Arbeitswelt: Buddy Punching. Was sich anhört, als ob Sie von Ihrem besten Kumpel niedergestreckt werden, ist in Wahrheit das Fremdstempeln für einen Kollegen bei der Arbeitszeiterfassung. Klingt nach einem Kavaliersdelikt. Wenn er alle seine Tätigkeiten erledigt hat, warum sollte er seine Zeit sinnlos absitzen müssen? Und hat nicht jeder einmal seine Pausen um einige Minuten überzogen? Ein kleiner Schummel ohne Nachteile für die Beteiligten also? Mitnichten…

Buddy Punching: Wenn der Kollege zweimal stempelt

Definition: Was ist Buddy Punching?

Definition: Was ist Buddy Punching?Unter Buddy Punching versteht man das vorsätzlich falsche Registrieren bei der elektronischen Zeiterfassung für einen Kollegen. Umgangssprachlich könnte man es mit Fremdstempeln übersetzen.

Der Begriff selbst kommt aus den Vereinigten Staaten. Dort ist Buddy Punching bereits ein großes Problem für die Unternehmen. In Deutschland kommen solche Betrugsversuche per Zeiterfassung zwar ebenfalls seit jeher vor, jedoch längst nicht so massiv. Daher hat die Begrifflichkeit des Buddy Punching erst vor kurzem Einzug in unsere Sprache gefunden.

Da der Europäische Gerichtshof entschieden hat, dass zukünftig alle Arbeitnehmer zu Ihrem eigenen Schutz vor unbezahlten Überstunden Ihre Arbeitszeit per Zeiterfassung zu registrieren haben, ist davon auszugehen, dass demnächst häufiger nach Möglichkeiten gesucht wird, dieses System zu betrügen, um Überstunden zu schinden, die gar nicht geleistet wurden.

Motive der Arbeitnehmer

Für einige Mitarbeiter mag es im Einzelfall vielleicht durchaus nachvollziehbare Motive für Buddy Punching geben. Nicht jeder fühlt sich von seinem Arbeitgeber gleich wertgeschätzt. Mancher mag sich daher moralisch im Recht sehen, sich auf eigene Faust nehmen zu dürfen, was ihm vermeintlich zustehen mag. Die Gründe, bei der Arbeitszeit zu betrügen können vielfältig sein. Zum Beispiel:

  • Partielle Unterforderung

    Zwar herrscht in den meisten Unternehmen eher die Situation vor, dass es zu viel Arbeit für zu wenige Mitarbeiter gibt. Dennoch gibt es nicht nur im öffentlichen Dienst Zeiten, in denen die Tätigkeit bereits am frühen Nachmittag erledigt ist. Doch kein Mitarbeiter möchte sein Arbeitszeitkonto freiwillig ins Minus rutschen lassen. Die meisten von diesen sitzen daher brav ihre Zeit am Schreibtisch ab oder tratschen mit anderen. Manche sehen allerdings ihr gutes Recht darin, nach Hause zu gehen und den Kollegen um eine kleine Gefälligkeit zu bitten.

  • Kriminelle Energie

    Es gibt sie nach wie vor: die Mitarbeiter, die den eigenen Betrieb als Selbstbedienungsladen betrachten. Einen Kugelschreiber mit nach Hause zu nehmen, ist nicht das Problem. Es soll aber nicht selten vorgekommen sein, dass die komplette Büroausstattung sukzessive in die eigenen vier Wände transportiert wurde. Da erscheint es für solche Personen naheliegend, sich bei der Arbeitszeit ebenfalls dreist zu bedienen.

  • Unausgesprochener Neid

    Andere Kollegen arbeiten vermeintlich weniger, bleiben länger in der Pause, bringen schlechtere Ergebnisse, verbringen ihre Zeit vorrangig mit Tratsch, … – man kennt diese versteckten Vorwürfe. Was liegt also für den angeblich hart arbeitenden Mitarbeiter näher, als dies mit der Stempelkarte auszugleichen?

  • Verstecktes Ungerechtigkeitsempfinden

    Viele fühlen sich im Vergleich zu ihrer Verantwortung und ihrer Leistung unterbezahlt. Es mag vielleicht im Einzelfall tatsächlich so sein, dass es bei anderen Mitarbeitern oder Konkurrenzfirmen finanziell besser aussieht. Ein Gespräch mit dem Vorgesetzten über eine Gehaltserhöhung lief dennoch erfolglos? Dann scheint es für einige nur legitim zu sein, sich diese auf andere Art zu beschaffen: per erschlichenen Überstunden.

  • Jugendliche Naivität

    Insbesondere für jüngere Arbeitnehmer mag es bloß eine kleine Spielerei darstellen, eine Mutprobe. Es kann schon nicht so schlimm sein, wenn hier und da ein paar Minuten auf dem Arbeitszeitkonto dazukommen. Für einige scheint folgerichtig ein gewisser sportlicher Ehrgeiz geweckt, dem Unternehmen wertvolle Stunden abzuknöpfen, ohne dass es außer dem Komplizen jemand mitbekommt.

  • Missverstandene Freundschaft

    Hilfst du mir, so helfe ich dir – Abhängigkeiten und vermeintliche Solidarität werden gerne genutzt, um den Kollegen emotional oder moralisch unter Druck zu setzen. Wer nicht mitzieht, wird als illoyal oder Kameradenschwein vorverurteilt. Denn wenn die Gefälligkeit auf Gegenseitigkeit beruhe und sich die Fremdstempler einander abwechselten, habe schließlich jeder etwas davon. Mann müsse zusammenhalten wie echte Buddies eben. So wird zumindest fadenscheinig argumentiert.

Welche Folgen drohen bei Buddy Punching?

Um es deutlich zu sagen: Buddy Punching ist kein Kavaliersdelikt. Auf den ersten Blick mag das Risiko gering erscheinen. Allerdings stellt das Fremdstempeln einen handfesten Betrug gegenüber dem Arbeitgeber dar. Von der dadurch gestörten Vertrauensbasis ganz zu schweigen.

Daher droht rechtlich bei Buddy Punching schlimmstenfalls die fristlose Kündigung. Und zwar für alle an der Aktion Beteiligten. Also auch für diejenigen, die selbst nicht betrügen, sondern „lediglich“ den Kollegen dabei unterstützen.

Einige Unternehmen belassen es zwar in einem solchen Fall kulanterweise bei einer Abmahnung, sicher dürfen Sie sich diesbezüglich allerdings nicht sein. Der Ermessensspielraum ist groß – je nachdem, wie tiefgreifend der Vertrauensverlust seitens des Arbeitgebers ist.

Über den rechtlichen Rahmen hinaus, leiden langfristig sowohl Arbeitsatmosphäre, als auch -ergebnisse. Müssen die ehrlichen Kollegen doch im Endeffekt die Folgen des Betrugs durch Mehraufwand mittragen.

Was unternehmen Arbeitgeber gegen Buddy Punching?

Selbstverständlich kann es nicht im Interesse der Unternehmen sein, diese Betrügereien stillschweigend zu dulden oder gar zu decken. Insbesondere in den Vereinigten Staaten gibt es daher schon eine Reihe von Gegenmaßnahmen, die aufgewendet werden, um solches Fehlverhalten aufzudecken:

  • Videoüberwachung der Angestellten
    Problem: Diese muss zeit- und personalaufwändig ausgewertet werden.
  • Beauftragung eines Privatdetektivs
    Problem: Einen teuren externen Mitarbeiter zu engagieren, der die Überwachung übernimmt, verursacht erhebliche Kosten.
  • Zeiterfassung per App
    Problem: Smartphones beziehungsweise die entsprechenden Passwörter können ausgetauscht oder manipuliert werden.
  • Zeiterfassung per GPS
    Problem: Eine dauerhafte Überwachung per GPS stellt hierzulande eine Verletzung der Grundrechte dar.
  • Zeiterfassung durch biometrische Daten
    Problem: Die Installation von Fingerabdruck-Sensoren oder ähnlichem ist mit enormen Kosten verbunden.

All diese Methoden haben über die genannten Probleme ein weiteres gemeinsam: Sie stellen alle Angestellten unter Generalverdacht. Eine Atmosphäre des Misstrauens ist die Folge.

Außerdem ist selbst die beste Überwachung mit Ideenreichtum zu überlisten. Diese Energie der Angestellten und der erhöhte Kostenaufwand oben genannter Maßnahmen sind besser in einer Arbeitsatmosphäre des konstruktiven Miteinanders angelegt.

Die wirkungsvollste Methode ist daher, Buddy Punching gar nicht erst entstehen zu lassen. Dafür sind einige grundlegende Voraussetzungen nötig:

Zum einen muss das Unternehmen von vornherein deutlich und offen kommunizieren, dass in Sachen Buddy Punching null Toleranz an den Tag gelegt wird.

Zum zweiten sollte möglichst eine Firmenphilosophie vorherrschen, in der Anregungen von Mitarbeitern willkommen sind. Die Führungskultur sollte auf Austausch und flache Hierarchien angelegt sein, um die Angestellten zu motivieren, gerne zur Arbeit zu kommen. Dazu gehört, das Team vom Sinn und den Hintergründen ihrer Tätigkeit zu überzeugen.

Ein dritter Ansatz könnte sein, die Arbeitnehmer nach den Ergebnissen und nicht nach der abgesessenen Arbeitszeit zu bezahlen. Auf diese Weise wird die Verantwortung für die Zeiteinteilung an die Angestellten übergeben.

So sollten Sie sich verhalten

Falls Sie einmal in die Lage kommen sollten, dass Sie ein Kollege bittet, für ihn zu stempeln, kann es gut sein, dass Sie sich spontan in einer Zwickmühle sehen. Einerseits möchten Sie weiterhin gut mit ihm auskommen, eventuell haben Sie persönlich sogar ein freundschaftliches Verhältnis.

Andererseits sehen Sie sich Ihrem Arbeitgeber gegenüber moralisch und rechtlich in der Pflicht. Insofern sollte es selbstverständlich sein, dass Sie in einem solchen Fall ablehnen. Nur: Wie sagen Sie es Ihrem Kollegen? Wir haben da einige Vorschläge:

  • Erfragen der Hintergründe
    Fragen Sie den Kollegen offen nach seinen Gründen für das Buddy Punching. Erst wenn Sie wissen, was seine Motive für einen Arbeitszeitbetrug sind, können Sie entsprechend darauf eingehen.
  • Verdeutlichung der Sichtweise
    Machen Sie unmissverständlich klar: Mit Ihnen wird es keinen Arbeitszeitbetrug geben. Sagen Sie ebenfalls deutlich, dass das Risiko einer fristlosen Kündigung in Ihren Augen nicht im Verhältnis zum kurzzeitigen Vorteil steht. Vielleicht sieht daraufhin Ihr Kollege sogar von seinem Vorhaben ab.
  • Wechsel der Perspektive
    Zeigen Sie auf, welche Folgen Buddy Punching langfristig auf Teamatmosphäre, Motivation und Ergebnisse haben kann. Im Endeffekt fällt der kurzfristige Nutzen für den betrügerisch handelnden Kollegen langfristig auch auf ihn zurück, da Missgunst erzeugt wird. Die extremste Folge wäre gar, dass jeder sich seine Arbeitszeit wunschgemäß zurechtstempelt. Was dies schlussendlich für die Arbeitsleistung und somit die betriebswirtschaftliche Unternehmensperformance bedeutet, die die Grundlage für die Bezahlung aller bilden, sollte ihm spätestens jetzt augenscheinlich sein.
  • Erarbeiten einer Lösungsmöglichkeit
    Holen Sie den Mitarbeiter in seiner Unzufriedenheit ab. Ergründen Sie, womit er in seiner Arbeit unzufrieden ist und unterstützen Sie legale Wege, Verbesserungen herbei zu führen. Bieten Sie ihm beispielsweise an, mit ihm zusammen Strategien auszuarbeiten, mit denen Sie bei Ihren Vorgesetzten in einen Dialog treten können.

Machen Sie sich bewusst, dass Buddy Punching ein klarer Verstoß gegen Ihren Arbeitsvertrag darstellt. Daher sollte es für sie niemals eine ernsthafte Option sein, ein solches Vorhaben zu unterstützen oder gar aktiv dabei mitzuwirken. Es macht sie nicht nur von Kollegenseite erpressbar, sondern Sie riskieren darüber hinaus Ihren Arbeitsplatz und einen entsprechenden Eintrag ins Arbeitszeugnis.

[Bildnachweis: Ralf Geithe by Shutterstock.com]
18. November 2019 Tilman Schulze Redakteur Autor: Tilman Schulze

Tilman Schulze, Jahrgang 1973, arbeitet zudem freiberuflich als Kommunikationstrainer, Coach und Mediator in Freiburg und Umgebung. Als Autor einiger Bücher ist er es gewohnt, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und mit der Sprache zu spielen.


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