Ein Gastbeitrag von Wolfram Fuchs

Die Werte eines Unternehmens basieren auf den Vorgehensweisen der Führung und deren Prinzipien. Das wiederum prägt das Bild des Unternehmens in der Öffentlichkeit und schafft Werte, die Mitarbeiter und Kunden binden. Allerdings gibt es unterschiedliche Führungsstile. Bekannt sind beispielsweise die autoritäre oder die kooperative Führung. Die aktuellen Entwicklungen in den Unternehmen verlangen jedoch eine Erweiterung dieser Modelle. Bei diesen Entwicklungen und zusätzlichen Faktoren denke ich zum Beispiel an:

  • die zunehmende Globalisierung der Märkte,
  • die dadurch bedingte multikulturelle Ausrichtung,
  • veränderte Ausbildungsbedingungen der nachwachsenden Generation,
  • neue Kommunikationsformen und Kommunikationsmedien,
  • verändertes Verständnis im Bereich der Sozialkompetenzen,
  • neue Werte- und Ethikauffassung.

Als Antwort darauf entstand das Modell der moderativen Führung, das anhand von drei Merkmalen Einfluss auf die Unternehmen nimmt:

Merkmal 1: Zukunft gemeinsam gestalten

Die moderative Führung basiert auf einem veränderten Verständnis von Führungsverantwortung. Das vorrangige Ziel ist, die Kreativität aller Mitarbeiter einzubinden, um kontinuierlich den Ertrag zu steigern. Die Führungskröfte betonen, dass sie für neue Ideen offen sind und Vorschläge grundsätzlich wertschätzen. Dazu müssen sich die Führungskräfte allerdings darauf fokussieren, ihre Mitarbeiter zu fördern und zu entwickeln und zwar in jeder betriebsinternen Kommunikation.

Dies bedeutet eine Beteiligung der Mitarbeiter an zahlreichen Entwicklungsprozessen – idealerweise aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

So fließen praktische Aspekte in Innovationen ein, die sonst oft verlorengehen. Wichtig dabei ist allerdings, dass dies grundsätzlich freiwillig geschieht, Mitarbeiter sich also nicht gezwungen fühlen, mitzumachen und stets viele Freiheitsgrade genießen. Reglementierungen und Rechtsansprüche wie bei gesetzlichen Vorgaben wirken darauf kontraproduktiv.

Merkmal 2: Mentale Ressourcen nutzen

In vielen Unternehmen werden mit den klassischen Führungsstilen weniger als 50 Prozent der mentalen Ressourcen genutzt. Warum? Aus der Hirnforschung wissen wir heute, dass zahlreiche Bereiche des Gehirns ausschließlich bei außergewöhnlichen Ereignissen genutzt werden. Eines dieser Ereignisse ist das Verhalten des Menschen in einer kreativen Umgebung.

Zahlreiche Kommunikationsformen in Unternehmen (vom Mitarbeitergespräch bis zum Meeting) erzeugen jedoch alles andere als eine Atmosphäre der Kreativität.

Ein anderes Beispiel ist die Bewegung. Wir denken anders, weiter, breiter, wenn wir uns auch körperlich bewegen. Aber wann haben Sie sich zuletzt mit einem Mitarbeiter oder Team auf einem Spaziergang unterhalten? Eben.

Andersherum wird ein Schuh daraus: Um mehr mentale Ressourcen Ihrer Mitarbeiter nutzen zu können, müssen Sie den Mitarbeiter-Gehirnen mehr kreative Freiräume schaffen. Die moderative
Führung setzt hierzu auf…

  • den Einsatz von Kreativitäts-Techniken und Gelegenheiten zu deren Einsatz. Etwa durch sogenannte Minuten-Statement, Brainstormings und so weiter.
  • das Reflektieren der Unternehmensprozesse in gemischten Teams.
  • das Vertiefen der Kenntnisse über Fähigkeiten und Ziele der Mitarbeiter.

Im Ergebnis bringt dies statt andauernder Sitzungen ein zielorientiertes, offenes und kreatives Gespräch. Und neben dem Zeitgewinn wird dies noch durch einen von Mitarbeitern geschätzten Effekt begleitet: Sie fühlen sich gehört und gewertschätzt.

Merkmal 3: Prozesse fortlaufend verbessern

Noch einmal zurück zu den klassischen beiden Führungsstilen: Beim autoritären Führungsstil erfolgt die Ziel- und Wegvorgabe durch den Chef. Beim kooperativen Führungsstil hingegen ist der Mitarbeiter an der Zieldefinition beteiligt und alleine für die Umsetzung (sofern nicht unvorhersehbare Ereignisse eintreten) verantwortlich. Auf diese Weise bedienen sich die Akteure im Unternehmen zweier Dimensionen – der Ziele (strategische Dimension) und der Lösungswege (operative Dimension).

Beim moderativen Führungsstil kommen jedoch weiteren Dimensionen hinzu: Die dritte Dimension ist die Innovationskomponente. Sie bezeichnet das Fachwissen des Mitarbeiters beziehungsweise des Teams. Die vierte Dimension entsteht durch die alternativen Vorgehensweisen beim Führen und Einbinden von Teams und deren Fähigkeiten. Das ist wohl am besten vergleichbar mit einem immerwährenden Verbesserungsprozess.

Das bedeutet aber zugleich, dass kein Prozess als abgeschlossen oder unabänderlich betrachtet wird. Das Unternehmen lernt und verändert sich permanent. Auch dazu ist natürlich das ständige aktive Zugehen auf die Mitarbeiter nötig.

Warum ist das Führungsmodell noch so unpopulär?

Auch die Führungskräfte selbst profitieren von diesem moderativen Führungsstil. So lässt sich damit allein in Meetings Zeit von bis zu 30 Prozent einsparen; es entstehen mehr innovative Ideen, die sich zugleich schneller umsetzen lassen; die direkte Kommunikation zwischen Management und Mitarbeitern verbessert sich, was ebenfalls eine Zeitersparnis von bis zu 40 Prozent bringen kann. Das Wissen im Unternehmen wächst; die Mitarbeiter sind motivierter und der Stresspegel sinkt. Die Summe all der genannten Faktoren ließe sich auch in einer einfachen Formel zusammenfassen: Die Rendite des Unternehmens steigt.

Die moderative Führung hat aber auch eine Kehrseite, die zugleich ihre Popularität mindert: Sie verzichtet bewusst auf die Betonung hierarchischer Elemente und ersetzt diese durch Kompetenz und Kommunikationsweisheit. Dies erfordert ein komplettes Umdenken im Führungsverständnis und viel Vertrauen in die Kompetenzen aller Menschen im Unternehmen. Oder kurz: Die hierarchisch begründete Ordnung wird ersetzt durch Wissen, Ideenreichtum und Kompetenz.

Gerade dieser Schritt erfordert viel Mut. Und den besitzt nicht jeder.

Über den Autor

Wolfram Fuchs ist seit 2005 Geschäftsführer der Avina GmbH, die Trainings im Bereich Personal, Management und Vertrieb anbietet. Fuchs selbst führte bereits mehrere solcher Trainings in verschiedenen Unternehmen durch. In seinem aktuellen Buch beleuchtet er die Vorteile der moderativen Führung und dokumentiert zahlreiche Beispiele und Checklisten zur persönlichen Umsetzung des Führungsstils.