Kleinkinder sind von Natur aus neugierig. Den ersten Gang zum Zahnarzt werden sie ohne Widerstände über sich ergehen lassen (vorausgesetzt, man hat ihnen vorher keine Horrorgeschichten darüber erzählt). Während der Behandlung machen die Kinder – je nach vorangegangener Zahnpflege – dann allerdings ihre Erfahrungen: negative oder positive. Die können sich dann durchaus und unmittelbar auf den zweiten Besuch auswirken. Wer schon beim ersten Mal den Bohrer am Zahnschmelz spürte, dürfte nur ungern ein zweites Mal im Zahnarztstuhl Platz nehmen. Wer die Behandlung dagegen als reine Durchsicht erlebt hat, kommt auch beim zweiten Kontrollgang ohne Furcht und Traumata ins Behandlungszimmer.

Soweit, so normal. Doch jetzt kommt’s: Das Zutrauen hält auch dann, wenn angekündigt wird, dass beim zweiten Arztbesuch gebohrt werden muss. Trotz Vorwarnung, überstrahlt die erste positive Erfahrung das mögliche, zu erduldende Leid. Stattdessen führt sie zu einer typischen Erwartungshaltung: Es wird schon nicht so schlimm werden. Mehr noch: Übereinstimmend berichten Ärzte immer wieder, dass ihre Patienten weniger Schmerz empfinden, wenn vorher ankündigt wird, das es wehtun könnte. Offenbar beeinflusst die Erwartungshaltung maßgeblich die darauf folgenden Erfahrungen.

Zusammenhänge zwischen Erwartung und Erfahrung

Aus dieser Konstellation lassen sich nun vier unterschiedliche Szenarios ableiten:

  1. Niedrige Erwartungen verbunden mit wenig Erfahrungen
    Man kann diesen Zustand auch die totale Blauäugigkeit oder Naivität nennen. Weil man nichts erwartet, kann man auch nicht enttäuscht werden. Und das was man schon erfahren hat, ist schlicht nicht aussagekräftig.
  2. Niedrige Erwartungen verbunden mit vielen Erfahrungen
    Diese Konstellation kann zu überraschenden Ergebnissen führen – kommt aber selten vor.
  3. Hohe Erwartungen verbunden mit vielen Erfahrungen
    Aufgrund der Erfahrungswerte ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es wieder so kommen wird. Die Folge: Im Vorfeld blickt man optimistisch (oder besonders pessimistisch) in die Zukunft und fühlt sich hernach als weiser Seher bestätigt. Man hat’s eben gewusst.
  4. Hohe Erwartungen verbunden mit wenig Erfahrungen
    Eine heikle Konstellation. Naiv wie im ersten Fall, aber anspruchvoll wie im dritten. Nicht selten führt dies zu bitteren bis traumatisierenden Erlebnissen.

Um unliebsamen Überraschungen zu entgehen, wenden nicht wenige Menschen eine klassische Strategie an: Sie schrauben ihre Erwartungen massiv zurück, um ja nicht enttäuscht werden zu können. Das ist zunächst nicht dumm, denn in der Tat liegen in unrealistischen Erwartungen die größten Gefahren. Der Haken an dieser Strategie: Die Vorfreude bleibt dabei meist ebenso auf der Strecke – und mit ihr zahlreiche Chancen. Wer nichts erwartet, der wagt auch nichts mehr. Oder anders formuliert: Wer sich vorstellt mit Zwergen zu wandeln, wird keine großen Sprünge machen.

Zugegeben, die zweite Variante ist wesentlich risikoreicher: Man gibt sich ganz der Vorfreude hin, fiebert dem Moment und Ziel entgegen und kostet bis dahin die Zeit der Hochstimmung voll aus – jedoch zu dem Preis, dass man hernach ebenso feststellen kann, dass das ersehnte Gimmick doch nicht so fabelhaft ist wie erwartet.

Der Schlüssel liegt jedoch nicht in dem Wort Erwartungen – er liegt in dem Wort unrealistisch. Zwar resultiert unsere Erwartungshaltung wesentlich aus unserem Unterbewusstsein. Doch können wir uns durchaus aktiv Gedanken dazu machen, ob unsere Erfahrungen tatsächlich so einschlägig sind, um daraus negative oder positive Annahmen zu schlussfolgern. Ebenso können wir unsere Erwartungshaltung (und Ängste) durch simples Faktensammeln (vulgo Recherche) korrigieren.

Haben Sie etwa Angst vor einer drohenden Kündigung? Dann sammeln Sie so viele Informationen wie möglich. Sichern Sie sich ab – sowohl was die tatsächliche Bedrohung betrifft als auch Ihre Jobalternativen. Erkundigen Sie sich vorsichtig bei Vertrauten im Unternehmen. Was könnte Ihnen schimmstenfalls passieren? Welche finanziellen Polster sind vorhanden? Wie hoch würde Ihr Arbeitslosengeld ausfallen? Beleuchten Sie die positiven wie negativen Seiten Ihrer Angst. Und versuchen Sie vor allem das Minimum beziehungsweise das Maximum der möglichen Auswirkungen zu erkunden. Damit setzen Sie der blühenden Phantasie Grenzen und schaffen Raum für Vernunft.

Und das ist allemal besser, als vom Leben nichts mehr zu erwarten.