Es ist schon eine Weile her, dass Adam Smith, der Moralphilosoph und Begründer der modernen Wirtschaftswissenschaften, die Theorie der unsichtbaren Hand ersann: Selbst wenn jeder nur seinem Eigennutz nachgeht, geschieht das am Ende zum Wohle aller, lautete grob zusammengefasst seine These. Das ist im Prinzip bis heute richtig. Richtig ist aber auch, dass der Mensch freiwillig kaum zur guten Tat zu bewegen ist. Das Gegenteil ist eher der Fall.
Als zum Beispiel 1956 in Montreal die Polizei streikte, wurde in den Straßen prompt mehr vandaliert, gestohlen, gemordet. In der ZEIT las ich jetzt, dass auch der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer sowie sein Kollege, der Zürcher Ökonom Ernst Fehr davon überzeugt sind, dass Menschen nur dann “brav sind, wenn ihnen auf die Finger geschaut wird”. Erst Strafe macht soziales Miteinander möglich. Das ganze untermauerten sie mit einem Versuch, den sie am Tomografen überwachten: Dabei durften die Probanden wählen, wie viel sie von 100 erhaltenen Euro an Mitspieler abgeben wollten. Immer dann, wenn sie es mit einem wehrlosen Gegenüber zu tun hatten, sacken sie selbst 90 Euro ein, drohte aber Bestrafung, waren sie bereit, bis zu 40 Euro abzugeben. Wobei am Tomografen auffiel, dass ihr Gehirn dabei jedes Mal kühl durchrechnete, ob sich eine Kooperation im Verhältnis zur Strafe lohnt.
Der Mensch ist dem Schweinehund vielleicht doch näher als dem Affen. Der US-Ökonom Vernon Smith kam diesem Wesenszug bereits in den Sechziger Jahren auf die Schliche, verdeutlichte das Problem spieltheoretisch und erhielt dafür 2002 den Wirtschaftsnobelpreis: Bei seinem Versuch konnten die Probanden Geld in eine Gemeinschaftskasse einzahlen und so vermehren, der Gewinn wurde anschließend an alle zu gleichen Teilen ausgezahlt. Allerdings hatten die Teilnehmer die Wahl zwischen zwei Strategien: kooperieren und einzahlen oder nicht einzahlen und trotzdem profitieren. Das Experiment zeigte: Spielten alle mit, erzielten sie den höchsten Gewinn. Den höchsten Einzelprofit aber gab’s für egoistisches Schmarotzen.
Was passierte?
Zu Beginn spielten vier Fünftel fair, der Rest kassierte mit. Die Ehrlichen waren die Dummen und verhielten sich schon bald eigennützig. Effekt: Der Profit schmolz mit jeder Runde und erreichte zum Schluss seinen Tiefststand. Wie die Stimmung. Erst als die Mitspieler Trittbrettfahrer bestrafen konnten, verbesserte sich das Ergebnis. Die Sanktionen sorgten für das Gemeinwohl.
Die Erkenntnisse der beiden Smiths sind demnach ein Plädoyer für Zivilcourage und Opportunität: Der Mensch ist von Natur aus schlecht. Wo er kann, schmarotzt er sich durch. Das ist schlecht für alle. Sobald man das aber entsprechend sanktioniert, entwickelt er zahllose Tugenden, wird anständig, bisweilen sogar selbstlos. Die unsichtbare Hand, sie wirkt vor allem als unsichtbare Ohrfeige.
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Nicola
Traurig, aber wahr. Ich glaube aber auch schon mal etwas darüber gelesen zu haben, dass sich auch gute Taten auszahlen.
gabaretha
Glücklicherweise mache ich im Alltag völlig gegensätzliche Erfahrungen.
Es ist auch mittlerweile ein weit verbreitetes “secret”, dass die eigenen Gedanken nicht unmaßgeblich an der Gestaltung der Realität beteiligt sind und wer so denkt, wird voraussichtlich die entsprechenden Erfahrungen machen.
Ich halte es lieber mit einem alten Sprichwort: “Wie Du in den Wald hineinrufst, so schallt es auch zurück.” Besser und besser, Gaba
Jochen Mai
Das widerspricht den Forschungsergebnissen ja nicht. Im Gegenteil: Offenbar ist die gute Tat jedes Mal eine bewusste Entscheidung – womöglich sogar gegen die eigene Natur. Umso großartiger, wer das regelmäßig schafft. Auch das ist dann ein Zeugnis für Willensstärke und Durchsetzungskraft, insbesondere gegenüber sich selbst. Und wir alle wissen: Der innere Schweinehund ist am schwersten zu bändigen.
Gerhard Zirkel
Das Problem an der Sache ist, dass sich eigennützige Handlungen gegen die Gemeinschaft sehr schnell auszuzahlen scheinen. Wenn man jemanden über’s Ohr haut hat man sofort etwas davon.
Wie lange man etwas davon hat bleibe dahingestellt, aber auf langfristiges Denken scheint der Mensch eh nicht ausgelegt zu sein, siehe Klimawandel (welch Schlagwort :))
Uneigennützige Taten zum Wohle der Gemeinschaft zahlen sich halt erst viel später aus. Dann nämlich wenn auch alle anderen uneigennützig handeln.
Wird der Mensch nun durch Überwachung dazu gezwungen, langfristig und logisch zu denken, handelt er uneigennützig und denkt voraus. Fehlt diese Überwachung handelt er instinktiv und sackt so viel ein wie er kann.
Und letztendlich steckt auch in jeder uneigennützigen Handlung ein gewisser Eigennutz. Jemand der gerne anderen hilft hat auch für sich selbst etwas davon. Und wenn es “nur” ein gutes Gefühl ist.
Gerhard Zirkel
Markus Gutschein Blog
Super Artikel. Die Aussage “Der Mensch ist dem Schweinehund vielleicht doch näher als dem Affen.” ist einfach genial.
Schnäppchenfuchs
Ich glaube auch, dass man erstmal pessimistisch sein muss…wenn ich sehe, wie oft aus Kassen Geld geklaut wird, wie oft der eigene Arbeitgeber, zu dem man eigentlich loyal sein sollte, beschissen wird dann kann man nur mit einer gesunden Portion Pessimismus erfolgreich sein. Das ist schade, aber in einer heilen Welt würde auch nichts funktionieren.