Ist es eine Revolution, die ihre Kinder frisst? Ein Artikel in der New York Times (In Web World of 24/7 Stress, Writers Blog Till They Drop) hat eine neue Diskussion angefacht, die eigentlich eine alte ist. Es geht um das mediale Rattenrennen im Internet: Wer hier groß rauskommen will, muss die Aufmerksamkeit der Massen gewinnen, muss morgens schon der Erste sein, der etwas zu melden hat, und auch abends noch eine ordentliche Schlagzahl an News und Infos bieten, damit die Masse ihm gewogen bleibt. Denn die ist alles andere als loyal, schließlich lauert die Konkurrenz nur ein Klick weiter. Heute vor allem in Form von Blogs, Podcasts und Vlogs.

Vor allem in den USA, aber auch hierzulande, kann man eine zunehmende Professionalisierung der Blogszene beobachten. Weit oben in den Klick- und Linklisten diverser Messstationen stehen zunehmend jene Blogs, die sich kaum noch von professionellen Nachrichten-Webseiten oder Magazin-Portalen unterscheiden – außer dass es eben Blogs sind. Diese Blogelite erreicht nicht selten siebenstellige Leserzahlen täglich, verdient teilweise veritable Einkommen durch Werbung und beschäftigt inzwischen ganze Heerscharen von Freelancern, die daheim vor ihren Laptops einen Blogbeitrag nach dem anderen raushauen – nicht selten für weniger als 10 US-Dollar pro Artikel.

Immer wieder sind es die Erfolgstorys, die die Internetgemeinde begeistern und altbekannte Phantasien von Tellerwäschern-die-Millionäre-wurden schüren. Geschichten, wie die von Michael Arrington, der das Blog “Techcrunch” gründete und binnen zwei Jahren zum Großverdiener aufstieg. Oder die Geschichte von Arianna Huffington, die zunächst mit dem Blog Huffington Post begann und nun das gleichnamige Medienimperium leitet. Und genau das macht Blogs ja auch für ihre Autoren so attraktiv: Die Aussicht auf redaktionelle Freiheit, jeder ist sein eigener Chefredakteur, kann schreiben wann und über was er will, obendrein dabei vielleicht sogar groß rauskommen und Reichtum wie Reputation aufbauen.

Doch jenseits dieser, zugegebenermaßen beeindruckenen Einzelfälle wird eines nur allzu gerne übersehen: Eben dass es Einzelfälle sind. Im Web herrscht ein gnadenloser Wettbewerb. Solche Top-Blogs sind schillernde Ausnahmen, zu denen zwar der Rest der Szene gerne aufsieht, doch der Versuch, ihrem Beispiel zu folgen und seinen Lesern ebenfalls ständig das Neuste, Beste, Witzigste, Klügste zu bieten, gipfelt nicht selten allein in enormem Stress und permanentem Schlafmangel – oder (wie jüngst geschehen) sogar in einigen Todesfällen. So erlag beispielsweise Marc Orchant, Autor von Blognation, erst im Dezember einem Herzinfarkt. Wenig später ereilte den nur 41-jährigen Om Malik, Autor des Techblogs GigaOm das gleiche Schicksal; immerhin: Er überlebte knapp. Und erst vor wenigen Wochen starb mit Russell Shaw ein weiterer prominenter Blogger an den Folgen eines Infarkts. Ironie des Schicksals: Der Journalist und VOIP-Blogger für ZDnet verschied in seinem Hotelzimmer in San Jose als er gerade über eine Technologiekonferenz berichtete.

Sicher darf man diese tragischen Schicksale nicht verallgemeinern und damit gleich sämtliche Blogger als potenziell Infarkt-Gefährdete darstellen. Die Beispiele zeigen aber, dass jeder Erfolg seinen Preis hat und die technologische Beschleunigung nicht nur Vorteile. “Es gibt keinen Moment, auch nicht dann, wenn Du schläfst, in dem Du keine Angst hast, eine Geschichte zu verpassen”, sagte etwa Arrington einem Reporter der New York Times. Matt Marshall, ehemaliger Journalist des Wall Street Journal und heute Autor des Blogs Venture Beat, wiederum bekannte gegenüber dem Magazin brand eins: “Eigentlich ist das ein ziemlich miserables Leben, und ich habe nie zuvor härter gearbeitet.” Und auch Matt Buchanan, 22, der aus seinem kleinen Apartment in Brooklyn unter anderem für Gizmodo über die neusten Gadgets der Techno-Gemeinde schreibt, gibt zu, täglich kaum noch mehr als fünf Stunden zu schlafen und manchmal nicht einmal Zeit für eine anständige Mahlzeit zu haben. Seine Drogen sind Kaffee – und “ein paar tausend Leute, die lesen, was ich schreibe”. Ob das auf Dauer reicht?