Ein Gastbeitrag von Roland Jäger

Neulich bekam ich ein interessante Lektüre geschenkt: Hochwertig gedruckt, als Buch gebunden, so wie ich es gerne habe. „Die neuen Gesetze des Private Banking“ stand drauf. Das Buch war von der Quirin Bank. Ich bin dort allerdings weder Kunde, noch stehe ich sonstwie mit dem Institut in Verbindung. Ich vermutete deshalb das übliche Selbstbeweihräucherungs-Gelaber. Doch weit gefehlt. Hier hat eine Bank den Mut, ungewöhnliche Zusagen und Versprechungen zu machen. „Die trauen sich was!“, dachte ich. Meine Neugierde war geweckt.

Umso bemerkenswerter fand ich, dass sich hinter den Aussagen Prinzipien verstecken, die auch im Führungsalltag, meinem Metier, von hoher Relevanz sind. Was also lässt sich also daraus ableiten? Ich habe genau diesen Versuch unternommen und so neun Führungsprinzipien gefunden. Orientieren Sie sich daher nicht an den werblichen Aussagen der Bank, sie sind lediglich ein gefundener und guter Aufhänger:

§ 1 Das Vermögen des Kunden ist unantastbar. Es zu vermehren ist oberste Pflicht des neuen Private Banking

Das dahinter stehende Prinzip: Autonomie.

Für den Führungsalltag bedeutet das:

Das Verhalten des Mitarbeiters ist unantastbar, das heißt von außen nicht zu verändern. Dies zu respektieren ist die oberste Pflicht einer guten Führungskraft. Und das hat Konsequenzen. Vorbei ist es mit dem Ruf „der Chef möge seine Mitarbeiter motivieren“. Diese sind von außen eben nicht zu verändern. Entweder wollen die arbeiten oder halt nicht. Fertig. Man muss sich nur deren Verhalten im Arbeitsalltag anschauen, denn, so steht es schon in der Bibel, an ihren Taten werdet ihr sie erkennen. Und ist ein Mitarbeiter demotiviert, dann hat er sich dafür entschieden. Ein Chef kann das nun mal nicht ändern. Das wäre ja auch noch schöner, wenn ein Chef seine Mitarbeiter derart manipulieren könnte. Es würde sofort UNICEF, IGFM und andere Menschenrechtsorganisationen auf den Plan rufen. Autonomie heißt eben auch: der Mitarbeiter hat die Verantwortung für sich und sein Verhalten, für seine Einstellung und damit seine Motivation. Eins können Chefs jedoch tun: Rahmenbedingungen schaffen, die es dem Mitarbeiter erleichtern, sich für die Erbringung der Leistung selbst zu motivieren. Dazu gehört: die notwendige Infrastruktur zur Verfügung stellen, interessante Aufgaben stellen und Entwicklungsperspektiven aufzeigen.

§ 2 Kein Kunde wird wider besseres Wissen zu einer Transaktion animiert, da das neue Private Banking nur Gewinn macht, wenn Sie Gewinn machen

Das dahinter stehende Prinzip: Moralität.

Für den Führungsalltag bedeutet das:

Kein Mitarbeiter darf von einem Chef zu einer Handlung animiert werden, die nicht im Interesse des Unternehmens liegt. Folglich bedeutet es auch: Mitarbeiter sind dazu angehalten, nur Handlungen im Interesse des Unternehmens zu erbringen. Denn das gebietet schon der Arbeitsvertrag. Die meisten Mitarbeiter tun das, gleichwohl gibt es eine Minderheit von bis zu 20 Prozent der Belegschaft, denen diese Moralität abhanden gekommen ist. Und darüber regen sich dann zu recht alle Beteiligten auf: Der Chef, weil er dafür zu sorgen hat, dass jeder Mitarbeiter seinen Beitrag leistet. Die Kollegen, weil sie die Arbeit der leistungsunwilligen Kollegen erledigen müssen. Die Kunden, weil sie nicht die erwartete, aber bezahlte Leistung des Unternehmens erhalten. Doch Aufregung und Emotionalität ist in einem solchen Fall fehl am Platz. Da hilft nur das Moralitätsdefizit des Mitarbeiters zu kompensieren, indem der Chef den Mitarbeiter zur Arbeit und Leistungserbringung beharrlich anhält. Also einfach das fordert, wozu der Mitarbeiter sich bereits in seinem Arbeitsvertrag verpflichtet hat. Und ihn dabei nicht ausbüchsen lässt.

§ 3 Jeder Kunde hat das Recht auf optimale Rendite. Die Bank kämpft dafür mit all ihrem Wissen

Das dahinter stehende Prinzip: Potenzialausschöpfung.

Für den Führungsalltag bedeutet das:

Jeder Mitarbeiter hat das Recht auf ein hohes Einkommen. Der Chef unterstützt den Mitarbeiter dabei nach Kräften. Und wenn die Leistung stimmt, wird das jeder Chef selbstverständlich tun. Denn Gradmesser für ein hohes Einkommen kann nur die gezeigte Leistung des Mitarbeiters sein. Doch wie passt das in die Diskussion über zu hohe Managergehälter? Ganz einfach: Auch da gibt es den Mitarbeiter, der gerne viel Geld verdienen möchte, und auf der anderen Seite den Arbeitgeber, vertreten durch den Aufsichtsrat, der über die Höhe des Managergehalts zu befinden hat. Und wenn beide Seiten zu der Einsicht gelangen, der Mitarbeiter-Manager ist ein hohes Gehalt wert, weil er zum Beispiel für eine Steigerung des Unternehmenswertes, die Verbesserung von Leistung und Qualität, oder die Steigerung der Zukunftsfähigkeit des Unternehmens gesorgt hat, dann wird dieser ein hohes Einkommen erzielen. Alles andere wäre nur Beitrag an der typisch deutschen Neiddiskussion und damit völlig unsachlich! Was bedeutet das für das Verhältnis Chef und Mitarbeiter? Der Chef hat dem Mitarbeiter Aufstiegsmöglichkeiten und Einkommenssteigerungen aufzuzeigen. Dann hat es der Mitarbeiter in der Hand, diese durch gute Leistung auch zu erreichen.

§ 4 Sämtliche Ausgabenaufschläge, offene und versteckte Provisionen sowie von Banken verschwiegene Kick-Backs werden ab sofort dem Kundenkonto gutgeschrieben

Das dahinter stehende Prinzip: Zurechenbarkeit.

Für den Führungsalltag bedeutet das:

Sämtliche Leistungen, die der Mitarbeiter erbringt, werden nur ihm angerechnet. Der Chef schmückt sich hier nicht mit fremden Federn, sprich der Leistung seines Mitarbeiters, sondern überlässt diesen den Triumph für gezeigte Leistung. Eine Selbstverständlichkeit. Doch einige Chefs handeln eher nach dem Prinzip: Ich stelle mich vor meine Mitarbeiter, egal was da kommt! Auch bei Lob für den Mitarbeiter. Das nehmen solche Chefs dann gerne entgegen. Da wird schnell die Urheberschaft vergessen. Und wenn der Mitarbeiter Mist gebaut hat? Dann handelt der Chef nach dem Prinzip: Natürlich stehe ich hinter meinen Mitarbeitern, egal was da kommt! Und die Prügel bezieht der Mitarbeiter.
Ein guter Chef wird demgegenüber dafür sorgen, dass seine Besten viele Gelegenheiten erhalten, ihre guten Leistungen vor Publikum darzustellen. Und ein guter Chef-Chef hat immer dafür zu sorgen, dass die Urheberschaft der ihn erreichenden Informationen geklärt ist und sein Feedback bei diesem ankommt. Denn dieses Feedback ist wertvoll für jeden Mitarbeiter, selbst wenn es negativ ausfällt.

§ 5 Auch Vermögen ab 50.000 Euro sollen von nun an mit den intelligenten Methoden verwaltet werden wie bisher Vermögen über 50 Millionen

Das dahinter stehende Prinzip: Chancengleichheit.

Für den Führungsalltag bedeutet das:

Auch Mitarbeiter mit geringer Qualifikation werden genauso in ihrer persönlichen Weiterentwicklung gefördert wie intellektuell, hochbegabte Mitarbeiter. Denn gute Mitarbeiter sind nicht an deren Intelligenz und Begabung, sondern der Einstellung zu ihrer Arbeit erkennbar. Daraus ergibt sich der Leistungsbeitrag, welchen sie für das Unternehmen erbringen können und wollen. Und nur darauf kommt es letztlich an. Mitarbeiter, die intellektuelle Anreize erhalten entwickeln sich nicht selten zu engagierten, zuverlässigen und vertrauensvollen Leistungsträgern. Ihnen fehlte zum Start lediglich der Anreiz, sich anspruchsvollen Aufgaben zu stellen. Bewerkstelligen sie diese, wächst ihr Selbstvertrauen. Gleichzeitig steigt die Bereitschaft, sich mehr Wissen anzueignen. Ebenso, dieses Wissen erfolgreich im betrieblichen Kontext einzusetzen. So gewinnen alle. Der Chef, die Mitarbeiter, das Unternehmen. Und die Intelligenten? Sie müssen sich zukünftig schlimmstenfalls noch mehr anstrengen, machen Ihnen doch die neuen, bisher gering qualifizierten Mitarbeiter gesunde Konkurrenz. Und die belebt bekanntermaßen das Geschäft!

§ 6 Bei Kontoanlagen in beliebiger Höhe ist der zwischen den Banken übliche Zinssatz in voller Höhe dem Kunden gutzuschreiben. Ohne Sternchen und Ausnahmen

Das dahinter stehende Prinzip: Leistungsorientierung.

Für den Führungsalltag bedeutet das:

Der Chef hat sich über den Leistungsstand jedes Mitarbeiters regelmäßig zu informieren und ihm zeitnah Feedback darüber zu geben. Kernaufgabe von Führung ist es, erwünschte Ziele zu erreichen und Ergebnisse zu erzielen. Alles andere hat sich dem unterzuordnen. Dazu gehört im Besonderen, sich über die Leistungserbringer zu informieren. Das geht, im Gegensatz zu Lidl, ganz vertrauensvoll. Durch gemeinsame Aktivitäten und Inaugenscheinnahme des Mitarbeiters. Den Mitarbeiter bei guten Leistungen erwischen, sollte das Ziel sein. Bei den meisten gelänge das, würde der Chef endlich hinschauen! Dann sollte es vor Lob und Bestätigung nur so krachen. Lob kostet nichts und hat erwiesenermaßen positive Effekte. Und bei der Minderheit, die bei schlechter Leistung bzw. Qualität erwischt wird? Die haben eine faire Chance verdient. Also Feedback, konkret, direkt, schonungslos. Denn nur an aufrichtigem Feedback können Mitarbeiter ihre Fehler erkennen und sich dafür entscheiden, diese abzustellen. In der Folge muss gezeigte gute Leistung sich auch im Portemonnaie des Mitarbeiters niederschlagen. Nicht, weil Geld motiviert, sondern weil es der materialisierte Ausdruck von Wertschätzung ist.

§ 7 Das neue Private Banking bekennt sich zur absoluten Unabhängigkeit, weil es nicht von versteckten Provisionen und Vertriebsvereinbarungen abhängig ist

Das dahinter stehende Prinzip: Fairness.

Für den Führungsalltag bedeutet das:

Der Chef behandelt seine Mitarbeiter fair, unabhängig von Alter, Geschlecht, Hautfarbe und Rasse. Lob und Anerkennung wird nur aufgrund gezeigter Leistung, nicht für Freundschaft, Verwandtschaft oder besonderen Status (Mitarbeiterkind, Kundenkind etc.) gegeben. Schwache Chefs zeichnen sich zumeist durch eine Besonderheit aus: Sie pflegen intensiv die Beziehung zu ihren Mitarbeitern. Das wäre lobenswert, würden sie dabei emotional begeistern. Stattdessen schaffen sie jedoch Abhängigkeit mit und zu ihren Mitarbeitern. Dann wird schon mal die eine oder andere private Stunde miteinander verbracht. Und Anerkennung und Aufmerksamkeit bekommen die Mitarbeiter, welche in der Freizeit dafür sorgen, dass der Chef sich nicht einsam fühlt. Das ist die Währung. Und als Gegenleistung bügelt der Chef die Schwächen und Mängel seiner Mitarbeiter aus und sorgt so dafür, dass beruflich nichts anbrennt. Eigentlich ganz kuschelig, aber fair? Gegenüber den Mitarbeitern, die einfach nur eine gute Leistung zeigen und dafür belohnt werden wollen? Nein. Gegenüber denen, die mit über 50 schon abgestempelt werden, weil´s beim Tennis nicht mehr so schnell geht? Nein. Gegenüber dem Migranten, der nach einem Jahr die deutsche Sprache noch nicht perfekt beherrscht und über dessen gelegentliche Sprachmonster hintenherum gelacht wird?

Nein! Das gilt es zu beenden und jedem Chef, aber auch Mitarbeiter klar zu machen: Einzig die am Arbeitsplatz gezeigte Leistung ist der Maßstab für Fairness. Und: Jeder Mitarbeiter hat die gleiche Chance, sich persönlich, aber auch finanziell weiterzuentwickeln. Dafür muss ein guter Chef sorgen.

§ 8 Alle Anlageangebote sind gleich hart zu prüfen – auf versteckte Kosten, individuelle Steuervorteile und Renditesicherheit

Das dahinter stehende Prinzip: Wahlfreiheit.

Für den Führungsalltag bedeutet das:

Der Mitarbeiter hat für sich regelmäßig zu überprüfen, ob er mit seinem Chef und Arbeitgeber noch zufrieden ist. Ebenso hat er das Recht, sich bessere Angebote einzuholen. Und zu gehen, wenn ein besseres Angebot dabei ist. Im Alltag ist das selbstverständlich: Jeder prüft die Rechnung seiner Autoreparaturwerkstatt. Erscheint sie zu hoch, wird nachverhandelt. Mindestens jedoch vor dem nächsten Besuch ein Kostenvoranschlag beim Mitbewerber eingeholt. Und dort, wo das beste Preis-Leistungs-Verhältnis besteht, die nächste Reparatur durchgeführt. Warum soll das bei der Arbeitsplatzwahl anders sein? Oje, das ist ja was Existenzielles. Richtig, und genau deshalb sollte jeder Arbeitnehmer dieses Preis-Leistungs-Verhältnis regelmäßig auf den Prüfstand stellen. Wie das Auto auch regelmäßig beim TÜV vorzustellen ist. Denn ohne neue Plakette wird das Fahrzeug schnell zum Stehzeug.

Deshalb: drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob er nicht doch was Besseres findet. Nicht weil es illoyal ist, sondern weil in jeder guten Beziehung jede Partei das Recht hat, die Qualität der Beziehung, die Basis des Arbeitsverhältnisses, wiederholt zu prüfen. So ist übrigens auch sichergestellt, dass sich beide umeinander bemühen und versuchen, das Beste zu geben. Und das will ein Arbeitgeber von seinem Mitarbeiter und dieser vom Arbeitgeber.

§ 9 Wird Ihr Depot nicht nach den Paragraphen 1 bis 8 geführt, bestrafen Sie Ihre Bank mit einem Anruf bei uns: 030-890 21 300

Das dahinter stehende Prinzip: Konsequenz.

Für den Führungsalltag bedeutet das:

Wird nicht nach den Paragraphen 1 bis 8 geführt, so ist der Chef umgehend von seiner Leitungsfunktion zu entbinden. Denn Führungskräfte, die nicht wirksam sind sowie nach klaren, fairen Prinzipien führen, gehören entmachtet!

Und hier noch einmal alle Prinzipien in der Übersicht

Prinzip Bedeutet für die Mitarbeiterführung
Autonomie Das Verhalten des Mitarbeiters ist unantastbar, d.h. von außen nicht zu verändern. Dies zu respektieren ist die oberste Pflicht einer guten Führungskraft.
Moralität Kein Mitarbeiter darf von einem Chef zu einer Handlung animiert werden, die nicht im Interesse des Unternehmens liegt.
Potenzialausschöpfung Jeder Mitarbeiter hat das Recht auf ein hohes Einkommen. Der Chef unterstützt den Mitarbeiter dabei nach Kräften.
Zurechenbarkeit Sämtliche Leistungen, die der Mitarbeiter erbringt, werden nur ihm angerechnet. Der Chef schmückt sich hier nicht mit fremden Federn, sprich der Leistung seines Mitarbeiters, sondern überlässt diesen den Triumph für gezeigte Leistung.
Chancengleichheit Auch Mitarbeiter mit geringer Qualifikation werden genauso in ihrer persönlichen Weiterentwicklung gefördert wie intellektuelle, hochbegabte Mitarbeiter.
Leistungsorientierung Der Chef hat sich über den Leistungsstand jedes Mitarbeiters zeitnah und regelmäßig zu informieren und in für die gezeigte Leistung zu loben, mindestens jedoch zeitnah Feedback zu geben.
Fairness Der Chef behandelt seine Mitarbeiter fair, unabhängig von Alter, Geschlecht, Hautfarbe und Rasse. Lob und Anerkennung wird nur aufgrund gezeigter Leistung, nicht für Freundschaft, Verwandtschaft oder besonderen Status (Mitarbeiterkind, Kundenkind etc ) gegeben.
Wahlfreiheit Der Mitarbeiter hat für sich regelmäßig zu überprüfen, ob er mit seinem Chef und Arbeitgeber noch zufrieden ist, ob sein Arbeitsplatzpaket für ihn noch passt. Er hat das Recht, sich bessere Angebote einzuholen.
Konsequenz Wird nicht nach den Paragraphen 1 bis 8 geführt, so ist der Chef umgehend von seiner Leitungsfunktion zu entbinden.