Manchmal braucht die Wahrheit nur einen Mutigen, der sie ausspricht. Und interessanterweise ist das in vielen Fällen eine mutige Frau – so wie jetzt Meredith Whitney. Die Aktienanalystin der kanadischen Bank CIBC hatte den Mumm aufzuschreiben, was viele nur dachten: Ist Citigroups Dividende sicher? Mit ihrem kritischen Report, in dem sie analysierte, dass der Citigroup 30 Milliarden Dollar fehlen, um ihre Dividende zu halten, löste sie massive Kursrutsche an der Wall Street aus, was unter anderem der Sargnagel für die Karriere von Citi-Konzernchef Charles Prince war. Seitdem erhält Whitney allerdings auch jede Menge Beschimpfungen bishin zu Morddrohungen, wie sie sagt. Vielleicht hat sie das geahnt, vielleicht auch nicht. Aber abgehalten hat es sie auch nicht.

Sie erinnern sich vielleicht noch: Schon einmal waren es Frauen, die als Whistleblower bekannt wurden und die bis dato größten Skandale in Amerikas jüngerer Geschichte aufdeckten, die eine bei WorldCom, die andere bei Enron, die dritte beim FBI. Damals hießen die Mutigen Cynthia Cooper, Sherron Watkins und Coleen Rowley. Tatsächlich gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass es für Frauen wichtiger ist, dass sich ein Unternehmen an einen Ethikkodex hält und dass sie Wertekonflikte stressvoller empfinden als Männer. Ob Frauen generell auch mutiger sind als Männer, lässt sich indes nicht nachweisen.

Unbestritten aber ist: Mut ist eine Tugend. Erst Courage ermöglicht Integrität, Aufrichtigkeit, Kreativität und Vertrauen. Ohne Mut gäbe es keine eigene Meinung, keine unkonventionellen Entscheidungen, kein Ausbrechen aus der Routine, keinen Pioniergeist, keine Innovationen und kein Wachstum. „Am Mute hängt der Erfolg“, erkannte schon Theodor Fontane. Was freilich auch bedeuten kann, für seine Überzeugungen einzutreten – und dabei die Karriere auf Spiel zu setzen. Aber was wäre Mut schon ohne Risiko?

Zu einem gewissen Grad lässt sich dieser Schneid lernen. Psychologen vergleichen Mut gerne mit einem Muskel: Je mehr man ihn trainiert, desto stärker wird er. Tapferkeit wird ja auch nicht dadurch schlechter, dass sie weniger schwerfällt. Im Endeffekt ist Courage aber stets eine Frage des Willens, sie sich zu leisten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.