Haben Sie schon einmal einen Vorstand oder Top-Manager reden hören? Nicht? Ist vielleicht auch besser so. Denn verstanden hätten Sie vermutlich sowieso nichts. Und das liegt nicht an Ihnen, sondern am Kauderwelsch auf den Führungsetagen. Seit Jahresbeginn haben Kommunikationsforscher um Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim untersucht, wie verständlich die 30 führenden Manager Deutschlands auf Jahreshauptversammlungen sprechen. Ergebnis zur Halbzeit: Keiner spricht so verständlich wie René Obermann von der Telekom. Der Rest faselt größtenteils kryptisches Zeugs.
Immer wieder analysierten die Wissenschaftler den Abstraktheitsgrad der Reden, deren Fremdwortanteil und die Satzkomplexität. Verschmolzen das mit weiteren Merkmalen wie dem Fasse-Dich-Kurz-Index und ermittelten einen Verständlichkeitswert auf einer Skala von 0 (so verständlich wie eine Doktorarbeit) bis 10 (so verständlich wie Radio-Nachrichten). Um es kurz zu machen: Telekom-Chef René Obermann erreicht mit 7,2 Punkten Platz 1. Silber geht an Norbert Reithofer von BMW (6,5 Punkte), Platz drei erringt der Vorstandsvorsitzende von Infineon, Peter Bauer (5,9 Punkte).
Klare Verlierer gibt es aber auch: BASF-Chef Kurt Bock (3,2 Punkte) bleibt seinem Ruf als unverständlicher Manager treu. Der Chef des Sportartikel-Herstellers Adidas, Herbert Hainer, erzielte gerade mal 2,8 Punkte. Martin Blessing von der Commerzbank gar nur 2 Punkte. Und Olaf Koch vom Handelskonzern Metro faselt sich auf gerade mal 1,3 Punkte. Das Schlusslicht aber bildet Wolfgang Reitzle. Der Vorstandsvorsitzende des Industriegas-Produzenten Linde schaffte nur einen einzigen Punkt auf der Verständlichkeitsskala. Damit könnte er auf der nächsten Jahreshauptversammlung fast schon aus seiner Doktorarbeit zitieren. Den Unterschied würde vermutlich keiner merken…
Achso, warum der Großteil von Deutschlands Wirtschaftselite spricht, als käme sie aus Klingon? Professor Brettschneider hat da so eine These: „Die meisten Vorstandsvorsitzenden denken vor allem an Analysten und Wirtschaftsjournalisten, wenn sie auf der Hauptversammlung sprechen. Sie vergessen aber, dass sie auch in die breite Öffentlichkeit wirken können und legen deshalb viel zu wenig Wert auf kurze Sätze und gebräuchliche Wörter.“ Das war zwar auch ein langer Satz – aber auch ein verständlicher.

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interessierterUser
Super Artikel!
Kann man sich irgendwo die Reden anschauen oder gibt es den Orginaltext der Reden?
Jochen Mai
Die Originale der Reden könnte es auf den Webseiten der Konzerne geben – entweder im Pressebereich oder (falls das getrennt wird) bei den Informationen für Aktionäre: Geschäftsberichte, Berichte des Vorstands usw.
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BusinessLifeHack
Hall Jochen,
interessante Ergebnisse … Zielgruppe ist das richtige Stichwort. Es sind jedoch aus meiner Sicht nicht primär die Journalisten … Sie sind nur Vermittler der CEO-Botschaften an die eigentliche Zielgruppe.
Die eigentliche Zielgruppe für den CEO bilden für mich relevante Interessensgruppen (Stakeholder) des Unternehmens … Eine der wichtigsten Interessensgruppen sind die Anteilseigner. Daneben kann es noch weitere geben, wie den Staat, Umweltverbände, usw.
Bei der Telekom sind ca. 60% der Aktien im Streubesitz … also nur Groß- und Kleinanleger, keine Institutionellen Investoren … Bei der Linde AG sind “nur” 23% der Aktien im Streubesitz.
Herr Obermann muss also die “einfache” Sprache der Mehrheitszielgruppe sprechen, weil er sonst seinen Posten aufs Spiel setzt.
Herr Reitzle … mit ca. 77% institutionellen Investoren … könnte es sich wahrscheinlich tatsächlich leisten, seiner Mehrheitszielgruppe aus seiner Doktorarbeit vorzulesen, weil ihn “vermutlich” die meisten verstehen würden.
Bin gespannt auf weitere Artikel
Jochen Mai
Hallo, das stimmt natürlich. Aber es klingt auch ein bisschen wie eine Entschuldigung. Wäre es nicht schön, die CEOs würden so sprechen, dass sie jede potenzielle Zielgruppe versteht? Und ich meine, das geht. Denn nur weil einer ein “Institutioneller” ist, heißt das ja nicht, dass er alles versteht oder dass das Gesagte auch klug ist. Wir Deutsche neigen leider dazu, Menschen die kompliziert-kryptisch quatschen können, zu bewundern. Weil sie es nicht verstehen, fühlen sich viele dumm und unterstellen dem anderen eine höhere Intelligenz. Dabei ist es genau andersrum: Wer intelligent ist, kann so sprechen, dass ihn auch die Putzfrau versteht – aber das Gesagte hat so viel Substanz, dass ihn der Professor immer noch ernst nimmt.
BusinessLifeHack
Jochen, du hast vollkommen Recht … Aber in kurzen und leicht verständlichen Worten zu reden ist eine Königsdisziplin, die (noch) nicht jeder beherrscht … Außerdem hätten wir nur halb so viel Spaß dabei uns solche lehrreichen Video anzusehen ;-)
Jochen Mai
Haste auch wieder Recht. Allerdings meine ich halt auch: Wer siebenstellig im Jahr verdient, von dem darf man auch erwarten, dass er sich verständlich ausdrücken kann (oder entsprechend schulen lässt). Es ist ein bisschen die Arroganz der Führungselite, dass sie meint: Wenn’s der Hörer nicht versteht, ist es dessen Fehler.
Michaela Albrecht
Viele Menschen reden auch deshalb so unverständlich, weil sie hoffen, man halte sie dann für klüger. Sie verstecken sich hinter den Worten – dies gilt z.B. für Anwälte (von dieser Spezies kenne ich aus meinem “früheren Leben” noch viele).
Viele Einzelunternehmer mühen sich extra ab, einfache Inhalte in eine komplizierte Sprache zu übersetzen. Dies sind übrigens oft genau dieselben Menschen, die die Texte auf meiner Website so toll finden, weil sie eben einfach geschrieben sind.
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