Stolz-gesunder-Stolz
Alle haben eins. Nur entscheidet die Größe darüber, ob es gesund ist oder nicht. Die Rede ist vom Ego. Und das geht Hand in Hand mit einem starken Gefühl: Stolz. In gesundem Maß fördert Stolz Ehrgeiz, Ideen, persönlichen Erfolg. Wer dabei jedoch nicht aufpasst, dem wächst er über den Kopf. Aus einem aufgeblähten Ego erwächst nur selten etwas Gutes, dafür gerne eine veritable narzisstische Störung. Dann sorgt übermäßiger Stolz dafür, dass wir daran glauben, der Erfolg sei tatsächlich unsere Alleingeburt oder wir seien die masters of the universe. Und je größer der Ruhm und je länger der Applaus, desto mehr wird aus unserem Stolz auf Erreichtes eine gefährliche Attitüde und ein krankhafter Charakterzug...

Stolz und Vorurteil: Die Definition von Stolz

Stolz-Eitelkeit-EgoStolz ist eine elementare Emotion, die uns angeboren und nicht anerzogen ist. Er ist Teil unseres Ich-Bewusstseins, aber auch Teil des sozialen Bedüfnisses nach Zugehörigkeit und (Be)Achtung. Das Gefühl ist zudem international gleich und äußert sich in allen Kulturen durch gleichartige Gesten und Gebärden, wie zum Beispiel eine aufrechte Körperhaltung.

Oft haftet ihm ein negativer Beigeschmack an. Dabei muss man da ein wenig differenzieren. Stolz kennt durchaus zwei unterschiedliche Formen: eine gesunde und gesellschaftlich anerkannte - und den ungesunden bis neurotischen Stolz:

  • Gesunder Stolz und Zufriedenheit (mit sich selbst) bilden oft eine Symbiose. Wer stolz auf etwas ist, ist es in der Regel auf Geleistetes - verbunden mit der Gewissheit, dass dies auch wirklich etwas Besonderes und Anerkennenswertes ist. Hinter diesem Stolz steckt meist eine große Anstrengung, vielleicht auch Entbehrung, die am Ende zu einem angestrebten Ziel geführt hat, dass auch den eigenen Werten entspricht. In der Folge können die Betroffenen stolz auf ihre Arbeit und auf sich selbst sein - ebenso wie auf ihre Talente oder die Fähigkeit, derlei Erfolge immer wieder erzielen zu können.
  • Ungesunder Stolz (oder falscher Stolz) wird meist synonym verwendet mit Arroganz und Eitelkeit, mit Hochmut und Überheblichkeit. Wird er verletzt, neigen Betroffene zu Empörung und Trotzreaktionen bis hin zu aggressiven Abwehrhandlungen oder gar zur Rache und sinnen auf das Gefühl der späten Genugtuung. Neurotischer Stolz wiederum kann dazu führen, dass Betroffene stolz auf etwas sind, was sie gar nicht selber geschaffen haben oder aber darauf, besonders destruktive Leistungen erbracht zu haben - wie etwa Hater, Trolle und Trickbetrüger, die stolz darauf sind, möglichst viele übers Ohr gehauen zu haben.

Einerseits treibt gesunder Stolz also die Menschen an, das Beste aus sich herauszuholen. Er belohnt sie ebenso, wie er sie beflügelt. Selbst im Ehrgeiz steckt eben immer auch eine gute Portion Stolz.

Ebenso verführt er aber auch zu Hochmut, zu Arroganz und Herrschsucht. Zuviel Stolz tut dem Menschen nicht gut: Erst katapultierte er ihn aus dem Paradies, dann zettelte er zahlreiche Kriege und Vendettas an.

Stolz versus Eitelkeit

Der Schweizer Professor für Neue Politische Ökonomie, Guy Kirsch, differenziert sogar die Begriffe Stolz und Eitelkeit. Er sagt:

Der eitle Mensch will, im Gegensatz zum stolzen Menschen, auch für Eigenschaften oder Attribute bewundert werden, die er gar nicht hat. Der Stolze möchte bewundert werden, etwa weil er ein Buch geschrieben hat; der Eitle erwartet die Bewunderung seiner Mitmenschen, weil ein Buch veröffentlicht worden ist, auf dessen Einband sein Name prangt, das aber in Tat und Wahrheit ein namenloser Skribent produziert hat.

Man könnte auch sagen: Wer eitel ist, will besser dastehen als er ist. Damit hat der Eitle viel mit dem Narziss gemein. Beiden haftet der Hautgout des betrügerischen Mehr-Schein-Als-Sein-Antriebs an. Beide verführen zu übertriebener Selbstbehauptung und Selbstdarstellung.

Damit will der Eitle vor allem von anderen bewundert werden – und zwar wegen Talenten, die er an sich gerne sähe und auf die er dann besonders stolz ist:

  • Körperliche Attraktivität (egal wodurch)
  • Beruflicher Erfolg (egal wie erzielt)
  • Intelligenz (egal wobei)
  • Reichtum und Statussymbole (egal wie echt)
  • Macht (egal gegenüber wem)

Das eitle, neurotische Ego plustert sich allerdings auch dann auf, wenn es tatsächlich etwas besser weiß oder kann, dies aber vor allem dazu nutzt, um sich gegenüber anderen zu erhöhen. Solche Menschen brauchen ganz offenbar das wiederholte Gefühl der Überlegenheit, um so von der eigentlichen Persönlichkeitsstörung und einem veritablen Minderwertigkeitskomplex abzulenken.

Typische (und im Internet immer wieder zu beobachtende) Verhaltensweisen sind zum Beispiel:

  • Sich an nebensächlichen Tippfehlern delektieren - nicht, um etwas freundlich zu korrigieren, sondern um eigene sprachliche Überlegenheit zu dokumentieren.
  • Sich als Internet-Polizei gerieren und das Deutungsmonopol für irgendwelche Fachdefinitionen reklamieren.
  • Sich in der Rolle des Kritikers gefallen, der sich durch sein Besserwissen erhöht, aber selbst dabei stets unangreifbar bleibt.

Niederlagen in anschließenden Diskussionen oder Hinweise auf die Unverhältnismäßigkeit werden von den Betroffenen zugleich als persönlichkeitsvernichtende Degradierung empfunden. Um der Herabstufung zu entgehen, reagieren sie daher mit übermäßiger Verteidigung, Gegenangriffen, persönlichen Anfeindungen und Abwertungen.

Sachlich argumentieren lässt sich mit so jemandem freilich nicht. Sollte man vielleicht auch nicht.

Karrierefaktor Stolz: Frauen profitieren

Stolze-Frau-KarrierefaktorFrauen wird mehr Führungsvermögen zugetraut, wenn sie auf erreichte Erfolge stolz sind. Wirken sie hingegen fröhlich, wird ihnen weniger Führungswille zugesprochen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Technischen Universität München (TUM), die die Auswahl und Beurteilung von Führungskräften untersuchte.

Besser verhandeln, Netzwerke knüpfen, Karrierestrategien entwerfen – das alles reiche Frauen nicht beim Aufstieg, sagt Studienleiterin Isabell Welpe vom Lehrstuhl für Strategie und Organisation der TUM. Dabei ließen die Frauen - leider - die Stereotype außer Acht, die bei der Einschätzung von Spitzenpersonal im Unterbewusstsein eine entscheidende Rolle spielen würden: Führungskräfte sollen durchsetzungsstark, dominant und hart sein. Frauen aber gelten als ausgleichend, freundlich, sozial.

Fatal. In mehreren Studien stellten die Wissenschaftlerinnen fest, wie dies zur Karrierebremse wird: So sollten zum Beispiel Probanden das Potenzial einer möglichen Führungskraft einschätzen. Dabei zeigte sich, was viele längst vermuten: Gleiches Verhalten von Frauen und Männern in Führungspositionen wird dennoch unterschiedlich beurteilt: Bekamen in einem Szenario Angestellte beispielsweise eine Aufgabe übertragen, erwarteten die Probanden prompt ein besseres Ergebnis, nur weil ein Mann die Arbeit delegiert hatte. Keine Frage, das ist dumm und ein Klischee dazu. Aber leider hält es sich genauso hartnäckig wie Kaugummi am Schuh.

In einem anderen Szenario gaben die Vorgesetzten ihren Mitarbeitern mal mehr, mal weniger Entscheidungsfreiheit. Aus Sicht der Mitarbeiter eine gute Sache, nahezu alle Probanden wünschten sich Führungskräfte, die mehr Freiheiten gewähren. Doch auch hier zeigten sich deutliche Geschlechter-Vorurteile: Weibliche Vorgesetzte, die wenig delegierten, schnitten schlechter ab als männliche Chefs mit dem gleichem autoritären Verhalten.

Isabell Welpe dazu:

Männern in Führungspositionen wird nach wie vor mehr Durchsetzungsfähigkeit gegenüber ihren Mitarbeitern zugetraut. Überraschend ist, dass manche Stereotype gegenüber Frauen bei den Frauen selbst sogar ausgeprägter sind – wenn sie etwa einen dominanten Führungsstil bei Männern eher akzeptieren.

Die TUM-Wissenschaftlerinnen untersuchten in der vorliegenden Studie nun aber auch, welche Rolle Emotionen dabei spielen. Wieder sahen die Probanden diverse Szenarien, in denen Männer und Frauen mal fröhlich waren, mal Stolz auf die eigene Leistung oder aber keinerlei Emotionen zeigten. Und siehe da: Diejenigen, die stolz wirkten, wurden sofort als führungswilliger beurteilt. Dieser Effekt war bei den Frauen noch stärker ausgeprägt als bei den Männern.

4 Warnzeichen, dass das Ego zu groß wird

Ego-Superheld-StolzWird Stolz zu groß, bläht er das Ego auf. Das kann sogar in eine Abhängigkeit führen. So werden Egomanen etwa ganz unterschiedliche Eigenschaften nachgesagt: Sie suchten in erster Linie Fans, keine Kollegen; sie gierten nach Anerkennung und Aufmerksamkeit; gäben gerne vor, alles zu können, machen sich selbst aber nie die Hände schmutzig... Für sie zähle nur der kurzfristige Erfolg, durch den sie kurzfristig ins Rampenlicht geraten - mehr als echte Substanz...

Natürlich sind das extreme Ausprägungen. Nicht jeder neigt gleich zu einem solch überdimensionierten Ego – teils schon aus Mangel an Möglichkeiten. Allerdings gibt es durchaus ein paar frühe Warnhinweise für Windmaschinen in spe:

  1. Ruhmsucht

    Nach Erfolg zu streben, ist gut. Diesen aber nur noch zu suchen, um sich Anerkennung und Respekt zu sichern, ist ungesund. Hier wird Ursache mit Wirkung verwechselt. Nicht selten, neiden solche Menschen auch den Erfolg anderer. Erkennbar wird es daran, dass sie deren Ideen oder Projekte kategorisch denunzieren oder ihnen widersprechen wo es geht. Der Trugschluss dahinter ist eine Art Nullsummenspiel: Bekommen andere weniger Beifall, fällt umso mehr für mich ab. Blödsinn!

  2. Konkurrenzdenken

    Wer sich permanent mit anderen vergleicht, verfällt bald in Konkurrenzdenken. Alle anderen sind dann nur noch Wettbewerber, gegen die es sich durchzusetzen gilt und die man niederringen muss. Jede Debatte, jede Konversation, jede Verhandlung mutiert so zu einer Kampfarena.

  3. Prahlerei

    Auch die brillanteste Idee kann von den persönlichen Talenten überschattet werden – falls man diese in den Vordergrund stellt. Seine eigene Cleverness zu betonen, zeugt jedoch selten von selbiger. Und sie macht auch nicht sonderlich sympathisch. Davon abgesehen wirkt Geltungsdrang wie eine Droge, die ständig eine höhere Dosierung benötigt, um noch zu wirken.

  4. Defensive

    Wer meint, seine Ideen ständig verteidigen zu müssen – auch gegen konstruktive Kritik –, isoliert sich und gerät eher früher als später in eine Abwehrhaltung. Dasselbe gilt für jene, die Kritik nahezu immer persönlich nehmen und deshalb sofort zurück schießen. Entsprechend schlecht sind Narzissten darin, langfristige oder gar verlässliche Beziehungen aufzubauen. Sie benötigen ständig neue Fankreise – oder wenn sie es schon recht weit gebracht haben: wechselnde Bewunderer und Bestätigungen, sei es durch wachsende Boni oder dankbare Betätigungsfelder mit viel Ruhm inside.

Natürlich würde ein Egomane nie zugeben, dass er genau diese Dinge an sich beobachtet. Jedenfalls nie öffentlich. Aber ein bisschen Selbstreflexion zwischendurch schadet auch dem gesunden Ego nicht...

Männer pimpen ihr Ego mit mächtigen Bekannten

Kann man sich selbst für mächtiger halten, nur weil man jemanden kennt, der Macht besitzt? Kurze Antwort: Ja, vor allem Männer können das. Anhand mehrerer Experimente konnte Noah J. Goldstein von der Anderson School of Management an der Universität von Kalifornien in Los Angeles nachweisen, dass es bei Männern so etwas wie die Illusion eines Machttransfers gibt. Oder kurz: Männer pimpen ihr Ego gerne mal mit einflussreichen Verbindungen.

Tatsächlich fühlen sich Männer sofort mächtiger, optimistischer, selbstsicherer, sobald sie eine hauchdünne Verbindung zu jemandem mit Macht verspüren. Frauen tun das nicht. Was definitiv für den Realismus und die Bodenständigkeit der Frauen spricht. Allerdings zeigte sich bei den Studien auch, dass sich Frauen generell machtloser bis ohnmächtiger fühlen als Männer, was wiederum ein Handicap sein kann.

Entscheidend für das Ausmaß des Effekts war, ob sich die (männlichen) Probanden eher in einer kooperativen oder eher konkurrierenden Beziehung zu ihrem machtvollen Gegenüber sahen. Klar, je kooperativer die Situation, desto stärker war die Illusion der geliehenen Macht.

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