JoachimRumohrEin Interview mit Joachim Rumohr, einem der bekanntesten Xing-Experten Deutschlands

Joachim Rumohr bezeichnet sich selbst als Deutschlands Xing-Experte Nummer 1. Tipps und Tricks für das Aufbessern Ihres Xing-Profils wurden ihm hier schon entlockt, zum Thema ist inzwischen auch eine DVD von ihm erschienen. Ich wollte nun wissen, ob und welchen Nutzen Absolventen aus der Online-Plattform ziehen können und wie man die einzelnen Funktionen am besten handhaben sollte.

Lohnt sich Xing auch schon für Studenten und Absolventen?

Aus meiner Sicht kann man gar nicht früh genug anfangen ein Netzwerk aufzubauen und sich mit seinen Kontakte zu verknüpfen. Xing hatte in 2009 – zu Zeiten der Wirtschaftskrise – einen enormen Zulauf an Mitgliedern. Diese kamen jedoch aus meiner Sicht viel zu spät, denn ein Netzwerk muss man aufbauen, bevor man es braucht. Und gerade für Studenten und Absolventen ist die Kontaktaufnahme zu möglichen Arbeitgebern und Praktikumsplätzen auf Xing wesentlich leichter und direkter möglich. Und einen solchen Praktikumsplatz oder Job zu bekommen, wird umso einfacher, wenn man zur Wunschfirma schon einen Zugang hat, weil dort jemand arbeitet, der einen kennt, den man auch kennt. Die größte Gruppe auf Xing ist übrigens mit fast 120.000 Mitgliedern die Gruppe Absolventen – Gesuche und Angebote.

Das könnte auch in der Werbebroschüre von Xing stehen. Wie viele Absolventen finden denn wirklich einen Job über das Netzwerk?

Das kann ich nicht sagen, denn ich führe darüber keine Umfragen durch und habe zu wenig Kontakt zu Studenten und Absolventen, um hier eine verlässliche Aussage treffen zu können. In der oben genannten Gruppe sind allerdings bereits über 10.000 Artikel im Unterbereich Angebote – Einstiegspositionen geschrieben worden. Das spricht zumindest für ein hohes Angebot.

Lassen Sie mich anders fragen: Wie viele Personalverantwortliche durchsuchen denn das Netzwerk tatsächlich nach Kandidaten?

Wie viele es tatsächlich sind, lässt sich ebenfalls nur raten, denn auch hierzu gibt es keine offiziellen Zahlen von Xing. Man weiß jedoch aus anderen Veröffentlichungen, dass rund 70.000 Mitglieder auf Xing mit dem Personalbereich zu tun haben, und ich denke aufgrund der vielen nützlichen Funktionen für Recruiter dürfte es kaum noch welche geben, die Xing dann nicht auch systematisch nutzen.

Einerseits soll der dortige Lebenslauf möglichst vollständig sein, andererseits glänzt Xing nicht unbedingt mit hoher Datensicherheit. Wie denken Sie über diese Zwickmühle?

Es kann doch jeder selbst entscheiden, was er in seinem Profil veröffentlicht. Ich habe lieber ein komplett offenes Profil, bei dem ich weiß welche Felder von jedem gesehen werden können, als das mir der Anbieter verspricht, dass nur bestimmte Personen bestimmte Daten sehen können, und dann ist es hinterher doch nicht so. Die Zwickmühle besteht eher darin, dass man als Kandidat etwas von sich preisgeben möchte, aber vielleicht eben nicht alles. Das hat aber nichts mit Datensicherheit zu tun, sondern mit der Entscheidung, wo ich selbst die Grenze ziehe. Ich gebe in meinen Xing-Seminaren immer eine einfache Definition für die Teilnehmer heraus und die können wir auch hier ansetzen: Ich empfehle alles ins Profil zu schreiben, was man einem wildfremden Menschen bei einem ersten Treffen auf der Straße auch erzählen würde.

Welche Stationen gehören in den Online-Lebenslauf und welche nicht?

Auch wenn das eher eine Frage für einen Personalberater ist, wage ich eine Antwort: Aus meiner Sicht sollte sich der Online-Lebenslauf nicht vom echten unterscheiden. Das kommt spätestens beim Vorstellungsgespräch raus. Mehrere ähnliche Tätigkeiten oder Praktika kann man aus meiner Sicht durchaus zu einem Eintrag zusammenfassen, damit das Profil nicht zu unübersichtlich wird. Und Stationen auszulassen und dadurch Lücken im Lebenslauf zu haben, geht aus meiner Sicht nicht. Wer nicht möchte, dass das sichtbar wird, muss halt auf Anfrage hineinschreiben. Klar ist allerdings, dass einen dann manche Jobvorschläge auf Xing nicht finden. Denn so funktioniert zum Beispiel die Powersuche nach ehemaligen Kollegen nicht, wenn man die entsprechende Firma nicht im Profil eingetragen hat. Zudem kann die Berufserfahrung nicht richtig berechnet werden.

Wird es denn honoriert, wenn zusätzliche Dokumente wie Zertifikate oder Arbeitszeugnissse hinterlegt werden?

Ich denke je aussagekräftiger ein Profil ist, desto eher erfolgt eine Kontaktaufnahme. Ich hatte vor kurzem die Wahl zwischen zwölf verschiedenen Kooperationspartnern und habe mich für den mit dem besten und klarsten Text im Feld Ich biete entschieden.

Seit kurzem gibt es eine neue Funktion auf Xing: Nutzer können sich Referenzen von Mitgliedern ausstellen lassen. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Leider wird diese Funktion von vielen Mitgliedern nicht verstanden und bis heute werden meines Wissens weitere Einträge in der Berufserfahrung in den Referenzen nicht zur Auswahl gestellt. Ich glaube aber, dass Empfehlungen und Referenzen im Berufsleben und bei der Jobsuche immer wichtiger werden. Es dauert nur noch ein wenig, bis das bei den Mitgliedern angekommen ist. Daher empfehle ich Angestellten immer auch eine Referenzanfrage beim ehemaligen Arbeitgeber zu stellen. Selbständige sollten aber darauf verzichten. Hier sollten die Referenzen von allein kommen oder bestenfalls, weil man selbst in seinem Netzwerk bereits einige gegeben hat und deshalb welche zurückbekommt. Dies bedeutet jedoch nicht sich gegenseitgig Referenzen zu schreiben. Eine Referenz sollte immer authentisch und ehrlich sein.

Diskutiert werden immer wieder die Felder Ich suche und Ich biete. Wie wichtig sind diese Felder? Wie sollten sich Bewerber dort präsentieren?

Auch hier sollte man realistisch sein. Dazu empfehle ich diesen Ausschnitt (Youtube) aus meiner DVD zum XING-Profil. Ein Bewerber sollte sich selbst als das Produkt ansehen und sein Schaufenster entsprechend gestalten. Utopische Aussagen schrecken aus meiner Sicht eher ab.

Und was ist mit der Mitgliedschaft in den dortigen Gruppen? Die Qualität variiert ja stark. Welche Gruppen würden Sie Studenten und Absolventen empfehlen?

Ich vergleiche diese Gruppen gern mit Diskussionen in Cafés oder in einem Club. Man geht mal hin und schaut es sich an, lernt ein paar Leute kennen und führt ein paar Gespräche. Verläuft alles positiv, kommt man wieder und wird vielleicht sogar ein Stammgast. Wird man jedoch mit den Anwesenden nicht warm und findet keinen gemeinsamen Nenner, sucht man sich Alternativen. Genau so sollte man es auf Xing machen. Erstmal Mitglied werden und mitlesen. Nach einer gewissen Zeit einen ersten Artikel schreiben und die Reaktionen abwarten. Wenn alles passt: Stammgast werden. Die Art der Gruppen ist abhängig von den eigenen Zielen, Kenntnissen und Hobbys. Ich habe für mich selbst eine Mischung aus Gruppen in denen ich mich mit dem Thema gut auskenne, in einigen Gruppen bin ich der Fragende und dann gibt es noch zwei, drei Hobbygruppen in denen ich mich austausche. Denken Sie immer daran, Persönliches zählt – Geschäftliches ergibt sich – und das gilt nicht nur auf dem Golfplatz! Machen Sie etwas, was Ihnen Spaß macht und treffen Sie sich mit Leuten, denen das ebenfalls Spaß macht. Solche Verbindungen sind Gold wert und können so manche Tür ganz unproblematisch öffnen.

Der Bereich Über mich wird oft stiefmütterlich behandelt. Welche Potenziale stecken wiederum dort?

Gerade hier hat man viel Platz, Chancen kreativ zu sein und viel Text unterzubringen. Viele schreiben im Feld Ich biete ganze Romane. Halten Sie den Teil lieber kurz und verweisen zum Abschluss auf die Über-mich-Seite. Das hat nicht nur den bereits beschriebenen Vorteil, sondern bietet Ihnen auch die Möglichkeit, zu sehen, wer sich wirklich für Sie interessiert hat. Ein Profilbesucher kann sich drei Sekunden oder drei Minuten auf Ihrem Profil aufgehalten haben. Sie wissen es nicht. Klickt er jedoch auf die Über-mich-Seite, hat er sich wirklich für Sie interessiert. Und das Tolle ist, dass Sie als Premium-Mitglied über die Powersuche-Funktion sogar sehen können, wer Ihre Über-mich-Seite aufgerufen hat. Diese Personen können Sie dann ganz gezielt ansprechen und Kontakt aufnehmen. Das ist – um im Bild eines Ladengeschäftes zu bleiben – so, als ob derjenige den Laden betreten hat. Spätestens jetzt sollte man auf ihn zugehen und ihn freundlich ansprechen.