Selfijobs: Warum das Job-Tinder keine gute Idee ist

Es ist gut vier Monate her, da hat der schwedische Gründer Martin Tall die App Selfiejobs auf den Markt gebracht. Das ist eine Art Tinder bei der Jobsuche: Wie bei der Dating-App legen Arbeitgeber und Bewerber dort Kurzprofile mit Bild oder Video an. Dann wird gewischt: nach links, wenn man den Job oder Kandidaten ablehnt; nach rechts bei einem Match. In dem Fall können beide anschließend in Kontakt treten… Eine gute Idee? Mitnichten!

Selfijobs: Warum das Job-Tinder keine gute Idee ist

Wisch und weg: Selfiejobs verbindet die Falschen

Mit dem Erfolg der Rendezvous-App Tinder gibt es zwangsläufig auch viele Nachahmer, die das Modell adaptieren. Eine deutsche Variante von Selfiejobs ist zum Beispiel Truffls. Beide funktionieren ähnlich, sind zweifellos ein guter Gag und schaffen sich damit kurzfristig viel Aufmerksamkeit.

Eine gute Idee für die Jobsuche ist das aber nicht. Auch wenn sich bei Selfijobs inzwischen angeblich schon 2800 Arbeitgeber und rund 15.000 Kandidaten gegenüberstehen – es bleibt Unsinn, wenn auch ein amüsanter.

Gleich mehrere Gründe sprechen dagegen:

  1. Es geht nur um einen Quickie.

    Ein Unternehmen, das hier Kandidaten rekrutiert, sollte sich bewusst sein, wie es ausgewählt wurde: Da sucht jemand einen Job per Wisch und weg. Ist das wirklich der Bewerber, der sich für das Unternehmen, dessen Produkte, Werte, Kultur interessiert oder einfach nur ein Opportunist? Oder als Allegorie zu Tinder: Sucht hier jemand eine echte Beziehung oder nur schnellen Sex?

  2. Es geht nur um Lückenbüßer.

    Umgekehrt müssen sich Kandidaten fragen: Reichen ein paar Sekunden wirklich aus, um meine Talente, meine Qualifikationen und meine Motivation zu erfassen? Zugegeben, die Frage ist rhetorischer Natur. Aber wer sich schon bei der schriftlichen Bewerbung ärgert, dass seinem Lebenslauf in der Regel kaum mehr als ein paar Minuten Aufmerksamkeit geschenkt werden, wird hier bestimmt nicht glücklicher. Hochqualifizierte dienen dabei allenfalls als kurzfristige Lückenfüller in der Belegschaft. Fachkräfte und Führungsnachwuchs wird so sicher nicht rekrutiert.

  3. Es geht um die eigene Reputation.

    Wer am Ende zusammenpasst – das basiert bei den Job-Tinder-Varianten letztlich auf einem intuitiven Bauchgefühl. Platz ist dort nur für wenige Angaben zu Name, Alter, Wohnort und zwei Stärken. Ausschlaggebend ist womöglich sogar noch die Optik vor der Qualifikation. Und das soll reichen, um einen Personaler zu überzeugen? Mehr noch: Wer hier ein Profil hat (was damit auch von jedem gefunden werden kann), schadet seiner Reputation nachhaltig – Arbeitgeber wie Arbeitnehmer. Denken Sie an Ihr Personalbranding: Was sagt das über Bewerber aus, die hier ein Profil haben? Sie verkaufen sich für eine schnelle Nummer – vor allem aber unter Wert, für einen Spaß. Gefährlich! So mancher Headhunter dürfte von solchen Kandidaten schnell Abstand nehmen…

[Bildnachweis: Halfpoint by Shutterstock.com]
3. Juni 2015 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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