Ausbildung mit Abitur: Lohnt sich das?
Abitur, Studium, Karriere - so sieht der traditionelle Werdegang vieler junger Menschen, zumindest nach der Vorstellung konservativ orientierter Eltern, aus. Die Realität hat dieses einstige, und seit jeher zweifelhafte, Ideal jedoch längst hinter sich gelassen. Immer mehr Abiturienten liebäugeln statt einem Studium auch mit einer Ausbildung und ziehen diese ernsthaft in Erwägung. Doch lohnt sich eine Ausbildung mit Abitur überhaupt? Und wenn ja, wann und für wen?

Ausbildung: Abiturienten sind (teilweise) herzlich willkommen

Goodluz/Shutterstock.comIrgendetwas scheint Abiturienten am Ausbildungsweg anzuziehen. Der Berufsbildungsbericht 2015 zeigt, dass trotz eines leichten Rückgangs über 45 Prozent aller Abiturienten einen Ausbildungsplatz anstreben. Sie machen damit mehr als 25 Prozent aller neue abgeschlossenen Ausbildungsverträge aus, wie die unten eingebundene Statistik zeigt.

Wirklich überraschend ist das nicht, beklagen Schüler mit Real- und Hauptschulabschluss doch bereits seit einigen Jahren ihre immer schlechter werdenden Chancen in bestimmten Branchen. Ein wichtiger Grund dafür sind die von vielen Unternehmen deutlich angehobenen Einstellungskriterien für Azubis.

In vielen Branchen und Ausbildungsberufen ist ein Abitur inzwischen fast verpflichtend, Bewerber mit Realschulabschluss müssen hervorragende Noten aufweisen und Bewerber mit Hauptschulabschluss haben fast gar keine Chance mehr. Diese durchaus diskussionswürdige Entwicklung betrifft vor allem Berufe im Finanz- und Bankensektor und im kaufmännischen Bereich. Hier legen Unternehmen gesteigerten Wert auf einen hervorragenden Schulabschluss.

In handwerklichen Berufen und Ausbildungsberufen im industriellen Bereich sieht die Lage ein wenig anders aus. Hier stehen die Chancen von Abiturienten verhältnismäßig schlecht. Bewerber mit Real- und Hauptschulabschluss haben aufgrund ihres größeren Praxisbezuges, auch wenn dieser vielleicht nur vermutet wird, bessere Karten.

Berufsbildungsbericht_2015_Ausbildung_Abitur_pdf

Ausbildung mit Abitur: Wann und für wen sie sich lohnt

Die eingangs gestellte Frage lässt sich daher recht einfach beantworten: Ja, eine Ausbildung mit Abitur lohnt sich... für eine bestimmte Gruppe von Abiturienten und Bewerber. Ob Sie dazu gehören, hängt von einigen Faktoren ab. Die wichtigsten:

  • Wollen oder können Sie direkt nach dem Abitur in die eher selbstbestimmte Studienorganisation einsteigen?
  • Haben Sie Spaß an der Erarbeitung theoretischen Wissens oder brauchen Sie den Praxisbezug, um effektiv zu lernen?
  • Ist die Dauer der verschiedenen Studiengänge, die oft über der Ausbildungsdauer liegt, für Sie in Ordnung?
  • Liegen Ihre schulischen und persönlichen Stärken in Bereichen, die Ihrer Wunsch- oder Zielausbildung entgegenkommen?
  • Bevorzugen Sie einen schnellen Berufseinstieg gegenüber, perspektivisch, besseren Verdienstmöglichkeiten?

Die letzte Frage mag für den einen oder anderen provozierend klingen, wird jedoch sowohl durch eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung als auch durch den OECD Bildungsbericht 2014 gestützt. Beide zeigen, das Akademiker im Laufe ihrer Karriere (deutlich) mehr verdienen als Kollegen ohne Studienabschluss. Das ist jedoch nicht unbedingt ein Argument gegen eine Ausbildung nach dem Abitur. Denn die Zahlen gelten nur für Arbeitnehmer, die ihre gesamte Karriere ohne Studienabschluss bestreiten. Doch Arbeitnehmer mit Ausbildungsabschluss verdienen deutlich früher Geld als die akademischen Kollegen und können den Studienabschluss später aufbauend und/oder berufsbegleitend nachholen.

Eine Ausbildung mit Abitur eignet sich also vor allem dann für Sie, wenn Sie nach der Schule Praxisluft schnuppern und Ihr Wissen direkt anwenden wollen. Aus rein finanziellen Gründen kann eine Ausbildung sogar einem dualen Studium überlegen sein. Die Ausbildungsvergütungen liegen in vielen Bereichen zwar auf dem Level dualer Studenten. Doch in der Regel gibt es deutlich mehr Ausbildungsplätze als duale Studienplätze. Ihre Chancen sind daher als Abiturient bei der Suche nach einer Ausbildung besser - wenn Sie die Suche passend vorbereiten.

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Bewerbung um eine Ausbildung: Tipps für Abiturienten

Bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz sollten Sie sich als Abiturient idealerweise auf die oben genannten Ausbildungsberufe im Finanz- und Bankensektor oder dem kaufmännischen Bereich konzentrieren. So können Sie Ihre Bewerbungschancen im Vergleich zu anderen Branchen deutlich verbessern. In diesen Branchen können Sie sich mehr oder weniger normal auf einen Ausbildungsplatz bewerben. Das bedeutet:

  • Sie machen im Bewerbungsschreiben deutlich, was Sie an der Ausbildung reizt und warum das Unternehmen für Sie als Ausbildungsträger attraktiv ist.
  • Sie zeigen auf, welche praktische Erfahrung oder Berührungspunkte Sie bereits zur Ausbildung haben.
  • Sie führen in Ihrem Lebenslauf neben den schulischen Stationen auch alle relevanten Praktika und Ehrenämter auf.
  • Sie recherchieren das Unternehmen vor der Bewerbung gründlich und passen die Bewerbung entsprechend an.

Wollen Sie sich jedoch auf einen Ausbildungsberuf bewerben, in dem traditionell eher Bewerber mit Real- oder Hauptschulabschluss eingestellt werden, beispielsweise im Handwerk, sieht die Lage ein wenig anders aus. In diesem Fall sind Ihre praktischen Erfahrungen und Ihre Affinität für die Ausbildung und den Beruf essentiell. Um ein etwas plakatives Beispiel zu wählen:

Wollen Sie unbedingt eine handwerkliche Ausbildung im Metallbereich machen, sollten Sie im Vorfeld bereits Erfahrung im Umgang mit Metall haben. Selbst wenn diese Erfahrung rein aus dem Hobbybereich oder aus Praktika stammt, ist sie wichtig und sollte sich in Ihrer Bewerbung prominent wiederfinden. Ergänzend spielt Ihre Motivation für gerade diese Ausbildung eine entscheidende Rolle. Was treibt Sie dazu, sich für genau diesen Weg zu entscheiden? Warum handelt es sich um Ihre Wunschausbildung? Welche Aspekte faszinieren Sie? Können Sie diese Fragen beantworten, stehen Ihre Chancen gut.

Bewerben Sie sich mit Abitur auf eine Ausbildung, könnten einige Unternehmen Sie als überqualifiziert oder fehlgeleitet wahrnehmen. Der eine oder andere Personaler oder Chef wird Ihnen Ihre Motivation für die Ausbildung nicht abnehmen. Stattdessen kann schnell der Verdacht im Raum stehen, Sie würden die Ausbildung lediglich als Notnagel sehen, da Sie keinen Studienplatz gefunden haben.

Diesem Verdacht können Sie nur durch die klare Kommunikation Ihrer Begeisterung für die Ausbildung entgegenwirken. Es kommt dabei nicht auf geschliffene Formulierungen oder zahlreiche Fachbegriffe an. Viel wichtiger ist, dass Sie offen und ehrlich aufschreiben, was Sie antreibt und an der Ausbildung fasziniert. So steigen nicht nur Ihre Chancen. Sie wissen dann auch, dass die Ausbildung zu Ihnen passt und sich für Sie lohnt.

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[Bildnachweis: racorn, Goodluz by Shutterstock.com]