gpointstudio/ShutterstockLangeweile im Job? Das heißt jetzt Boreout – und hat ein ganz schlechtes Image. Denn es klingt nach tiefsitzendem Frust und anhaltender Qual. Nach krankmachender Unterforderung durch den bösen Chef und Arbeitgeber, die uns zwar die Bürde der Anwesenheitspflicht auferlegen, aber gleichzeitig die nötige Bespaßung durch herausfordernde Aufgaben und Abwechslung im Alltag vermissen lassen. Wie fies! Aber stimmt das alles überhaupt – oder ist das am Ende nur ein geschickt konstruierter Selbstbetrug?

Boreout: Das erfundene Phänomen

Langweile-GähnenSchon seit einiger Zeit geistert das Phänomen durch die Arbeitswelt: krankmachende Unterforderung durch Langeweile im Job. Seit die Schweizer Autoren Philippe Rothlin und Peter Werder ein Buch zur “Diagnose Boreout” veröffentlichten, hat es diesen Namen und beschäftigt seitdem immer wieder Journalisten und Blogger. Denn Boreout ist – das muss man zugeben – ein herrlicher Begriff und perfekter Kontrast zum Ausbrennen im Job, dem Burnout-Syndrom. Nur den Beweis für die tatsächliche Existenz des Phänomens bleiben Erfinder bislang schuldig.

Natürlich gibt es Langeweile im Job. Leerlaufphasen kennt jeder. Boreout aber beschreibt einen chronischen Zustand, der so über Wochen, Monate, wenn nicht gar Jahre anhält. Und angesichts dessen muss man sich schon fragen: Beklagen wir hier nur ein Symptom oder eine veritable Ursache?

Oder provokanter gefragt:

Könnte es nicht auch sein, dass Boreout nur der medienwirksame Entschuldigungsversuch von chronischen Faulenzern und Jammerlappen ist?

Sie empfinden sich als überqualifiziert und unterschätzt, bedauern die verschwendete Zeit im falschen Job und konservieren eine vor Selbstmitleid triefende Alles-Scheiße-außer-ich-Perspektive. Längst fragen sich sich die Gelangweilten gar in Internet-Foren, ob die Folgen von Boreout nicht vielleicht schon von der Krankenkasse anerkannt werden. Chapeau!

Forscht man aber genauer nach, kommt man zu dem Schluss: Unterforderung kommt zwar in jedem Job gelegentlich vor, aber ein Massenphänomen ist schlicht nicht nachweisbar. Auch die von den Buchautoren als Beleg angeführte Gallup-Umfrage zur Mitarbeiterzufriedenheit ist alles andere als valide: Darin sagten zwar 87 Prozent der Deutschen, dass sie sich nicht oder nur gering an ihr Unternehmen gebunden fühlen. Das münzen die Autoren jedoch dazu um, dass eben jene 87 Prozent unterfordert sind und oft nur so tun als ob sie arbeiteten.

Eine Erhebung der Bundesagentur für Arbeitsschutz wiederum kommt zu dem Resultat, dass sich rund 14 Prozent der Arbeitnehmer fachlich unterfordert fühlen und nur fünf Prozent überfordert. Das Verhältnis kehrt sich jedoch um, wenn die Befragten Angaben zu ihrer Arbeitsmenge machen: Hier geben sechs Prozent an, unterfordert zu sein, im Gegensatz zu 17 Prozent Überlasteten. Was freilich auch heißt: Die Mehrheit ist in beiden Fällen weder über- noch unterfordert.

Langeweile im Job ist kein Schicksal

Tatsächlich ist Boreout bloßes Wortgeklingel, wie es einige Wissenschaftler nennen. Noch dazu ist das Problem hausgemacht: Im Gegensatz zu Überforderten mit einem Chef, der sie auspresst wie eine Zitrone, können Unterforderte an ihrer Misere leicht etwas ändern.

Dazu müssen sie nur aktiv werden: Indem sie…

  • …sich neue Gestaltungsspielräume in ihrem Job erkämpfen oder
  • …den Job wechseln, intern oder extern.

Wer sich langweilt und offensichtlich Leerlauf hat, kann das beklagen – oder jederzeit neue Projekte anschieben, die seinem Unternehmen (und ihm selbst) Vorteile bringen. Schließlich ist keiner dazu verdammt, den ganzen Tag Däumchen zu drehen und Solitair zu spielen, wenn nicht der Chef für genügend Unterhaltung sorgt – im Gegenteil: Falls der Job zu langweilig ist, lässt sich etwas dagegen tun. Obendrein hat so jemand qua definitionem genug Zeit, um eine überzeugenden Argumentation gegenüber seinem Vorgesetzten zu entwickeln.

Aufgabengebiet erweitern

Sobald das nächste Mitarbeitergespräch ansteht, könnten Sie zum Beispiel auf Ihre beruflichen Perspektiven zu sprechen kommen. Am Besten holen Sie dafür erst mal die Rückmeldung Ihres Vorgesetzen ein, dass er mit Ihren Leistungen und Ihrer Entwicklung zufrieden ist.

Seine Anerkennung ist die beste Basis, um Vorschläge für die Übernahme weiterer Aufgaben unterbreiten zu können.

Als Fortsetzung Ihrer Karriere kommt nun eine Ausweitung Ihres Aufgabenbereichs in Frage. Das gilt insbesondere, wenn Sie mit Ihren bisherigen Arbeiten nicht ausgelastet waren. Dabei haben Sie vor alle zwei Möglichkeiten:

  • Job Enlargement. Bei einer Ausweitung der Tätigkeit werden Ihnen zusätzliche Aufgaben übertragen, die etwa das gleiche Anforderungsniveau haben wie die bisherigen. Wenn Sie also bisher in der Marketing-Abteilung fürs Monitoring der Bestandskundenbetreuung zuständig waren, könnten Sie künftig zusätzlich die Neukundengewinnung beobachten.
  • Job Enrichment. Im Laufe des Jobs werden Ihnen immer anspruchsvollere Aufgaben übertragen, um Ihre Potenziale besser zu nutzen. In der gerade genannten Position würden Sie also planerische Aufgaben bei der Kampagnenplanung dazu gewinnen.

Am Besten überlegen Sie sich vor dem Gespräch mit dem Chef, welche Aufgaben Sie gern übernehmen würden, was Sie dafür qualifiziert und welchen Nutzen das Unternehmen davon hat. Nur so können Sie Ihn davon überzeugen, Ihnen die Tätigkeiten tatsächlich zu übertragen.

Boreout? Langeweile macht kreativ!

ollyy/shutterstock.comLangeweile im Job – im gesunden Maß – ist sogar eher noch förderlich: Sie macht kreativ.

Dass das lustlose Durchhängen offenbar unterschätzte und gute Seiten hat – davon sind längst auch die britischen Wissenschaftlerinnen Sandi Mann und Rebekah Cadman von der Universität von Central Lancashire überzeugt. Für ihre Studien ließen sie 40 Probanden 15 Minuten lang zunächst sehr langweilige Aufgaben erledigen (etwa Telefonnummern aus einem Telefonbuch kopieren), dann baten sie diese, Fragen zu beantworten, die deren ganze Kreativität verlangten – etwa neue Verwendungszwecke für Plastikbecher zu erfinden.

Resultat: Wer zuvor einen drögen Job machen musste, hatte hernach die besseren und kreativeren Einfälle, als etwa die 40 weiteren Teilnehmer aus der Kontrollgruppe.

Auch den Grund hierfür glauben die Psychologinnen schon gefunden zu haben: Tagträume. Bei den langweiligen Aufgaben schweiften die Probanden regelmäßig in Gedanken ab – und das brachte sie hinterher auf gute Ideen.

Um ihre Forschungsergebnisse noch zu verifizieren, stellten die beiden ein weiteres Experiment an, jedoch mit noch mehr Zeit zum Tagträumen. Jetzt mussten einige Teilnehmer statt Telefonnummern zu kopieren, Namen aus einer Liste abschreiben. Eine neue Gruppe indes sollte diese nur durchlesen (noch langweiliger, weil sinnlos).

Und siehe da: Wieder schlugen die Gelangweilten in Sachen Kreativität die Kontrollgruppe. Mehr noch: Wer einfach nur passiv und stupide Namen gelesen hatte, war sogar noch kreativer – insbesondere, weil dabei eben noch mehr Zeit zum Tagträumen blieb.

Boreout Fakt: Die negative Seite der Langeweile

Eine Schattenseite der Langeweile gibt es aber dennoch: Gelangweilte greifen öfter zu Schokolade und Alkohol. Dies ist das Ergebnis einer weiteren Untersuchung von Sandi Mann: Danach greifen gelangweilte Mitarbeiter besonders häufig auf der Arbeit zu Süßem oder beginnen (nach Feierabend) zu trinken, vornehmlich Hochprozentiges. Die Schokolade würde gefühlt einen Kick geben – der Alkohol den Frust am Abend betäuben, nichts gemacht zu haben. Aber wie gesagt: Das ist kein Schicksal.

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