Ein neues Phänomen geistert durch die Arbeitswelt: Boreout – krankmachende Unterforderung durch Langeweile im Job. Seit die Schweizer Autoren Philippe Rothlin und Peter Werder ein Buch zur „Diagnose Boreout“ veröffentlichten, beschäftigt das Thema zahlreiche Journalisten, Online-Zeitungen und Magazine. Fast hätte die Lektüre gar den „Wirtschaftsbuchpreis“ von Getabstract.com oder den „Deutschen Wirtschaftsbuchpreis“ der Frankfurter Buchmesse gewonnen. Denn Boreout ist ja auch ein herrlicher (Sprach-)Kontrast zum Ausbrennen im Job, dem Burnout-Syndrom. Nur: Den Beweis für die tatsächliche Existenz des Phänomens bleiben Erfinder wie Eleven schuldig.
Kein Wunder: Boreout ist der Entschuldigungsversuch von Faulenzern und Jammerlappen. Sie empfinden sich als überqualifiziert und unterschätzt, bedauern die verschwendete Zeit im falschen Job und konservieren eine vor Selbstmitleid triefende Alles-Scheiße-außer-ich-Perspektive. Und natürlich fragen sich die Gelangweilten im dazugehörigen Internet-Forum längst, ob die Folgen von Boreout nicht vielleicht schon von der Krankenkasse anerkannt werden.
Na Bravo! Mein Kollege Til Knipper ist der Sache für die aktuelle WirtschaftsWoche mal auf den Grund gegangen, hat nach passenden Studien gesucht und mit Arbeitspsychologen gesprochen. Ergebnis: Unterforderung kommt zwar in jedem Job gelegentlich vor, aber ein Massenphänomen ist schlicht nicht nachweisbar. Auch die von den Buchautoren als Beleg angeführte Gallup-Umfrage zur Mitarbeiterzufriedenheit 2006 ist alles andere als valide: Darin sagten zwar 87 Prozent der Deutschen, dass sie sich nicht oder nur gering an ihr Unternehmen gebunden fühlen. Das münzen die Autoren jedoch dazu um, dass eben jene 87 Prozent unterfordert sind und oft nur so tun als ob sie arbeiteten. Eine Erhebung der Bundesagentur für Arbeitsschutz wiederum kommt zu dem Resultat, dass sich rund 14 Prozent der Arbeitnehmer fachlich unterfordert fühlen und nur fünf Prozent überfordert. Das Verhältnis kehrt sich jedoch um, wenn die Befragten Angaben zu ihrer Arbeitsmenge machen: Hier geben sechs Prozent an, unterfordert zu sein, im Gegensatz zu 17 Prozent Überlasteten. Was freilich auch heißt: Die Mehrheit ist in beiden Fällen weder über- noch unterfordert.
Tatsächlich ist Boreout bloßes Wortgeklingel, wie es einige Wissenschaftler nennen. Noch dazu ist es hausgemacht: Im Gegensatz zu Überforderten mit einem Chef, der sie auspresst wie eine Zitrone, können Unterforderte an ihrer Misere leicht etwas ändern. Dazu müssen sie nur aktiv werden – sei es, indem sie sich neue Gestaltungsspielräume in ihrem Job erkämpfen oder indem sie den Job wechseln, intern oder extern. Wer sich langweilt, kann jederzeit neue Projekte anschieben, die seinem Unternehmen (und ihm selbst) Vorteile bringen. Obendrein hat so jemand qua definitionem genug Zeit, um eine überzeugenden Argumentation gegenüber seinem Vorgesetzten zu entwickeln. Langeweile ist kein Schicksal. Nur was dagegen sicher nicht hilft: phlegmatisches Jammern.







derherold
Da fällt mir jetzt als Parallele meine (lange zurückliegende) Bundeswehrzeit ein – das zerstörendste Element bei (anderen) Bundeswehreinheiten war wohl die Gammelei.
… ich glaube auch, daß irgendwo Sun Tzu geschrieben hat, daß man seine (Büro-)Truppen immer beschäftigt halten sollte. ;)
Gerhard Zirkel
Nun, die Unterforderung im Job gibt es sicherlich in manchen Fällen. Ich selbst habe das vor Jahren erlebt. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es fast nichts zermürbenderes gibt, als um 12.00 Uhr mit seiner Arbeit fertig zu sein und bis 15.00 Uhr warten zu müssen dass man nach Hause darf. Ohne Chance irgendwelche eigenen Projekte oder Initiativen zu starten.
Aber diese Fälle dürften wohl eine sehr kleine Minderheit darstellen und selbst wenn man betroffen ist, kann man sich immer noch mit Weiterbildung beschäftigen und wenn man nur ein Fernstudium während der Arbeitszeit macht.
Ob es sich lohnt darüber ein Buch zu schreiben, bleibe dahingestellt.
Gerhard Zirkel
*inzwischen wieder gut beschäftigt*
Simone Janson
Ich bin allerdings der Ansicht, dass man auch gegen das Ausgepresst -werden-wie-eine-Zitrone etwas tun kann. Natürlich ist es schwieriger, aber gelegentlich hilft es auch, sich klar zu machen, mit welchen Mechanismen einen der Chef unter Duck setzt und konsequent aber freundlich auch mal nein zu sagen. Und man kann auch hier sagen: Wer phlegmatisch in einem Job festhängt und sich gängeln lässt, statt Alternativen zu suchen, ist selbst schuld.
@G. Zirkel: Fernstudium während der Arbeit – aber der eine oder andere Chef kapiert möglicherweise gar nicht, dass die Mitarbeiter unterfordert sind und findet das mit dem Fernstudium gar nicht lustig.
Jochen Mai
@Herold: Beim Zivildienst war es teilweise nicht anders. Aber auch da habe ich dann schon die freie Zeit genutzt, Artikel zu schreiben oder Bücher zu lesen.
@Gerhard Zirkel: Temporär gibt es immer wieder mal Phasen, wo man ein Projekt abgeschlossen hat und das neue noch nicht beginnen kann. Temporär! Wenn das chronisch wird, sollte man seine Arbeit anders organisieren, mit dem Chef reden, sich neu orientieren oder sich eben einen neuen Job suchen. In einem Punkt stimmt die Analyse von Boreout natürlich schon: chronische Unterforderung ist ungesund. Aber es liegt eben nicht allein in der Verantwortung des Chefs, dass sich daran etwas ändert. Dahinter steckt im Übrigen dieselbe Mentalität jener, die immer sofort nach dem Staat schreien, wenn es mal nicht so läuft. Und wir wissen inzwischen ja, dass zu große staatliche Alimentierung die falschen Anreize schafft. Im kleineren Rahmen – im Job – ist das nicht anders.
@Simone Janson: Stimmt. Auch gegen Burnout kann jeder etwas tun. Im Zweifel lautet allerdings auch hier die einzige Alternative zur Ausbeutung: kündigen. Das ist nicht angenehm, aber eben eine Lösung. Jammern und Selbstmitleid sind es allerdings nie. Wobei ich natürlich jedem eine Trauerphase zugestehe. Das ist normal in persönlichen Krisen.
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derherold
Ich hatte ja während der BW-Zeit das große Glück, von morgen bis abends “beschäftigt” zu werden. Beim Rest der Wehrpflichtigen sah das anders aus – und der Anteil angehender Journalisten unter ihnen war eher gering. ;)
Aber schon richtig: jeder ist seines Glückes Schmied und ggfs. muß man kündigen.
Gerhard Zirkel
@Simone Jansen
Das finden die wenigsten Chefs lustig. Man darf sich halt nicht erwischen lassen.
@Jochen Mai
Der von mir geschilderte Fall ist sicherlich eine Ausnahme. Damals hatte ich einen Job bei den Stadtwerken meiner Heimatstadt. Den Chef hat man allenfalls mal in der Kantine getroffen und Arbeit war halt nicht da – selbst bei viel Kreativität nicht.
Den Job hatte ich aber auch nicht lange, war mehr so eine Brücke zwischen Ausbildung und einer ordentlichen Arbeit.
Gerhard Zirkel
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Erich
Bore-Out ?
ob man das aufbläst und mit einem Namen versieht, ist eins. Aber die Syntome gibt es. Und, sie schlagen sich sogar ins private nieder. Abends schlapp und KO, mürrisch und gereizt dem Partner gegenüber.
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