Inzwischen haben Sie einiges gelesen über Umgangsformen im Büro, Dresscodes, das Knigge-ABC für Geschäftsessen und Stilregeln für die Kommunikation. Bleiben noch einige Situationen und ihre jeweiligen Eigenheiten. Um das noch mal deutlich zu sagen (weil es offenbar zwischendurch falsch verstanden wurde): Diese Regeln sind keine Gesetze, sie sollen auch keine Belastung sein, sondern eine Hilfe für das gesellschaftliche Parkett. Selbst wenn man sie nicht einhalten kann (oder will), bleiben sie eine wichtige Orientierung.

Affäre – Entkommen mit Etikette

Jeder kennt das: Sie stehen auf einer Party plötzlich mit einem Menschen zusammen, der sie fürchterlich langweilt. Wie stehlen Sie sich jetzt möglichst höflich aus der Affäre? Klar, Sie können einfach sagen: „Entschuldigung, ich muss mal kurz verschwinden.“ Den Gang zur Toilette vortäuschen und nicht mehr wiederkommen. Meist aber wird das Manöver durchschaut. Und was, wenn der andere antwortet: „Fein, ich warte dann hier auf Sie“??? Auch nicht besser: das Weiterreichen. Sie suchen sich einen armen Tropf, der gerade ihren Weg kreuzt, stellen dem den Langeweiler vor und ziehen sich diskret zurück. Naja, was werden nun beide von Ihnen denken? In einer solchen Situation bleiben nur zwei Alternativen: Erstens, Sie sagen was Sie wirklich wollen – „Ich sehe gerade einen Kollegen/Kunden, mit dem ich unbedingt noch sprechen möchte. Bitte entschuldigen Sie mich…“ Oder, was schwerer ist, Sie versuchen herauszufinden, wofür sich die Schlaftablette interessiert und verkuppeln ihn mit einem passenden Gesprächspartner.

Aufhalten – Tür und Torheiten

Immer wieder kommt die Frage: Wer hält wem die Tür auf – er ihr oder sie ihm? Oder: Wer hilft wem in den Mantel? Diesbezügliche Regeln gelten als überholt. Sowohl Sie kann unterstützend eingreifen und er auch. Schließlich gibt es aussagekräftigere Gradmesser für die Emanzipation als die Fähigkeit, alleine in einen Mantel zu schlüpfen. Das Prinzip lässt sich auch auf andere Begegnungen im Büro übertragen: Wenn Sie etwa als Chefin Ihrem schwer bepackten Mitarbeiter mal die Tür aufhalten oder als Frau ihm in den Mantel helfen, obwohl Sie sein Boss sind, macht das gar nichts. Verkehrt wäre nur, solch freundliche Gesten barsch abzulehnen. Merke: Man kann nie zu höflich sein – wohl aber grob unhöflich.

Komplimente – Nett worken im Büro

Schmeicheleien hört jeder gerne. Problematisch wird es immer dann, wenn diese ins Anzügliche abgleiten. Wer auf dem schmalen Grat zwischen Kompliment und sexueller Belästigung nicht balancieren kann, sollte das sicherheitshalber lassen. Ermahnung oder Abmahnung könnten sonst die Folgen sein. Vor allem wenn die berufliche Hierarchie ins Spiel kommt, wird es heikel. Als Kollege können Sie der Kollegin, die sie gut kennen, sicher noch sagen: „Sie sehen heute bezaubernd aus.“ Als Chef ist das schon das Äußerste, was Sie sich erlauben sollten. Je mehr Sie ins Detail gehen („Dieses Dekolleté, diese Beine, Ihre Figur…Wahnsinn!“), desto belästigender kann das auf den anderen wirken. Erst recht wenn unkontrollierter Speichelfluss dazu kommt. Das gilt übrigens auch für halbberufliche Anlässe wie einer Geburtstagsfeier oder einem Ausstand nach Dienstende. Hier herrscht zwar meist eine privatere Atmosphäre, die Stimmung ist ausgelassener – für Arbeitsjuristen ist dies aber noch immer ein berufliches Umfeld. Wenn Sie dem anderen schon eine Freude machen wollen, loben Sie lieber dessen Leistungen, seine Charakterstärken, sein Teamspiel. Alles unverfänglich – und sehr schmeichelhaft.

Damenwahl – Alte Tanz-Schule

Wer zu einem Ball oder auf ein gesellschaftliches Event mit Tanz eingeladen wird, muss sich keine Sorgen machen: Pflichttänze gibt es nicht mehr. Wer also keine Standardtänze kann, darf ruhig sitzenbleiben. Das dürfen Sie freilich auch, wenn Sie dazu aufgefordert werden. Erteilen Sie den Korb aber bitte charmant. Bei der Aufforderung ist es allerdings weiterhin gute Sitte, dass dies der Mann macht: Er fordert auf – sie wählt, ob sie will. Zur Aufforderung schließt der Herr stets sein Jackett (zum Tanz ebenso), geleitet die Dame zur Tanzfläche und auch wieder an ihren Platz zurück. Ist die Dame indes nicht die eigene Partnerin, muss man ihre Begleitung heute nicht mehr fragen, ob man sie zum Tanz einladen darf (In sehr konservativen Kreisen fragt er allerdings besser der Form halber kurz in Richtung Herr: „Gestatten Sie?“). Umgekehrt wird ein wahrer Gentleman immer darauf achten, dass keine Dame am Tisch alleine sitzenbleibt. Sprich: Fordert ein Tischnachbar eine fremde Dame zum Tanz auf, macht man das umgehend mit dessen Dame. Wie gesagt: Das darf sie ablehnen, in diesem Fall aber gilt: Diesen einen Tanz darf sie dann keinem anderen Herren mehr schenken. Das wäre ein Affront.

Flugzeug – Knigge an Bord

Sie betreten die Maschine, suchen Ihren Platz und setzen sich hin. Falsch! Zuvor werden erst die Sitznachbarn freundlich gegrüßt. Klingt simpel, macht aber fast keiner. Gleiches gilt für die Verabschiedung nach der Landung. Gerade in der engen Economy-Klasse gehört es zur Kinderstube, sich möglichst schmal zu machen. Dem Passagier in der Mitte stehen die Lehnen links und rechts zu, er kann sich am wenigsten bewegen. Gang- und Fensterplatz bekommen je eine Armlehne. Falls Sie aufstehen müssen, sollten Sie sich nicht mit den Händen am Vordersitz festhalten: Beim Loslassen federt der sonst zurück und schleudert den Vordermann aus dem Schlaf. Gleiches gilt für ständiges Hoch- und Runterklappen der Rückenlehne – belästigt den Hintermann. Und weder in Linien- noch in Charterflügen wird nach einer Landung geklatscht. Ein kurzes Dankeschön ans Personal, sobald man aussteigt, reicht.

Kondolieren – Mit Gefühl und Anstand

Der Tod ist leider häufig ein Tabuthema. Deswegen entstehen viele Unsicherheit – und unnötige Irritationen. Schade. Denn für Trauernde ist der richtige Umgang mit ihnen eine Erleichterung. Wenn Sie vom Tod eines Bekannten, Nachbarn, Geschäftspartners oder Kunden erfahren haben, sollten Sie umgehend schriftlich kondolieren. Karten, Umschläge oder Briefpapier mit schwarzem Rand sind allerdings den Hinterbliebenen vorbehalten. Für Ihre aufrichtige Anteilnahme ist Geschäftspapier ebenso tabu wie ein Fax oder die Schlussformel Mit freundlichen Grüßen – besser: Mein herzliches Beileid. Ihr Brief ist auf schlichtem, weißen Papier möglichst handschriftlich geschrieben und enthält bitte keine Floskeln, das dokumentiert nicht gerade echtes Mitgefühl. Besser sind persönliche Zeilen mit Bezug zum Verstorbenen. Es muss ja nicht viel sein, zwei, drei Sätze reichen. Scheuen Sie sich auch nicht, im Geschäftsleben Ihnen völlig fremden Angehörigen Ihr Beileid auszudrücken. Die meisten Hinterbliebenen freuen sich darüber, wenn sie sehen, wie beliebt der Verstorbene war. Und: Ein Anruf ist kein Ersatz für eine Karte! Sie können allerdings per Telefon zusätzlich Ihre Hilfe anbieten. Und fehlen Ihnen die Worte auf der Beerdigung, dann sagen Sie das ruhig. Das ist immer noch besser als ein rhetorisch geschliffener und auswendig gelernter Satz.

Taxi – Tour der Form

Ihr Geschäftspartner bietet Ihnen an, Sie in seinem Auto mitzunehmen. Obacht: Kommen Sie jetzt bloß nicht auf die Idee, sich allein auf die Hinterbank zu setzen. Der Typ ist nicht Ihr Chauffeur! Allerdings wird ein höflicher Fahrer seinem Gast die Tür aufhalten – erst recht, wenn es eine Dame ist. Werden Sie hingegen im Taxi chauffiert, sitzt der Ehrengast immer hinten rechts. Hier lässt es sich am leichtesten und sichersten ein- bzw. aussteigen. Wer die Zeche zahlt, sitzt links hinter dem Fahrer oder – falls Sie zu dritt oder zu viert fahren – neben dem Fahrer. Auch in diesem Fall gilt: Der ranghöchste Gast sitzt hinten rechts, sein wichtigster Ansprechpartner gleich daneben.

Toilette – Stil(l) am Ort

Das stille Örtchen heißt nicht umsonst so. Konkret: Gegrüßt wird allenfalls im Vorraum, wo man sich die Hände wäscht (jedes Mal nach dem Geschäft!!!). Im Toilettenbereich dagegen herrscht Diskretion und Ruhe. Das gilt vor allem für Herrentoiletten, wo schon mal mehrere Herren nebeneinander stehen. Allenfalls kurzes Zunicken ist erlaubt. Und schon gar nicht sollten Sie versuchen, Ihrem Chef die Hand zu reichen, falls Sie ihn dort zufällig treffen. Wer weiß, was dessen Hand gerade geschüttelt hat – oder umgekehrt…