Spielregeln-mogeln-Job
Es gibt sie - die sozialen Spielregeln. Im Job genauso wie im Freundes- oder Bekanntenkreis. Und natürlich würden wir uns alle gerne daran halten. Wenn wir schon Erfolg haben, dann doch bitte auf ehrliche Art und Weise, mit Fairplay und ohne verstecke Fouls. Theoretisch. Die Praxis aber zeigt: Unsere menschliche Natur spielt anders, nach eigenen Regeln. Zuerst versuchen wir uns die Arbeit mit etwas Gemogel zu erleichtern, dann unterlaufen wir Dienstwege, Kontrollen, Formulare...

Der kleine Dienstweg: Ausnahmen bestätigen die Regel

Mittel und Wege zu finden, macht das Arbeitsleben bequemer. Manchmal sogar effizienter und produktiver, zugegeben. Zuweilen gibt es in der Belegschaft sogar so etwas wie ein stilles Übereinkommen, kleinere Übertretungen zu dulden. Man darf sich eben nur nicht erwischen lassen...

Und falls doch bleiben zumindest die üblichen Ausreden, Rechtfertigungen und harmlosen (weil folgenlosen) Entschuldigungen: Sorry, Missverständnis... hab ich nicht gewusst... in der Hektik verwechselt... ist doch nur eine Lappalie...

Vertuschungsversuche wie diese, so durchschaubar sie auch sind, haben jedoch einen entscheidenden Nachteil: Sie verleiten uns dazu, die Grenzen noch ein wenig weiter zu verschieben, auszureizen, bis es dann doch keine Bagatelle mehr ist und das ganze Ausmaß der Sauerei auffliegt.

Warum aber machen wir das überhaupt - und riskieren dabei unseren Ruf und Job?

Die kurze Antwort: Weil da dieser Verdacht ist. Wir wissen es nicht genau, aber im Grunde vermuten wir es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: Die anderen halten sich auch nicht immer an die Regeln. Und das könnte ein Nachteil für uns bedeuten.

Wären wir überzeugt, dass Ehrlichkeit immer siegt, würden wir auf all die miesen kleinen Tricks, Intrigen und Sticheleien verzichten. Die Welt - sie wäre ein friedlicher, fairer und freundlicher Ort.

Wir wissen aber: Sie ist es nicht. Warum also allzeit fair spielen? Der Ehrliche - er ist eben doch so oft der Dumme. Und der Gauner hat die Nase vorn.

Also spielen wir mit und gegen die Spielregeln - und haben auch noch ein ziemlich reines Gewissen dabei. Macht doch jeder!, denken wir uns. Und: Ist nur ausgleichende Gerechtigkeit. Die anderen haben schließlich zuerst gegen die Spielregeln verstoßen und gemogelt. Wir betreiben also nichts anderes als Hilfe zur Selbsthilfe.

Dummerweise denken viele so. Und so kommt eine recht unheilige Abwärtsspirale in Gang, die sich am Ende immer schneller dreht und jeden, der nur ein bisschen mitmacht in den Strudel zieht.

Studie: Ehrlich lebt am längsten

Studie: Ehrlich lebt am längstenMal ehrlich: Wie oft am Tag huscht Ihnen eine Lüge über die Lippen? Vielleicht ist es nur eine Notlüge, vielleicht ein bisschen Aufschneiderei, aber gelogen ist es trotzdem. Glaubt man einer neuen Studie der Universität von Notre Dame, dann ist das keine gute Idee: Wer ehrlich ist, lebt nicht nur gesünder, sondern auch länger.

Die Forscher um Anita Kelly wählten für ihre Studie (PDF) 110 Erwachsene im Alter zwischen 18 und 71 Jahren aus und teilten sie in zwei Gruppen auf. Eine davon durfte sich verhalten wie bisher - also auch lügen, wenn sie es wollten. Die zweite Gruppe wurde gebeten in den nächsten zehn Wochen möglichst immer die Wahrheit zu sagen und so ehrlich wie möglich zu sein.

Wir wissen: Das dürfte nicht jedes Mal geklappt haben, aber sie waren deutlich ehrlicher als die Kontrollgruppe.

Nach den zehn Wochen verglichen die Forscher die medizinischen Werte ihrer Probanden - von beiden Gruppen und von davor und danach. Und siehe da: Die Ehrlichen wiesen deutlich bessere Werte auf: Sie hatten seltener Kopfschmerzen, weniger Erkältungsbeschwerden, waren insgesamt glücklicher. Weil der einzige Unterschied zwischen beiden Gruppen in der Anweisung lag, ehrlicher zu sein, führen die Forscher das Ergebnis darauf zurück.

Zugegeben, die Probandengruppe war recht klein und das Ergebnis könnte man auch als sozial erwünscht bezeichnen. Gleichwohl ist aus anderen Studien bekannt, dass Lügen enorme (mentale) Anstrengungen erfordert, die auch noch wachsen können, um das gesamte Lügenkonstrukt aufrecht zu erhalten.

Oder anders formuliert: Lügen stresst. Und Stress verkürzt das Leben und macht auf Dauer krank, insbesondere dann, wenn er mit einem schlechten Gewissen einher geht.

Einziger Haken an der wahren Geschichte: Wirklich immer die Wahrheit zu sagen, ist nahezu unmöglich.

Man darf sich nur nicht erwischen lassen

Nöllke-nicht-erwischen-lassenMein Bekannter, der Autor Matthias Nöllke, hat dazu gerade ein lesenswertes Buch mit dem bezeichnenden Titel geschrieben: "Man darf sich nur nicht erwischen lassen - Handbuch der kleinen Sauereien". Darin schreibt er unter anderem:

Wer rumjammert, dass die Ehrlichen die Dummen sind, will damit sagen:

  • Ich gehöre zu den Ehrlichen.
  • Ich habe dadurch gewaltige Nachteile.
  • Punkt zwei muss sich ändern.
  • Unterstützt mich und tut, was ich sage.

So direkt will man das natürlich nicht formulieren. Man möchte durch seine vermeintliche Ehrlichkeit Vorteile haben, Anerkennung bekommen und Sympathiepunkte sammeln.

Aber ganz ehrlich: Die Moralisten sind meistens die Schlimmsten von allen: bigott in Haltung und Verhalten. Andere auf - aus ihrer Sicht - moralische Verwerfungen aufmerksam machen, können sie mit großer Verve. Die eigenen Verfehlungen aber werden geflissentlich und mit großer Gnade übersehen. So wie bei all den Germanistik-Polizisten, die zwar überall und jeden im Netz auf Tippfehler aufmerksam machen - aber ungern zugeben, dass auch sie alles andere als perfekt sind und sich schon selbst oft genug verschrieben haben.

Was wäre das Leben schon ohne ein paar Abkürzungen und Sonderrechte?

Meistens fängt alles ganz harmlos an. Mit kleinen Verzerrungen - bis sich schließlich die Wahrheit biegt und beugt. Die vielen kleinen Sauereien dienen letztlich nur dazu, uns Vorteile zu verschaffen. Besser werden sie dadurch aber nicht.

Und wenn man den Spielregelbrechern auf die Schliche kommt, verrennen sich die meisten in einer Art Vorwärtsverteidigung: rechtfertigen, kleinreden, auf gängige Praxis verweisen. Denn erwischt werden, ändert natürlich alles.

Besser wir kommen uns vorher schon selbst auf die Schliche. Womöglich ist unser Verdacht ja auch nur das: haltlos und eine fiese Unterstellung.

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[Bildnachweis: David Crockett by Shutterstock.com]