Definition: Was ist ein Stressinterview?
Ein Stressinterview ist eine provokante Form des Bewerbungsgesprächs, bei der Bewerberinnen und Bewerber gezielt unter Druck gesetzt werden. Ziel solcher Jobinterviews ist, zu beobachten, wie Bewerber in Stress- oder Konfliktsituationen reagieren, wie belastbar oder selbstsicher und souverän sie sind. Besonders oft sind Stressinterviews Teil von Assessment Centern.
Typische Merkmale von Stressinterviews:
- Provokante oder kritische Fragen
- Bewusstes Unterbrechen oder Schweigen
- Infragestellen von Aussagen oder Qualifikationen
- Unerwartete Aufgaben oder schnelle Themenwechsel
- Kühle oder distanzierte Gesprächsatmosphäre
Stressinterviews werden vor allem für Positionen genutzt, die mit hohem Druck, Kundenkontakt oder Krisensituationen verbunden sind (z.B. Management, Vertrieb, Polizei, Militär). Trotz der Provokationen, sollte ein Stressinterview aber nie respektlos oder diskriminierend werden. Professionelle Unternehmen achten darauf, die Grenzen der Fairness einzuhalten. Ansonsten sollten Sie das Vorstellungsgespräch abbrechen.
Warum führen Personaler ein Stressinterview?
Stressinterviews und Stressfragen sind zwar eine Ausnahme im Bewerbungsprozess, trotzdem gehören sie zu den typischen Interviewarten. Dabei geht es nicht nur um die Stressresistenz von Kandidaten. Vielmehr geht es im Stressinterview darum, Bewerber besser kennenzulernen und einen Blick hinter deren Fassade zu werfen.
Bewerberinnen und Bewerber sind teils sehr gut auf Jobinterviews vorbereitet. Gleichzeitig werden Soft Skills und der sogenannte Cultural Fit im Job immer wichtiger. Dazu gehören Schlüsselqualifikationen wie Team- und Konfliktfähigkeit, Stress- und Selbstmanagement oder Problemlösungsfähigkeit. Das Stressinterview kann hierzu erste Hinweise liefern – über einstudierte und trainierte Reaktionen hinaus. So wird das Stressinterview zur ersten Arbeitsprobe.
Wie läuft ein typisches Stressinterview ab?
Ein Vorstellungsgespräch umfasst in der Regel fünf typische Gesprächsphasen. Hinzu kommen Vorbereitung und Nachbereitung.
Phase |
Inhalte |
| 1. Begrüßung | Vorstellen Kennenlernen Smalltalk Getränke |
| 2. Selbstpräsentation | Kurzpräsentation: Ich bin Ich kann Ich will |
| 3. Fragen & Interview | Werdegang Qualifikationen Stärken & Schwächen Stressfragen |
| 4. Rückfragen | Anforderungen Erwartungen Perspektiven Onboarding |
| 5. Abschied | Dank Weitere Schritte Fristen Verabschiedung |
Nach diesem Vorstellungsgespräch Ablauf kommen die Stressfragen zwar erst im Mittelteil, das Stressinterview kann aber genauso direkt mit einer latent unterkühlten Atmosphäre starten, die natürlich später wieder aufgelöst wird.
Welche Stressfragen werden im Stressinterview gestellt?
Zu den häufigen und typischen Fragen in einem Stressinterview zählen Provokationsfragen, Fangfragen sowie heikle Fragen zu Schwächen, Lücken im Lebenslauf oder ganz allgemeine Fragen, die Bewerber aus der Reserve locken sollen.
Hier eine Sammlung und Übersicht klassischer Stressfragen aus unterschiedlichen Bereichen:
- Haben Sie sich auch woanders beworben?
- Wie würden Sie sich selbst in einem Wort beschreiben?
- Woher wissen Sie, dass Sie einen guten Job gemacht haben?
- Wann haben Sie das letzte Mal Regeln gebrochen und warum?
- Was war Ihr größter Fehler in einem vergangenen Job?
- Wie finden Sie es, geführt zu werden?
- Was mochten Sie an Ihrem bisherigen Job am wenigsten?
- Haben Sie schon mit dem Gedanken gespielt, sich selbstständig zu machen?
- Wie finden Sie das Interview bisher?
- Warum haben Sie noch keine neue Stelle gefunden?
- Warum wollen Sie Ihren bisherigen Job aufgeben?
- Was denken Sie über Ihren letzten Chef?
- Was haben Sie vorher verdient?
- Welches Gehalt stellen Sie sich vor?
- Wie lange würde es dauern, bis Sie einen signifikanten Beitrag leisten?
- Wären Sie bereit, umzuziehen?
- Was würde Kollegen Negatives über Sie sagen?
- Welche drei positiven Charaktereigenschaften fehlen Ihnen?
- Wie finden Sie es, kritisiert zu werden?
- Wovor haben Sie am meisten Angst?
- Wann haben Sie Unterdurchschnittliches geleistet und was?
- Finden Sie nicht auch, dass Sie für den Job ungeeignet sind?
- Was sollte ich über Sie unbedingt wissen?
- Welche Frage sollte ich Ihnen lieber nicht stellen?
- Warum haben Sie so lange studiert?
- Die Angaben in Ihrem Lebenslauf sind doch sicher geschönt?
- Wie kommen Sie auf die Idee, dass Sie in unser Unternehmen passen?
- Und das soll Sie von den anderen Bewerbern unterscheiden???
- So viele Praktika – und trotzdem hat man Sie nie übernommen?
- Wollen Sie mit dem Jobwechsel einer Kündigung zuvorkommen?
- Warum haben Sie noch nie weit weg von Ihrem Heimatort gearbeitet?
- Und das soll ich Ihnen glauben?
Fangfragen
Motivationsfragen
Schwächen-Fragen
Provokationsfragen
Die Fragen sind unangenehm, keine Frage. Sie bewegen sich scharf an der Grenze zum Erlaubten, sind aber noch zulässig. Wenn Sie mitspielen und sich darauf einlassen, müssen Sie zwei Spielregeln unbedingt beachten: Niemals rechtfertigen, niemals verbal mit einem Gegenangriff kontern. Wer so reagiert, disqualifiziert sich und springt mit Anlauf in die gestellte Falle.
Muss ich mir alle Fragen im Stressinterview gefallen lassen?
Die Fragen in einem Stressinterview sind meist provokant, suggestiv, konfrontativ und herausfordernd. Das ist ihr Ziel und Zweck. Nicht selten ähnelt das Jobinterview streckenweise einem Kreuzverhör. Doch es gibt Grenzen.
Solange die Vorstellungsgespräch Fragen einen klaren Bezug zur späteren Position und deren Aufgaben oder zum beruflichen Werdegang haben, sind sie erlaubt. Illegale bzw. unzulässige Fragen gehen aber darüber hinaus: werden privat oder dringen in Sphären ein, die den Arbeitgeber nichts angehen. Dazu gehören zum Beispiel:
- Fragen zum Partner oder dessen Job
- Fragen zu Schwangerschaft oder Kinderwunsch
- Fragen zu Heiratsabsichten
- Fragen zur sexuellen Orientierung
- Fragen zum aktuellen Gesundheitszustand
- Fragen zu Religion und Konfession
- Fragen zur Parteizugehörigkeit
- Fragen zur Gewerkschaftsmitgliedschaft
- Fragen zu Schulden oder Vorstrafen
Solche Fragen – egal, wie stressig diese sind – müssen Sie nie beantworten und dürfen sogar mit einer Notlüge im Vorstellungsgespräch reagieren.
Besonders perfide wird es, wenn die Provokationen und aus der Luft gegriffenen Unterstellungen Kandidaten in eine scheinbar endlose Rechtfertigungsspirale zwingen sollen. Da hört der Spaß dann endgültig auf. Das ist blanker Psychoterror und eindeutig unanständig und illegitim. Hier müssen Sie Grenzen setzen (siehe Flussdiagramm).
Wie sollte ich auf unangemessene Provokationen reagieren?
Persönliche Angriffe und unverhohlene Fragen unter der Gürtellinie müssen Sie sich nicht gefallen lassen. Ein bisschen Kratzen am Lack und an der Fassade ist okay, wird es Ihnen aber zu intim und werden Grenzen überschritten, sollten Sie in die Metaebene wechseln und das ansprechen – oder können ebenso das Gespräch abbrechen. Nur bitte auch das sachlich und professionell!
Selbstbewusster Widerspruch ist im Stressinterview durchaus erlaubt. Manchmal warten Personaler auch genau darauf und wollen sehen, wo und wann Sie Grenzen setzen. Schließlich ist das auch ein Hinweis auf Ihr Selbstbewusstsein und Ihre Durchsetzungsfähigkeit. In diesem Fall dürfen und sollten Sie zum Beispiel so reagieren:
- „Ich denke, die Frage hat nichts mit dem Job zu tun.“
- „Ich finde, diese Frage geht entschieden zu weit.“
- „Das ist Ihre Ansicht, ich sehe das anders: …“
- „Da sind Sie wohl falsch informiert worden.“
- „Bitte respektieren Sie, dass ich dazu nichts sage.“
- „Wenn das Gespräch so weitergeht, muss ich hier leider abbrechen.“
Wann immer Sie in die Metaebene wechseln, sollten Sie sich an der von uns entwickelten COOL-Formel orientieren: Bewahren Sie die Contenance, signalisieren Sie weiterhin Offenheit für ein sachliches Gespräch, stellen Sie wieder Objektivität her und labern Sie nicht um den heißen Brei: Sagen Sie klar und deutlich: „Bis hierhin, aber nicht weiter!“
Wie sollte ich im Stressinterview richtig reagieren?
Zwei mögliche Reaktionen im Stressinterview kennen Sie schon: selbstbewusst widersprechen oder abbrechen. Davor aber gibt es noch andere Optionen, insbesondere wenn die Stressfragen sich noch im zulässigen Rahmen bewegen. Das sind unsere bewährten Empfehlungen aus dem Vorstellungsgespräch Training, wie Sie ein Stressinterview professionell meistern und auf Stressfragen souverän reagieren und antworten:
-
Ruhig bleiben und nichts persönlich nehmen
Lassen Sie sich bloß nicht provozieren und gehen Sie dem Personaler nicht auf den Leim. Wer sich von Stressfragen verunsichern oder aus dem Konzept bringen lässt, senkt seine Bewerbungschancen unmittelbar. Einzig richtig: tief durchatmen, abwarten und nicht spontan antworten, lächeln und dann langsam, besonnen und selbstbewusst die Frage aufgreifen. Sie müssen diese nicht einmal beantworten, sondern können ebenso das Gespräch zu einem positiven Punkt zurücklenken.
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Erklären aber nie rechtfertigen
Manche Fragen, etwa zu vielen Jobwechseln oder einer langen Jobsuche sollen Sie aus der Fassung bringen. Lange Rechtfertigungen wirken jedoch nie souverän. Erklären Sie mögliche Brüche im Lebenslauf kurz mit 1-2 Sätzen. Mehr nicht. Dann kehren Sie zum Thema zurück: „Danke, dass Sie danach fragen. Diese Phase der Neuorientierung hat mir bewusst gemacht, was mir im Beruf wichtig ist. Und genau das erfüllt Ihre Stelle, weil…“
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Bewusst Körpersprache einsetzen
In Stressinterviews achten geschulte Personaler immer auch auf Ihre Körpersprache und Körperhaltung. Sie verraten im Vorstellungsgespräch teils mehr als Ihre Antworten. Deshalb sollten Sie diese vorab üben, trainieren sowie bewusst einsetzen: Statt in die Defensive zu gehen, setzen Sie sich aufrecht hin, öffnen Arme und Hände, lächeln und vertreten dann souverän Ihre Meinung oder Ihren Standpunkt: „Ich verstehe den Zweck Ihrer Frage, aber lassen Sie mich so darauf antworten: …“
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Mögliches Schweigen aushalten
Ein besonders fieser Trick in Stressinterviews ist Schweigen: Auf Ihre Antwort sagt der Personaler nichts, lehnt sich zurück, schweigt. Das löst bei den meisten enormen Stress aus und sie beginnen sich um Job und Karriere zu plappern. Solche rhetorischen Pausen müssen Sie aushalten lernen. Halten Sie dem Blickkontakt stand – und schweigen Sie zurück, bis der Personaler wieder das Wort ergreift.
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Holen Sie nicht zu weit aus
Wer sich bei der Antwort auf provokative Fragen unsicher ist, holt gerne weit aus, um eine Erklärung oder Begründung zu finden. Auch hierbei liefern Sie nur neue Munition oder verstricken sich in Widersprüche. Versuchen Sie stattdessen kurz und prägnant zu antworten. So verhindern Sie, dass Sie sich selbst noch weiter unter Druck setzen. Erzählen Sie maximal ein Beispiel zur Begründung. Dann schweigen Sie und blicken dem Personaler in die Augen. So spüren die Anwesenden, dass Sie sich von dem Stressinterview nicht einschüchtern lassen.
Wir verstehen gut, dass Bewerberinnen und Bewerber Stressgespräche im Rahmen der Bewerbung ablehnen oder unangemessen finden. Machen Sie sich aber bewusst: Auch später im Job ist nicht alles wie im Ferienlager. Konflikte im Job sind normal und garantiert. Das Stressinterview ist daher auch eine gute Übung, mehr über die eigene Selbstbeherrschung und Impulskontrolle zu erfahren.
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