Sagen wir es, wie es ist: Nichts kann einem die Freude an der Arbeit mehr vermiesen als andere Menschen. Wir arbeiten heute immer länger, immer globaler, immer vernetzter – und das schürt zahllose Konflikte. Die meisten Büroarbeiter verbringen mehr Zeit, reden mehr mit ihren Kollegen als mit ihrer Familie, kennen die Belegschaft besser als ihre Nachbarn und sind den Launen und Marotten der Kollegen, ihrer Missgunst und ihren Intrigen dennoch ungeschützter ausgeliefert. Büros gleichen einem kleinen Gemeinwesen mit eigener Kultur, eigenen, meist ungeschriebenen Regeln und Ritualen. Aber auch jeder Menge Fallgruben und Konfliktfelder, die zwischen Konferenzraum und Korridor, zwischen Kaffeeküche und Kopierer lauern. Wie Sie dennoch unbeschadet durch dieses soziale Dickicht und an den darin hausenden Raubtieren vorbeigelangen, sagen Ihnen heute einige Experten, die ich dazu befragt habe. Ihre Ratschläge zu den 16 häufigsten Bürokonflikten lesen Sie, wenn Sie sich den gesamten Beitrag ansehen. Vorab aber schon einmal die 16 Fragen zu den 16 klassischen Problemen:
- Mein Bürokollege ist ein richtiger Widerling: laut, arrogant, beratungsresistent. Wie komme ich mit so jemand klar?
- Ich fühle mich zunehmend von Chef und Kollegen gemobbt. Wie soll ich darauf reagieren?
- Mein Job langweilt mich nur noch. Was kann ich tun, um etwa mehr Verantwortung und wieder mehr Spaß zu bekommen?
- In unser Abteilung ist eine fiese Petze: Ständig macht er sich über die Fehler anderer lustig, hängt jeden Patzer an die große Glocke und geht damit sogar zum Chef. Was tun?
- Schleimer haben nachweislich Erfolg. Aber wie viel Nähe zum Boss ist nun wirklich gut für die Karriere?
- Mein Chef macht häufig anzügliche Bemerkungen und kommt mir in der Kaffeeküche unangenehm nah. Ich fürchte, wenn ich ihm das sage, streitet er alles ab – und dann verliere ich vielleicht sogar meinen Job. Gibt es dafür eine Lösung?
- Mein Chef ist ein Tyrann, nie kann man ihm etwas recht machen. Kündigen kann ich mir aber nicht leisten. Kann ich ihn trotzdem kritisieren?
- Mein Kollege ist eine Niete. Eigentlich sollte ich seinen Job bekommen. Wie gehe ich am besten vor?
- Ein Kollege will offenbar meinen Job – wie gehe ich damit um?
- Ich fürchte ich bin neuerdings Chefs Liebling. Das viele Lob und die tollen Aufträge sind einerseits gut. Aber die Kollegen ziehen sich zunehmend zurück…
- Ich fürchte, ich habe bei meiner Beförderung ein Deppenteam geerbt. Kaum einer versteht, was ich von ihm will und das Engagement ist kurz vor der Nulllinie. Alle rausschmeißen ist eine Lösung – aber vielleicht gibt es eine bessere?
- Ich bin ein hilfsbereiter Mensch und kann kaum einem einen Gefallen ausschlagen – dafür ertrinke ich in Arbeit. Was raten Sie mir?
- Ich bin seit kurzem mit einem Kollegen liiert. Sollten wir das geheim halten oder lieber allen mitteilen?
- Zurzeit wird bei uns eine Strategie glorifiziert, die ich für groben Unfug halte. An einigen Stellen habe ich das schon moniert. Aber jetzt stellen es die anderen so hin als hätte ich keine Ahnung. Und nun?
- Die Kollegen nehmen mich nie zum Mittagessen mit. Auch wenn Sie abends etwas trinken, werde ich nicht gefragt.
- Offenbar soll ich rausgemobbt werden. Mein Chef hat mich dazu in ein schäbiges Büro versetzt. Kann ich mich dagegen juristisch wehren?
1. Mein Bürokollege ist ein richtiger Widerling: laut, arrogant, beratungsresistent. Wie komme ich mit so jemand klar?
Margit Schönberger, Autorin mehrer Bücher über das Zusammenleben im Büro (“Wer Kollegen hat braucht keine Feinde“):
„Es wird Situationen geben, in denen der Widerling für Kritik ansprechbarer ist, nach einem erfolgreichen Telefonabschluss beispielsweise. Das ist der Moment für ein offenes Gespräch über die Probleme, die seine Art bei Ihnen verursachen. Ihre Sätze sollten allerdings nicht mit „Sie haben…, Sie tun…, Sie nerven…“ beginnen! Während des Gesprächs sollten Sie freundlich bleiben und Ihrem Gegenüber Wertschätzung signalisieren – selbst wenn Sie schauspielern müssen! Nur falls das keine Wirkung zeigt, können Sie mit härteren Bandagen kämpfen: Etwa, indem Sie ihm den Spiegel vorhalten und während eines seiner zu laut geführten Telefonate ebenfalls ein noch lauteres führen. Seien Sie sich aber bewusst, dass dies die Situation zunächst eskalieren wird. Solche Spiele kosten Nerven. Oft aber lässt sich solchen Charakteren nur beikommen, indem man sie völlig aus dem Konzept bringt und sie direkt konfrontiert. Oder für sanftere Gemüter: Überreichen Sie dem Widerling morgens ein kleines Geschenk mit den Worten: „Geschenke sollen doch die Freundschaft fördern. Vielleicht haben wir heute eine kampffreie Zone!“ Oder ohne Geschenk: „Wundern Sie sich nicht: Heute habe ich meinen arroganten Tag, am besten Sie gehen mir aus dem Weg.“ Wichtig ist, dass Sie das Problem am Ende selbst lösen und damit nicht nach oben rennen. Denn das lässt Sie hilflos aussehen und qualifiziert sie nicht für höhere Aufgaben.“
2. Ich fühle mich zunehmend von Chef und Kollegen gemobbt. Wie soll ich darauf reagieren?
Ulla Dick, Management-Trainerin und Fachbuchautorin („Keine Angst vor Mobbingfallen“):
„Ihre Frage lässt sich so pauschal nicht beantworten, da Mobbing ein vielschichtiges Geschehen ist. Es gibt nicht das einmalige Ereignis, in dem es knallt und das man dann als Mobbing bezeichnet. Auch Streit und Meinungsdifferenzen sind nicht per se Mobbing. Unter Mobbing versteht man destruktive Handlungen, Schikanen, die sich regelmäßig über einen längeren Zeitraum – mindestens ein halbes Jahr – hinweg zielgerichtet gegen eine Person richten, die aufgrund ihrer Situation unterlegen ist. Zu den Mobbinghandlungen von Chefs gehören: unberechtigte und verletzende Kritik, gern in Anwesenheit von Kollegen, räumliche Versetzung, Kompetenz- und Aufgabenentzug, ohne dass dies begründet wird, quantitative und qualitative Überforderung, verbale Drohungen, bewusste Desinformation, und so weiter. Wenn Mitarbeiter Kollegen mobben, dann lästern über sie, sprechen nicht mehr mit ihnen, isolieren Sie, verbreiten rufschädigende Gerüchte über Sie. Was Sie dagegen tun können? Auch dafür gibt es leider kein Patentrezept – und auch keine schnelle und wirksame Lösung. Nach den Erfahrungen von Konfliktforschern wurden Mobbingfälle sogar eher selten zur Zufriedenheit der Betroffenen gelöst. Die üblichen Bewältigungsstrategien, wie das Einschalten von Betriebsräten und Vorgesetzten ließen die Situation vielmehr eskalieren. Als Empfehlung bleibt deshalb nur, dafür zu sorgen, dass Sie sich persönlich stabilisieren und aus der Eskalation aussteigen. Dabei kann Coaching helfen, aber auch psychotherapeutische Gespräche. In einem zweiten Schritt sollten Sie die Arbeitssituation objektiv verändern, indem Sie dafür sorgen, dass der oder die Mobber und Sie arbeitsorganisatorisch getrennt werden. Wenn das nicht möglich ist, ist die eigene Kündigung durchaus eine Option, die Sie in Erwägung ziehen sollten. Schließlich geht es um Ihre Lebensqualität und Gesundheit.“
3. Mein Job langweilt mich nur noch. Was kann ich tun, um etwa mehr Verantwortung und wieder mehr Spaß zu bekommen?
Stefan Koop, Managing Partner Amrop Hever/Delta Management Consultants:
„Sie haben Ihr Karriereziel erreicht – deshalb langweilen Sie sich. Sie könnten jetzt darüber nachdenken, den Job zu wechseln, sich an Headhunter zu wenden und in einer neuen Umgebung Ihr Glück versuchen. Das könnte aber auch eine Flucht sein. Die Alternative: Aktivieren Sie sich, erinnern Sie sich an die Zeit, als Sie gekämpft und gerackert haben. Welches neue Projekt könnten Sie zu Ihrem Projekt machen? Wen wollten Sie im Unternehmen immer schon mal kennenlernen, um gemeinsam etwas zu erreichen. Suchen Sie sich einen neuen starken Mitarbeiter oder Assistenten, der wird Sie fordern und beleben! Ist es nicht Zeit für eine spannende Weiterbildung? Oder wie wären ein paar Monate im Ausland? Ändern Sie Ihren Rhythmus! Gehen Sie früher ins Büro. Sehr oft treffen Sie so ganz andere Menschen. Gehen Sie zu neuen Zeiten zum Mittagessen und setzen Sie sich woanders hin. Denken Sie ganzheitlich: Job, Familie, Freizeit – wo können Sie etwas verändern? So kann neuer Schwung im Privaten bis in den Job strahlen. Eine chinesische Weisheit lautet: Wer Dinge erreichen möchte, die er noch nie erreicht hat, muss Dinge tun, die er noch nie getan hat. Viel Spaß im neuen turbulenten Leben!“
4. In unser Abteilung ist eine fiese Petze: Ständig macht er sich über die Fehler anderer lustig, hängt jeden Patzer an die große Glocke und geht damit sogar zum Chef. Was tun?
Margit Schönberger, Autorin mehrer Bücher über das Zusammenleben im Büro (“Wer Kollegen hat braucht keine Feinde“):
„Petzen sind kindische Menschen, die verzweifelt nach Anerkennung suchen – in diesem Falle vom Chef. Wer das berücksichtigt, kann sie entsprechend leicht manipulieren: Petzen lieben es, um Rat gefragt zu werden! Das funktioniert jedoch nur, wenn man die richtige Antwort schon kennt und es versteht, die Petze mit geschickten Fragen in Atem zu halten. Damit nimmt man sie psychologisch in die Mitverantwortung. Der Haken an dieser Strategie: Die Petze identifiziert Sie hinterher zwar als Freund, rückt Ihnen aber erst recht nicht mehr von der Pelle. Da Petzen in Unternehmen jedoch nur etwas werden können, wenn führungsschwache Chefs auf ihre miesen Touren abfahren, haben Sie vermutlich in Wahrheit ein wesentlich größeres Problem: einen miesen Chef. In diesem Fall bleiben Ihnen nur zwei Alternativen: Sie wechseln die Abteilung oder Sie sehen die Sache positiv: Petzen senken Fehlerquoten. Sie wirken wie eine Art Disziplinierungscoach, weil jeder ihre Häme fürchtet.“
5. Schleimer haben nachweislich Erfolg. Aber wie viel Nähe zum Boss ist nun wirklich gut für die Karriere?
Sabine Hansen, Expertin für Rekrutingfragen bei Heidrick & Struggles:
„Ein gutes Verhältnis zum Chef ist zweifellos für jede Karriere nützlich. Viele Top-Manager sagen rückblickend, ein oder mehrere Mentoren hätten während ihrer Laufbahn schützend die Hand über sie gehalten. „Schleimen“ ist dabei jedoch die falsche Strategie. Nur schwache Vorgesetzte lieben allzu willfährige Untergebene. Und von schwachen Chefs sollte man sich lieber fernhalten. Der beste Garant für den Aufstieg ist der Nachweis von Leistung – logisch. Dabei fällt positiv auf, wer nicht nur die selbst gesteckten Ziele erreicht, sondern auch genügend Zeit findet, weitere, oft spontan entstehende Aufgaben zu lösen. Seinen Job gut machen und zum Beispiel zusätzlich die Weihnachtsfeier organisieren – das bringt Punkte und natürlich auch Nähe zum Chef! Apropos Nähe: Nicht derjenige ist des Chefs Liebling, der ihm täglich auf den Füßen steht. Glauben Sie daran, dass ein guter Vorgesetzter Leistungen auch aus der Distanz beobachten kann. Vermeiden Sie auch, Ihrem Chef ständig Lob abzunötigen. Neben der sachlichen Leistung zählt eben auch soziales Verhalten. Ganz schlecht: nach oben buckeln, nach unten treten. So jemand wird nie Karriere machen. Gute Führungskräfte haben nicht nur zu ihren direkten Chefs eine enge Beziehung, sie verstehen sich auch mit Gleichrangigen und Mitarbeitern gut. Es ist immer das gesamte Umfeld, nie ein einzelner Vorgesetzter, der Sie nach oben trägt.“
6. Mein Chef macht häufig anzügliche Bemerkungen und kommt mir in der Kaffeeküche unangenehm nah. Ich fürchte, wenn ich ihm das sage, streitet er alles ab – und dann verliere ich vielleicht sogar meinen Job. Gibt es dafür eine Lösung?
Petra Begemann, Buchautorin und Karrieretrainerin, Frankfurt am Main:
„Schätzungen zufolge erlebt jede zweite Frau am Arbeitsplatz sexuelle Belästigungen, wie etwa verbale Anzüglichkeiten. Typisch ist auch das von Ihnen beschriebene Machtgefälle: Oft nutzen die Täter Abhängigkeiten aus. Gibt es eine Lösung? Ja – wehren Sie den Anfängen! Glauben Sie nicht, peinlich berührtes Schweigen, Erröten oder stummes Abrücken würde Ihr Problem lösen. Wäre Ihr Chef so sensibel, würde er sich gar nicht erst daneben benehmen. Kontern Sie anzügliche Bemerkungen sofort, und zwar deutlich. Ein bissiges „Verschonen Sie mich bitte mit solchen Anzüglichkeiten!“ kann Wunder wirken. Dazu gehören natürlich auch die entsprechende Körperhaltung und Lautstärke. Sollen andere ruhig mithören: Ihr Chef muss wissen, dass er in Ihnen kein leichtes Opfer findet. Das gilt auch fürs Auf-die-Pelle-rücken. Wenn ein direktes „Halten Sie bitte Abstand!“ nicht fruchtet, drohen Sie glaubhaft damit, loszuschreien. Sie möchten nicht als zickig gelten? Diesem Killerargument hormongesteuerter Machos sollten Sie gar nicht erst auf den Leim gehen. Es lebt sich als Zicke deutlich angenehmer denn als Freiwild. So verständlich Ihre Angst vor Jobverlust ist: Was wäre die Alternative? Wenn Sie schweigen, wird es nur schlimmer. Vielfach reicht ein gezielter Schuss vor den Bug, und Sie werden in Zukunft verschont. Wenn nicht, müssen Sie wohl oder übel den offiziellen Weg gehen. Scheuen Sie die öffentliche Auseinandersetzung, bleibt Ihnen realistischerweise nur ein rascher Jobwechsel.“
7. Mein Chef ist ein Tyrann, nie kann man ihm etwas recht machen. Kündigen kann ich mir aber nicht leisten. Kann ich ihn trotzdem kritisieren?
Susanne Reinker, Buchautorin („Rache am Chef“) und Spezialistin für Spielregeln am Arbeitsplatz:
„Kaum ein Vorgesetzter ist wirklich bösartig, die meisten haben ihren Führungsjob nur nie richtig gelernt. Der Durchschnittschef weiß insgeheim um diese Schwäche und zeigt sich daher durchaus aufgeschlossen, was kritische Rückmeldungen von Mitarbeitern betrifft. Es gibt zwar Chefs, die diese Lernbereitschaft nur an den Tag legen, wenn sie nach einer heftigen Entgleisung Reue demonstrieren und Schönwetter machen wollen – doch auch diese Chance auf freie Meinungsäußerung ist besser als gar keine. Sie können überraschend viel erreichen, wenn Sie ein paar Kritikregeln beachten. Erstens: Frühzeitig das Gespräch anpeilen und nicht erst, wenn Ihnen eine Sache bis obenhin steht. Zweitens: Machen Sie einen Termin unter vier Augen in einer erfahrungsgemäß ruhigen Phase des Chefs. Drittens: Wählen Sie ein Thema aus – und nicht gleich fünf. Auf Generalangriffe reagieren Chefs ausgesprochen aggressiv. Viertens: Üben Sie eine sachliche Darstellung inklusive freundlichem Gesichtsdruck und lockerer Stimmlage. Faustregel: keine Vorwürfe („Sie geben uns nie Hintergrundinfos!“), sondern Vorschläge („Ich könnte das Projekt schneller bearbeiten, wenn ich mehr Informationen bekäme“). Fünftens: Schwenken Sie nach maximal zehn Minuten freiwillig auf entspannenden Small Talk um. Und ein „Dankeschön“ nicht vergessen!“
8. Mein Kollege ist eine Niete. Eigentlich sollte ich seinen Job bekommen. Wie gehe ich am besten vor?
Sabine Hansen, Expertin für Rekrutingfragen bei Heidrick & Struggles:
„Die Intrige ist der schlechteste Karriereratgeber, egal was Handbücher zu Macht und dem richtigen Umgang mit ihr versprechen. Natürlich ist Durchsetzungsvermögen von Vorteil. Nur, wenden Sie Ihre Stärke bitte immer an, um sachliche Ziele zu erreichen – nie gegen konkurrierende Kollegen oder gar ihren Vorgesetzten. Wer mobbt oder andere anschwärzt, auf den werden solche Verhaltensweisen früher oder später zurückfallen. Es ist wie mit Verrat. Man liebt ihn, aber nicht den Verräter. Verhalten Sie sich also auch gegenüber vermeintlichen Nieten im beruflichen Umfeld korrekt. Eine gute Unternehmenskultur wird von selbst dafür sorgen, dass Sie bei der nächsten Beförderung berücksichtigt werden. Der Aufstiegsprozess im Unternehmen funktioniert wie ein großer Filter. Die schlechteren Mitarbeiter bleiben hängen. Sollte diese Auslese bei Ihrer Abteilung nicht greifen, dann wechseln Sie lieber den Bereich oder das Unternehmen, bevor Sie zu irgendwelchen obskuren Mitteln greifen, um sich nach oben zu boxen. Denken Sie daran, was erfolgreiche Manager immer wieder sagen: Man muss sich so verhalten, dass man guten Gewissens jeden Morgen in den Spiegel schauen kann.“
9. Ein Kollege will offenbar meinen Job – wie gehe ich damit um?
Martin Wehrle, Gehalts- und Karrierecoach sowie Fachbuchautor („Der Feind in meinem Büro“):
„Dass mehrere Menschen dieselbe Position anstreben, ist ein natürlicher Vorgang – etwa dann, wenn zwei Gruppenleiter um die vakante Position des Abteilungsleiters konkurrieren. In Ihrem Fall liegt die Sache anders: Es geht nicht um einen freien Stuhl, es geht um Ihren eigenen. Ihr Kollege will Sie verdrängen. Dabei lautet die entscheidende Frage: Wie geht er dabei vor? Greift er in Ihren Kompetenzbereich ein? Fährt er Ihnen bei Meetings über den Mund? Oder macht er Sie und Ihre Arbeit bei den Kollegen und beim Chef schlecht? Das beste Mittel, um sich gegen verdeckte Angriffe zu wehren, ist eine Aussprache. Bitten Sie ihn um ein Gespräch unter vier Augen. Sprechen Sie an, was Sie beobachtet haben. Fügen Sie hinzu, wie Sie Ihre Beobachtung deuten und welche Konsequenzen Sie daraus ziehen (nämlich dass Sie sich das nicht gefallen lassen!). Allein der Mut zu diesem Gespräch wird Sie als wehrhaft ausweisen. Gut möglich, dass Sie Ihren Konkurrenten so schon abschrecken. Falls er Sie offen angreift, etwa bei Meetings, sollten Sie eine dreifache Strategie verfolgen. Erstens: Machen Sie Ihre Arbeit so gut wie möglich und sprechen Sie über Ihre Leistung. Wenn Sie mit Ihrer Arbeit glänzen, wie sollte es dann möglich sein, Sie zu verdrängen? Zweitens: Kontern Sie Angriffe mit harten Argumenten, indem Sie Ihr Fachwissen in die Waagschale werfen. Drittens: Setzen Sie dem Konkurrenten bei offenen Angriffen eine Grenze, gerne auch mit einer Prise Humor. Wenn alles nichts nützt: Suchen Sie ein Konfliktgespräch in Gegenwart des Vorgesetzten. Dass ein Konkurrenzkampf um eine besetzte Position entbrennt, kann nicht in seinem Interesse liegen – sofern Sie Ihren Job nachweislich gut machen.“
10. Ich fürchte ich bin neuerdings Chefs Liebling. Das viele Lob und die tollen Aufträge sind einerseits gut. Aber die Kollegen ziehen sich zunehmend zurück…
Tiemo Kracht, Geschäftsführer der Personalberatung Kienbaum Executive Consultants:
„In einem solchen Fall sollten Sie stets Transparenz walten und keine Projektionsflächen entstehen lassen, in die die Kollegen etwas hineingeheimnissen. Wenn möglich, sollten die Auftragsarbeiten und die Kooperationen mit dem Chef erkennbar und nachvollziehbar sein. Zweitens: Bemühen Sie sich um Teamwork! Binden Sie an passender Stelle Kollegen in die Projekte ein und machen Sie diese Teamarbeit, beziehungsweise den Gruppenerfolg gegenüber dem Chef transparent. Gerade im Falle eines öffentlichen Lobes durch den Chef sollten Sie alle an diesem Auftrag oder Projekt Beteiligten benennen und gezielten Dank aussprechen. Drittens: Sollte Ihr Chef im Zuge eines Gruppentreffens Aufträge an Sie geben, die aus Ihrer Sicht von Kollegen mit passender Kompetenz und Erfahrung besser und zügiger bearbeitet werden können, machen Sie einen konkreten Vorschlag und delegieren Sie geschickt weiter. Damit nehmen Sie die Sensibilitäten im Kollegenkreis konstruktiv auf und erwerben Respekt und Anerkennung. Viertens: Wollen Sie mit Projektvorschlägen an den Chef herantreten, erarbeiten Sie diese Vorstöße zuvor im Team und werden Sie als Gruppe vorstellig – damit entsteht für Sie keine Schleimspur. Die Voraussetzung dafür, die Integration im Kollegenkreis nicht zu verlieren, ist Kommunikation. Bleiben Sie im Dialog und lassen Sie diesen im Rahmen einer intensiveren direkten Zusammenarbeit mit dem Chef nicht abklingen. Denken Sie immer daran: Chefs wechseln häufiger als Mitarbeiter. Ist der Chef weg, sind Sie ansonsten in Windeseile isoliert.“
11. Ich fürchte, ich habe bei meiner Beförderung ein Deppenteam geerbt. Kaum einer versteht, was ich von ihm will und das Engagement ist kurz vor der Nulllinie. Alle rausschmeißen ist eine Lösung – aber vielleicht gibt es eine bessere?
Stefan Koop, Managing Partner Amrop Hever/Delta Management Consultants:
„Es hilft nichts, Sie müssen sich mit Ihren Mitarbeitern beschäftigen, auch wenn 13 leere Augenpaare sie teilnahmslos anstieren. Denn das ist Ihre Mannschaft, Ihr Team, mit dem Sie künftig punkten sollen. Sie können nicht alle gleich vor die Tür setzen, denn Sie brauchen für die neuen Aufgaben Menschen, die diese Aufgaben erledigen. Deshalb – Phase eins: Ängste abbauen. Nur so kommen Sie an die Menschen heran. Seien Sie offen und gesprächsbereit, geben Sie ein wenig von sich preis. Jeder erzählt gerne von sich und über andere. Dies können sie nutzen. Aber bleiben Sie noch lieb und verbindlich. Phase zwei: Potential erfassen. Aus Ihren Gesprächen erstellen Sie zu jedem Mitarbeiter eine Matrix mit den Achsen „Motivation“ und „Fähigkeiten“. So entlarven Sie sehr schnell die nichts könnende Schlafnase oder Superman. Bei Superman achten Sie auf Ihren eigenen Stuhl, bei den Mitarbeitern unten links müssen Sie sich wirklich Gedanken über eine Trennung machen. Am spannendsten sind jedoch die in der Mitte. Für sie gilt Phase drei: Definieren Sie Projekte! Sie werden sich selbst am Anfang stark einbringen müssen. Denn fehlende Motivation müssen zunächst Sie ersetzen. Ganz nebenbei qualifizieren Sie sich in den Augen der Mitarbeiter als Vorbild. Zeigen Sie durch persönliches Bespiel, wie viel Spaß der Job macht. Loben Sie, fordern Sie, helfen Sie! Und treffen Sie sich nach Dienstende auch mal beim Italiener. Erst allmählich werden Sie fordernder und erhöhen den Druck. Solange Sie dabei ansprechbar bleiben, sich zeigen und helfend eingreifen, traut sich Ihr Team auch mehr zu. Die Aktionen werden Kraft kosten, aber es funktioniert.“
12. Ich bin ein hilfsbereiter Mensch und kann kaum einem einen Gefallen ausschlagen – dafür ertrinke ich in Arbeit. Was raten Sie mir?
Petra Begemann, Buchautorin und Karrieretrainerin, Frankfurt am Main:
„Die Lösung für Ihr Problem hat exakt vier Buchstaben: N-E-I-N. Konfliktscheue und Harmoniesucht, das wohlige Gefühl der Unentbehrlichkeit, vielleicht auch die Erfahrung, dass man etwas leisten muss, um gemocht zu werden – die Gründe für ein ausgewachsenes Helfersyndrom sind vielfältig. Aber werfen Sie einen Blick hinter die Kulisse Ihrer Hilfsbereitschaft: Wie stark hängt Ihr Selbstwertgefühl daran, dass alle Sie mögen und Ihnen permanent bestätigen, dass Sie eine wichtige Stütze der Abteilung sind? Machen Sie sich klar, dass Sie als gute Seele im Team zwar gemocht, insgeheim aber auch ein wenig belächelt werden. Gute Seelen werden nicht befördert, sie werden ausgenutzt! Freunden Sie sich mit dem Gedanken an, dass Konflikte nicht grundsätzlich böse sind, sondern zum (Berufs-)Leben dazu gehören. Und lernen Sie, Nein zu sagen: sofort, eindeutig und ohne sich in langen Rechtfertigungen zu verheddern. Seien Sie vorbereitet auf das übliche: „Haben Sie einen Moment Zeit?“ oder „Kannst du mir einen kleinen Gefallen tun?“ Freundliches Lächeln: Nein, leider nicht. Punkt. Inzwischen sollten Sie doch wissen, dass Sie der angebliche Moment mindestens eine halbe Stunde Lebenszeit kostet, vom kleinen Gefallen ganz zu schweigen.“
13. Ich bin seit kurzem mit einem Kollegen liiert. Sollten wir das geheim halten oder lieber allen mitteilen?
Susanne Reinker, Buchautorin („Rache am Chef“) und Spezialistin für Spielregeln am Arbeitsplatz:
„Wer eine Büroaffäre genießt oder sich unsterblich verliebt, hat oft keine Lust auf ein längeres Versteckspiel unter Kollegen. Das ist verständlich, außerdem wird sowieso ein Drittel aller Ehen im Büro gestiftet. Doch längst nicht alle erotischen Abenteuer im Job werden zu festen Beziehungen. Deshalb riskiert man mit Büroromanzen unter Umständen seinen Ruf oder gar seinen Job. Falls Sie Ihre Romanze für die Ausnahme zur Regel halten und sich endlich outen wollen, sollten Sie ein paar potenzielle Problemzonen bedenken: Erstens bieten Sie Kollegen und Vorgesetzten einen Grund zum Lästern. Zweitens wird der Ruf Ihrer Arbeit leiden, denn Skeptiker und Feinde werden Ihnen – ob nun zu Recht oder zu Unrecht – unterstellen, dass Sie Geschäftliches und Privates nicht mehr richtig auseinander halten können. Und drittens gibt es da das nicht unbeträchtliche Risiko, dass die große Leidenschaft im Crash endet und Sie sich in der Folge einen neuen Job suchen müssen. Die Zusammenarbeit mit dem oder der Ex kann nämlich ausgesprochen ätzend werden, nicht nur wegen des Feinfrosts, sondern auch wegen gewisser Indiskretionen über die Leistung auf dem Laken. Das alles gilt noch mehr, wenn die Beziehung aus Chef und Mitarbeiterin (der umgekehrte Fall ist seltener) besteht. Sie sollten daher jeder Bürobeziehung eine Probezeit von mindestens sechs Monaten verordnen, ehe Sie diese in der Firma für amtlich erklären.“
14. Zurzeit wird bei uns eine Strategie glorifiziert, die ich für groben Unfug halte. An einigen Stellen habe ich das schon moniert. Aber jetzt stellen es die anderen so hin als hätte ich keine Ahnung. Und nun?
Tiemo Kracht, Geschäftsführer der Personalberatung Kienbaum Executive Consultants:
„Bleiben Sie auf der Sachebene, verknüpfen Sie Ihre Kritik nicht mit Personen, sondern entwickeln Sie einen Katalog strukturierter und überzeugender Argumente! Monieren allein genügt nicht, damit rutscht man sehr leicht ins Querulantentum ab. Es ist nicht entscheidend zu wissen, wie es nicht geht, sondern es muss ein durchdachtes Gegenkonzept erarbeitet werden. Zweitens: Suchen Sie sich Verbündete und betreiben Sie eine aktive Entscheidungsvorbereitung, indem Sie Kollegen ins Boot holen, diese von der Ausrichtung Ihres Konzeptes überzeugen und sie am Gegenentwurf mitarbeiten lassen. Drittens: Ermitteln Sie passende Beispiele in vergleichbaren Unternehmen, die Ihr Konzept untermauern, und verweisen Sie auf deren positive Arbeits- und Leistungsergebnisse. Damit halten Sie Zahlen, Daten und Fakten parat, die nicht so schnell umgangen werden können – und: Ihr Vorstoß ist gründlich vorbereitet und fundiert, Sie haben sich weit reichende Gedanken gemacht und vermitteln Kompetenz, Seriosität und Konstruktivität. Sie beweisen, dass Sie Ahnung vom Geschäft haben und die Trends des Marktes kennen. Fünftens: Halten Sie in der Vermittlung Ihrer Arbeitsergebnisse den Dienstweg ein, umgehen Sie keine Entscheidungsträger, um auf höchster Ebene zu zeigen, was Sie können!“
15. Die Kollegen nehmen mich nie zum Mittagessen mit. Auch wenn Sie abends etwas trinken, werde ich nicht gefragt.
Martin Wehrle, Gehalts- und Karrierecoach sowie Fachbuchautor („Der Feind in meinem Büro“):
„Natürlich haben Sie das Recht, sich über Ihre Kollegen zu ärgern. Klüger wäre es jedoch, Sie würden den Blick auf sich selbst richten. Haben Sie eine Ahnung, was die Kollegen bei ihrem Verhalten leitet? Warum geht die Geselligkeit ausgerechnet an Ihnen vorbei? Hilfreich ist hier der Ansatz der systemischen Psychologie: Wenn mehrere Menschen aufeinander treffen, verhält es sich mit ihnen wie mit chemischen Substanzen, die man in ein Reagenzglas kippt – sie reagieren aufeinander. Wie die Reaktion ausfällt, hängt immer mit den Eigenschaften aller Beteiligten zusammen. Also auch mit Ihren! Positiv gesprochen: Indem Sie Ihr Verhalten verändern, können Sie das Verhalten der anderen beeinflussen. Meine erste Empfehlung: Warten Sie nicht darauf, dass die anderen Sie einladen, sondern ergreifen Sie die Initiative: „Ich würde gerne mitkommen. Ist das okay?“ Womöglich haben die Kollegen den Eindruck, Sie wollten sich gar nicht an der Geselligkeit beteiligen. Je mehr Sie sich über die vermeintliche Ausgrenzung ärgern, desto merkwürdiger verhalten Sie sich – und desto mehr sehen sich die anderen in ihrem Vorurteil bestätigt. Einen solchen Teufelskreis, der oft zu Mobbing führt, können Sie durch eigene Initiative unterbrechen. Der zweite Schritt: Achten Sie darauf, welche Gepflogenheiten in der geselligen Runde gelten. Wenn es die Gemeinschaft zum Beispiel schätzt, dass humorvolle Geschichten erzählt werden – warum geben Sie nicht auch mal eine lustige Anekdote preis? Indem Sie die Spielregeln erkunden und einhalten, senden Sie der Gruppe ein positives Signal. Dann stehen die Chancen gut, dass Sie bald schon akzeptiert und wie selbstverständlich zum Mittagessen oder zum Drink nach der Arbeit mitgenommen werden.“
16. Offenbar soll ich rausgemobbt werden. Mein Chef hat mich dazu in ein schäbiges Büro versetzt. Kann ich mich dagegen juristisch wehren?
Peter Groll, Fachanwalt für Arbeitsrecht, Frankfurt
„Es ist leider schwierig, hierbei gerichtliche Hilfe zu bekommen. Ein Eilverfahren gewinnt man nur, wenn die Versetzung offensichtliche Schikane ist – also wenn der Bankdirektor plötzlich den Hof fegen soll. Aber kaum ein Fall ist so eindeutig. Deshalb läuft es meist auf ein langwieriges Verfahren hinaus. Bis dahin bleibt man in der neuen Dunkelkammer und muss die Zähne zusammenzubeißen. Sonst droht die fristlose Kündigung wegen Arbeitsverweigerung. Hat das Gericht bestätigt, dass die Versetzung unwirksam ist, geht das Spiel von vorne los: Der Mitarbeiter erhält zwar offiziell seinen alten Job zurück, wird dann aber gerne mit anderen Aufgaben befasst, die als „besonderes Projekt“ tituliert werden. Nicht selten werden dazu nur ungeliebte Teilarbeiten aus dem alten Job zusammengefasst. Dann müssen Sie wieder vor Gericht und eine Zwangsvollstreckung des gewonnenen Verfahrens erwirken. Das ist schwer, denn nun müssen Sie beweisen, warum die jetzige Tätigkeit nicht dem Urteil entspricht, während der Arbeitgeber sagt: Ich weiß nicht, was Sie wollen, Ihr Mandant ist doch vertragsgemäß beschäftigt. Kurzum: Wenn sich Ihr Arbeitgeber geschickt anstellt, haben Sie gerichtlich wenig Chancen. Oder Sie brauchen Nerven wie Stahlseile.“



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