Dem erfolgreichen Tagwerk pirscht leider oft auf leisen Sohlen die Erschöpfung hinterher. Wir leben in einer Zeit mit jeder Menge Action ohne Satisfaction. Globalisierung, Vielfliegerei, Zeitverschiebungen, Beschleunigung der Arbeitsabläufe und das Verschwimmen von Beruf und Privatsphäre rauben den Menschen Kraft und Zeit. Hinzu kommt der Technikstress: Handy, iPhone, SMS, E-Mails und das ständige Überwachen und Pflegen virtueller Kontakte zehren an den Nerven. Unser Arbeitsalltag ist zudem geprägt von Unsicherheit, von prekären Anstellungsverhältnissen, von Projektarbeit und daraus resultierenden hierarchischen Grabenkämpfen.

Entsprechend bescheinigen Studien eine zunehmende Überlastung der Belegschaften. Seit Jahren steigt der Stresspegel in den Büros bedenklich an: Allein zwischen 1997 und 2004 haben die seelischen Leiden am Arbeitsplatz um 70 Prozent zugenommen. Jeder fünfte Deutsche zeigt inzwischen typische Stresssymptome wie Kopfschmerzen, Herzrasen, Schlafstörungen oder Durchfall. Jeder zehnte Fehltag soll auf das Konto von Stress gehen. Vor allem den jungen Menschen schlägt der steigende Druck offenbar aufs Gemüt. Von den 20- bis 35-Jährigen erkranken heute doppelt so viele Beschäftigte an psychischen Krankheiten wie noch 1997. Besonders gefährdet: die 40- bis 44-Jährigen. In dieser Altersgruppe erreichen psychische Erkrankungen mit einem Anteil von 12,2 Prozent ihren Höchstwert.

Aber was tun die Menschen um steigende Anforderungen und Mehrarbeit zu bekämpfen? Richtig, sie arbeiten noch mehr, klotzen noch mehr rein, um irgendwie über die Runden zu kommen. 60,2 Prozent der Manager nutzen etwa jede freie Minute für den Job und arbeiten auch noch unterwegs per Handy oder BlackBerry, um ihr Pensum zu schaffen, so das Ergebnis einer Umfrage des IWD Forschungsinstituts. Allenfalls 15 Minuten Pause gönnen sich Manager im Schnitt pro Tag. 59 Prozent begründen dies schlicht mit „keine Zeit“ und ein Drittel sagt, dass weitere Pausen nun mal nicht vorgesehen seien. Jammerschade. Und grundverkehrt.

Denn eine aktuelle Studie bescheinigt nun einen geradezu paradoxen Weg, um dem Problem Herr zu werden: Wer mehr leisten und produktiver arbeiten will, muss weniger machen.

Den Hintergrund zu dieser steilen These liefert eine vierjährige Studie, die in der Oktober-Ausgabe des amerikanischen Harvard Business Review veröffentlicht werden soll. Dazu wurden zwölf bis zu 5-köpfige Beraterteams der Boston Consulting Group (BCG) explizit aufgefordert, sich regelmäßig eine feste Zeit freizunehmen – jede Woche. Dazu gehörte etwa, dass sich jedes Gruppenmitglied mindestens einmal unter der Woche ab 18 Uhr einen freien, ungestörten (!) Abend nehmen musste. Kein Blackberry, kein Kontakt zu den Kollegen. Arbeiten war in dieser Zeit absolut tabu. Genauso wie die Arbeit am Wochenende nachzuholen. Wer wann welche Auszeiten nahm, wurde in wöchentlichen Meetings besprochen, wobei einige der beratenden Workaholics zu ihrem Feierabend regelrecht gezwungen werden mussten.

Das Ergebnis überraschte dann aber sowohl die Teams, die Chefs der Beratung sowie die Forscher: Die erzwungenen Auszeiten sorgten nicht nur dafür, dass die Teams besser miteinander kommunizierten und mehr Informationen miteinander teilten – sie verbesserten sogar die Beziehungen untereinander. Zudem optimierte der erzwungene Lenz die Arbeitsorganisation und Arbeitsabläufe. Mehr noch: Nach dem 5-monatigen Experiment zeigte sich, dass sogar die Jobzufriedenheit und Ausgeglichenheit der Consultants enorm angestiegen war. In einer anonymisierten Umfrage gaben die Versuchsteilnehmer an, nun länger bei BCG bleiben zu wollen als beispielsweise eine Kontrollgruppe anderer Berater, die die ganze Zeit durchgeackert hatten.

Das Gesamtergebnis überzeugte die BCG-Berater derart, dass sie das Konzept inzwischen als feste Teamstrategie für künftige internationale Projekte und Teams einsetzen wollen. „Das Ganze hat die Art und Weise wie wir arbeiten dramatisch verändert“, sagt Grant Freeland, Senior Partner und Managing Director der Bostoner Büros.

Das deckt sich auch mit einer Studie der Durham Business School und des Beratungsunternehmens JBA. Deren Fazit: Sobald jemand, seine Arbeit selbstständig verteilen und organisieren kann, erhöht sich dessen Produktivität. So stieg etwa mit zunehmender Anwesenheitspflicht und Bindung an das Büro auch die Bereitschaft, drei oder mehr Tage im Jahr zu fehlen, beziehungsweise blau zu machen. Oder salopp formuliert: Wer häufiger da sein muss, ist häufiger abwesend. Konkret betraf das 15,9 Prozent der Büroarbeiter, aber nur 6,6 Prozent der Flexiblen.

Der Mensch ist nun mal keine Maschine. Und selbst die vertragen es nicht, immer nur unter Vollgas zu rotieren. Deshalb sind Auszeitintervalle enorm wichtig für Körper, Psyche – und eben auch die Produktivität. Wo bitteschön steht auch geschrieben, dass man immer und überall erreichbar, immer ansprechbar und vor allem immer beschäftigt sein muss? Ein derartiges Verhalten könnte schließlich ebenso auf eine narzisstische Störung hindeuten. Wer etwa glaubt, dass die Wirtschaft, vielleicht aber auch nur die Tabellenkalkulation zusammenbricht, sobald er mal kurz innehält, nimmt sich höchstwahrscheinlich viel zu wichtig.