Notlügen im Vorstellungsgespräch: Erlaubt?
Wie Sie das Lügen moralisch bewerten, bleibt natürlich Ihnen überlassen. Mit der Wahrheit fährt man in der Regel besser. Aber zumindest gesetzlich sind Bewerbern Notlügen im Vorstellungsgespräch erlaubt - als eine Art Notwehrrecht bei unzulässigen Fragen. Denn wer hier die Aussage verweigert, macht sich erst recht verdächtig - und die Stelle ist dann auch meist futsch. Deshalb sind hierbei Notlügen grundsätzlich erlaubt. Wann und wo aber genau?

Lügen aus Notwehr: Welche Fragen im Vorstellungsgespräch sind tabu?

Als Faustregel können Sie sich merken: Ihre Privatsphäre dürfen Sie immer schützen, die geht den künftigen Arbeitgeber nichts an. Mehr noch: Wird der Arbeitgeber in spe nachdrücklich indiskret mit seinen allzu neugierigen Fragen, kann er sich unter Umständen sogar schadensersatzpflichtig machen. Allerdings bleibt dieser Gesetzespassus in der Regel ein zahnloser Tiger, da die Beweispflicht eine enorm hohe Hürde bildet.

Tabu sind alle...

  • Fragen zum Lebenspartner
  • Fragen zu Heiratsabsichten
  • Fragen zur Familienplanung (Schwangerschaft, Kinderwunsch)
  • Fragen zur Religion und Konfession
  • Fragen zur Parteizugehörigkeit
  • Fragen zur Gewerkschaftszugehörigkeit
  • Fragen zum bisherigen Einkommen
  • Fragen zur sexuellen Neigung (homo- oder heterosexuell)
  • Fragen zum Privatleben generell

Bewerber dürfen solche Fragen stets mit einer Notlüge beantworten. Ähnliches gilt auch für die folgenden verbotenen Fragen, allerdings mit der Einschränkung, dass sie doch wahr beantwortet werden müssen, wenn die Information für den Job relevant ist. Dazu gehören...

  • Fragen zu den Vermögensverhältnissen, insbesondere Schulden (etwa bei Bankangestellten, Kassierern)
  • Fragen zu Vorstrafen (etwa bei Juristen oder angehenden (Polizei)Beamten)
  • Fragen zu Krankheiten (insbesondere ansteckenden etwa in medizinischen Berufen, in der Gastronomie und Lebensmittelindustrie)

Zu den Ausnahmen gehört allerdings auch die Frage nach einer vorhandenen Schwangerschaft. Wenn es sich beispielsweise um einen Job handelt, bei dem Schwangere nur bedingt oder gar nicht eingesetzt werden können, weil ihre Gesundheit oder die des Kindes sonst gefährdet wären oder in denen der notwendige körperliche Einsatz der Frau (zum Beispiel als Model oder Tänzerin) mit einer Schwangerschaft unvereinbar ist, darf der künftige Chef durchaus nach einer Schwangerschaft fragen - und die Frage muss dann auch wahrheitsgemäß beantwortet werden.

Andernfalls hat der Arbeitgeber das Recht zur Anfechtung des Vertrages.

Diese Fragen müssen Sie wahr beantworten

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Umgekehrt sind alle professionellen und berufsbezogenen Fragen - auch wenn sie unangenehm sind - erlaubt. Dazu gehören etwa:

  • Fragen zur Ausbildung (Schul- und Hochschulbildung)
  • Fragen zum Werdegang (bisherige Arbeitgeber)
  • Fragen zu beruflichen Erfahrungen
  • Fragen zu Nebenbeschäftigungen
  • Fragen zu einer Schwerbehinderung
  • Fragen zur Mobilität (Führerschein, eigener Pkw, Umzugsbereitschaft)
  • Fragen zu Verfügbarkeit (frühest möglicher Eintrittstermin)
  • Fragen zu Wettbewerbsverboten (etwa bei Managern)

Diese Fragen sind dazu gedacht, die fachliche Eignung des Bewerbers für die ausgeschriebene Stelle zu überprüfen. Entsprechend müssen sie immer wahrheitsgemäß und vollständig beantwortet werden. Eine Notlüge im Bewerbungsgespräch würde auch hier den Job gefährden - der Arbeitsvertrag wäre später noch anfechtbar.

Notlügen im Vorstellungsgespräch: Die besten 8

Zur bitteren Realität gehört es aber nun mal auch, dass eine durch und durch ehrliche Haut im Vorstellungsgespräch mitunter auf die Verliererstraße abbiegt. Das lässt sich vermeiden, ohne dass Sie sich gleich in einen Lügenbaron verwandeln - mit ein paar zulässigen Notlügen eben.

Schließlich ist es schwierig, im Bewerbungsgespräch zu sagen: "Das geht Sie nichts an!" Oder: "Das dürfen Sie gar nicht fragen!" Erstens, weil man sich damit verdächtig macht, etwas verheimlichen zu wollen; zweitens, weil das wichtige Sympathiepunkte kostet.

Aber es gilt eben auch die umgekehrte Frage: Will ich bei einem solchen Arbeitgeber anheuern, der schon mit unzulässigen Fragen beginnt?

Deshalb, daher und darum: Als Anregung (nicht zur Anstiftung!) hier 8 Notlügen-Beispiele die Ihnen in Ihrem nächsten Jobinterview helfen könnten...

  1. Mein letzter Chef war total in Ordnung, über den kann ich nichts Schlechtes sagen.



    Bernd Leitner Fotodesign


    In Wahrheit war er die Pest im Maßanzug. Trotzdem zeugt es nicht nur von schlechtem Stil, über ehemalige Arbeitgeber herzuziehen, es ist auch strategisch unklug. Ihr Jetzt-Gesprächspartner wird das Gefühl haben, dass er alsbald der Nächste ist, über den Sie ablästern. Im Vorstellungsgespräch gilt: Nie schlecht über verflossene Chefs (und Kollegen) reden. Dann lieber schönreden und notlügen.

  2. Den ganzen Tag im stillen Kämmerlein zu sitzen, das wäre nichts für mich.



    Merke: Teamfähigkeit gehört zum heiligen Kanon der Arbeitswelt anno 1980. Völlig unabhängig davon, ob sie in Ihrem Job uneingeschränkt Sinn ergibt oder nicht. Heucheln Sie also Teamfähigkeit, obwohl Sie sich in Wahrheit ein Einzelbüro wünschen und eher der introvertierte Typ sind.

  3. Hier steckt so viel Potenzial im Unternehmen; dieser Job wäre einfach eine tolle Herausforderung, der ich mich nur allzu gerne stellen würde.



    Dabei wollen Sie doch einfach nur raus aus Ihrem aktuellen Job. Bloß weg, weg, weg! Weil der Chef ein unerträglicher Choleriker ist, das Team aus lauter Querulanten besteht, die Bezahlung mies ist und die Aufgaben sterbenslangweilig sind. Das sind verständliche Gründe, die aber unter Umständen trotzdem auf Sie ein schlechtes Licht werfen. Grundsätzlich: Die Motivation für die ausgeschriebene Stelle sollte nie der Unmut über die alte sein. Womöglich waren Sie an Ihrer misslichen Lage ja nicht ganz unschuldig...

  4. Mit meinen Kollegen habe ich mich immer super verstanden.



    CREATISTA


    Obwohl sie die meisten so wenig ausstehen konnten wie Mundgeruch am Nachmittag. Aber: Sie wollen ja Teamfähigkeit dokumentieren. Und wer offen über seine Antipathien für Teamkollegen X und Abteilungsleiterin Y spricht, macht sich verdächtig.

  5. Privat gehe ich am liebsten surfen, lese viel und grille sehr gerne mit meinen Freunden. Und ich träume von einer Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn.



    Dabei wollen Sie doch nur in Ruhe in Ihrem Keller an der Modelleisenbahn schrauben, und zwar am liebsten von morgens bis abends. Oder bis zum Morgengrauen Call of Duty auf der Playstation zocken. Das sind aber keine Hobbys und Interessen, mit denen Sie punkten. Ein dynamisches Hobby wie Segelfliegen kommt nun mal auf der anderen Seite des Tisches häufig besser an als Briefmarken sammeln. Auch nicht gut: Oberflächliche Antworten wie "Party machen und shoppen." Sicher: Niemand muss sein Hobby verheimlichen und sich selbst verleugnen. Aber wenn Sie den Job unbedingt haben und Ihre Chancen erhöhen wollen, dann wählen Sie die genannten Hobbys und Interessen besser strategisch aus. Der Rest ist Schweigen.

  6. Ich bin unausstehlich, wenn ich nichts gegessen habe.



    l i g h t p o e t/shutterstock.com


    Blödsinn, Sie sind auch mit leerem Magen keine Frohnatur. Aber irgendwas müssen Sie ja antworten, wenn Sie mal wieder nach Ihrer größten Schwäche gefragt werden. "Ich bin notorisch unpünktlich, habe Angst zu telefonieren, manchmal dreckige Fingernägel und raste ab und zu auch schon mal aus", ist jedenfalls die deutlich schlechtere Alternative. An dieser Stelle ist generell die Taktik beliebt, eine vermeintliche Schwäche in eine Stärke umzudeuten. Das kann aber auch sehr plump sein, à la "Meine größte Schwäche ist meine Ungeduld". Ungeduld ist durchaus eine Schwäche.

  7. Mein Ziel wäre es, in dieser Zeit in die Rolle des Teamleiters hineinzuwachsen. Aber ich weiß, dass ich dafür viel harte Arbeit investieren muss.



    Eine Option, um die beliebte Frage "Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?" zu umschiffen. Was Sie dagegen nicht sagen: "Ach, am liebsten würde ich es mir in dem Sachbearbeiter-Job für die nächsten 20 Jahre gemütlich einrichten." Das mag ehrlich sein und ist im Grunde noch nicht mal verwerflich, wirkt aber unambitioniert und antriebslos. Die Chance, dass Sie den Job kriegen: stark reduziert.

  8. Fernsehen? Pah, da kommt doch nur Unsinn! Ich schaue wirklich ganz wenig fern.



    Ein Satz, der Ihnen ebenfalls gute Dienste erweist, wenn es um Hobbys geht - auch wenn die Wahrheit ist, dass Sie die nächste Folge des Dschungelcamps kaum erwarten können und auch "Goodbye Deutschland" nur selten auslassen. Wenn überhaupt sollten Sie den eigenen Fernsehkonsum nur beiläufig und mit Augenzwinkern erwähnen. Es sei denn, Sie bewerben sich bei einer TV-Produktionsfirma...

Bonus: Wenn Wahrheit weh tut...

Schwächen-Wahrheit-Lügen-Vorstellungsgespräch

[Bildnachweis: Syda Productions, Bernd Leitner Fotodesign, CREATISTA, lightpoet by Shutterstock.com]