Wertschätzung: Mehr als Belohnung und LobWertschätzung ist in aller Munde. Plötzlich sollen alle Führungskräfte Wertschätzung zeigen, um Mitarbeiter halten und begeistern zu können. Gesagt, getan: Hier und da ein kleines Lob und gelegentlich eine Belohnung und alle Mitarbeiter sollen sich bitte mit Kusshand über die ihnen entgegengebrachte Wertschätzung freuen und bedanken. So oder zumindest so ähnlich ist leider die Auffassung vieler Unternehmen und Vorgesetzter. Doch echte Wertschätzung ist mit Arbeit verbunden. Und es reicht nicht, einen wertschätzenden Umgang zu fordern oder nur zu proklamieren. Unternehmen müssen auch die Voraussetzungen schaffen, damit Führungskräfte Wertschätzung zeigen können...

Wertschätzung: Was ist das eigentlich?

Der Begriff Wertschätzung wird beinahe inflationär und viel zu oft falsch verwendet. Umgangssprachlich wird Wertschätzung oft mit Lob und der Anerkennung von Leistung gleichgesetzt. Leider ist dieser Sprachgebrauch auch in vielen Unternehmen und Führungsetagen Gang und Gäbe. Da gibt es jedoch ein kleines Problem: Wertschätzung ist viel mehr als Lob und Anerkennung. Sogar bei Wikipedia wird der Begriff passender definiert:

Wertschätzung bezeichnet die positive Bewertung eines anderen Menschen. Sie gründet auf eine innere allgemeine Haltung anderen gegenüber. Wertschätzung betrifft einen Menschen als Ganzes, sein Wesen. Sie ist eher unabhängig von Taten oder Leistung, auch wenn solche die subjektive Einschätzung über eine Person und damit die Wertschätzung beeinflussen.

Wertschätzung ist verbunden mit Respekt, Wohlwollen und Anerkennung und drückt sich aus in Zugewandtheit, Interesse, Aufmerksamkeit, Freundlichkeit.

Es ist diese grundlegende Bedeutung von Wertschätzung, die sie für viele Führungskräfte und Unternehmen so schwierig macht. Die meisten Führungs- und Belohnungssysteme sind auf die Bewertung und Honorierung von Leistung ausgelegt.

Die echte Wertschätzung der Mitarbeiter als Personen, aufgrund ihrer Fähigkeiten, Persönlichkeit und Einzigartigkeit, ist dagegen nicht vorgesehen. In vielen Unternehmen, auch solchen, die Wertschätzung fordern, wirkt dieser Gedanke geradezu absurd und naiv.

Wollen Führungskräfte daher echte Wertschätzung praktizieren, ist Umdenken angesagt. Umdenken im Hinblick auf die Bewertungskriterien, Werte und Prinzipien, die ihrer Einschätzung zugrunde liegen. Lohnt sich der Aufwand? Meiner Meinung nach schon. Denn wenn Führungskräfte echte Wertschätzung praktizieren, können Sie dadurch ihre Mitarbeiter...

  • ... besser kennenlernen und einschätzen. Das ist sogar eine notwendige Voraussetzung.
  • ... wirklich erreichen und eine tragfähige Beziehung zu ihnen aufbauen.
  • ... durch ernst gemeinte Anerkennung motivieren und belohnen.
  • ... beim Aufbau einer produktiven und angenehmen Arbeitsatmosphäre unterstützen.

Wer als Führungskraft Wertschätzung zeigt und lebt, wird auf Dauer mit einem loyalen, leistungsfähigen und begeisterten Team belohnt. Das gilt natürlich nur, wenn die Wertschätzung echt ist und auch klar zum Ausdruck kommt.

Wertschätzung braucht nicht immer viel

Wertschätzung als Grundhaltung anderen Menschen gegenüber braucht oftmals ein Umdenken, im täglichen Verhalten hingegen können bereits kleine Gesten einen großen Unterschied ausmachen. Kurz gesagt: Um Wertschätzung ausdrücken, braucht es nicht immer viel.

Manchmal reicht schon...

  • ...ein anerkennender Blick,
  • ...ein interessiertes Hinhören,
  • ...ein wohlwollendes Kopfnicken,
  • ...ein anteilnehmendes Lächeln,
  • ...einen Handschlag,
  • ...oder eine neugierige Frage.

Wertschätzung: Wie können Führungskräfte sie zeigen?

racorn/shutterstock.comUm die unausgesprochene Frage gleich direkt zu beantworten: Nein, leistungsabhängige Belohnungssysteme oder die Anerkennung von Leistung werden durch Wertschätzung nicht überflüssig. Wer sich als Führungskraft oder Unternehmensleitung diese Frage stellt - und hier Sparpotenzial wittert - hat Wertschätzung definitiv nicht verstanden.

Ernst gemeinte Wertschätzung zeigt sich im Arbeitsalltag in den verschiedensten Formen und Facetten. Die Voraussetzung: Als Führungskraft müssen Sie sich für Ihre Mitarbeiter als Personen interessieren und ihnen aktiv zuhören. Klingt klischeehaft und banal, ist jedoch enorm wichtig und wird viel zu selten praktiziert.

Zuhören bedeutet hier, nicht nur die fachlichen Inhalte zu hören, sondern auch auf die Bedürfnisse der Person zu achten. Dieses Interesse an und für die Person sollte jedoch mit einem weiteren Grundsatz einhergehen: Der Trennung von Person und Handlung. Jens Corssen erklärt im folgenden Video, was darunter zu verstehen ist.

Begeht ein Mitarbeiter beispielsweise einen Fehler, sollten Führungskräfte klar machen, dass sie das Verhalten rügen und kritisieren, die Person jedoch wertschätzen. Das gelingt in großen Teilen durch bewusste Formulierungen.

Statt beispielsweise zu sagen:

"Herr Maier, das geht so auf keinen Fall, was haben Sie sich dabei gedacht?"

... könnte eine wertschätzende Formulierung lauten:

"Herr Maier, dieser Ansatz hat nicht funktioniert. Er ist aus den folgenden Gründen... nicht effektiv. Wie sieht Ihr neuer Ansatz aus? Was wollen Sie ändern?"

Die zweite Formulierung bezieht die Probleme und das Scheitern rein auf das Verhalten und die Methode, nicht auf die Person. Mindestens ebenso wichtig ist jedoch, dass direkt nach der berechtigten Kritik der Mitarbeiter zur Aktivität aufgefordert wird. Die Fragen zeigen, dass seine Meinung gefragt ist und sein Fachwissen und Können trotz des Fehlers wahrgenommen und geschätzt werden.

Natürlich drückt sich Wertschätzung auch in Lob für hervorragende Leistungen oder besonders gute soziale Fähigkeiten - beispielsweise bei der Schlichtung von Konflikten im Team - aus. Doch die Grundlage ist das Interesse für die Person, die Anerkennung ihrer Fähigkeiten und Persönlichkeit und die Trennung von Verhalten und Person.

Gelingt das und ist das Interesse an der Person echt, können Führungskräfte Wertschätzung echt und glaubwürdig zeigen. Ihre Mitarbeiter werden es ihnen (nicht nur) durch Loyalität danken.

Wertschätzung: Dankbarkeit nicht vergessen

Apropos danken: Auch ein Dankeschön kann ein Zeichen der Wertschätzung sein, da auch Dankbarkeit über den Charakter eines einfachen Lobs hinausgeht. Es zeigt Respekt, Anerkennung für den Aufwand, den ein anderer auf sich genommen hat - vielleicht sogar um Ihnen zu helfen - und zeigt, dass Sie es nicht als Selbstverständlichkeit abtun.

Man kann nicht oft genug Danke sagen. Und Arbeitgeber aufgepasst: Ein Dankeschön muss nicht beim Budget berücksichtigt werden. Bringen Sie also das Danken in Ihre Unternehmenskultur – und auch in Ihr tagtägliches Miteinander. Einen ähnlich positiven Effekt hat übrigens das Zauberwort Bitte. Einen großen Schritt in Richtung Wertschätzung können Sie also gehen, wenn Sie sich an bekannte Umgangsformen halten, auch wenn es im Job manchmal stressig ist und schnell gehen muss.

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