Neid-Missgunst-Eifersucht
Wie heißt es so schön: Mitleid bekommt man geschenkt, Neid aber muss man sich verdienen. Und tatsächlich: Wer im Leben Erfolg hat, muss nicht lange auf Eifersucht, Neider und Missgünstlinge warten, die ihm nicht mal das Schwarze unter den Nägeln gönnen. Das kann man negativ sehen und sich darüber ärgern. Klüger aber ist wohl die Perspektive Arthur Schopenhauers: Für ihn war Neid eben nicht "grau mit gelben punkten", sondern die höchste Form der Anerkennung - ein sicheres Indiz dafür, dass man wirklich erfolgreich ist.

Neid Definition: Was ist Neid überhaupt?

Neid und MissgunstEigentlich ist der spontane "Neidimpuls" ein Bestandteil der menschlichen Natur, erkannte schon Immanuel Kant. Auch für die US-Psychologin Betsy Cohen, die einen Bestseller über Neid geschrieben hat, ist die Missgunst ein "ganz normales menschliches Gefühl".

Psychologen unterscheiden 3 Formen von Neid:

  • Destruktiver Neid: Es ist ein aggressives Gefühl und zeichnet sich hauptsächlich durch Missgunst aus. Nach dem Motto: Ich will das, was der andere hat und wenn ich es nicht haben kann, mache ich es kaputt. Im Berufsleben äußert sich dieses Gefühl beispielsweise darin, dass Sie sich nicht nur über die Beförderung des Kollegen ärgern, sondern hinter seinem Rücken intrigieren und ihm das Leben unnötig schwer machen.
  • Depressiver Neid: Diese Form des Neids ist lähmend und besonders schädlich für das eigene Selbstwertgefühl. Von dem Gedanken besessen, nicht im Stande zu sein, das zu erreichen, was der andere hat, ziehen diese Menschen totunglücklich durchs Leben. Die Objektivität ist ihnen verloren gegangen. Erfolge der anderen werden durch ein Vergrößerungsglas betrachtet. Der krankhafte Vergleich mit seinen Mitmenschen bestimmt das eigene Leben.
  • Positiver Neid: Hierbei handelt es sich um die bewundernde Form des Neids. Im Vordergrund steht ein unerfülltes Bedürfnis. Beispielsweise wünschen Sie sich auch so souverän und charismatisch vor Kunden aufzutreten wie Ihr Kollege. Dieses Gefühl kann Ihnen dabei helfen aus der Einöde des Arbeitsalltags auszubrechen. Diese Art des Neids kann Ehrgeiz wecken und als Ansporn dazu dienen, selbst besser zu werden. Im Prinzip will man sein Gegenüber nicht zerstören, sondern sich selbst neu erschaffen. Allerdings birgt dieser Wunsch die Gefahr, zum Double der Person zu werden, die Sie bewundern.

Verstehen Sie das aber nicht falsch: Neid ist alles andere als eine Tugend.

Neid schafft Leid, er macht niederträchtig, hinterhältig, giftig, destruktiv. Oft verführt er Menschen

  • zur Verleumdung
  • zur Intrige
  • zur Sabotage
  • zum Raub
  • oder gar zum Mord.

Er macht den Neider rasent und blind – und bringt ihn dazu, sich selbst zu schaden, nur um dem anderen noch mehr zu schaden.

Und in Deutschland gärt der Neid besonders gut. Kaum jemand redet hier gern darüber, wie viel er verdient oder wie erfolgreich er oder sie ist. Unternehmer schon gar nicht. Sie werden sonst als raffgierige Kapitalisten, Ausbeuter, Halsabschneider tituliert.

Noch stärker kondensiert die Missgunst am Typus des Besserverdieners: Jenen Menschen, die dem Anschein nach viel Geld bekommen, aber wenig dafür tun. 43 Prozent aller Westdeutschen und 59 Prozent aller Ostdeutschen verbinden mit ihnen spontane Antipathie, hat das Allensbach Institut einmal ermittelt.

Des einen Freud ist dem Deutschen sein Neid.

Eifersucht ist eine Leidenschaft...

Neid-Stich-ins-Herz...die mit Eifer sucht, was Leiden schafft: Zuerst ist da dieser Stich in der Brust, der Hals schnürt sich zu, die Magensäfte brodeln bis die Galle auf der Zunge brennt und schließlich durchfährt den Neider die blanke Wut über eine tief empfundene Ungerechtigkeit:

Warum der – und nicht ich?

Viel zu oft verleitet die Missgunst zu allerlei irrationalen Handlungen. Sie kennen sicher das längst legendäre Experiment an der Harvard-Universität dazu. Damals wurden die Studenten gefragt, ob sie lieber

  • (a) ein Jahreseinkommen von 100.000 Dollar haben wollen, während alle anderen 200.000 Dollar verdienen oder
  • (b) 50.000 verdienen wollen, wenn alle anderen nur 25.000 Dollar erhalten.

Die Mehrheit entschied sich für Variante (b).

Und bitte argumentieren Sie jetzt nicht volkswirtschaftlich, Motto: Wenn alle 200.000 Dollar verdienen, entsteht irgendwann Inflation und die Preise steigen... Gefragt wurden ja nur die Studenten und Teilnehmer dieses Experiments. Wenn davon alle mehr verdienen, tut das den Preisen in den USA nicht viel. Aber das bisschen Einkommenskonkurrenz reicht schon aus, um irrationale Entscheidungen zu treffen.

Laut Studien der Humboldt-Universität und der Technischen Universität Darmstadt (PDF) reicht heute schon vermehrter Facebook-Konsum, um eine Art Neidspirale auszulösen und immer unzufriedener zu werden.

Hanna Krasnova vom Institut für Wirtschaftsinformatik der Berliner Humboldt-Universität und Peter Buxmann, Professor für Wirtschaftsinformatik der TU Darmstadt befragten dazu mehr als 600 Facebook-Nutzer vor allem nach ihren Gefühlen während und nach der Nutzung.

Ergebnis: Über ein Drittel der Befragten empfand vornehmlich negative Gefühle wie Frustration und Neid. Vor allem wer in sozialen Netzwerken selbst kaum aktiv kommunizierte, sondern eher Informationen konsumierte – also beispielsweise viele Posts von Freunden liest, sei davon betroffen.

Als wesentlichen Grund für den Frust machten die Forscher das tolle Leben der Facebook-Freunde aus. Das Leben der anderen - es sieht dort immer besser aus als das eigene. Die vielen positiven, abwechslungsreichen und schillernden Bilder und Nachrichten in der eigenen Timeline und in den Profilen der vermeintlich mega-erfolgreichen Freunde lassen das eigene Leben ziemlich gewöhnlich bis langweilig aussehen. Offline sei dieser soziale Vergleich viel schwieriger, die Informationen werden dort nicht so breit und nicht so massiert gestreut.

Paradoxerweise führen diese Neidgefühle dann zu einer noch ausgeprägteren Selbstpräsentation auf Facebook. Eine Art Überkompensation, die aber wiederum mehr Neidgefühle bei den Freunden hervorruft – ein klassischer Teufelskreis.

Das Phänomen der Stutenbissigkeit

Laut einer internationalen Untersuchung könnte es das Phänomen der sogenannten Stutenbissigkeit tatsächlich Geben. Die Wissenschaftler um Abraham Buunk formulieren das aber etwas vorsichtiger: "Sexuelle Konkurrenz hat im Job größeren Einfluss auf die weiblichen als auf die männlichen Kollegen."

Die Gruppe von Forschern aus Spanien, den Niederlanden und Argentinien untersuchte zunächst wie sich Neid und Missgunst auf soziale Rivalitäten im Job auswirkten. Tatsächlich ließ sich feststellen, dass zunächst beide Geschlechter eifersüchtig auf Kollegen mit starken sozialen Kompetenzen waren. Oder weniger wissenschaftlich ausgedrückt: Wer bei den Kollegen gut ankommt, kommt bei anderen im Team plötzlich gar nicht mehr gut an.

Gleichzeitig registrierte das Forscherteam, dass Frauen besonders heftig darauf reagieren, wenn ihre Geschlechtsgenossinnen bei Männern gut ankamen. Vor allem dann, wenn es so etwas wie einen heimlichen Attraktivitätswettbewerb gab.

Das Ergebnis deckt sich zum Teil auch mit einer Meta-Studie von Daniel Balliet von der Universität Amsterdam. Danach tun sich Frauen eher schwer damit, mit anderen Frauen zusammen zu arbeiten - mit Männern dagegen klappt das ganz wunderbar.

Hier werteten die Forscher insgesamt 272 Studien aus, mit insgesamt mehr als 31.000 Probanden in 18 Ländern. Resultat: Wenn es um ein ernstes Problem ging, kooperierten beide Geschlechter jedes Mal bestens miteinander. In alltäglichen Einzelfällen aber konnten die Frauen in gemischten Teams besser mit Männern und auch die Männer besser mit Männern.

Neidisch? Nur auf Erreichbares!

Neidische-KollegenAber warum ist das so, warum nicht gönnen können? Warum schmeckt das Glück der anderen so bitter?

Genau betrachtet neidet wohl kaum jemand Milliardären wie Bill Gates oder Richard Branson ihren Reichtum und Wohlstand. Ebenso wenig neiden wir kaum dem Schauspieler seinen Applaus; keinem Helden den Ruhm; keinem König die Krone; keinem Scheich sein Öl.

  • Wir missgönnen aber dem Kollegen die Beförderung auf die wir selbst schon seit Jahren warten.
  • Wir missgönnen dem Nachbarn sein neues (größeres) Auto...
  • dem Blogger die höheren Klickzahlen und den besseren Klout-Score...
  • dem Freund den attraktiveren Partner und die intelligenteren Kinder.

Der Grund: Sie stehen uns näher. Und deswegen sind sie auch eine latente Anklage an unser Ego, unseren Stolz und unser schlechtes Gewissen.

Nicht, weil es das Schicksal besser mit ihnen meinte, sondern weil sie womöglich Chancen ergriffen, die wir haben verstreichen lassen. Kurz: Das Objekt der Begierde muss ein erreichbares sein, damit wir den anderen darum beneiden.

Das ist aber zugleich die Chance des Neides.

Neid ist nicht nur schlecht, er schafft auch Wohlstand. Neid – in gesundem Maß – spornt an, beflügelt, fördert Innovation und Karrieren. Er ist nicht zuletzt die Wurzel des Wettbewerbs. Schon Aristoteles erkannte:

Die Ehrgeizigen haben mehr Neigung zum Neid als die, welche vom Ehrgeiz frei sind.

Etwas spitzer könnte man sagen: Wer den Neid spürt, leidet zumindest nicht am Phlegma.

Freud und Neid

Und so gibt es inzwischen auch Studien, wie etwa vom niederländischen Psychologen Niels van de Ven von der Tilburg Universität, die Neid in ein ganz anderes, positives Licht rücken.

Der Erkenntnis zugrunde liegen gleich drei Experimente:

  • Am ersten nahmen 17 Studenten teil. Sie sollten zunächst jemanden beschreiben, der in mindestens einer Sache deutlich besser ist als sie selbst. Und siehe da: Je mehr die Probanden selbst nach Brillanz in diesem Punkt strebten, desto häufiger gaben sie im Anschluss an, ihr Studium etwas schneller abschließen zu wollen.
  • Beim zweiten Experiment nahmen schon 82 Probanden teil. Diesmal sollten sie sich daran erinnern, wann sie schon einmal jemanden um einen Erfolg beneidet hatten, nach dem sie selber strebten. Prompt schnitten diese Teilnehmer in einem anschließenden Sprach- und Assoziationstest besser ab, als die Kontrollgruppe.
  • Beim dritten Versuch (diesmal mit 96 Teilnehmern) wurde den Studenten die Geschichte von einem Kommilitonen erzählt: Hans de Groot hatte angeblich ein hoch dotiertes Stipendium gewonnen, und nun sollten die Probanden aufschreiben, was sie diesem Hans im Glück gegenüber empfinden und wie sie wohl reagieren würden, falls sie ihm begegnen.

Der Trick daran war: Ein Teil der Gruppe wurde so manipuliert, den Preis eher als Ansporn zu erleben, die anderen sahen darin vor allem eine Ungerechtigkeit des Schicksals. Wieder schnitt die erste Gruppe in den nachfolgenden Kognitionstests besser ab.

Die Ergebnisse brachten die Forscher dazu, zu untersuchen, warum die Emotionen einmal so destruktiv und ein anderes Mal so positiv und leistungssteigernd wirkten.

Ihr Fazit: Es hängt vor allem davon ab, ob wir den Erfolg der anderen Person als unerreichbar einstufen oder eben nicht (siehe auch Hillary-Clinton-Effekt): Je mehr wir davon überzeugt sind, dass der beneidete Erfolg vor allem auf Anstrengung beruht (und weniger auf Glück), desto eher spornt der Neid an.

So gesehen, könnte Neid vielleicht ein stärkerer Antrieb sein als Bewunderung.

Missgunst statt Bewunderung?

Damit der Neid seine zerstörerische Kraft verliert, muss man ihn sich jedoch erst einmal eingestehen und lernen, gönnen zu können. Aber auch sich von übertriebenen Vergleichen mit anderen zu lösen.

Tabuisierung verschlimmert die Missgunst dagegen nur: Sie wird zum Schwelbrand, wenn nicht gar zum Backdraft.

Alle paar Jahre ein neues Auto, das neuste Handy oder anderen Elektroschnickschnack, um mit dem Nachbarn mitzuhalten – das setzt uns unter zerstörerischen Druck. Je zahlreicher solche Vergleichsoptionen, desto unerreichbarer werden sie – und desto unglücklicher wird der Mensch.

Neid essen Seele auf.

Gleichzeitig sollte man die Mühen sehen, die hinter den meisten Erfolgen stecken. Wir beneiden die Freundin vielleicht um ihre Modelmaße und sehen ihre Traumfigur. Gleichzeitig übersehen wir, dass sie dafür jeden Abend hungert und ihre Wochenenden im Fitnessstudio verbringt.

Hand aufs Herz: Wären Sie bereit, denselben Preis zu bezahlen, um auch zu besitzen, was der Kollege oder Nachbar hat?

Neid ist immer relativ, Erfolg dagegen absolut.

Er hängt von den eigenen Zielen ab – nicht vom Wohlstand anderer. Statt also in Besserverdienern, Bessergestellten und Besserkönnern Feinde zu sehen, wäre es klüger, ihre Erfolgsstrategien zu analysieren, zu lernen und meinetwegen auch abzukupfern oder diese Menschen um Rat zu fragen. Völlig neidlos.

Der falsche Gedanke hinter der Missgunst ist stattdessen eine fatale Nullsummenlogik: Mir kann es nur besser gehen, wenn es anderen schlechter geht. Oder wie der Philosoph Schopenhauer ebenfalls sagte:

Wir denken selten an das, was wir haben, sondern immer nur an das, was uns fehlt.

Wie dumm.

Tipps zum Umgang mit Neid

Der Neid hat einen schlechten Ruf. Oftmals schämt man sich dafür, wenn man dem grünen Neidmonster Tür und Tor geöffnet hat. Wie Sie sich das Monster vom Leib halten:

  • Stehen Sie dazu!

    Gestehen Sie sich selbst ein, dass Sie neidisch sind. Gehen Sie offensiv damit um, und quälen Sie sich nicht deswegen. Wenn Sie akzeptieren, dass Sie so empfinden und dass es ok ist dieses Gefühl zu haben, können Sie den Neid als Herausforderungen wahrnehmen.

  • Hinterfragen Sie das Gefühl!

    Es sind nur selten die materiellen Güter, um die Sie Ihre Mitmenschen beneiden. Vielmehr ist es der Gedanke, dass Sie mit einem Leben, wie es beispielsweise Ihr Nachbar führt, viel zufriedener wären. Fragen Sie sich, wieso Sie der Meinung sind, dass Sie unter anderen Umständen glücklicher wären: Was ist in letzter Zeit auf der Strecke geblieben? Bereuen Sie es vielleicht anders als einer Ihrer Freunde nicht den Master gemacht zu haben und sind jetzt neidisch auf seinen Job? Das kritische Hinterfragen der eigenen Lebenssituation ist oft schmerzhaft und quälend, aber die Erkenntnis, dass etwas Entscheidendes in Ihrem Leben fehlt, kann Ihnen helfen, noch einmal einen völlig neuen Weg einzuschlagen.

  • Vermeiden Sie Missgunst!

    Es ist in Ordnung sich etwas zu wünschen, was jemand anderes besitzt. Es kann Sie dazu motivieren bessere Leistungen zu erzielen. Hüten Sie sich allerdings vor dem aggressiven Wunsch, das Glück einer anderen Person zu zerstören. Das Unglück eines anderen wird Sie nicht glücklicher machen. Stellen Sie sich lieber der Herausforderung.

  • Sehen Sie genau hin!

    Im Vergleichswahn tendieren manche dazu, nur die Erfolge ihres Gegenübers zu sehen. Dabei übersehen sie leicht, was jemand für seinen Erfolg opfern musste. Ihr Kollege erzählt von den aufregenden Orten, die er auf Geschäftsreisen besuchen durfte, und leitet wichtige Projekte. Aber von den vier Wochen eines Monats ist er mindestens zwei unterwegs. Und wenn er da ist, kommt und geht er als Letztes. Würden Sie immer noch gerne mit Ihm tauschen?

  • Konzentrieren Sie sich auf Ihre Stärken!

    Wer um seine eigenen Fähigkeiten und Vorzüge weiß und diese auch schätzt, ist weniger anfällig für Neid. Was fällt Ihnen leicht, das Ihren Kollegen schwer fällt? Wofür schätzt man Sie im Team? Wenn Sie darauf nicht auf Anhieb eine Antwort wissen, fragen Sie doch mal Ihre Familie und Ihre Freunde. Es wird Ihr Selbstwertgefühl ungemein stärken.

PS: Wilhelm Busch war der Meinung, dass Neid die aufrichtigste Form der Anerkennung sei. In seiner gesunden Form kann er sogar Ihre Karriere beflügeln. Lesen Sie hier mehr zum Thema Neid.

Apropos: Wie ist das bei Ihnen aktuell so...?


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