Gehaltsneid: Was, wenn der Kollege mehr verdient?

Über Geld spricht man nicht – diese Maxime ist in Deutschland weit verbreitet. Auch beim Gehalt halten sich viele Arbeitnehmer eher bedeckt. Wer es dennoch irgendwann thematisiert und herausfindet, dass der Kollege mehr verdient, ist schnell geschockt. Gehaltsneid entsteht vor allem dann, wenn ein anderer für die gleiche Arbeit deutlich besser bezahlt wird. Immerhin 58 Prozent aller Arbeitnehmer fühlen sich einer Forsa-Umfrage zufolge ungerecht behandelt und nur 21 Prozent freuen sich für den Kollegen. Und gerade neun Prozent halten das höhere Gehalt des Kollegen für gerechtfertigt. Wenn Sie ähnliche Gefühle kennen, sollten Sie sich nicht mit Gehaltsneid aufhalten. Wie Sie die Situation stattdessen für sich nutzen können, erfahren Sie hier…

Gehaltsneid: Was, wenn der Kollege mehr verdient?

Vergleichen ist menschlich

Die deutsche Gesellschaft wird gerne als eine Neidgesellschaft beschrieben. Darin schwingt immer der Vorwurf mit, dass die Deutschen anderen nie ihr hart erarbeitetes Geld oder den bescheidenen Wohlstand gönnen würden. Andere Länder würden diesen Neid gar nicht kennen.

Das darf getrost bezweifelt werden. Sich mit anderen zu vergleichen „liegt in der Natur des Menschen“, weiß der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Bruno S. Frey. Er beschäftigt sich mit ökonomischer Glücksforschung (PDF).

Das Interessante bei seinen Untersuchungen ist die Feststellung, dass es nie um die absolute Höhe des Einkommens geht. Zufriedenheit ist immer an den direkten Vergleich zu anderen Personen geknüpft. Ursprünglich orientieren Menschen sich an ihresgleichen, denn so bleiben Vorbilder erreichbar.

Auch der deutsche Biopsychologe Peter Walschburger erklärt, dass Neid einem evolutionären Zweck diene, denn er ließe Wünsche erkennen und sei somit ein Ansporn für mehr Leistung. Problematisch wird es, wenn Menschen als Richtwert nicht mehr die eigene Bezugsgruppe haben, sondern sich an unerreichbaren Idolen orientieren.

Gerade das Internet kann zu dem Irrglauben verleiten, dass alle anderen es besser als man selbst haben. In der Regel werden dort nur die positiven Begebenheiten gezeigt – Entbehrungen, Konflikte, Stress und dergleichen bleiben außen vor. Auch beim Gehalt werden Vergleiche immer nur zu denen gezogen, die mehr haben.

Ganz gleich, ob das eigene Einkommen bei 100.000 Euro im Jahr liegt: Verdient der Kollege mehr, ist Gehaltsneid vorprogrammiert. Dabei wird die Situation selten objektiv analysiert: Wer selbst ein höheres Gehalt als seine Kollegen hat, schreibt dies seiner Arbeit zu. Verdient hingegen der Kollege mehr, muss der Chef diesen wohl klar bevorzugen.

Gehaltsneid: Unterschiede können unzufrieden machen

Bereits der dänische Philosoph Søren Kierkegaard erkannte:

Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.

Dass eine unterschiedliche Bezahlung der Angestellten das Arbeitsklima gefährden kann, war die Befürchtung vieler Unternehmen. So wurden Arbeitnehmer im Arbeitsvertrag häufiger zur Verschwiegenheit über ihr Gehalt verpflichtet.

Ein Urteil des Landesarbeitsgerichts Mecklenburg-Vorpommerns in Rostock (Aktenzeichen 2 Sa 237/09) stellte jedoch 2009 klar, dass Arbeitnehmer ein Recht darauf haben, sich offen mit Kollegen über das Gehalt auszutauschen.

Und spätestens mit Inkrafttreten des Gesetzes zur Lohntransparenz im Juni 2017 haben Mitarbeiter einen Anspruch darauf zu erfahren, wieviel ihr Kollege verdient. Dennoch gilt es in vielen Unternehmen als unerwünscht, offen mit den Kollegen über das eigene Gehalt zu sprechen.

Eine 2011 durchgeführte Studie der Princeton University in Kalifornien scheint die Befürchtungen der Arbeitgeber zu bestätigen. Ergebnis dieser Studie war, dass eine höhere Gehaltstransparenz die Mitarbeiter unzufriedener macht.

Erfuhren Angestellte, dass der Kollege mehr verdient als sie selbst, fühlten sie sich plötzlich ungerecht behandelt. Eine andere Studie betrachtet dieses weitverbreitete Postulat etwas differenzierter.

Felix Fitzroy von der St. Andrews University und Max Steinhardt vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut haben in ihrer deutsch-britischen Studie (PDF) Befragungen von 10.000 Briten und 20.000 Deutschen miteinander verglichen.

Dafür wurden zwei Altersgruppen gebildet, einmal Arbeitnehmer unter 45 Jahren, die andere Gruppe über 45. Demnach spielt Gehaltsneid vor allem bei älteren Arbeitnehmern eine Rolle. Die simple Erklärung dafür:

  • Jüngeren Arbeitnehmern dient der Gehaltsunterschied als Signal, was sie noch alles erreichen können.
  • Ältere Arbeitnehmern hingegen dienten Informationen über das Einkommen vor allem als Erkenntnis darüber, welche Chancen sie in der Vergangenheit verpasst haben.

Gehaltsneid umkehren: Werden Sie aktiv

Gehören Sie auch zu denjenigen Menschen, die sich selbst ungerecht bezahlt fühlen? Bevor Sie Ihrem Kollegen zürnen und sich in Selbstmitleid suhlen, sollten Sie einen Moment innehalten:

Gehaltsneid ist überflüssig! Mit den folgenden Strategien schaffen Sie es, mögliche Missgunst in Antrieb zu verwandeln und den Gehaltsvorsprung Ihres Kollegen ganz einfach aufzuholen.

  • Informieren Sie sich über marktübliche Gehälter.

    Um Ihre eigene berufliche Stellung zu bewerten und Ihr Gehalt einzuschätzen, brauchen Sie sich nicht zwingend bei der Arbeit über Ihren Lohn auszutauschen. Tools wie beispielsweise Gehaltsrechner oder Gehaltschecks geben Ihnen einen ersten Überblick über marktübliche Gehälter.

    So lässt sich auch herausfinden, wie viel andere in Ihrer Branche, Region und Position verdienen. Das Gute an solchen Gehaltsreports: Sie müssen nicht offen über Ihr Gehalt sprechen, sondern können Vergleiche ziehen und dabei mit Ihren persönlichen Angaben anonym bleiben.

    Diese Informationen sind für Sie dann hilfreich, wenn Sie sich auf ein Gehaltsgespräch mit Ihrem Vorgesetzten vorbereiten und Ihre Argumentation mit glaubwürdigen Daten untermauern wollen.


  • Analysieren Sie die Gründe für den Gehaltsunterschied.

    Gehen Sie strategisch vor. Susanne Schloßbauer, Content and Communication Managerin bei Experteer, rät ganz klar: „Vergleichen Sie sich und Ihren Kollegen. Abgesehen von den externen Faktoren, sollten Sie die persönlichen Qualifikationen Ihres Kollegen genau unter die Lupe nehmen: Ist sein Gehaltsvorsprung vielleicht so zu erklären?“ Folgende Gesichtspunkte sollten Sie vergleichen:

    • Die berufliche Qualifikation
    • Das Bildungsniveau und den Hochschulabschluss
    • Den Erfahrungsschatz
    • Die Dienstdauer im Unternehmen

    Manchmal ergibt sich so bereits ein differenzierteres Bild Ihres Gehaltsunterschiedes, denn natürlich ist ein höheres Gehalt bei größerer Erfahrung oder außerordentlichen Fachkenntnissen gerechtfertigt.

    Schloßbauer nennt hier als Beispiel unterschiedliche Abschlüsse: „Ein Manager verdient mit einem Bachelor in der Automobil-Branche durchschnittlich zehn Prozent weniger als ein höher qualifizierter Kollege mit einem Master. Auch im Handel verdienen Bachelorkandidaten als Manager im Schnitt 74.000 Euro, während das Einkommen für Manager mit Masterabschluss bei über 83.000 Euro liegt. In der IT-Branche liegt der Unterschied immerhin noch bei guten fünf Prozent.“

    Sollten Sie bei der Analyse zu dem Ergebnis kommen, dass Ihr Marktwert mit dem des besserverdienden Kollegen identisch oder gar höher ist, bitten Sie um einen Termin mit Ihrem Arbeitgeber, um Ihr Gehalt neu zu verhandeln.


  • Nehmen Sie sich Ihren Kollegen zum Vorbild.

    Statt tatenlos Ihrem Gehaltsneid zu frönen, nehmen Sie den Gehaltsunterschied als Ansporn und investieren in Weiterbildungsmöglichkeiten. Überwinden Sie das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Konkurrenzdenken kann Sie weiterbringen, wenn Sie es nutzen, um herauszufinden, worin der Vorsprung Ihres Kollegen liegt.

    Es kann Sie jedoch blockieren, wenn Sie sich in die Opferrolle zurückziehen. Stattdessen sollten Sie Ihre Schwächen gezielt in Angriff nehmen. Setzen Sie sich also ein klares Ziel und lassen Sie sich durch Ihr Wissen antreiben.


  • Sprechen Sie mit Ihrem Vorgesetzten.

    Ziehen Sie ihn in Ihre Weiterbildungspläne mit ein und nennen Sie Ihren besser bezahlten Kollegen als Vorbild. Immerhin wissen Sie jetzt, wo dessen Vorzüge liegen und haben Ihre eigenen Defizite ausgemacht.

    Schloßbauer dazu: „Fragen Sie Ihren Vorgesetzten zum Beispiel, wie Sie sich weiter verbessern können, und schlagen Sie proaktiv Zielvereinbarungen und einen Entwicklungsplan vor. Damit zeigen Sie Ihren Leistungswillen und bringen sich als Kandidaten für eine spätere Gehaltserhöhung ins Spiel.“

    Sie rät von Gehaltsneid Geplagten, sich selbst zu einem attraktiveren Kandidaten für eine Gehaltserhöhung zu machen, indem Arbeitnehmer ihre Qualifikationen aufpolieren: „Suchen Sie sich Fachbereiche, in denen im Unternehmen noch ein Defizit herrscht und stellen Sie eine Liste passender Weiterbildungen und Schulungen zusammen. Argumentieren Sie, wie Sie Ihre Weiterbildung zum Wohle des Unternehmens einsetzen werden.“


  • Unterschiedliche Gehälter müssen also kein Grund für Gehaltsneid sein. Vielmehr können Arbeitnehmer sie als Indikator dafür sehen, welche Potenziale in ihnen schlummern. Daher: Überwinden Sie Ihren Gehaltsneid und fangen Sie an, diese Potenziale aktiv zu nutzen.

[Bildnachweis: Kaspars Grinvalds by Shutterstock.com]
29. Juli 2016 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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