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Der Mensch hält einiges aus. Schicksalsschläge, schwere Krisen und Krankheiten, Folter, Missbrauch, persönliche Katastrophen, wie den Verlust seines Jobs oder – schlimmer – den eines geliebten Menschen. Manche Menschen aber können damit besser umgehen als andere. Sie sind zäh und widerstandsfähig, Stehaufmenschen im Wortsinn und ausgestattet mit einer entscheidenden Eigenschaft: Resilienz. Als resilient werden in der Psychologie Menschen bezeichnet, die seelisch in der Lage sind, Lebenskrisen ohne anhaltende Beeinträchtigung durchzustehen und schon in kurzer Zeit wieder zur Hochform aufzulaufen. Aber wie geht das?

Resilienz Definition: Die innere Widerstandskraft

Seit Anfang der Neunzigerjahre macht der sperrig klingende Fachterminus der Resilienz in der Verhaltensforschung Furore.

Das Wort, vom lateinischen resilio (abprallen, zurückspringen) abgeleitet, kommt eigentlich aus der Physik und bezeichnet in der Materialforschung hochelastische Werkstoffe, die nach jeder Verformung ihre ursprüngliche Form wieder annehmen.

Die Verhaltensforscher haben den Begriff dann vor einigen Jahren adaptiert und auf den Menschen übertragen: Resilient ist, wer die emotionale Widerstandskraft aufbringt, sich von Stress, Krisen und Schicksalsschlägen nicht charakterlich verbiegen zu lassen, sondern das Beste aus dem Unglück macht, daraus lernt und durch die Leiderfahrung über sich selbst hinauswächst.

Resilienz: Ein Immunsystem der Seele?

Früher hätte man schlicht von Gelassenheit oder Abhärtung gesprochen: "Was mich nicht umbringt, macht mich nur stärker", sagte schon Friedrich Nietzsche. Oder man hätte den berühmten Stehaufmännchen-Effekt zur Erklärung herangezogen.

Doch die Metapher vom Stehaufmännchen verleitet zum Trugschluss der Unverletzlichkeit: Einmal kurz auf die Nase fallen, dann flugs wieder aufstehen - so einfach ist das nicht.

Niemand ist wirklich immun gegen das Unglück.

Schwere Krankheit, ein Autounfall, der Tod des Partners oder eines Kindes, der Verlust des eigenen Arbeitsplatzes können auch den Stärksten niederschmettern. "Das Leben ist eine Gratwanderung zwischen allen Formen der Verletzlichkeit", sagt etwa der französische Neuropsychiater Boris Cyrulnik, der seit vielen Jahren auf diesem Gebiet forscht und mehrere Bücher über Resilienz verfasst hat.

Sein Kollege, der an der Universität Jena lehrende Soziologe Bruno Hildenbrand befand sogar, dass die Krise im menschlichen Leben "nicht die Ausnahme, sondern eher der Normalfall" ist.

Von jeher versuchte die Philosophie zum souveränen Umgang mit Leid und Krisen zu erziehen. So betrachtet war zum Beispiel die antike Schule der Stoa eine einzige Suche nach Resilienzfaktoren.

Inwiefern das, was die römischen Stoiker lehrten, wirklich mit Resilienz zu tun hatte, bleibt aber dahingestellt. Sicher ging es den großen Gelassenheits-Lehrern von Epiktet über Seneca bis Marc Aurel immer um den rechten Umgang mit dem Leiden und die Suche nach dem Seelenfrieden. Doch wurde die stoische Ethik (zu Recht) auch dafür kritisiert, dass sie – ähnlich wie der Buddhismus – das Gefühlsleben im Menschen um den Preis der Selbstverleugnung abtötet; dass sie nur die reine Verstandeshaltung trainiert und letztlich in Gleichgültigkeit, also Indolenz, münden kann.

Ein Weg, den die heutige Psychiatrie übrigens für pathologisch bedenklich hält.

Wahre Lebenskunst kann eben nicht darin liegen, das Leid zu verleugnen, die Schmerzgefühle zu unterdrücken. Leiden gehört einfach dazu.

Resilienzdenken: Was resiliente Menschen auszeichnet

Aus der Desaster-Forschung (die gibt es wirklich) weiß man heute: Resiliente Menschen sehen das Unheil nicht einfach durch eine rosarote Brille oder verdrängen ihre Probleme. Vielmehr gehen sie konstruktiv mit ihrem Schmerz, mit der Tragödie um: Sie sind in der Lage, sich selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen – eine Eigenschaft, die in unserem immer komplexeren Wirtschaftsalltag zunehmend wichtiger wird.

Die Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt, die ein gleichnamiges Buch über "Resilienz" geschrieben hat, schreibt darin etwa:

Trotz großen Wohlstands, geringer körperlicher Belastungen und allerlei technischer Errungenschaften, die das Leben eigentlich leichter machen sollten, fühlen sich die Menschen ständig unter Druck. Hoch sind die Ansprüche an Schnelligkeit, Professionalität und Akkuratesse im Berufsalltag.

Die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner kommt darin ebenfalls vor. Auch sie trug viel zum Verständnis dieser Widerstandsfähigkeit bei. Sie begleitete einst 698 Kinder, die 1955 auf der hawaiianischen Insel Kauai geboren wurden, bis diese 40 Jahre alt waren.

Unter den Kindern waren manche, die in Armut lebten, kaum Zugang zu Bildung hatten oder bei denen ein Elternteil psychisch erkrankt war. Ihre Beobachtungen zeigten:

  • Zwei Drittel der Kinder führten zwar auch als Erwachsene kein geregeltes Leben.
  • Einem Drittel aber gelang es, die schwierige Kindheit hinter sich zu lassen. Dieses Drittel zeigte eine besondere Widerstandsfähigkeit.

Dazu gehörte vor allem eine optimistische Grundeinstellung, Motto: Die Gegenwart ist zwar fürchterlich, aber es gibt auch ein Morgen.

Viele geraten bei Schicksalsschlägen in eine Art Opferstarre. Manche suchen gar die Schuld ausschließlich bei sich selbst, werden schwermütig, depressiv, passiv. Resiliente dagegen bleiben aktiv: Sie suchen nach Auswegen und bekommen so die Kontrolle über ihr Leben zurück. Sie analysieren die Ursachen der Krise und versuchen sie aus einem anderen Winkel zu sehen.

Das heißt: Widerstandsfähige Menschen akzeptieren die Situation wie sie ist, beschönigen nichts, blicken aber weiterhin optimistisch in die Zukunft. So bekommt die Krise erst gar kein Schwergewicht, sondern bleibt ein zeitlich begrenztes Ereignis aus dem man sich selbst herausführen kann.

Kurz: Widerstandsfähige haben eine entsprechende Einstellung zum Leben:

  • Resiliente Menschen glauben, dass sie ihr Schicksal selbst in der Hand haben: Sie sehen Misserfolge als Zufälle und Erfolge als Ergebnis Ihrer Bemühungen.
  • Resiliente Menschen haben ein starkes Selbstwertgefühl. Unabhängig von Erfolgen halten sie sich für einen wertvollen Menschen.
  • Resiliente Menschen haben ein klares Ziel vor Augen und verfolgen dieses.
  • Resiliente Menschen sehen Schwierigkeiten, Krisen und Probleme als Herausforderung.
  • Resiliente Menschen bleiben auch in schwierigen Zeiten optimistisch.
  • Resiliente Menschen haben einen unerschütterlichen Glauben an die eigenen Fähigkeiten.
  • Resiliente Menschen sind in der Lage, auch das Negative in ihrem Leben zu akzeptieren.

All diese Eigenschaften helfen den Stehaufmenschen dabei, sich schneller von einem Schicksalsschlag zu erholen.

Jetzt erst recht!

Wissen Sie wie der Filmklassiker Citizen Kane 1941 entstanden ist? Beinahe gar nicht.

Orson Welles (rechts) konnte seinerzeit keine Geldgeber dafür finden. Es gab lediglich ein kleines Budget. Es reichte gerade mal für ein Casting. Welles gab trotzdem nicht auf: Er lieh sich Geld, bettelte es sich zusammen. Darüber hinaus bewegte er ein paar Leute dazu, für ihn Bühnenbilder zu bauen und Testaufnahmen zu machen. So entstand das erste Drittel des Films.

Damit ging er erneut hausieren. Jetzt konnten die Finanziers sich vorstellen, sie konnten sehen, was sie am Ende erhalten würden. Das überzeugte sie. Und endlich bekam der Regisseur das Geld, das er für die Vollendung des Films brauchte. Der Film wurde einer seiner größten Erfolge...

  • Weil Orson Welles nicht aufgab.
  • Weil er kreativ wurde und improvisierte.
  • Weil er das Ziel im Auge behielt.
  • Weil er daran glaubte, dass nichts unmöglich ist.

PS: Hier übrigens noch der Werbetrailer zu Citizen Kane - gesprochen von Orson Welles

Resilienz Test: Die 7 Säulen der Resilienz

Wie resilient ein Mensch ist, bemisst sich allerdings auch daran, ob derjenige an der Leiderfahrung wächst und vor allem, ob er für künftige Schicksalsschläge etwas dazulernt.

Laut Psychologen sind es vor allem sieben Indizien, die dafür sprechen, dass jemand eine starke Fähigkeit zur Stress- und Krisenbewältigung besitzt. Damit gelten sie zugleich als die sieben sogenannten Säulen der Resilienz.

Wenn Sie mit der Maus über die einzelnen Felder der Grafik fahren, erscheinen die Begriffe und Beschreibungen:

Sie können die folgenden Punkte aber auch als eine Art Selbsttest verstehen: Je mehr Sie diese Eigenschaft bei sich erkennen, desto resilienter sind Sie wahrscheinlich. Zur Erläuterung der Resilienz-Säulen klicken Sie bitte auf die jeweiligen Begriffe:

Apropos: Nachdem Sie die sieben Säulen der Resilienz kennen, würden Sie sagen, dass Sie resilient sind? Oder anders gefragt: Wie viele der folgenden Aussagen treffen auf Sie zu?

  • Ich habe gute Freunde, auf die ich mich auch in schwierigen Situationen verlassen kann.
  • Wenn mal etwas nicht klappt, versuche ich es einfach noch einmal.
  • Jeder ist seines Glückes Schmied, das ist mein Lebensmotto.
  • Ich weiß um meine Stärken und bin stolz darauf.
  • Ich bin selbst unter Stress noch leistungsfähig und kann gut mit Druck umgehen.
  • Ich glaube selbst in der Krise daran, dass sich alles zum Guten wenden wird.
  • Bei Problemen suche ich aktiv nach einer Lösung - und finde sie auch.

Je öfter Sie bei den obigen Aussagen nicken oder zustimmen konnten, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass auch Sie zu der Gruppe der resilienten Menschen zählen.

Resilienz fördern: Lässt sich die Widerstandskraft lernen?

alphaspirit/shutterstock.comWas macht uns aus? Wie verändert sich unsere Persönlichkeit im Laufe der Zeit, wenn überhaupt?

Studien dazu gibt es zuhauf. Eine beachtenswerte Gemeinschaftsarbeit der Universitäten Münster, Mainz und Leipzig kommt zu dem Ergebnis: Unsere Persönlichkeit ist wandelbarer als angenommen.

Während zahlreiche Forscher bisher davon ausgingen, dass Persönlichkeitsmerkmale starr seien, konnten die Autoren nachweisen, dass sich Charakterzüge im Laufe eines Lebens ändern können. So sagt die Diplompsychologin Jule Specht, die die Studie an der Universität Münster begleitete:

Im Allgemeinen ist die Persönlichkeit eines Menschen zwar relativ stabil. So hat beispielsweise die im Kindesalter entwickelte Persönlichkeit noch Auswirkungen auf das Verhalten im Erwachsenenalter. Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, dass die Persönlichkeit insbesondere bis zu einem Alter von 30 Jahren und ab einem Alter von 70 Jahren dennoch bedeutenden Veränderungen unterliegt.

Vor allem wichtige Ereignisse, wie

  • Heirat
  • Die Geburt eines Kindes
  • Schicksalsschläge
  • Renteneintritt

verändern eine Persönlichkeit. So werden junge Erwachsene beispielsweise deutlich gewissenhafter, wenn sie ihren ersten Beruf ergreifen. Verlassen die Menschen den Arbeitsmarkt mit Eintritt in die Rente, dann sinkt die Gewissenhaftigkeit wieder.

Zudem zeigte sich, dass durch Heirat die Offenheit für Erfahrungen sinkt, während diese nach einer Trennung wieder ansteigt. Zumindest bei den Männern.

Für die Studie werteten die Psychologen die Daten des sogenannten Sozioökonomischen Panels des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus, eine der ältesten und größten Längsschnittstudien privater Haushalte. In den Jahren 2005 und 2009 wurden bei fast 15.000 Personen die fünf zentralen Persönlichkeitsmerkmale erfasst:

  • Emotionale Stabilität
  • Extraversion
  • Offenheit für Erfahrungen
  • Verträglichkeit
  • Gewissenhaftigkeit

Die Forscher resümierten allerdings auch, dass umgekehrt genauso die Persönlichkeit Einfluss darauf haben kann, ob bestimmte Lebensereignisse auftreten oder nicht beziehungsweise wie diese wahrgenommen werden.

Persönlichkeit äußere sich in Denken und Handeln. Deshalb erlebten Menschen mit unterschiedlicher Persönlichkeit auch verschiedene Ereignisse unterschiedlich.

Was uns zurück zur Resilienz bringt. Denn - und das ist die gute Nachricht - diese Fähigkeit lässt sich bis zu einem gewissen Grad erlernen.

Was Sie dafür tun können:

  • Reflektieren Sie bisherige Krisen.

    Selbst die kleinsten, wie Liebeskummer in der Adoleszenz. Durch die Selbstreflexion lernen Sie, welche Herausforderungen Sie bereits in Ihrem Leben bewältigt haben, aber auch wie und vor allem: DASS Sie es können. Durch die Analyse wird Ihnen deutlich, welche Ressourcen und Stärken Sie mitbringen, und Ihre Zuversicht steigt.

  • Schreiben Sie sich alles von der Seele.

    Viele Menschen empfinden das Schreiben als heilsamen Prozess. Einerseits, um mit der Krise oder einem Schicksalsschlag fertig zu werden; andererseits, um die eigenen Gedanken und Gefühle durch das Aufschreiben zu sortieren und bewusster zu machen. Danach sehen viele klarer.

  • Akzeptieren Sie Niederlagen.

    Die Dinge laufen nun mal nicht immer so, wie wir es planen und gerne hätten. Das ist aber keine böse Macht, die sich da gegen Sie und nur Sie richtet. Es passiert einfach. Je eher Sie das akzeptieren, desto eher erkennen Sie in Niederlagen aber zugleich auch Chancen. Denn auch die eröffnen sich resilienten Menschen dabei immer.

  • Richten Sie Ihren Blick auf Lösungen.

    Wer sich auf die Suche nach einem Ausweg konzentriert, wird mit den vor ihm liegenden Problemen besser fertig. Dann werden die Lösungen zu Zielen, auf die hingearbeitet werden kann.

  • Bauen Sie stabile Beziehungen auf.

    Wer eine Bezugsperson hat, ist resilienter. Doch auch andere Personen kommen in Frage, beispielsweise ein guter Freund, ein Lehrer oder ein Mentor.

  • Suchen Sie neue Herausforderungen.

    Wer sich fortwährend weiterentwickelt, sammelt neue Erfahrungen, erweitert das eigene Spektrum und rüstet sich für kommende Krisen. Kurz: Resilienz rechnet immer auch damit, sich weiterzuentwickeln.

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