Resilienzfaktoren: Diese geben Kraft in der Krise

Es gibt Zeiten, da läuft alles glatt. Und dann gibt es Phasen, da jagt eine Hiobsbotschaft die nächste. Manche Menschen stürzen solche Momente in die Krise; sie können schlecht mit dem Stress und dem Druck umgehen. Andere können so etwas mit einem Schulterzucken wegstecken. Ursächlich dafür ist, wie stark die jeweiligen Resilienzfaktoren ausgeprägt sind. Sie gehören zu den Persönlichkeitsmerkmalen, die es einem ermöglichen, den Rücken durchzustrecken und die Dinge anzupacken. Welche Merkmale das sind und wie Sie Ihre Resilienzfaktoren fördern können…

Resilienzfaktoren: Diese geben Kraft in der Krise

Definition: Was ist unter Resilienz und Resilienzfaktoren zu verstehen?

Resilienzfaktoren Definition Kinder sieben Schutzfaktoren Psychologie Pädagogik fördernWie kann es sein, dass der eine nach einer Trennung völlig am Boden zerstört ist, während der nächste bereits innerhalb kürzester Zeit einen neuen Partner an seiner Seite hat?

Oder ein anderer mit seinem Unternehmen eine Bruchlandung hinlegt und flugs das nächste gründet, während ein anderer sich verschämt von seinen sozialen Kontakten zurückzieht? Das Zauberwort heißt Resilienz.

Der Begriff Resilienz ist aus dem Lateinischen (resilire = zurückspringen, abprallen) über das Englische (resilience) ins Deutsche gelangt und wird häufig als Widerstandsfähigkeit übersetzt.

Die Sichtweise der Psychologie beziehungsweise Pädagogik, was unter Resilienz zu verstehen ist, definieren Klaus Fröhlich-Gildhoff und Maike Rönnau-Böse, Dozenten am Zentrum für Kinder- und Jugendforschung folgendermaßen:

Wenn sich Personen trotz gravierender Belastungen oder widriger Lebensumstände psychisch gesund entwickeln, spricht man von Resilienz.

Gemeint ist die Fähigkeit, Krisen mithilfe erlernter, persönlicher Ressourcen zu bewältigen und daraus sogar gestärkt hervorzugehen. Diese persönlichen Ressourcen sind die Resilienzfaktoren.

Wer über entsprechende Resilienzfaktoren verfügt, kann nicht nur Krisen besser meistern – er oder sie reagiert insgesamt weniger empfindlich auf Stress und Druck. Diese Fähigkeit kommt auch im normalen Alltag zugute, wenn keine besonderen Probleme anstehen.

Gründe für unterschiedlich ausgeprägte Resilienz

Es gibt Ereignisse im Leben eines Menschen, die von jedem als krisenhaft empfunden werden. Dazu zählen beispielsweise:

  • Jobverlust
  • Scheidung
  • schwere Krankheit
  • schwerer Unfall
  • Verlust einer geliebten Person

Abhängig davon, welche persönlichen Eigenschaften eine Person mitbringt und welchen Risikofaktoren sie bereits in der Kindheit ausgesetzt war, entwickelt sich die Resilienz beziehungsweise entwickeln sich die Resilienzfaktoren. Hier spielen Anlage und Umgebung eine Rolle, also genetische und gesundheitliche Aspekte, aber auch der soziale Status und die psychische Gesundheit der Eltern.

So normal es einerseits ist, dass traumatische Ereignisse wie die oben genannten eine Person erschüttern: Manche Menschen schaffen es, sich davon nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Das klingt erst einmal ungerecht, zumal solche Resilienzfaktoren in der Kindheit angelegt sind und entwickelt werden.

In welche Familie und in welche sozialen Verhältnisse ein Mensch geboren wird, kann bekanntlich niemand beeinflussen. Dass aber Resilienz nichts mit Glück oder weniger Glück zu tun hat, fasst dieses Zitat des schottischen Schriftstellers Robert Louis Balfour Stevenson treffend zusammen:

Es geht im Leben nicht darum, gute Karten zu haben, sondern mit einem schlechten Blatt ein gutes Spiel zu machen.

Emmy Werner und die Kauai-Studie

Resilienzfaktoren Definition Kinder sieben Schutzfaktoren Psychologie Pädagogik fördernDie deutsch-amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner gehört zu den ersten, die in einer Langzeitstudie von 1955 bis 1999 zur Resilienz von Menschen forschte.

Auf der hawaiianischen Insel Kauai begleitete sie in mehr als 40 Jahren 698 Jungen und Mädchen und stellte fest, wie ein Drittel der Kinder zu resilienten Persönlichkeiten heranwuchsen, obwohl sie unter erschwerten Bedingungen groß wurden.

Zu diesen erschwerten Bedingungen gehörten Armut, Alkohol- und Gewaltprobleme in der Familie. Die Psychologie weiß seit langem, dass ein solches Umfeld psychosoziale Risikofaktoren enthält, die negative Eigenschaften bei Personen bewirken.

Diese bringen Persönlichkeiten hervor, die…

  • häufiger delinquent,
  • psychisch und körperlich weniger gesund und
  • später beruflich weniger erfolgreich sind.

Und obwohl ein Drittel der begleiteten Kinder unter deutlich erschwerten Bedingungen aufwuchs, wurden sie zu vollwertig integrierten Mitgliedern der Gesellschaft:

Im Alter von 40 Jahren gab es in dieser Gruppe, die niedrigste Rate an:

  • Arbeitslosigkeit
  • Chronischen Gesundheitsproblemen
  • Gesetzeskonflikte
  • Scheidungen
  • Todesfällen
  • Sozialhilfebezügen

Stattdessen führten diese Personen stabile Ehen, waren positiv eingestellt und zeigten Mitgefühl für Menschen in Notsituationen.

Stütze der Psyche: Resilienzfaktoren oder Schutzfaktoren?

In der Forschung streiten sich die Gelehrten, welche Resilienzfaktoren nun die Widerstandsfähigkeit ausmachen und welche nicht. Die Rede ist von den sogenannten sieben „echten“ Resilienzfaktoren, zu denen folgende gehören:

  • Emotionsteuerung

    Dieser Resilienzfaktor bedeutet, dass jemand seine Gefühle weitestgehend unter Kontrolle hat. Diese Personen nehmen die ihre Gefühle wahr und wissen, was sie tun können, um sich beispielsweise bei Stress wieder beruhigen zu können.

  • Empathie

    Empathische Menschen können sich aufgrund ihrer Beobachtungen in die Gefühlswelt anderer Menschen hineinversetzen. Diese Empathie ermöglicht es ihnen, Verständnis für das Verhalten anderer aufzubringen und angemessen zu reagieren.

  • Impulskontrolle

    Wer seine Impulse unterdrücken und bestimmte Bedürfnisse verschieben kann, verfügt über eine größere Selbstdisziplin. Diese Mensche schaffen es, sich von Störungen nicht ablenken zu lassen und können ihre Aufgaben konzentriert beenden.

  • Kausalanalyse

    Zu den echten Resilienzfaktoren wird auch die Kausalanalyse gezählt, die die Fähigkeit beschreibt, sich mit bestimmten Zusammenhängen von Problemen sachlich auseinanderzusetzen. Das führt dazu, dass Menschen aus ihren Fehlern lernen. Daneben sind sie in der Lage, ebenso sachlich ihren Anteil an Erfolg und Misserfolg zu sehen. Menschen mit geringer Resilienz hingegen suchen die Schuld für Misserfolge ausschließlich bei sich.

  • Optimismus

    Bei diesem Resilienzfaktor geht es vor allem um einen realistischen Optimismus. Dieser führt dazu, dass jemand eine positive Grundhaltung hat, die ihn eher das halbvolle als das halbleere Glas erkennen lassen. Die Dinge werden nicht unbedingt beschönigt, aber dennoch ist dieser Mensch in der Lage, selbst herausfordernden Situationen noch etwas Positives abzugewinnen.

  • Selbstwirksamkeit

    Diese Fähigkeit beschreibt die persönliche Überzeugung, selbst schwierige Aufgaben, Herausforderungen oder Probleme durch eigenes Handeln wirksam bewältigen zu können. Oder anders und noch einfacher ausgedrückt: Selbstwirksamkeit bedeutet, darauf zu vertrauen, eine Handlung erfolgreich ausführen zu können.

  • Zielorientierung

    Gemeint ist damit, dass eine Person sich neue Ziele setzt und diese verfolgt. Da es Teil des eigenen Wunsches ist, werden die notwendigen Handlungen erbracht, um das Ziel zu erreichen. Das unterscheidet sie von anderen Personen, die meinen, bestimmte Ziele nur deshalb verfolgen zu müssen, weil es Vorgaben seien.

Als falsche Resilienzfaktoren (so Denis Mourlane), die von Forschern wie Emmy Werner auch als „sieben Säulen der Resilienz“ oder als Schutzfaktoren (Monika Gruhl) bezeichnet werden, gehören demnach folgende:

  • Optimismus

    Ohne eine optimistische Grundhaltung, dass sich irgendwie alles einrenken wird und selbst die schlimmste Krise irgendwann vorbei ist, geht nichts.

  • Akzeptanz

    Nur wer akzeptiert, dass es ein Problem gibt, kann es auch angehen. Dieser Resilienzfaktor ist die Voraussetzung dafür, Dinge anzupacken. Akzeptanz bedeutet auch zu erkennen, dass Krisen Teil des Lebens sind und nicht alles beeinflussbar ist.

  • Lösungsorientierung

    Dieser Resilienzfaktor beschreibt die Haltung, in jeder Herausforderung auch eine Chance zu erkennen. In Unternehmen setzt dies eine offene Fehlerkultur voraus, anderenfalls werden sich die Mitarbeiter schwer tun, Fehler anzusprechen. Und genau das ist Voraussetzung dafür, dass sich neue Herangehensweisen entwickeln können.

  • Verlassen der Opferrolle

    Die Opferrolle zu verlassen, stimmt inhaltlich mit dem Resilienzfaktor Selbstwirksamkeit im hohen Maße überein. Denn jemand, der die Opferhaltung aufgibt, ist sich dessen bewusst, dass nur er selbst etwas ändern beziehungsweise ausrichten kann.

  • Verantwortung übernehmen

    Verantwortung übernehmen bedeutet, dass eine Person das eigene Verhalten und die Entscheidungen reflektiert und beispielsweise im Falle von Fehlverhalten die Schuld auf sich nimmt, statt einen Sündenbock zu suchen oder sich anderweitig herauszureden.

  • Netzwerkorientierung

    Der Mensch ist ein soziales Wesen und braucht als solches Beziehungen zu anderen. Dennoch gehört dieses Persönlichkeitsmerkmal zu den Resilienzfaktoren, wenn bewusst Netzwerke aufgebaut werden. Denn im Falle eines Falles greifen resiliente Menschen auf ihr Netzwerk zurück, da sie Hilfe annehmen können.

  • Zukunftsplanung

    Bedeutet, dass Menschen sich konkrete, realistische Ziele setzen und diese verfolgen. Sie warten nicht einfach unvorbereitet irgendwelche plötzlichen Wendungen ab, um dann ein Problem bewältigen zu müssen, sondern sie haben bereits zuvor einen Plan B. Insofern ähnelt dieser Resilienzfaktor stark der Zielorientierung der obigen Liste.

Resilienzfaktoren fördern: Wie funktioniert das?

Es gibt also eine Menge dieser Resilienzfaktoren – schön und gut, werden einige Skeptiker vermutlich denken, aber heißt es nicht immer, was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr? Und es stimmt, Soziologen erklären seit langem, dass etwa mit Ende zwanzig die Jugend abgeschlossen sei.

Dies ließe sich daran erkennen, dass bestimmte Werte und Normen verinnerlicht worden seien, die sich kaum noch ändern. Die Persönlichkeit ist im Wesentlichen gefestigt. Dieser Umstand erklärt übrigens, warum vor allem Jugendliche schneller politischen als auch religiösen Rattenfängern anheimfallen.

Allerdings gibt es eine vielbeachtete Gemeinschaftsstudie der Universitäten Münster, Mainz und Leipzig. Diese kommt zu dem Ergebnis: Unsere Persönlichkeit ist wandelbarer als angenommen.

Demnach sind es vor allem einschneidende Erlebnisse wie Heirat, das erste Kind, der Renteneintritt, aber natürlich auch Schicksalsschläge unterschiedlicher Art, die eine Veränderung bewirken.

Was Sie tun können:

  • Selbstreflexion

    Setzen Sie sich mit den Krisen auseinander, die Sie in Ihrem Leben erlebt haben – Sitzenbleiben in der Schule, der erste Liebeskummer oder auch Kündigungen. Was zeichnet diese Krisen aus, was haben Sie in dieser Situation gemacht? Was oder wer hat bei der Bewältigung geholfen? Die wichtigste Erkenntnis bei diesem Reflexionsprozess ist, dass Sie die Krisen überstanden haben, sei es aus eigener Kraft, sei es mithilfe anderer. Gute Voraussetzungen also, auch weitere Herausforderungen meistern zu können.

  • Verarbeitung

    Gehen Sie konstruktiv mit diesen Krisen um, indem Sie sie verarbeiten. Das können Sie tun, indem Sie beispielsweise Tagebuch schreiben. Wenn Ihnen das nicht liegt, sind eine andere Möglichkeit die Morgenseiten, bei denen Sie einfach alles sich aus dem Kopf schreiben, was Ihnen morgens nach dem Aufstehen einfällt – selbst wenn es „nichts“ ist. Sie bekommen quälende Gedanken aus dem Kopf und können sich so mit Dingen deutlich besser auseinandersetzen. Andere Menschen wiederum verarbeiten über Gespräche. Ziehen Sie enge Freunde ins Vertrauen, wenn Sie etwas belastet.

  • Denkweise

    Ändern Sie Ihre Denk- beziehungsweise Herangehensweise. Resilienz ist zu einem gewissen Punkt eine Entscheidungssache. Es gibt Menschen, die haben unvorstellbares Leid hinter sich gebracht und dennoch hat es keiner geschafft, sie zu brechen. Der menschliche Wille kann Berge versetzen. Die eigene Überzeugung, dass Sie Resilienzfaktoren besitzen, kann aus der Gewissheit erwachsen, bestimmte Krisen bereits gemeistert zu haben. Diese Überzeugung ist sicherlich nichts, das über Nacht entsteht, sondern ein Prozess.

[Bildnachweis: Rade Kovac by Shutterstock.com]
6. Juli 2018 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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