Dieser Artikel beginnt erst mit dem zweiten Satz. Denn der zweite Platz wird oft verkannt. Erster zu sein, hat mehr Glamour. Die Nummer 1 steht an der Spitze, und oben sein, heißt super sein, heißt Gewinner sein, den First Mover Advantage voll auszukosten: Der Erstgeborene erbt den Titel und die Krone; der Sieger bekommt den Preis und den Ruhm. Zuvorderst bekommt man einzigartige Informationen aus erster Hand – alles Vorteile des Zuerstgekommenen, der wie ein Monopolist den Rahm abschöpfen darf. Der Zweite ist dagegen allenfalls erster Verlierer. Er hat alles gegeben, gereicht hat es trotzdem nicht. Knapp vorbei ist eben auch daneben... Oder?

Nicht der First Mover gewinnt, sondern der schnelle Nachahmer

Viele denken so. Es ist ja auch einiges Wahres dran. Dem ersten Platz wohnen viele Vorteile inne:

  • Dem Ersten wird die größere Aufmerksamkeit zuteil, dadurch besitzt er mehr Einfluss und Macht.
  • Menschen an der Spitze (oder auf dem Siegertreppchen) sind sexy.
  • Sie spornen uns an, dienen als Leuchtturm und Vorbild.
  • Und nicht selten steckt der Triumph an.

Der US-Soziologe Robert K. Merton formulierte 1968 dieses Prinzip der positiven Rückkopplung als success breeds success: Wer einmal Erfolg hatte, kann das häufig wiederholen – oder wie der Volksmund (weniger vornehm) sagt: Der Teufel scheißt immer auf den dicksten Haufen.

Gerade Ehrgeiz und Wettbewerb führen zu Fortschritt. Der ewige Wandel und Wunsch sich zu verbessern, sind ein evolutionäres Konzept, genauso wie Anpassungsfähigkeit die Voraussetzung für den Erfolg ist, weil dazu nicht nur das Streben, sondern auch das Scheitern gehört.

Oder wie das deutsche Popduo 2raumwohnung (wenn auch mit ironischem Augenzwinkern) singt: "Wer sich länger oben hält, weiß wie und wo man runterfällt, denn andere fallen sehen macht schlau."

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Der zweite Platz ist besser als viele denken

ABER – und das ist ein großes Aber – der zweite Platz ist keinesfalls so schlecht wie sein Ruf:

  • Erster zu sein, bedeutet auch alle Fehler selber zu machen. Der Zweite kann zusehen und daraus lernen.
  • Der Erste ist immer auch Gejagter durch seine Nachahmer.
  • Erster zu werden, mag ein schöpferischer Akt sein – gleichwohl wohnt der Position jederzeit die Gefahr des Untergangs inne.

Microsoft-Gründer Bill Gates hat dies einmal so zusammengefasst:

Dauerhafter Erfolg ist ein schlechter Lehrmeister. Er lässt gescheite Menschen glauben, sie könnten nicht verlieren.

Und so ist es auch: Immer Erster, immer oben sein zu wollen, ist unklug; auch mal abwarten zu können, zu beobachten, zu lernen und nicht jede Gelegenheit sofort zu nutzen zuweilen schlauer, reifer, kosten- und nervensparender.

Es gibt eben auch einen Second-Mover-Advantage. Nur ist der weniger bekannt.

Der Second Mover Advantage

second-vs-first-mover-scheiternPeter Golder und Gerard Tellis von der Universität von Südkalifornien publizierten 1993 eine Studie, in der sie untersuchten ob Marktpioniere tatsächlich häufiger Erfolg hatten. Dazu analysierten sie 500 Marken in 50 Produktkategorien - von Kaugummi bis Videorekorder, von Faxmaschinen bis Computer.

Ergebnis: 47 Prozent der sogenannten First Mover scheiterten. Allenfalls die Hälfte der Unternehmen verkaufte 5 Jahre nach dem Start das Produkt, mit sie den Markt erobern wollten - wenn überhaupt. Und nur 11 Prozent der Unternehmen blieben tatsächlich Marktführer für eine lange Zeit in ihrem Markt.

Dann gab es da allerdings noch die anderen, die Second Mover: Unternehmen, die sich einen Markt genau ansahen, nachdem ein Pionier diesen erschlossen hatte, und praktisch als Nachahmer dazu stießen. Nur sehr schnell. Von ihnen scheiterten nur 8 Prozent. 53 Prozent von ihnen wurden am Ende sogar Marktführer.

[Bildnachweis: Doppelganger4 by Shutterstock.com]

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