Rückschritt-Karriere-runter
Sie fühlen sich in Ihrem Job nicht mehr wohl, und zwar genau seit Ihrer letzten Beförderung? Die neue Aufgabe liegt Ihnen nicht? Sie haben zu viel mit Leiten und Organisieren zu tun statt mit der Arbeit selbst, die Sie immer so gern gemacht haben? Am liebsten hätten Sie Ihren alten Job zurück? Dann werden Sie die Erfahrung machen, dass das gar nicht so leicht ist. Ein Schritt nach unten (Fachjargon: Downgrading oder genauer: Downshifting) ist in unserer Arbeitswelt nicht vorgesehen. Deshalb ist nichts für einen Bewerber schwieriger zu verkaufen als der Wunsch, einen Schritt rückwärts zu gehen...

Bewerbung nach unten: Rückschritt ist nicht vorgesehen

Downgrading-Rückschritt-KarriereWer sich für Karriere interessiert, der findet Hunderte von Büchern darüber und Tausende von freundlichen Karriereberatern, die ihm dabei helfen wollen. Allerdings geht die Richtung dabei immer nur nach oben. Einen Weg zurück, von oben nach unten, den scheint es jedoch nicht zu geben.

Der Buchautor Laurence J. Peter hat diesen Mechanismus beschrieben und nach sich selbst benannt: Das Peter-Prinzip.

Kurz zusammengefasst, besagt dieses Prinzip, dass Sie in unseren Wirtschaftssystem befördert werden, wenn Sie Ihre Arbeit gut machen. Machen Sie es abermals gut, werden Sie wieder befördert. So geht es immer weiter, und zwar bis zu dem Zeitpunkt, wo der Job die Grenzen Ihres Könnens überschreitet. Und in diesem letzten Job, in dem Sie sich inkompetent zeigen und erfolglos bleiben, verweilen Sie dann ein Leben lang.

Das klingt zunächst nach einem Witz, aber wenn man einmal darüber nachdenkt, steckt doch sehr viel Wahrheit darin.

Was aber können Sie tun, wenn Sie zurück möchten?

Wegen des Peter-Prinzips oder aus anderen guten Gründen? Wenn Sie sich um einen Job bewerben möchten, für den Sie kompetent sind, der Ihnen Freude macht und in dem Sie Erfolge erzielen können, der aber eine Stufe unter dem bisherigen liegt?

Rückschritt hat ein schlechtes Image

Sucht man das Thema "Karriererückschritt" in gängigen Suchmaschinen, erscheint der Begriff - wenn überhaupt - im Zusammenhang mit Wörtern wie

  • Warnung!
  • Vorsicht!
  • Gefahr!

Und fast immer mit Ausrufezeichen!

Star-Fußballer warnt Kollegen vor Rückschritt!

Bloß nicht! Bloß kein Rückschritt! schreien diese Überschriften.

Falls Ihnen dieses große Malheur in der Vergangenheit aber doch einmal passiert sein sollte, dann wird Ihnen vermittelt, dass Sie es unbedingt kaschieren müssen. So findet sich vielfach guter Rat, wie Sie

Rückschritt als Fortschritt verkaufen.

Nach einigem Suchen finden Sie schließlich noch etwas, das auf den ersten Blick tröstlich erscheint:

  • Downshifting

... lesen Sie voller Hoffnung. Die Sub-Headline lautet:

Fortschritt durch Rückschritt

Das macht allerdings schon wieder misstrauisch. Sogar zu Recht: Bei näherer Beschäftigung stellen Sie fest, dass es in dem Beitrag um gut betuchte Top-Manager geht, die den Stress satt hatten und mit einem angenehmen Finanzpolster im Rücken statt dessen lieber eine andere Tätigkeit wählten: Selbstständige Führungskräftetrainerin zum Beispiel oder Schulleiter.

Das hilft Ihnen nicht weiter, denn Sie wollen ja gar nichts anderes machen. Sie wollen einfach nur in den Job zurück, den Sie vor der letzten Beförderung hatten. Und da ist guter Rat teuer.

Der schwierige Rückschritt wird nur dann gelingen, wenn Sie ihn sorgfältig vorbereiten und bei der Umsetzung alle wichtigen Punkte beachten:

  1. Downshifting: Klären Sie Ihr Ziel

    Der Wunsch, sich auf der Karriereleiter lieber eine Sprosse tiefer einzurichten, wird von vielen als peinlich und beschämend empfunden. Sie fühlen sich als Versager und fürchten einen Gesichtsverlust in ihrem Umfeld. Dabei bedeutet das aus dem Lateinischen stammende Wort Karriere wörtlich nichts anderes als Laufbahn oder Fahrweg und hat mit Nach-oben-Steigen gar nichts zu tun. Ob Ihr geplanter Karriereschritt also für Sie einen Fortschritt oder einen Rückschritt darstellt, hängt von Ihrem Ziel ab. Daher hilft es, wenn Sie sich als Erstes über Ihr Ziel klar werden.

    • Wollen Sie einen Arbeitsplatz, zu dem Sie jeden Tag gern hingehen, mit Aufgaben, die Sie kompetent erledigen können? Und ob Sie dabei anderen vorgesetzt sind, ist Ihnen egal?
    • Oder wünschen Sie sich zwar grundsätzlich den Aufstieg ins Top-Management, brauchen aber im Moment eine Ruhepause? Eine Zeit, um wieder zu sich zu kommen und neue Kräfte zu sammeln?

    Machen Sie sich klar, wohin Ihre Reise gehen soll. Ihre innere Klarheit lässt Sie auch nach außen überzeugend wirken.

  2. Downshifting: Stehen Sie zu Ihrer Entscheidung

    Wenn Sie sich auf eine Position unterhalb der bisherigen bewerben, müssen Sie darauf gefasst sein, dass Ihre Entscheidung von anderen angezweifelt und in Frage gestellt wird. Lassen Sie sich dadurch nicht verunsichern und aus dem Konzept bringen. Die Frage, warum Sie nicht in der vorigen Position verbleiben wollen oder wollten, sollten Sie kurz und präzise beantworten, eine detaillierte Erörterung hingegen vermeiden. Die führt meistens zu nichts und bringt Ihnen keine Pluspunkte im Bewerbungsprozess.

    Schließen Sie deshalb mit der Vergangenheit ab und konzentrieren Sie sich darauf, Ihre Argumente für den angepeilten neuen Job aufzuzählen: Was Sie dafür mitbringen und warum er Ihnen Spaß machen würde.

  3. Downshifting: Passen Sie Ihre Bewerbungsunterlagen an

    Das Downshifting können Sie sich wesentlich einfacher machen, wenn Sie Ihre Bewerbungsunterlagen auf den neuen Job hin anpassen. Gegenüber einem fremden Unternehmen dürfte das einfacher sein als in einem Umfeld, wo man Sie kennt. Aber auch in der eigenen Firma ist ein Schritt zurück nicht völlig ausgeschlossen. Dabei sollten Sie sich intern mit Ihrer Argumentation und mit Ihren Bewerbungsunterlagen die gleiche Mühe geben wie nach außen.

    Fangen Sie bei Lebenslauf, Know-how-Profil und wenn möglich Arbeitszeugnis mit dem Downshifting an, damit der Empfänger Ihrer Bewerbung Ihre Passung zu Ihrem neuen Wunschjob erkennt. Natürlich sollen Ihre Angaben der Wahrheit entsprechen. Doch es gibt stets mehrere Möglichkeiten, eine Tätigkeit zu beschreiben. Und Sie müssen ja auch nicht Alles erwähnen. Hier sind die wichtigsten Punkte, die Ihren geplanten Rückschritt leichter machen:

    • Art des Unternehmens: Wenn Sie vorher bei einem Großkonzern waren und in ein mittelständisches Unternehmen wechseln möchten, dann geben Sie nicht die Mitarbeiterzahl des Gesamtkonzerns, sondern die Ihrer unmittelbaren Einheit an. Also nicht “Gross AG, 18.000 Mitarbeiter weltweit”, sondern “Gross AG Musterstadt, 150 Mitarbeiter am Standort”. In einer solchen Größe findet sich auch der mittelständische Firmeneigner wieder.
    • Funktion: Wenn es unterschiedliche Bezeichnungen für Ihre Aufgabe gibt, dann wählen Sie die bescheidener klingende: also lieber “Auftragssachbearbeiterin” statt “Deal Handler”, oder lieber “Kaufmännischer Sachbearbeiter” statt “Kredit- und Leasing-Spezialist”.
    • Verantwortung: Wenn Sie einen kleineren Verantwortungsbereich anstreben als Sie vorher hatten, dann lassen Sie bei Ihrer letzten Position die Zahl der Ihnen unterstellten Mitarbeiter und die Höhe des von Ihnen verantworteten Budgets besser weg.
    • Aufgaben: Konzentrieren Sie sich in Ihrer Darstellung auf diejenigen Aufgaben, die Sie auch in Ihrem neuen Job ausführen wollen.
  4. Downshifting: Machen Sie keine halben Sachen

    Noch ein wichtiger Tipp: Denken Sie bei der Überarbeitung Ihrer Bewerbungsunterlagen daran, wirklich alle Papiere zu bearbeiten, damit sie wie aus einem Guss wirken. Es nützt nichts, wenn Sie es machen wie der Industriekaufmann, der nach einem Ausflug in die EDV-Programmierung und Beratung wieder in seine vorige Aufgabe als kaufmännischer Sachbearbeiter zurückkehren wollte. Er änderte sein Anschreiben entsprechend und verwies auf seine frühere, langjährige und profunde Erfahrung als Sachbearbeiter. Leider vergaß er aber, auch seinen Lebenslauf und sein Know-how-Profil entsprechend zu ändern. Das dort dargestellte Profil als EDV-Spezialist passte natürlich nicht zu seinem neuen Ziel, und so war es kein Wunder, dass er auf seine Bewerbungen nur Absagen erhielt.

Downshifting: Geben Sie bei Schwierigkeiten nicht auf

Aber selbst wenn Sie Ihre Unterlagen optimal aufbereiten, kann es für Sie schwierig werden, wie die Geschichte dieses Diplom-Ingenieurs zeigt: Nach einer langen Zeit in Führungspositionen, als Produktionsleiter und als Bereichsleiter, entschloss er sich nach einigen beruflich sehr belastenden Jahren, sich um eine Stabsfunktion in einem Unternehmen seiner Branche zu bewerben. Ein Fachkollege hatte ihn gefragt, ob er bereit wäre, diese Aufgabe zu übernehmen, da dringend jemand gebraucht wurde, der Erfahrung mit speziellen Produkten und Werkstoffen mitbrachte.

Der Diplom-Ingenieur fand die Stelle attraktiv und konnte sich auch die Zusammenarbeit mit dem Kollegen, den er schon lange kannte, gut vorstellen. Probleme gab es dann allerdings mit dem kaufmännischen Leiter. Der war nicht bereit zu glauben, dass der Ingenieur sich aus seiner bisherigen Funktion als Bereichsleiter so weit herab begeben wollte. Der Bewerber wurde in einem zweiten Gespräch auf Herz und Nieren geprüft, dann nochmals in einem dritten. Dennoch gelang es ihm nicht, die Zweifel des kaufmännischen Leiters auszuräumen.

Weil aber Not am Mann war, rang sich der Einsteller durch, dem Ingenieur einen zunächst auf ein Jahr befristeten Anstellungsvertrag zu geben. Bereits nach wenigen Monaten kamen von allen Seiten positive Rückmeldungen. Für einige der technischen Probleme hatte der Ingenieur schon gute Lösungen gefunden, die sich in der Praxis bewährten. Sein direkter Vorgesetzter möchte ihn auf jeden Fall im Unternehmen halten. Aber ob der kaufmännische Leiter seine Meinung geändert hat? Dessen Entscheidung steht noch aus.

Rückschritt als Fortschritt? Ein Fehler darf sein

Das, was für Sie selbst einen Schritt in Richtung auf Ihr (neues) Ziel darstellt, bleibt für Menschen wie diesen kaufmännischen Leiter dennoch ein Rückschritt und wird von Einstellern häufig sehr kritisch bewertet. Um solche Skeptiker zu überzeugen, müssen Sie vor allem eins: authentisch bleiben.

  • Hat sich Ihr berufliches Ziel aufgrund neuer Lebensumstände verändert? Dann erläutern Sie das kurz in einer Weise, die für Ihren Gesprächspartner nachvollziehbar ist.
  • Hat die vorige Position Ihren Erwartungen nicht entsprochen? Dann geben Sie Ihre Enttäuschung offen zu. Jeder Versuch einer Beschönigung würde bei Ihrem Gegenüber nur Misstrauen erwecken und Nachfragen provozieren; die für Sie unangenehme Gesprächsphase würde dadurch nur unnötig verlängert.

Jeder kann sich einmal irren. Jeder kann beruflich in eine Situation geraten, in der er sich nicht wohl fühlt. Wer etwas riskiert und Neues ausprobiert, kann manchmal auch scheitern. Wichtig ist, dass Sie aus dem Misserfolg lernen und die richtigen Konsequenzen ziehen.

Und ein Arbeitgeber, der von seinem neuen Mitarbeiter verlangt, dass ihm niemals ein Fehler unterläuft und dass die Karriere immer steil aufwärts geht ("up or out"), der ist vielleicht ohnehin nicht der Richtige für Sie. Ob ein Rückschritt ein Rückschritt ist, ist letztlich eine Frage der Perspektive.

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