Mein Haus, mein Auto, mein Job – für viele Menschen sind das wichtige Werte, über die sie sich definieren. Daran machen sie ihren Status, ihren Rang in der Gesellschaft fest. Natürlich steht es jedem frei, worüber er sich definiert. Aber in turbulenten Zeiten, in denen solche Dinge leicht ins Wanken geraten, schwankt bei vielen dann auch das persönliche Selbstwertgefühl erheblich mit. Aus der Jobkrise wird dann schnell eine veritable Persönlichkeitskrise. Der Jobverlust avanciert zum Gesichtsverlust, zur gesellschaftlichen Blamage. Welche Demütigung, wenn man auf gesellschaftlichen Anlässen auf die Frage “Und was machen Sie so?” plötzlich nur noch mit Achselzucken antworten kann.

Wiederholter Erfolg, jahrelanger Aufschwung, stetiges Wachstum – so glücklich einen Prosperität und Wohlstand machen können: Sie stellen auch eine Gefahr dar. Dann nämlich, wenn daraus übersteigerte Erwartungen erwachsen. Wenn wir annehmen, das alles, das Geld, der Erfolg die Anerkennung, sei selbstverständlich und müsse immer so weitergehen. Der Denkfehler, den viele dabei begehen: Sie sehen diese Dinge nicht mehr als Resultat, als Kollateralerzeugnis ihrer eigentlichen Bemühungen und Ziele, sondern erheben sie zum selbstverständlichen Niveau, zum Standard, den sie auf keinen Fall wieder unterschreiten wollen.

Gewiss, Erfolg macht nicht nur sexy – er ist sexy. Doch meine These ist:

Je mehr wir unseren Beruf zur Selbtsverwirklichung nutzen, desto mehr avanciert er auch zum Gradmesser der Selbstbestätigung. Und das kann in die Irre leiten: Kein Job, keine Selbtsverwirklichung, kein Selbstwert. Endstation Sinnkrise.

Mehr noch: Menschen, die sich nach außen selbstsicher geben als sie in Wahrheit sind, machen sich das Leben unnötig schwer, so eine Studie der Universität von Georgia in Athens (PDF). “Menschen mit geheuchelter Selbstsicherheit kompensieren ihre Selbstzweifel, indem sie übertriebene Verteidigungsstrategien entwickeln”, sagt Forschungsleiter Michael Kernis. Das wiederum wird von anderen als heuchlerisch und unsympathisch wahrgenommen. Eine Abwärtsspirale entsteht.

Viele sind damit Opfer einer Gehirnwäsche, der sie sich selbst unterzogen haben. “Im Zeitalter der Massenmedien vergleichen wir uns ständig mit dem Unvergleichlichen – und das spornt uns nicht an; das macht uns neidisch, träge, böse, missgünstig”, sagte zum Beispiel Norbert Bolz, Medienprofessor an der TU Berlin in einem WirtschaftsWoche-Interview (22/09). Dahinter steckt nicht selten auch die Angst vor Ablehnung. Wir wollen wenigstens mithalten, um nicht hinterher zu hecheln. Aber letztlich tun wir genau das. Denn unser Selbstwert ist dabei maßgeblich abhängig vom Zuspruch anderer. Ein mehr als fragwürdiges Fundament.

Für unser Selbstwertgefühl sind wir – wie der Name schon sagt – selbst verantwortlich. Damit ist Selbstwert eine Frage des (eigenen) Maßstabs. Wer sich ausschließlich über seinen Beruf, sein Gehalt oder seine Arbeitskraft definiert, setzt damit auf Werte deren Bestand gerade in diesen Zeiten immer unsicherer wird. Fragt man Menschen, die massive Lebenskrisen bewältigt haben, so antworten diese nahezu unisono, dass sie ihre persönliche Krise als Befreiung erlebt haben; als Abkehr von solchen haltlosen Maßstäben, denen sie bisher treu ergeben waren. Mancher, der seinen Job verloren hat, erkennt erst danach, dass Familie, Freunde oder auch Ehrenämter viel sinnstiftender sein können.

Bis dahin muss man allerdings erst einmal kommen.

Keine Frage, geschrieben ist das viel leichter als gelebt. Die meisten von uns werden auf einen Jobverlust spontan mit Scham und Schuldgefühlen reagieren: Was habe ich falsch gemacht? Warum ich? Warum passiert das immer nur mir? Nicht wenige empfinden eine Kündigung wie einen Schlag ins Gesicht, spüren wie die Wut und die Ohnmacht in ihnen hochkriecht, hadern mit ihrem Schicksal und nagen an dem Kontrollverlust. Kurz: Sie oszillieren zwischen Angst, Trauer, Aggression und Resignation. Andere verdrängen diese Gefühle (wie alle unheilvollen Gedanken), sind zutiefst verunsichert und ziehen sich zurück. “Wenn das Selbstwertgefühl angeknackst ist, trauen viele ihren Gefühlen, Gedanken und körperlichen Signalen nicht mehr”, sagte der Psychotherapeut und Buchautor Bernd Sprenger in einem Stern-Interview (22/09). Das sei dann ein Stress, “der langfristig körperlich krank machen kann, weil er unter anderem die Abwehrkräfte schwächt”

Die emotionale Achterbahnfahrt in Krisen

Trennungen sind immer hochemotional. Wird eine Bindung einseitig aufgekündigt, sind die Reaktionen mit einem Rosenkrieg vergleichbar. Sie reichen von Paralyse und Trauer bis hin zu Zorn oder Depression. Besonders bei Menschen, deren Job Lebensmittelpunkt ist, kommt es zum so genannten Trennungstrauma. Für sie bricht eine Welt zusammen, weil sie sich nicht mehr über ihre Position, ihren Status, ihre Macht und Arbeitsplatz definieren können. Psychologen kennen die anschließenden Phasen, die Gekündigte unterschiedlich schwer durchleben, auch als Roller Coaster Ride – als Achterbahnfahrt der Emotionen – je nachdem wie viele Anstrengungen und Niederlagen folgen.

Interessanterweise sind diese Phasen für sämtliche Traumata typisch: ob Liebeskummer, den Verlust eines Angehörigen oder eben den des Arbeitsplatzes. Das macht es für die Betroffenen freilich nicht leichter, und ein wirkliches Rezept, sie zu vermeiden, gibt es nicht. Aber sie lassen sich zumindest etwas abmildern: Wer sich bewusst macht, welche Phase er selbst oder ein guter Freund gerade durchleidet, sieht sich selbst in einem anderen Licht und kann (sich) besser helfen (lassen). Die typischen Phasen (siehe Grafik) sind:

    Rollercoasterride

  • 1. Vorahnung: Der Betroffene antizipiert eine bevorstehende Kündigung und kalkuliert mögliche Reaktionen, aber auch seine finanzielle Situation durch.
  • 2. Kündigungschock: Die Kündigung wurde ausgesprochen, jetzt ist es amtlich. Unmittelbar danach setzt meist erst einmal ein Schock ein. Der Betroffene braucht Zeit, seine Situation vollständig zu erfassen und zu bewältigen.
  • 3a. Erholungsphase: Es setzt eine leichte Erholung, manchmal auch Erleichterung ein. Der Betroffene nimmt sich die Auszeit, erledigt bislang Liegengebliebenes, kommt zur Ruhe.
  • 3b. Neue Anstrengungen: Jetzt werden neue Pläne gemacht. Wie geht es weiter? Üblicherweise werden jetzt Stellenanzeigen in Jobbörsen durchsucht: Was wird angeboten? Was bin ich auf dem Arbeitsmarkt wert?
  • 4a. Leugnung: Bleiben die ersten spontanen Versuche zurück zur Arbeit zu finden erfolglos oder ist die Marktlage desolat, wird die Situation gerne schön geredet – vor allem im privaten Umfeld.
  • 4b. Wut: Es geht nicht voran. Das frustriert. Noch einmal wird die Kündigung reflektiert. Jetzt kommen ungute Gefühle zum Tragen: Der Chef, die Kollegen – wie unfair haben sie sich verhalten? Die Kündigung wirkt wie gemeiner Verrat – „und das ausgerechnet mir!“
  • 4c. Erneutes Handeln: Geht nicht, gibt’s nicht. Bloß nicht aufgeben! Der Betroffene macht sich Mut, strengt sich erneut an. Passt sich dem Markt an, bildet sich vielleicht weiter. Und bei Erfolg geht es weiter zu Punkt 6.
  • 4d. Akzeptanz: Nichts hilft. Egal, was der Betroffene auch unternimmt, er bleibt arbeitslos. Bewerbungen kommen zurück, Absagen folgen. Irgendwann resigniert er und gibt sich auf.
  • 4e. Depression: Je nachdem welchen Stellenwert die Arbeit und Karriere vorher hatten, ist daran viel Selbstwertgefühl geknüpft. Langfristige Arbeitslosigkeit kann deshalb in die Depression führen.
  • 5. Gedämpfte Hoffnung: Ein Lichtblick – vielleicht macht ein Freund Mut, er könnte einen Job vermitteln oder der Betroffene hat selbst eine Aussicht auf einen Job entdeckt. In diesem Fall werden wieder neue Kräfte mobilisiert und Anstrengungen unternommen.
  • 6. Enthusiasmus: Es sieht gut aus – der neue Job ist zum Greifen nah. Also wird alles auf Vordermann gebracht: Lebenslauf, Outfit, Auftreten, Familienleben.
  • 7a. Neue Beschäftigung: Es ist geschafft, der neue Vertrag ist unterschrieben. Der Job kann losgehen…
  • 7b. neuer 4er-Zyklus: Doch nichts! Im letzten Moment verglimmt der Docht der die zweite Karriere zünden sollte. Umso tiefer ist jetzt der Absturz: Bin ich ein Versager?
  • 8. Depression oder gar Apathie: (wie 4e – oder schlimmer)

Wege zu mehr Selbstbewusstsein

Der Weg aus solchen Krisen führt – wie eingangs schon beschrieben – immer über ein starkes Fundament aus Selbstwertgefühl und positivem Denken. Wer nicht an sich selbst und seine Fähigkeiten glaubt, nicht überzeugt ist, von dem was er oder sie tun und schaffen kann, was immer er oder sie sich vornimmt, der wird in seinem Leben längst nicht so viel erreichen, wie er könnte.

Erfolg strahlt man zwar auch aus, Glanz und Glorie beginnen aber immer im Inneren. Mir ist klar, dass das jetzt entsetzlich nach esoterischem Li-La-Laune-Geschwurbel klingt. Ist es aber nicht. Man muss sich nur umsehen: Tatsächlich eint nahezu alle großen Persönlichkeiten der Geschichte, dass sie (uneingeschränkt) an sich glaubten. Und das war nichts, was ihnen in die Wiege gelegt wurde. Sie mussten es lernen. Und das kann jeder andere auch. Die wesentlichen Lektionen dazu:

  • Hören Sie auf, sich mit anderen zu vergleichen!
  • Zweifeln Sie nicht an sich!
  • Schauen Sie auf das, was Sie können – jeder kann etwas!
  • Pflegen Sie Beziehungen zu Menschen, die Sie mit ihrer positiven Haltung anstecken!
  • Nehmen Sie Komplimente mit Freude an!
  • Machen Sie möglichst oft das, was Sie lieben!
  • Hören Sie auf, es anderen immer recht machen zu wollen.
  • Werden Sie vielmehr unabhängiger von der Anerkennung anderer.
  • Trauen Sie sich auch Schwächen zuzugeben – nobody is perfect!
  • Belohnen Sie sich. Und halten Sie sich vor Augen, was Sie schon geschafft haben – nicht, was Sie noch alles erledigen müssen.