Ich habe kein Problem mit Kritik, aber sie muss mir gefallen. Das herrlich zynische Zitat von Mark Twain wirkt nur oberflächlich betrachtet arrogant. Tatsächlich beschreibt das Bonmot das Kernproblem von Kritik: Sie ist nie angenehm, kann aber berechtigt sein und sogar gut gemeint (Und wir wissen: Gut gemeint ist der kleine Bruder von Scheiße.). Doch um durchzudringen oder etwas zu bewirken, muss sie der Empfänger als angenehm empfinden – berechtigt oder gut gemeint reichen nicht. Nur: Wann ist Kritik überhaupt angenehm beziehungsweise annehmbar? Wissenschaftler kommen jetzt zu einem interessanten Ergebnis: Kritisieren Sie denjenigen sofort, noch während er seine Aufgabe erledigt – oder erst lange danach!

Fehler sind dazu da, um aus ihnen zu lernen. Das macht sie in gewisser Weise sogar zu kleinen Erfolgen: Sie wissen danach, wie es nicht geht. Vor allem im Job (im Internet aber auch) gibt es regelmäßig Feedback: “Das fand ich gut, das nicht so…” Kritik eben. Sagt man dem so Kritisierten dann auch noch, wie es besser gehen könnte, so wird daraus die wünschenswerte konstruktive Kritik. Einem einfach nur zu sagen, wie scheiße man ihn oder seine Arbeit findet, ist dagegen destruktiv und hat nur einen Zweck: Der Kritiker erhöht sich selbst, indem er einen anderen erniedrigt. Meist weil der Profilneurotiker das nötig hat.

Das Problem solcher Rückmeldungen steckt aber schon im Begriff selbst: Es sind Rückschauen. Also nachträgliche Kritik. Nicht gut, sagt Kelly Garrett, Kommunikationswissenschaftler an der Ohio State Universität. Bei seinen Studien hat er festgestellt, dass diese Form von Kritik nur selten ihren Zweck erfüllt, vor allem nicht, wenn es um falsche Überzeugungen oder Fehlinformationen geht.

“Sofortige Korrekturen, praktisch in Echtzeit, haben einen deutlich positiveren Effekt”, sagt Garrett. Das Problem bei bei der Kritik an falschen Informationen, Überzeugungen oder Meinungen sei: Die Menschen wollen es glauben und daran festhalten. Und hält sich die Annahme erst einmal eine Weile, rückt kaum noch einer davon ab. “Den Menschen dann hinterher zu sagen, dass sie falsch liegen, überzeugt sie nicht.”

Sag es jetzt oder nie!

Um herauszufinden, ob die sofortige “Echtzeit-Korrektur” tatsächlich besser angenommen wird, suchten sich Garrett und seine Kollegen 574 zufällig ausgewählte Freiwillige aus den gesamten USA. Die lasen online diverse Artikel aus angeblichen Blogs, meist politischen. Das Gros der Blogartikel basierte auf Zeitungsmeldungen, darin eingestreut waren aber auch ganz bewusste Falschaussagen.

Nun wurden die Probanden in drei Gruppen eingeteilt: Die einen wurden sofort auf die falschen Fakten hingewiesen. Per Software wurden die inkorrekten Passagen rot eingefärbt, während zusätzlich am Rand die Richtigstellung erschien.

Die zweite Gruppe durfte sich erst alles durchlesen, absolvierte danach noch ein paar kleine Aufgaben, um sich vollends zu zerstreuen. Dann wurden ihnen die Korrekturen der vorherigen Artikel präsentiert.

Die dritte Gruppe bekam einfach nur die Artikel samt Falschaussagen zu lesen.

Im Anschluss an dieses Procedere wurden die Probanden gebeten, ihr Meinung zu den jeweiligen Artikeln wiederzugeben und diese zu diskutieren. Und man ahnt es: Wer sofort mit den Korrekturen konfrontiert wurde, war in seiner Meinung und Wiedergabe nicht nur differenzierter, sondern auch wesentlich korrekter und akkurater als eben die Teilnehmer der zweiten Gruppe. Und klar, die dritte Gruppe lag erwartungsgemäß oft völlig daneben.

Widersprich nicht meiner Überzeugung!

Das macht Kritik an Arbeitsweisen, die etwa auf Überzeugungen basieren, enorm schwer. Ebenso die nachträgliche Korrektur etwa von Projekten, wenn die erst mal eine ganze Weile aufgrund falscher Annahmen oder Informationen gestartet sind. Sind wir erst einmal überzeugt, rücken wir kaum noch davon ab, selbst wenn die Beweise deutlich dagegen sprechen.

Oft steckt dahinter weniger Trotz, sondern vielmehr Selbstschutz. Dann abzurücken, würde das bisherige Werk unmittelbar entwerten. Es wäre vertane Zeit – und das frustriert.

So beobachteten Garrett und seine Kollegen während der Experimente etwa auch, dass jene Teilnehmer, die bei politischen Ansichten von vornherein derselben, aber falschen Meinung im Blogartikel waren, praktisch überhaupt nicht auf die sofortige Kritik und Fakten-Korrektur reagierten. In der Diskussion hinterher verhielten sie sich wie Gruppe 3: Sie blieben bei den falschen Tatsachen.

Deshalb empfiehlt Garrett im Fall von echten Überzeugungstätern weder unmittelbar, noch etwas später, sondern sehr viel später zu kritisieren und zu korrigieren, wenn der- oder diejenige sich weniger beratungsresistent verhält.