von Jochen Mai am 5. Januar 2009
→ Artikel in Bewerbung
Wir stellen ein! – Wie Sie Stellenanzeigen interpretieren
Ob Sie nun in die Wochenendausgabe einer überregionalen Tageszeitung schauen oder die Listen der Online-Stellenbörsen durchstöbern – jede Stellenanzeige enthält immer auch einen Subtext, den Sie sich bewusst machen sollten, falls Sie sich für den dort ausgeschriebenen Job interessieren. Oft erfahren Sie so zusätzliche Informationen über die zu besetzende Position und den Arbeitgeber in spe. Indizien enthalten etwa…
- …der Anzeigentext: Ein seriöses Stellenangebot beschreibt vor allem, was ein Bewerber können muss – die Muss-Qualifikation. Wer diese Kompetenzen nicht mitbringt, braucht sich gar nicht erst bewerben. Darüber hinaus enthalten solche Offerten teils aber auch Kann-Qualifikationen. Die sind oft im Konjunktiv formuliert. Die sollten Sie ebenfalls besitzen. Denn Ihre Chancen steigen mit jedem Haken auf dieser Liste. Darüber hinaus sollten Sie auf versteckte Hinweise achten: Ein Unternehmen, das „Belastbarkeit“ erwartet, obwohl das eigentlich selbstverständlich ist, bietet vermutlich ein raues Klima. Ein allzu steifer Text spricht eher für einen straff geführten, bürokratischen Laden und ein „hohes Maß an Eigenverantwortung“ für einen latent chaotischen Haufen.
- …die Größe der Stellenanzeige: Jobofferten sind wie Schaulaufen – je größer die Anzeige, desto höher schätzt der Arbeitgeber die Stelle ein und desto wichtiger nimmt sich freilich auch das Unternehmen, denn es will damit auffallen. Damit ist aber auch klar: Genauso viel Renommee und Strahlkraft erwartet man auch von einem geeigneten Kandidaten. Auch auf die Gefahr hin, dass das hart klingt: Wer in der Branche ein nur kleines Licht ist, braucht sich in der Regel auf eine halbseitige Anzeige nicht bewerben. Eine solche Anzeige heißt aber auch: Wenn das Unternehmen schon bereit war, so viel Geld für die Ausschreibung zu investieren, ist es beim Gehalt eher auch nicht knauserig.
- …der Phrasen-Faktor: Gänzlich misstrauisch sollten Sie bei auffällig kleinen (=billigen) Anzeigen werden, die dafür Großes Versprechen: einen schmucken Titel und das große Geld in wenigen Wochen. Solche Anzeigen sind meist Lockvogelangebote, eine Mogelpackung – wie bei jemand dessen Körpersprache etwas anderes sagt als die Zunge. Meist bleiben solche Offerten vage, versprechen lediglich „interessante Aufgaben“, „reizvolle Inhalte“ bei „überdurchschnittlicher Bezahlung“ und „sofortigem Jobantritt“. Gänzlich misstrauisch sollten Sie werden, wenn man von Ihnen extraordinäre Qualifikationen verlangt, wie „ein ansprechendes Äußeres“ oder „ungebunden“ zu sein. Sparen Sie sich die Mühe, sich dort zu bewerben. Wer einen seriösen Job anbietet, kann den auch öffentlich beschreiben. Und der Geheimdienst schaltet andere Anzeigen.
- …die enthaltenen Fotos: Grafiken und Bilder in Stellenanzeigen sind selten. Die Hauptabsicht dabei ist natürlich dann aufzufallen und aus der Menge der anderen Anzeigen hervorzustechen. Die Subbotschaft ist ansonsten ähnlich wie bei der Anzeigengröße: Bilder machen Anzeigen immer größer und damit auch teurer (insbesondere 4-farbige). Darüber hinaus ist das Motiv interessant: Ein Datenbankbild? Simple Effekthascherei, die dem knochigen Anzeigentext etwas mehr Emotion geben soll. Interessant wird es erst bei realen (kaum gestellten) Bildern aus dem Unternehmen (habe ich allerdings noch nicht gesehen). Das könnte auf großes Selbstbewusstsein und eine offene Firmenkultur hindeuten.
- …das Absenderfeld: Eine seriöse Anzeige enthält immer eine nachprüfbare, transparente (E-Mail-)Andresse, wie Sie sich bewerben können. Nicht immer muss der Name des Ansprechpartners genannt werden, darauf verzichten Unternehmen in der Regel, wenn sie viele Bewerber erwarten. Um anonyme Handy-Nummern oder E-Mail-Adressen, die auf @gmail.com, @yahoo.de & Co. enden sollten Sie indes einen Bogen machen. Dahinter stecken entweder Datensammler oder obskure Unternehmen.
Aus diesen genannten Kriterien lässt sich freilich umgekehrt eine Art Anforderungenkatalog für Stellenanzeigen formulieren:
Informationen, die in jede Stellenanzeige gehören:
- Beschreibung der Tätigkeit, Verantwortung, Vollmachten, Jobtitel
- Einordnung in der Organisation
- Dauer der ausgeschriebenen Beschäftigung (Jahresvertrag, Aushilfe, Praktikum, unbefristet)
- Arbeitsbedingungen: eigener Pkw erforderlich, Heimbüro, viele Dienstreisen
- Einstellungstermin
- Geforderte Muss-Qualifikationen (Ausbildung, Berufserfahrung, Kenntnisse)
- Zusatzqualifikationen, Soft Skills, Kann-Qualifikationen
- Leistungsversprechen: Weiterbildung, Karriereaussichten, Gehalt, Zusatzleistungen wie Firmenwagen oder Boni
- Darstellung des Unternehmens, der Branche, der Produkte, des Selbstanspruchs
- Beschreibung erforderlicher Unterlagen (Mappe, Lebenslauf, Anschreiben, Zeugnisse). Aber auch: Wie soll die Bewerbung erfolgen: ausschließlich online? Per Post?
- Kontakt für Bewerbung: Adresse, E-Mail, Telefon, (Name des Personalers)
Kurzum: Achten Sie bei solchen Indizien auch auf Ihr Bauchgefühl, ob Sie das Inserat sofort ansprechend finden oder ob Sie irgendetwas daran stört. In diesem Fall sollten Sie – falls Sie den Job nicht sofort abschreiben – noch ein paar Erkundigungen über das Unternehmen einholen. Zum Beispiel, indem Sie (ehemalige) Mitarbeiter über Xing oder andere Social Networks ansprechen.
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1. Kommentar
heiko schwardtmann
05.01.09 um 12:21 Uhr
Sehr übersichtlich und pointiert. Eine Frage habe ich noch: Wie verhält es sich mit Grafiken und Bildern? Inwieweit kann man da was hinein interpretieren bzw. wertet es die Stellenanzeige auf oder ab wenn noch ein Image o.ä. vorhanden ist?
Beste Grüße!
2. Kommentar
Jochen Mai
05.01.09 um 13:30 Uhr
Grafiken und Bilder sind selten. Die Hauptabsicht dabei ist natürlich aufzufallen und aus der Menge der anderen Anzeigen hervorzustechen. Die Subbotschaft ist aber ähnlich wie bei der Anzeigengröße: Bilder machen Anzeigen schließlich immer größer (und teurer). Darüber hinaus ist natürlich das Motiv interessant: Ein Datenbankbild? Simple Effekthascherei, die dem knochigen Anzeigentext etwas mehr Emotion geben soll. Interessant wird es eigentlich erst bei realen Bildern aus dem Unternehmen (habe ich allerdings noch nicht gesehen). Das könnten auf großes Selbstbewusstsein und eine offene Firmenkultur hindeuten.
PS. Eigentlich ist die Frage so schön, dass ich den Punkt gleich im Text ergänzen werde. Danke dafür!
3. Kommentar
nanokultur
07.01.09 um 00:39 Uhr
Toller Artikel, der auch meine Erfahrungen in der Jobsuche widerspiegelt.
Auch sollten Firmen DEUTLICH kann und muss beschreiben….
Idr. hielt ich es so:50% kann man? Bewerben….
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