Zahlreiche Titelgeschichten, Leitartikel, Bücher und Fernsehsendungen haben den Begriff “Burnout” zu einem der Modeworte des Jahres werden lassen. Selbsternannte “Burnout-Kliniken” springen auf den Zug auf und hoffen auf eine lukratives Klientel von Managern mit Privatversicherung. Die Unternehmen wiederum führen betriebsinterne Gesundheitschecks zur Stressreduktion ein, um dem Burnout und damit verbundenen Produktivitätsverlusten vorzubeugen.

Auch wenn so die Bedeutung psychischer Erkrankungen deutlicher wird und die Sensibilität gegenüber Betroffenen steigt – der inflationäre Gebrauch des schwammigen Begriffs Burnout wirkt eher irreführend und ist längst nicht so gesund, wie man annehmen könnte – findet Professor Ulrich Hegerl, Chef der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig, und hat gleich fünf Thesen (PDF) gegen den Modebegriff verfasst:

  1. Der Begriff „Burnout“ ist nicht klar definiert und in den maßgeblichen internationalen Klassifikationssystemen gibt es keine Diagnose Burnout. Entsprechend liegen für die bunten psychischen Störungen, die alle unter Burnout zusammengefasst werden, auch keine Behandlungen mit Wirksamkeitsbelegen aus methodisch guten Studien vor.
  2. Ein Großteil der Menschen, die wegen „Burnout“ eine längere Auszeit nehmen, leidet de facto an einer depressiven Erkrankung. Alle für die Diagnose einer Depression nötigen Krankheitszeichen liegen vor, wozu immer auch das Gefühl tiefer Erschöpftheit gehört.
  3. Wird Burnout als weniger stigmatisierende alternative Bezeichnung zu Depression verwendet, so wäre dies akzeptabel. Problematisch und irreführend ist jedoch, dass der Begriff eine Selbstüberforderung oder Überforderung von außen als Ursache suggeriert. Auch wenn ausnahmslos jede Depression mit dem tiefen Gefühl der Erschöpftheit einhergeht, ist nur bei einer Minderheit der depressiv Erkrankten eine tatsächliche Überforderung der Auslöser der Erkrankung. Viele depressive Episoden werden durch Verlusterlebnisse, Partnerschaftskonflikte, durch eher positive Veränderungen im Lebensgefüge, wie Urlaubsantritt, Beförderung, Umzug getriggert und bei zahlreichen Menschen mit einer depressiven Episode ist beim besten Willen kein bedeutsamer Auslöser festzustellen. Wäre Burnout oder gar Depression in erster Linie Folge einer beruflichen Überforderung, so sollte diese Erkrankung in Hochleistungsbereichen häufiger sein als bei Rentnern, Studenten oder Nicht-Berufstätigen. Das Gegenteil ist jedoch eher der Fall.
  4. Vielfach existiert die Vorstellung, dass langsamer treten, länger schlafen und Urlaub machen gute Bewältigungsstrategien sind. Verbirgt sich hinter dem angeblichen „Burnout“ jedoch eine depressive Erkrankung, so sind dies keine empfehlenswerten, oft sogar gefährliche Gegenmaßnahmen. Menschen mit depressiven Erkrankungen reagieren auf längeren Schlaf und eine längere Bettzeit nicht selten mit noch mehr Erschöpftheit und Stimmungsverschlechterung. Auch wird ein Urlaubsantritt depressiv Erkrankten dringend abgeraten, da die Depression mitreist und der eigene Zustand mit Antriebsstörung und der Unfähigkeit, irgendeine Freude zu empfinden, im Urlaub in fremder Umgebung besonders bedrückend und schmerzlich erlebt wird.
  5. Und: Die Vermengung von Stress, Burnout und Depression führt zu einer Verharmlosung der Depression. Stress, gelegentliche Überforderungen und Trauer sind Teil des oft auch bitteren und schwierigen Lebens und müssen nicht medizinisch behandelt werden. Depression dagegen ist eine schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankung. Die Verharmlosung der Depression verstärkt das Unverständnis gegenüber depressiv Erkrankten.