Ein Gastbeitrag von Hans-Georg Willmann

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Der Berufseinstieg ist ein großer Meilenstein in der Biographie und eines der spannendsten Kapitel im Leben. Der erste Arbeitsvertrag ist unterschrieben: Jetzt endlich Geld verdienen, Träume erfüllen und im Job erfolgreich sein. Bis dahin ist es ein weiter Weg. Aber schon zu Beginn kann man den Grundstein für die Karriere legen – oder es sich vermasseln.

Beim Übergang vom Studium in den Beruf stellt sich vielen Einsteigern die Frage, wie man von Anfang an erfolgreich wird und Karriere macht. Dafür ist allerdings zunächst wichtig, zu definieren, was man im Berufsleben erreichen will: Soll es eine Managementkarriere werden, also ein vertikaler Aufstieg in einem Unternehmen mit disziplinarischer Personalverantwortung und einem möglichst großen Einfluss auf unternehmerische Entscheidungen? Oder eher eine Expertenkarriere und damit ein zunehmend tiefes Fachwissen in einem Themenbereich?

Steht dahinter das Motiv nach einem hohen Status, viel Geld, einer sinnvollen Tätigkeit, Anerkennung oder einfach nach Spaß bei der Arbeit? Und welche Eigenschaften und Fähigkeiten bringt der Einzelne mit, um das, was er sich vornimmt, auch zu erreichen?

Forschungsergebnisse, unter anderem von Heinz Schuler, einem der führenden deutschen Personalpsychologen und Eignungsdiagnostiker, belegen, dass es eindeutig identifizierbare Karrierefaktoren gibt, die sich den Motiven, Eigenschaften und Fähigkeiten zuordnen lassen. Das sind beispielsweise das Macht-, Leistungs- und Beziehungsmotiv, die emotionale Stabilität und Intelligenz, aber auch die Selbstmanagement- und Kommunikationsfähigkeit. Entscheidend für beruflichen Erfolg und Zufriedenheit ist, dass die gesetzten Ziele zu den eigenen Motiven, Eigenschaften und Fähigkeiten passen.

Stimmt beides nicht überein, kann es problematisch werden. Beispielsweise ist ein stark ausgeprägtes Motiv nach Zuneigung mit dem Ziel Führungskraft zu werden nur schwer zu vereinbaren. Eine Führungskraft trifft Entscheidungen, steht häufig in der Schusslinie, erfährt Ablehnung und braucht deshalb eine hohe Konfliktbereitschaft.

Wer sich also Ziele setzt, die nicht zu den eigenen Motiven passen, wird sich später schwer tun, den Hindernissen standzuhalten, die ihm auf dem Weg zum Karriereziel begegnen werden.

Und wer stets mehr will, als er bereit oder fähig ist für sein Ziel einzusetzen, macht sich das Berufsleben unnötig schwer. Wer seine Ziele über längere Zeit nicht erreicht sollte überprüfen, ob er den Einsatz erhöhen kann oder seine Voraussetzungen akzeptieren und das Ziel korrigieren muss.

Übung macht den Meister – nach 10.000 Stunden

Menschen können viel mehr aus ihren Voraussetzungen machen, als sie in der Regel glauben. Der US-amerikanische Psychologe und führende Talentforscher Anders Ericsson hat herausgefunden, was nötig ist, um herausragende Fähigkeiten auf einem Gebiet zu entwickeln: Eine Neigung, Disziplin und 10.000 Stunden Übung.

Wer sich ambitionierte Karriereziele setzt, braucht also Spaß an seiner Tätigkeit, ein gutes Selbstmanagement und Zeit.

Oft kommt der Spaß an der Tätigkeit mit der beschriebenen Passung zwischen Zielen und Voraussetzungen. Denn was man gerne macht, das macht man gut und was man gut macht, macht man erfahrungsgemäß gerne. Schwieriger ist da schon das eigene Selbstmanagement um die notwendige Disziplin aufzubringen, um 10.000 Stunden zu üben.

Bei einer 40 Stunden Arbeitswoche braucht man rund fünf Jahre, um 10.000 Stunden Berufserfahrung zu sammeln. Es ist eine Herausforderung, sich parallel in ein Fachgebiet vertieft einzuarbeiten oder seine Führungsqualitäten zu entwickeln. Denn im beruflichen Alltag ist man nicht mit 100-prozentiger Konzentration bei einem Thema. Menschliche und organisatorische Ablenkungen halten oft vom eigentlichen Themenkern ab.

Um Fachwissen aufzubauen, Zusammenhänge tiefer zu verstehen und dadurch ein Experte auf einem Gebiet zu werden oder aber Führung zu lernen und zu trainieren, muss deshalb auch außerhalb der Erwerbsarbeit Zeit und Energie investiert werden. Neben arbeiten, schlafen, essen, Freunde treffen, einkaufen und putzen kann die Zeit dafür ganz schön eng werden.

Balance halten

Viele Berufseinsteiger kommen bei dem Versuch, alles unter einen Hut zu bringen, erstmal aus dem Gleichgewicht. Um längerfristig leistungsfähig zu bleiben und Lebensqualität zu erhalten ist die Balance zwischen Arbeit und Privat aber unerlässlich. Wer sich systematisch ab- und überarbeitet, bis er reif für die Insel ist, wird auf Dauer beruflich nicht erfolgreich werden und auch nicht zufrieden sein.

Der Karrierestart stellt hohe Anforderungen und deshalb ist es besonders wichtig, den Umgang mit Stress zu reflektieren. Wenn über längere Zeit die gestellten Anforderungen sehr viel höher sind als die eigenen Ressourcen, entwickelt sich chronischer Stress. Und chronischer Stress macht krank.

Denn dabei bildet sich dauerhaft zu viel Adrenalin, Noradrenalin, Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH), Adrenocorticotropes Hormon (ACTH), Cortisol und Vasopressin in der Blutbahn. Dieser Hormoncocktail ist dafür verantwortlich, dass der Blutdruck steigt, die Muskeln verkrampfen, die Magensäurebildung zu hoch ist und die Verdauungsorgane schlecht durchblutet sind. Die Folgen: Wir fühlen uns schlapp, verspannen und haben nicht einmal mehr Lust auf Sex. Die Leistungsfähigkeit nimmt ab, die Arbeit strengt an, man ist schnell gereizt und es fällt schwer, sich zu konzentrieren. Die ersten Anzeichen einer Überforderung.

Aber was tun, wenn der Einfluss auf äußere Anforderungen gering ist, die Arbeitsbedingungen und Aufgaben vorgegeben sind und man sich die Kollegen und Chefs nicht aussuchen kann?

Der schnellste und wirksamste Weg, um die aufgestauten Stresshormone in der Blutbahn abzubauen ist Sport. In der Freizeit einen Ausgleich zur Arbeit schaffen ist der Schlüssel, um im Job leistungsfähig zu bleiben.

In Acht nehmen müssen sich Berufseinsteiger aber auch vor anderen. Denn: Ab jetzt gibt es keinen Welpenschutz mehr. Der Chef kann sich als Karrierekiller, die direkten Kollegen können sich als Kannibalen entpuppen. Chefs und Kollegen können dazu neigen, ihre Interessen auf Kosten anderer und besonders auf Kosten der Greenhorns von der Hochschule durchzusetzen. Neulinge können schnell manipuliert, instrumentalisiert und wenn nötig demontiert werden.

Hier ist also ebenfalls Vorsicht geboten. Ebenso vor Kollegen, die über andere lästern, denen der Flurfunk wichtiger ist, als das direkte Gespräch oder solche, die eine freizeitorientierte Schonhaltung vor Feierabend einnehmen. Vor allem die sind nicht der richtige Umgang für Berufseinsteiger.

Wesentlich besser beraten sind Berufseinsteiger damit, von Beginn an Aufgaben und Verantwortung zu übernehmen. Durch nichts anderes lernen Sie das Unternehmen so schnell wie möglich kennen und bauen nachhaltig eine gute Reputation auf. Wer Verantwortung übernimmt, verändert automatisch seine Rolle: Er wird beispielsweise vom Teilnehmer eines Meetings zum Protokollanten oder Moderator des Meetings – und damit wird sofort ein Bündel von Anforderungen verknüpft. Anforderungen sind Lernchancen!

Entsprechend sollten sich Berufseinsteiger früh positionieren und mit dem erfolgreichen Absolvieren von Aufgaben ein positives Signal setzen. Wer sich hingegen (frei nach Jacques Tati) für kleine Aufgaben für zu wichtig hält, ist meist zu klein für wichtige Aufgaben.

Über den Autor

Hans-Georg Willmann ist Coach, Autor von „Das Berufseinsteigerbuch“ und lebt in Freiburg. Seit 1998 berät er Menschen in beruflichen Veränderungs- und Krisensituationen. Er war als Personalauswahlreferent und Eignungsdiagnostiker tätig, bevor er 2003 seine eigene Personalberatung jobID in Freiburg gründete. Die hier veröffentlichten Passagen sind exklusive Vorab-Auszüge aus seinem Buch, das Anfang August erscheint.