Orientierungsphase: So nutzen Sie die Zeit sinnvoll

Manchmal geht die Schulzeit nahtlos in eine Orientierungsphase über: Was stelle ich nur mit den gesammelten Noten und meinem Zeugnis an? Die Möglichkeiten sind schier endlos. Die Zwänge aber auch. Gute Nachrichten für alle, die sich nicht entscheiden können: Sogar der Staat gesteht jungen Menschen eine Orientierungsphase zu…

Orientierungsphase: So nutzen Sie die Zeit sinnvoll

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Definition: Was ist eine Orientierungsphase?

Es gibt eine allgemeine und eine etwas engere Definition von Orientierungsphase. Zum einen steckt man in einer Orientierungsphase, wenn man nicht recht weiß, wie es weitergeht. Wenn man eine andere Richtung einschlagen, einen neuen Beruf ergreifen will – oder auch nicht. Nichts Genaues weiß man nicht – das ist das Leitmotiv der Orientierungsphase. Typisch sind Orientierungsphasen für:

Geht es nicht um Einzelpersonen, sondern Gruppen, existieren sowohl in der Pädagogik als auch der Psychologie genauere Vorstellungen davon, was eine Orientierungsphase kennzeichnet. Dort geht es vor allem um Abgrenzung zu anderen Phasen.

Orientierungsphase Pädagogik

In der Pädagogik bezeichnet Orientierungsphase eine von mehreren gruppendynamischen Phasen. Gruppendynamik bedeutet, dass in einer Gruppe das Verhalten jedes einzelnen Mitglieds sich auf das Gruppengeschehen auswirkt – und umgekehrt. Das gilt auch im Job für Teams. Während des Teambuildings kommt es zu fünf idealtypischen Phasen.

Eine davon ist die Orientierungsphase, auch Forming genannt. Gemeinsam mit der etwas allgemeineren Bedeutung ist dieser Phase, dass bei den Betroffenen Unsicherheit und Fremdheitsgefühle existieren. Sowohl innerhalb als auch außerhalb einer Gruppe besteht der Wunsch nach Orientierung. Das eigene Verhalten in der Gruppe ist in dieser Phase von Vorsicht und Zurückhaltung geprägt. Das Phasenmodell nach dem amerikanischen Psychologen Bruce Tuckman umfasst neben der Orientierungsphase (Forming) außerdem noch die Phasen Storming (Konfrontationsphase), Norming (Kooperationsphase), Performing (Wachstumsphase) und Adjourning (Auflösungsphase).

Orientierungsphase im Kindergarten

Auch wenn ein Kind erstmals in den Kindergarten kommt, trifft es auf eine Gruppe von Fremden. Die fünf gruppendynamischen Phasen heißen hier: Orientierungsphase, Machtkampf-/Rollenfindungsphase, Wir-Phase, Differenzierungsphase und Abschlussphase. Die Merkmale dieser Phasen sind idealtypisch; es gibt Überschneidungen und auch die Dauer einer Phase steht nicht fest. Ebenso gut kann es zum Rückfall in eine vorherige Phase kommen, wenn sich äußere Rahmenbedingungen ändern.

Sowohl im Kindergarten als auch bei Gruppen mit älteren Mitgliedern ist die Rolle des Gruppenleiters entscheidend. Er begleitet die verschiedenen Phasen, erkennt sich abzeichnende Konflikte und steuert durch kluges Handeln dagegen.


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Orientierungsphase nach dem Abi

Das Abitur ist gebaut, die Weichen sind gestellt – aber wofür eigentlich? Was jetzt helfen könnte: Zeit. Nicht sofort auf Lehrstellensuche gehen, nicht direkt fürs Studium einschreiben.

Sondern: Reflektieren, abwägen, überlegen, ausprobieren – und erst nach Ablauf dieser Orientierungsphase eine Entscheidung treffen. Das bietet sich zum Beispiel in folgenden Situationen an:

  • Sie haben unterschiedliche Interessen, daher fällt die Studienwahl schwer
  • Eine Ausbildung erscheint reizvoll
  • Es existieren keine genauen Vorstellungen über Ihre berufliche Zukunft
  • Erst müssen Sie noch Wissen über Berufsbilder, Branchen und Perspektiven einholen
  • Sie brauchen prinzipiell erstmal eine Auszeit

Beispiel für Orientierungsphase nach dem Abitur

Es gibt enorme Diskrepanzen zwischen Ihrem Lieblingsfach in der Schule (z.B. Englisch) und dem Fach, in dem Sie Ihre besten Noten gesammelt haben (Physik). Was also studieren?

Auf das Herz hören oder den Verstand – also das Fach wählen, das einen begeistert oder jenes, das die besseren Perspektiven verspricht? Die Entscheidung sollten Sie nicht übers Knie brechen. Eine Orientierungsphase kann helfen, die richtige zu treffen.

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Tipps zur Orientierung

Was soll ich werden? Diese Frage stellen sich viele Schüler am Ende der Schulzeit. Häufig bieten Schulen in der Mittelstufe und Oberstufe Berufsorientierung mithilfe eines Schülerpraktikums. Zwei Wochen in einen Beruf hineinzuschnuppern, reicht aber meist nicht für fundierte Entscheidungen. Erst recht nicht, wenn der Schulabschluss schon eine Weile her ist. Wichtig ist daher eine fundierte Selbstanalyse. Diese Fragen sollte man sich in der Orientierungsphase stellen:

  • Was mache ich wirklich gerne?
  • Welche Dinge interessieren mich?
  • Was kann ich gut?
  • Wie könnte ich meine Fähigkeiten und Interessen kombinieren?
  • Mit welchen Berufen oder Kompetenzen habe ich langfristig eine Perspektive?
  • Welche Prioritäten habe ich im Leben?
  • Wie wichtig ist Geld für mich?

Diese und ähnliche Fragen gehen Ihren Neigungen, Interessen und Fähigkeiten genauer auf den Grund. Für eine erste Orientierung eignen sich daher auch Tests, zum Beispiel:

  1. Berufsorientierungstest ST

    Dieser Test aus dem Hause Gepedu (update.gepedu.de/?tid=45&varizu=ertz357z) fragt neben schulischen Leistungen Ihre Persönlichkeitsmerkmale ab.

  2. Berufskompass

    Das österreichische Angebot (berufskompass.at/berufskompass/) richtet sich an zukünftige Studenten, Hochschulabsolventen und Arbeitnehmer.

  3. Berufstest Plakos

    Dieser Test (plakos-akademie.de/berufstest/) identifiziert die Stärken und Schwächen des angehenden Studenten oder Azubis und bietet damit eine – grobe – Persönlichkeitsanalyse.

Informationsquellen während der Orientierung

Daneben bestehen zahlreiche Angebote und Wege, sich zu Berufen zu informieren:

  • Jobmessen

    Je nach persönlichem Ausbildungsstatus existieren unterschiedliche Jobmessen, die auf die Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppe zugeschnitten sind. Bewerbermessen richten sich beispielsweise eher an Schüler oder Studierende, andere eher an Berufserfahrene.

  • Tag der offenen Tür

    Manche Unternehmen und Hochschulen präsentieren sich an einem Tag der offenen Tür. Unternehmen können so ihre Produkte oder Dienstleistungen bekannt machen. Hochschulen wiederum bieten erste Einblicke in den Unialltag, stellen Studiengänge vor und erläutern Abläufe. Das kann die Studienwahl vereinfachen und wichtige Fragen wie solche nach der Studienfinanzierung oder Unterkunft klären.

  • Agentur für Arbeit

    Die Mitarbeiter der Arbeitsagentur stehen Orientierungssuchenden jeden Alters beratend zur Seite. Mithilfe des Berufsinformationszentrums (BIZ), aber auch zahlreicher digitaler und interaktiver Angebote können Schüler, Azubis, Studenten und Arbeitssuchende ihre Neigungen erkunden. Dazu gehören beispielsweise das Erkundungstool Check-U (arbeitsagentur.de/bildung/welche-ausbildung-welches-studium-passt), Planet Beruf (planet-beruf.de/schuelerinnen) und Berufenet (berufenet.arbeitsagentur.de/).

  • Berufsbilder

    In der Orientierungsphase können außerdem Berufsbilder einen ersten Überblick vermitteln. Üblicherweise erfahren Sie hier Wissenswertes zu Aufgaben und Ausbildungsinhalten, aber auch Gehalt und Zukunftsperspektiven eines Berufs.

Berufsbilder: Einstieg, Karriere & kostenlose Vorlagen

In unserer Übersicht der wichtigsten Berufsbilder und Jobprofile finden Sie alles zur Ausbildung, Studium, Karriere- und Gehaltsaussichten sowie berufsspezifische Tipps und kostenlose Bewerbungsvorlagen. Beispiele:

🔎 Krankenschwester
🔎 Sozialpädagogen
🔎 Kommissionierer
🔎 Ingenieure
🔎 Schauspieler
🔎 Heilpraktiker
🔎 Lokführer
🔎 Architekten
🔎 Zimmermann
🔎 Informatiker

Zu den Berufsbildern

Orientierungsphase im Lebenslauf

Aber wahr ist auch: Durch eine Orientierungsphase können Lücken im Lebenslauf entstehen. Und Lebenslauflücken sind – wenngleich der Trend tatsächlich zu unperfekten Lebensläufen geht – für manche Personaler noch immer ein Problem. Allerdings lässt sich die Orientierungsphase sinnvoll nutzen. So können Sie potenzielle Lücken vermeiden, zum Beispiel mit solchen Tätigkeiten:

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Orientierungsphase im Studium

An vielen Unis ist die Orientierungsphase eine feste Institution. Manche sagen auch: eine trinkfeste. Das Ganze firmiert oft als Ersti-Woche oder O-Phase. Erstsemester gehen in den ersten Studi-Tagen zusammen auf Kneipentour oder Stadtrallye. Und das oft noch ohne jede Vorstellung von dem, was da auf sie zukommt. Die O-Phase hilft also nicht nur, Freundschaften zu begießen, sondern auch bei der Beantwortung elementarer Uni-Fragen. Zum Beispiel:

  • Wo finde ich heraus, welche Seminare es gibt?
  • Wie melde ich mich für Kurse an?
  • Wo und wie beantrage ich meinen Studentenausweis?
  • Wie sammele ich Credit Points?
  • Wo sind Mensa, Bibliothek und Hörsäle?
  • Wie funktioniert wissenschaftliches Arbeiten?
  • Wo finden die besten Partys statt?

Beispiel für eine Orientierungsphase im Studium

Dass junge Menschen bisweilen eine Orientierungsphase brauchen, meint sogar der Gesetzgeber. Das schlägt sich in diversen Urteilen zum Unterhaltsanspruch nieder. So entschied das Oberlandesgericht Hamm vor wenigen Jahren, dass der Vater einer damals 25-jährigen Journalistik-Studentin ihr monatlich rund 350 Euro überweisen muss. Die Studentin hatte nach dem Abitur ein Studium in den Niederlanden aufgenommen, das sie nach zwei Jahren abbrach.

Daraufhin absolvierte sie mehrere Praktika und reiste für längere Zeit nach Australien. Schließlich nahm sie im Wintersemester drei Jahre nach dem Erstversuch ihr Journalistikstudium auf. Der Vater aber, von Mutter und Tochter getrennt lebend, verweigerte ihr die Unterhaltszahlungen. Das OLG Hamm entschied, dass zwar für die Zeit zwischen den beiden Studiengängen tatsächlich keine Unterhaltspflicht bestand. Für die Folgezeit aber musste er monatlich circa 350 Euro zahlen.

Grundsätzlich ist ein Jugendlicher, der direkt nach dem Schulabschluss keine Ausbildung oder Studium beginnt, für diese Zeit zwar nicht bedürftig. Er verliert dadurch aber nicht den Unterhaltsanspruch für eine spätere Ausbildung. Jungen Menschen müsse eine Orientierungsphase zur Berufswahl zugestanden werden. Die Dauer dieser Orientierungsphase ist dabei von verschiedenen Parametern abhängig, vom Alter, Entwicklungsstand und den Lebensumständen.

Orientierungsphase im Job: Onboarding

Berufseinsteiger haben ihre eigene Orientierungsphase. Sie dauert grob vom ersten Arbeitstag bis zum sechsten Monat, dem Ende der Probezeit.

In dieser Zeit geht es vor allem darum, das Unternehmen, seine Kultur und Mitarbeiter kennenzulernen, Arbeitsabläufe zu verinnerlichen, sich in der neuen Umgebung zu akklimatisieren. Je reibungsloser das vonstatten geht, desto besser – für beide Seiten. Was helfen kann:

  • Begrüßung, Bekanntgabe, Führung, Einstand
  • Willkommensmappe
  • Mentoring
  • Kennenlerngespräche
  • Einführungsveranstaltungen und Einarbeitung
  • Mittagessen und Team-Events

Recht auf Orientierungsphase

Nicht immer geht man ganz freiwillig in eine Orientierungsphase. Manche bewerben sich auf Dutzende Lehrstellen, hangeln sich von Job zu Job – ohne durchschlagenden Erfolg und übergeordneten Plan. Aus der Not geboren war die Orientierungsphase auch bei einer jungen Frau, deren Fall der Bundesgerichtshof (BGH) behandelte. Sie hatte mit 24 Jahren endlich einen Ausbildungsplatz als Fleischereifachverkäuferin gefunden – nach drei Jahren. Von ihrem Vater forderte sie während der Ausbildungszeit Unterhalt in Höhe von monatlich 218,82 Euro, was dieser ihr aber verweigerte. Der BGH gab der Frau Recht.

Laut Bundesgesetzbuch schulden Eltern ihre Kindern auch für eine Berufsausbildung Unterhalt. Allerdings hat das Kind umgekehrt die Pflicht, nach einer angemessenen Orientierungsphase eine solche Ausbildung aufzunehmen und diese zielstrebig anzugehen. Verzögert das Kind den Beginn der Ausbildung, verliert es den Unterhaltsanspruch und muss seinen Lebensunterhalt fortan selbst verdienen. Auch der Bundesgerichtshof sagt: Jugendlichen muss eine Orientierungsphase zwischen Schule und Ausbildung zugestanden werden. Zeitlich fixierte Grenzen gibt es dabei nicht. Es kommt ganz darauf, was der oder die Einzelne in dieser Zeit tut.

Alles in allem heißt das: Gerade junge Menschen brauchen bisweilen eine Orientierungsphase im Leben. Sie wird ihnen vom Staat ausdrücklich zugebilligt. Aber: Ewigkeiten sollte diese Phase nicht dauern. Und: Purer Müßiggang und Nichtstun – das ist nicht gleichbedeutend mit einer Orientierungsphase.



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[Bildnachweis: Alex Oakenman by shutterstock]

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