Manchmal geht die Schulzeit nahtlos in eine Orientierungsphase über. Was stelle ich nur mit den gesammelten Noten und meinem Zeugnis an? Die Möglichkeiten sind schier endlos, die Zwänge aber auch. Gute Nachrichten für alle, die sich nicht entscheiden können: Sogar der Staat gesteht jungen Menschen eine Orientierungsphase zu...

Orientierungsphase Abi Studium Ausbildung was tun

Orientierungsphase: Hier gibt es sie

In einer Orientierungsphase steckt man häufig. Immer dann, wenn man nicht recht weiß, wie es weitergeht. Wenn man eine andere Richtung einschlagen, einen neuen Beruf ergreifen will - oder auch nicht.

Nichts Genaues weiß man nicht - das ist das Leitmotiv der Orientierungsphase. Vor allem diese Gruppen sind gezwungen, durch eine zu gehen:

Orientierungsphase nach dem Abi

Das Abitur ist gebaut, die Weichen sind gestellt - aber wofür eigentlich? Was jetzt helfen könnte: Zeit.

Nicht sofort auf Lehrstellensuche gehen, nicht direkt fürs Studium einschreiben. Sondern: Reflektieren, abwägen, überlegen, ausprobieren - und erst nach Ablauf dieser Orientierungsphase eine Entscheidung treffen.

Das bietet sich zum Beispiel an, wenn Sie...

  • verschiedene Interesse haben und sich nicht zwischen zwei Studienfächern entscheiden können
  • mit einer Ausbildung liebäugeln
  • noch gar keine genaue Vorstellung über Ihre berufliche Zukunft haben
  • erst noch Wissen über Berufsbilder, Branchen und Perspektiven einholen müssen
  • prinzipiell erstmal eine Auszeit brauchen

Beispiel: Es gibt enorme Diskrepanzen zwischen Ihrem Lieblingsfach in der Schule (z.B. Englisch) und dem Fach, in dem Sie Ihre besten Noten gesammelt haben (Physik). Was also studieren?

Auf das Herz hören oder den Verstand - also das Fach wählen, das einen begeistert oder jenes, das die besseren Perspektiven verspricht? Die Entscheidung muss nicht übers Knie gebrochen werden - warum auch?

Eine Orientierungsphase kann helfen, die richtige zu treffen.

Orientierungsphase: Ideen

Diese Fragen sollte man sich in der Orientierungsphase nach dem Abi (und nicht nur dann) stellen:

  • Was mache ich wirklich gerne?
  • Was interessiert mich?
  • Was kann ich gut?
  • Wie könnte ich meine Fähigkeiten und Interessen kombinieren?
  • Mit welchen Berufen oder Kompetenzen habe ich langfristig eine Perspektive?
  • Welche Prioritäten habe ich im Leben?
  • Wie wichtig ist Geld für mich?

Aber wahr ist auch: Durch eine Orientierungsphase können Lücken im Lebenslauf entstehen.

Und Lebenslauflücken sind - wenngleich der Trend tatsächlich zu unperfekten Lebensläufen geht - für manche Personaler noch immer ein Problem. Allerdings kann und sollte auch die Orientierungsphase sinvoll gefüllt werden, z.B. mit:

Orientierungsphase: Gibt’s auch für Studenten

Orientierungsphase Definition Bewerbung Lebenslauf Universität StudentenAn vielen Unis ist die Orientierungsphase eine feste Institution. Manche sagen auch: eine trinkfeste.

Das Ganze firmiert oft als Ersti-Woche oder O-Phase. Erstsemester gehen in den ersten Studi-Tagen zusammen auf Kneipentour oder Stadtrallye. Und das oft noch ohne jede Vorstellung von dem, was da auf sie zukommt.

Die O-Phase hilft also nicht nur, Freundschaften zu begießen, sondern auch bei der Beantwortung elementarer Uni-Fragen. Zum Beispiel:

  • Wo finde ich heraus, welche Seminare es gibt?
  • Wie melde ich mich für Kurse an?
  • Wie sammele ich Credit Points?
  • Wo sind Mensa, Bibliothek und Hörsäle?
  • Wo und wie beantrage ich meinen Studentenausweis?
  • Wo finden die besten Partys statt?

Orientierungsphase: Staatlich gefördert

Dass junge Menschen bisweilen eine Orientierugsphase brauchen, meint sogar der Gesetzgeber. Das schlägt sich in diversen Urteilen zum Unterhaltsanspruch nieder.

So entschied das Oberlandesgericht Hamm im Jahr 2013, dass der Vater einer damals 25-jährigen Journalistik-Studentin ihr monatlich rund 350 Euro überweisen muss. Die Studentin hatte 2008 ihr Abitur abgelegt und danach ein Studium in den Niederlanden aufgenommen. Das Studium brach sie nach zwei Jahren ab. Daraufhin absolvierte sie mehrere Praktika und reiste für längere Zeit nach Australien. Schließlich nahm sie im Wintersemester 2011 das Studium der Journalistik auf.

Der Vater aber, von Mutter und Tochter getrennt lebend, verweigerte ihr die Unterhaltszahlungen. Seiner Ansicht sei die Unterhaltspflicht in dem Moment weggefallen, als die Tochter das erste Studium hingeschmissen hatte. Sie sei für das aktuelle Studium weder geeignet noch bedürftig und habe ihren Unterhaltsanspruch verwirkt.

Zwar trug der Vater laut OLG Hamm für die Zeit zwischen den beiden Studiengängen tatsächlich keine Unterhaltspflicht, für die Folgezeit aber musste er monatlich ca. 350 Euro zahlen.

Und grundsätzlich, so das OLG Hamm weiter, ist ein Jugendlicher, der direkt nach dem Schulabschluss keine Ausbildung oder Studium beginnt, für diese Zeit zwar nicht bedürftig. Er verliert dadurch aber nicht den Unterhaltsanspruch für eine spätere Ausbildung.

Jungen Menschen müsse eine Orientierungsphase zur Berufswahl zugestanden werden. Die Dauer dieser Orientierungsphase ist dabei von verschiedenen Parametern abhängig, vom Alter, Entwicklungsstand und den Lebensumständen.

Orientierungsphase: Manchmal unfreiwillig

Nicht immer geht man ganz freiwillig in eine Orientierungsphase. Manche bewerben sich auf Dutzende Lehrstellen, hangeln sich von Job zu Job - ohne durchschlagenden Erfolg und übergeordneten Plan.

Aus der Not geboren war die Orientierungsphase auch bei einer jungen Frau, deren Fall der Bundesgerichtshof 2013 behandelte. Sie hatte mit 24 Jahren endlich einen Ausbildungsplatz als Fleischereifachverkäuferin gefunden - nach drei Jahren. Von ihrem Vater forderte sie während der Ausbildungszeit Unterhalt in Höhe von monatlich 218,82 Euro, was dieser ihr aber verweigerte. Der BGH gab der Frau Recht.

Laut BGB schulden Eltern ihre Kindern auch für eine Berufsausbildung Unterhalt. Allerdings hat das Kind umgekehrt die Pflicht, nach einer angemessenen Orientierungsphase eine solche Ausbildung aufzunehmen und diese zielstrebig anzugehen.

Verzögert das Kind den Beginn der Ausbildung, verliert es den Unterhaltsanspruch und muss seinen Lebensunterhalt fortan selbst verdienen.

Auch der Bundesgerichtshof sagt: Jugendlichen muss eine Orientierungsphase zwischen Schule und Ausbildung zugestanden werden. Zeitlich fixierte Grenzen gibt es dabei nicht. Es kommt ganz darauf, was der oder die Einzelne in dieser Zeit tut.

Alles in allem heißt das: Gerade junge Menschen brauchen bisweilen eine Orientierungsphase im Leben. Sie wird ihnen vom Staat ausdrücklich zugebilligt. Aber: Ewigkeiten sollte diese Phase nicht dauern. Und: Purer Müßiggang und Nichtstun - das ist nicht gleichbedeutend mit einer Orientierungsphase.

Orientierungsphase im Job: Onboarding

Orientierungsphase im Job: OnboardingBerufseinsteiger haben ihre eigene Orientierungsphase. Sie dauert grob vom ersten Arbeitstag bis zum dritten Monat, dem Ende der Probezeit. In dieser Zeit geht es vor allem darum, das Unternehmen, seine Kultur und Mitarbeiter kennenzulernen, Arbeitsabläufe zu verinnerlichen, sich in der neuen Umgebung zu akklimatisieren.

Je reibungsloser das vonstatten geht, desto besser - für beide Seiten. Was helfen kann:

  • Begrüßung, Bekanntgabe, Führung, Einstand
  • Willkommensmappe
  • Mentoring
  • Kennenlerngespräche
  • Einführungsveranstaltungen und Einarbeitung
  • Mittagessen und Team-Events
[Bildnachweis: file404 by shutterstock]

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