Auch so kann ein Arbeitstag aussehen: Vormittags kurz ins Büro, Meeting beim Italiener, dann im Park am Laptop ein Konzept ausarbeiten, zwischendurch chillen und dabei – dank Handy – ständig im Kontakt mit den Kollegen bleiben, sogar rund um die Welt. Die Arbeitskraft der Zukunft ist eben immer im Dienst, aber auch allzeit bereit, für die schönen Dinge des Lebens. Das ist das Bild, das die Medien aktuell von den modernen Wissensarbeitern zeichnen. Aber was ist da dran?

Sogenannte High Potentials sind in der Tat umworben: Weil ihre Fähigkeiten, mit moderner Technik virtuos zu arbeiten, das Zukunftskapital jedes Unternehmens sind, können entsprechende Fachkräfte fast alles als Gegenleistung fordern: Smartphone, Dienstwagen, Heimarbeitsplätze, flexible Arbeitszeiten. Zunehmende Bedeutung gewinnt auch die sogenannte Work-Life-Balance: Unternehmen müssen sich auf entsprechende Forderungen danach einlassen, wollen sie ihre wichtigste Ressource nicht an Mitbewerber verlieren. Denn dass die begehrt sind, hat sich längst bis zu den Absolventen herumgesprochen.

Zudem wirft der aufziehende Fachkräftemangel lange Schatten voraus und zwingt die Unternehmen, sich für Bewerber interessant zu machen, indem sie deren Wünsche berücksichtigen. Die Zeiten, da angesichts der schieren Bewerber-Masse Rosinenpicken möglich war, sind definitiv vorbei. Ohne attraktive Angebote und flexible Lösungen wird es immer schwerer, junge, gut ausgebildete Mitarbeiter zu gewinnen – und erst recht, sie zu halten.

Der Arbeitsalltag ist die Fortsetzung des Studentenlebens

Die oben beschriebene Arbeitsweise erinnert ein wenig an den Studentenalltag. Also entspannen in ruhigen Zeiten ebenso wie richtig ranklotzen, wenn der Abgabetermin naht. Die dafür nötige Flexibilität und die Fähigkeit, seinen Alltag selbst zu strukturieren, bringen heutige Studenten nicht trotz, sondern wegen der straffen Studienbedingungen mit. Ebenso sind sie gewohnt, sich im internationalen Umfeld zu bewegen – und sich dann auszutauschen, wenn ihr Ansprechpartner irgendwo auf der Welt gerade wach ist.

Denn so ist für Studenten längst Alltag, was für die weltweite Vernetzung der Konzerne und Forschungskooperationen ein nötiges Muss ist: Dass Meetings etwa zu Tagesrandzeiten stattfinden müssen, damit der Austausch zwischen den Kontinenten möglich wird.

Nebenbei haben die Kommilitonen so soziale und kommunikative Fähigkeiten trainiert. Auch das hilft beim Berufseinstieg, denn brüten im stillen Kämmerlein ist genauso passé wie das Bunkern von Erkenntnissen – zumindest innerhalb der eigenen Organisation.

In der späteren Praxis sieht das dann vielleicht so aus: Bevor der Mitarbeiter nach Hause geht, stellt er noch schnell das Zwischenergebnis seiner Arbeit auf den Sharepoint. Dort ruft es die Kollegin aus Kalifornien ab und reicht es am Ende ihres Arbeitstags an den Mitarbeiter in Bangladesh weiter, mit dem der Mitarbeiter am nächsten Morgen skyped, um nicht nur den aktuellen Stand, sondern auch die Rückmeldung der Geschäftsleitung zur gemeinsamen Arbeit zu erfahren – schöne neue Welt.

Smartphones und Laptops sind nicht nur Belohnung

Für die weltweite Arbeit braucht die Arbeitskraft von morgen natürlich auch die notwendige Grundausstattung: Wer prinzipiell 24 Stunden am Tag erreichbar sein soll, braucht ein gutes Smartphone, ein leistungsfähiges Laptop – und die entsprechenden Online-Flatrates. Dass diese Geräte dann nicht nur Werkzeuge, sondern auch Statussymbole der Wissensarbeiter sind, sieht man schon heute. Dazu gehört freilich auch die freie private Nutzung: Wer für den Arbeitgeber ständig verfügbar ist, darf als Gegenleistung Kulanz erwarten.

Privates und Geschäftliches werden sich ohnehin noch weiter vermischen: Wer seinen Tag auf betriebliche Anforderungen einstellen muss, wird im Gegenzug dazu Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben fordern, damit das Zweite nicht auf der Strecke bleibt. Das bedeutet zugleich, die Privatsphäre besser koordinieren zu müssen.

Wenn zwei Wissensarbeiter nicht nur ihre eigenen, sondern auch noch die Bedürfnisse und Wünsche gemeinsam erzogener Kinder berücksichtigen, bleibt oft nur der schnelle Wechsel zwischen verschiedenen Rollen – und der gemeinsame Terminkalender, um die Zeiten entsprechend einteilen zu können. In der Folge werden sich aber auch die regelmäßigen Präsenzzeiten in den verschiedenen Niederlassungen reduzieren. Familienfreundlichkeit bedeutet eben auch, seine Belegschaft nicht zur bloßen Anwesenheit zu verdonnern, sondern sie Leistungsträger tatsächlich anhand ihrer Leistung zu beurteilen.

Zwar wird das Büro nicht ganz verschwinden, weil auch weiterhin manche Prozesse zentralisiert bleiben. Es wird sich aber grundlegend verändern: Feste Büros, wie wir sie heute kennen, nehmen ab. An ihre Stelle treten zunehmend sogenannte Coworking-Spaces, die mehr sind als herkömmliche Großraumbüros. Denn hier wird auch abteilungsübergreifend gearbeitet, vernetzt und inspiriert durch all das, was im Unternehmen noch passiert. Ganz selbstverständlich werden diese Begegnungszonen optimierte Bedingungen für den Wissensaustausch bieten: Smalltalk wie Brainstorming gewinnen an Bedeutung. Und weil sie deutlich effektiver sind, wenn von Angesicht zu Angesicht statt im virtuellen Chatroom geführt werden, werden diese Büros von morgen an vielen Stellen eher an gemütliche Wohnzimmer mit Couchecken und permanentem WLAN-Empfang erinnern.

Ohne Selbstmarketing geht nichts

Natürlich hat diese gemütlich-vernetzte Arbeitswelt auch eine Kehrseite: Wer langfristig als Wissensarbeiter erfolgreich bleiben will, muss ständig dazulernen – oder er verliert den Anschluss. Geteiltes Wissen ist Kollektivgut und deswegen beliebig kombinierbar.

Was heute den entscheidenden Vorsprung ausmacht, ist morgen schon Schnee von gestern. Viele Unternehmen werden daher zwar schon aus Eigeninteresse ihre Mitarbeiter beim Wissenserwerb unterstützen. Einige der Fortbildungen, Seminare und Coachings werden aber auch wichtiger Bestandteil der eigenen Weiterbildung bleiben – und die Arbeitnehmer zwingen, hier in sich selbst und ihre Zukunft zu investieren.

Solches Wissen allein reicht aber nicht: Schon allein, weil sein Teilen die eigene Position gefährden kann. Veröffentlichtes Wissen kann überall weiter genutzt werden – auch dort, wo qualifizierte Arbeitskräfte preiswerter sind. Im Vorteil ist also, wer Wissen nicht nur horten, sondern intelligent kombinieren und daraus Neues entwickeln kann. Wissenschaftlich arbeiten, die Königsdisziplin der Geistes- und Sozialwissenschaftler, gewinnt so an Relevanz. Die gute Nachricht: Damit steigen auch die Berufsaussichten für die bisher wenig erfolgsverwöhnten Absolventen dieser Studiengänge.

Jedoch nicht von alleine.

Wahre Expertise beruht schließlich auch zu einem Gutteil darauf, sei Know-how erfolgreich zu vermarkten und dabei seinen (Markt-)Wert mindestens zu festigen. Selbstpräsentation und Eigenmarketing im Internet im Allgemeinen und den sozialen Netzwerken im Besonderen sind in der Vergangenheit deutlich leichter geworden. Sie werden aber auch immer mehr zur notwendigen Erfolgsstrategie für Berufsein- und -aufsteiger.

Man kann das aber auch positiv sehen: Im Netz können auch schüchterne Menschen gefunden werden, wenn sie die nötigen Fähigkeiten dazu erlernen und für sich zu nutzen wissen. Multimedial und multikontinental.