Ein Gastbeitrag von Tom Diesbrock
Wenn ein Pferd tot ist, sollte man absteigen – das gilt auch im Berufsleben. Viele Menschen sind unzufrieden mit ihrer Arbeit, ändern jedoch nichts an ihrer Situation.
Stattdessn suchen und finden sie permanent Gründe dafür, im ungeliebten Job zu verharren. Schade, denn es geht auch anders. Der Hamburger Coach Tom Diesbrock zeigt in seinem neuen Buch “Ihr Pferd ist tot? Steigen Sie ab!” wie man innere Blockaden überwindet und den beruflichen Neustart schafft. Wir drucken exklusiv Auszüge…
»Wow, jetzt bekomme ich endlich die Gebrauchsanweisung für meine Jobsuche? Super!« Ging Ihnen so ein Gedanke gerade durch den Kopf? Dann muss ich Sie leider sofort wieder enttäuschen. Ja, es wäre gewiss nett und bequem, wenn es so etwas gäbe: einen Leitfaden, der mir ganz genau vorschreibt, was ich zu tun und zu lassen habe, um am Ende den richtigen Job zu finden. Aber leider ist der Prozess der beruflichen Veränderung dazu viel zu komplex und individuell unterschiedlich.
Suche ich eine sehr ähnliche Alternative zu meiner jetzigen Arbeit, vielleicht nur in einem anderen Unternehmen? Oder möchte ich auf der Karriereleiter eine weitere Sprosse erklimmen? Dann ist die Sache ja noch relativ einfach, denn die infrage kommenden Möglichkeiten dürften überschaubar und sich recht ähnlich sein.
Ganz anders sieht es aus, wenn ich meine jetzige Tätigkeit als ein totes Pferd betrachte und den Wunsch habe, etwas ganz anderes und möglicherweise völlig Neues zu tun. Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als mich auf die Suche zu machen – nicht in meinem Vorgarten, sondern in der großen, weiten (Arbeits-)Welt und vor allem in meinem Kopf und in meinem Herzen!
Für Ihre Suche möchte ich Ihnen – wenn auch keine Gebrauchsweisung so doch eine »Wegbeschreibung« geben. Ein erfolgreicher beruflicher Neuorientierungprozess entwickelt sich in bestimmten Etappen, wobei jeder Schritt wichtig ist und auf dem vorherigen aufbaut.
Wir sind uns dessen oft gar nicht bewusst, jedenfalls solange wir dabei gut vorankommen. Wie viel Zeit welcher Schritt braucht, ist individuell sehr unterschiedlich. Ja, manchmal entsteht eine Jobidee über Nacht, oder wir bekommen ein tolles Angebot, das sich als genau das richtige erweist, sodass wir scheinbar einige Phasen einfach überspringen und schon am Ziel sind.
Aber Menschen sind nun einmal ungeduldig und nehmen gern Abkürzungen: Dann werden Phasen einfach ausgelassen, doch man erwartet, dass das Ergebnis trotzdem stimmt. Manchen Menschen wird gerade erst klar, dass sie sich beruflich verändern wollen oder müssen – da verlangen sie von sich schon, richtig gute Joboptionen quasi über Nacht parat zu haben. Oder sie haben einige erste Möglichkeiten gefunden – da wollen sie schon eine finale Entscheidung treffen. Das funktioniert nicht!
Als Konsequenz solcher »Abkürzungen« sind die Ergebnisse unbefriedigend, und es kommt nur heraus, was vorher ohnehin schon klar war. Ich möchte Ihnen diesen Ablauf jetzt beschreiben, um Ihnen die Möglichkeit zu geben einzuschätzen, wo Sie gerade stehen. Außerdem können wir die acht Schritte als Grundlage für unseren Arbeitsplan der beruflichen Neuorientierung nutzen – wie Sie dies genau tun können, werde ich Ihnen später noch detaillierter erklären. Wahrscheinlich wird Ihnen gleich beim Lesen deutlich, in welcher Phase Sie sich gerade befinden – vielleicht erkennen Sie auch, an welcher Stelle sie schon häufig stecken geblieben sind. Denn jede Phase hat ihre Stolpersteine.
Acht Schritte auf dem Weg zum neuen Job
Die Vor-Phase beruflicher Veränderung
Bevor wir uns darüber bewusst werden, dass unser Job ein Auslaufmodell ist, kann viel Zeit, können manchmal Jahre vergehen. Im Nachhinein fragt sich so mancher, wie er es so lange aushalten konnte, waren die Signale doch eigentlich unübersehbar. Aber wie wir ja schon gesehen haben, verfügen wir über viele Strategien, um Veränderungsimpulse nicht wahrnehmen zu müssen.
Wenn wir nicht gerade gezwungen werden, in Salzminen zu schuften, hat kein Job ausschließlich Schattenseiten. Meistens weist unsere Tätigkeit sowohl positive als auch negative Aspekte auf.
»Should I stay or should I go?« – »Bleiben oder Gehen?« Wie wunderbar wäre es, wenn man diese Entscheidung an objektiven Kriterien festmachen könnte! Würde man alle Argumente pro und contra gegeneinander aufrechnen können und kündigen, wenn die negativen überwiegen – das wäre eine schön einfache Lösung. Aber dazu ist dieses Thema zu vielschichtig, nur wenig daran ist objektiv zu bemessen: Argumente wiegen unterschiedlich schwer und haben für zwei Menschen ganz verschiedene Bedeutungen.
Arbeitsplatzsicherheit oder Status sind für den einen zentrale Punkte, für den anderen Nebensächlichkeiten. Sachargumente stehen gegen Empfindungen. Möglicherweise spricht die Vernunft ganz deutlich für einen Job – aber ausschlaggebend sind letztlich negative Gefühle wie Unzufriedenheit oder Langeweile, um sich doch gegen ihn zu entscheiden.
Viele Menschen gehen zu einem Karriereberater oder Coach und wünschen sich von ihm eine objektive Einschätzung ihrer beruflichen Situation als Antwort auf die Frage »Gehen oder Bleiben«. Auch wenn es Sachaspekte gibt, die ein Fachmensch vielleicht einschätzen kann, den größeren Einfluss haben unsere Gefühle, Werte und Einstellungen, und dafür gibt es keine Richtwerte! Außerdem unterliegen sie Schwankungen und verändern sich mit unserer Persönlichkeit und unseren Lebensumständen.
So kommt es, dass für jemanden eine Tätigkeit über viele Jahre gut und richtig ist. Bis er irgendwann spürt, dass er etwas ganz anderes machen möchte. Wie lange es braucht, bis wir auch nur eine Ahnung davon entwickeln, ist individuell sehr unterschiedlich. Anzeichen für den schleichenden Prozess der Vor-Phase sind Unzufriedenheit mit dem Job oder dem Leben allgemein, Gefühle von Niedergeschlagenheit, Leere und Sinnlosigkeit bis hin zu Depression, Antriebsmangel, Lustlosigkeit, häufige gesundheitliche Probleme, Stress, nachlassende Leistungsfähigkeit oder der zunehmende Wunsch, einfach alles hinzuschmeißen. Nicht selten nehmen nahestehende Menschen diese Symptome eher wahr oder ernster als die betroffene Person. Und wir alle wissen, wie kreativ wir sein können, um uns gegen die Einsicht zu wehren, dass unser Job-Pferd nicht mehr am Leben ist. Aber eines Tages kommen wir an dieser Tatsache hoffentlich nicht mehr vorbei!
Achtung, Stolpersteine!
Manchmal ist die Angst vor einer Veränderung so groß, dass die Notwendigkeit dafür nicht in unser Bewusstsein gelassen wird. Zwar werden die beschriebenen Symptome wie Unzufriedenheit oder Lustlosigkeit immer wieder wahrgenommen – aber genauso schnell werden sie auch wieder verdrängt und bagatellisiert. Dann wird der Wendepunkt der Bewusstwerdung, an dem wir spüren, dass es so nicht weitergehen kann, niemals erreicht, und wir kommen aus der Vor-Phase nicht heraus. Möglicherweise kommt dann das Stoppschild eines Tages in Form einer Erkrankung, eines Burn-outs oder nachlassender Leistung und Kündigung.
Die Bewusstwerdung: Wie bisher geht es nicht weiter!
In den seltensten Fällen kommt die Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann, als Aha-Erlebnis, das uns ganz plötzlich klarmacht, dass wir sofort einen neuen Job brauchen. Meistens kommt sie erst einmal als Ahnung daher, die sich immer häufiger und deutlicher in unser Bewusstsein drängt. Wir fangen langsam an, diese neue Möglichkeit als echte Option oder einzig möglichen Ausweg zu betrachten, auch wenn wir sie anfangs schnell wieder beiseiteschieben. Der innere Widerstand wird jetzt wahrscheinlich eher größer, weil die reale Möglichkeit des Umbruchs mehr Angst und Befürchtungen auslöst als in der Vor-Phase.
Aus Filmen kennen Sie wahrscheinlich die Szene eines auftauchenden U-Boots: Erst schaut nur das Periskop oder eine Antenne aus dem Wasser, anfangs verdecken es Wellen immer wieder, aber dann zeigt es sich mehr und mehr in seiner vollen Größe.
Ungefähr so taucht auch unser Wunsch nach etwas Neuem nach und nach auf und bekommt erst nach einiger Zeit Konturen. Gleichzeitig ruft etwas in uns sehr laut: »Abtauchen! Schnell wieder abtauchen! Gefahr!« Ist er aber erst einmal an die Oberfläche gekommen, können wir ihn nicht mehr ignorieren und müssen lernen, mit dem jetzt deutlichen Wunsch umzugehen.
Achtung, Stolpersteine!
In der Phase der Bewusstwerdung sprechen wir wahrscheinlich häufiger als früher über die mögliche Veränderung. Auch wenn wir dabei mehr Energie darauf verwenden, andere und uns selbst zu überzeugen, dass wir unser totes Pferd unmöglich verlassen können. Vielleicht fangen wir jetzt aber auch schon an, uns umzusehen, über mögliche Wege nachzudenken und ein Interesse an Leuten zu entwickeln, die so einen Veränderungsprozess bereits hinter sich haben. Jetzt dürfen Sie sich auf keinen Fall entmutigen lassen! Für einige Menschen mag diese Phase quälend sein, weil Selbstzweifel und innere Widerstände so sehr im Vordergrund stehen. Andere kommen schneller und leichter zu der Erkenntnis, dass es nicht mehr weitergeht wie bisher. Doch dann gibt es kein Zurück mehr und es ist wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit bis zum nächsten Schritt.
Der Startschuss: Ich will handeln!
Logisch betrachtet scheint der Weg von der Erkenntnis bis zum Handlungsimpuls nicht sehr weit sein zu können – »psychologisch« gesehen können Welten dazwischen liegen!
Viele Menschen bleiben in dieser Zwischenphase eine ganze Weile hängen, und das hat folgenden Grund: Um eine schlimme Situation hinter mir zu lassen, reicht erst einmal der Entschluss »Ich will hier weg!«. Ich nenne diese Art von Ziel ein Weg-von-Ziel, es braucht keine Alternative.
Wenn ich in einem brennenden Haus aufwache, werde ich nur den Impuls verspüren, ganz schnell hinauszukommen. Ganz egal wohin. Ähnliche Gefühle habe ich, wenn mir meine Arbeit zum Hals heraushängt, mein Schreibtisch sich biegt unter unbearbeiteten Aufgaben und mich mein Chef jetzt auch noch kritisiert. Bereite ich mich innerlich auf den Absprung vor, drängt sich allerdings die unangenehme Frage nach dem Wohin auf.
Mit dem dritten Schritt, der Entscheidung zu handeln, kommt endgültig das Ziel der zweiten Kategorie ins Spiel: das Hin-zu-Ziel. Und dieses Ziel ist viel komplexer als das erste, weil es an so vielen Orten liegen kann. Es fordert mich heraus, mich mit meinen Möglichkeiten und Wünschen auseinanderzusetzen und dann eine ganz spezifische Entscheidung zu treffen. Ich werde mich dann festlegen müssen. Aber so weit bin ich noch nicht und mit diesen Gedanken höchstwahrscheinlich an diesem Punkt hoffnungslos überfordert – habe ich doch eben erst den Mut aufgebracht, mir einzugestehen, dass mein Job ein totes Pferd ist!
Damit dieser dritte Schritt gelingt, brauche ich den Mut, die Frage nach meinem Hin-zu-Ziel erst einmal zur Seite zu stellen und trotzdem den Startschuss zu geben. Es ist ein Schuss ins Blaue, in die Ungewissheit. Denn die meisten Menschen haben in dieser Phase noch gar keine Ahnung, wie ihr Ziel genau aussehen könnte. Dazu braucht es noch viel Recherche und innere Klärung. Und dafür haben wir erst den nötigen Rückenwind, wenn wir den dritten Schritt gewagt und uns entschieden haben, jetzt endlich berufliches Neuland zu suchen. Mit der dadurch gewonnenen Entschlossenheit kann es weitergehen!
Achtung, Stolpersteine!
In dieser Phase liegt die größte Gefahr darin, »Ladehemmungen« zu haben und doch am eigenen Weg-von-Ziel hängen zu bleiben. Dann klage ich zwar über meine Situation, unterdrücke aber den Impuls zu handeln und mich auf die Suche zu machen. Wie schon gesagt, braucht es eine Menge Mut, sich zum Handeln zu entschließen, ohne zu wissen, wie das Ziel aussehen kann. Hier ist so mancher überfordert, bleibt doch lieber, wo er ist, und beruft sich auf die »guten Gründe, ein totes Pferd zu reiten«.
Die kreative Suche: Wo liegen meine Stärken, Wünsche, Visionen?
Wenn wir bisher keine interessanten beruflichen Alternativen für uns gefunden haben, kann es daran liegen, dass es diese gar nicht gibt. Oder dass wir noch nicht überall mit voller Aufmerksamkeit geschaut haben. Als wahrscheinlicher betrachte ich grundsätzlich die zweite Möglichkeit. Unser Wahrnehmungssystem ist leider für einen breiten, vorurteilsfreien Blick ins Unbekannte ziemlich ungeeignet. Wir sehen eher, was wir ohnehin schon kennen. Was wir nicht kennen, können wir viel schwerer »erkennen«.
Mit dem Denken ist es ähnlich: Wir bewegen uns lieber auf vertrautem Gebiet. So entwickeln wir ein Selbstbild von unseren Fähigkeiten, Schwächen, Interessen und Persönlichkeitsmerkmalen und ein Bild von der (beruflichen) Umwelt, wie wir sie kennen. Wir denken »So bin ich« und »So ist die Berufswelt« – so, wie für den Goldfisch der Gartenteich die Welt ist. Dass wir nur einen Ausschnitt sehen, der zudem sehr subjektiv gefärbt ist, bedenken wir nicht. Und daran halten wir fest, so lange es nur irgendwie geht.
Was in dieser Phase der beruflichen Neuorientierung notwendig ist, bedeutet für viele Menschen einen Bruch mit ihren Denkgewohnheiten: Sie müssen nach Lösungen außerhalb ihres vertrauten und gewohnten Denkterrains suchen! Anstatt den eigenen kleinen Garten auf der Suche nach dem Schatz ein weiteres Mal (vergeblich) umzugraben, ist es an der Zeit, in noch unbekannten Gebieten zu forschen. Konkret bedeutet dies:
- Welche Fähigkeiten und Ressourcen habe ich wirklich zu bieten?
- Was steht alles auf der Liste meiner Interessen?
- Was würde ich wirklich gern tun?
- Auf welche Karriere möchte ich zurückblicken, wenn ich am Ende meines Lebens stehe?
- Und welche Jobideen können entstehen, wenn ich meine Antworten auf diese Fragen wirklich ernst nehme?
Stellen Sie sich vor, Sie könnten Ihre gewohnten inneren Widerstände, Ihre Selbstzweifel, Ihr negatives Selbstbild, Ihre einengenden Glaubenssätze über sich und die Welt für einen Augenblick wie einen Fernseher einfach abschalten. Und dann machen Sie einen Spaziergang durch Ihre Stadt, Ihr Land und die ganze Welt. Und Sie fragen sich: »Was will ich tun?« Können Sie sich vorstellen, dass Ihnen auf diese Weise mehr und andere Ideen kommen, als Sie es gewöhnlich von sich kennen?
Selbstverständlich können wir nicht sämtliche eingeschliffenen Denkmuster über Nacht ablegen. Manchmal reicht es aber schon, den Blick etwas weiter schweifen zu lassen als gewöhnlich, um interessante neue Alternativen zu entdecken. Das Ergebnis dieser vierten Phase ist eine möglichst vielfältige und bunte Sammlung von beruflichen Möglichkeiten, Wünschen und Ideen. Je breiter und weiter wir uns trauen zu denken, desto größer ist später die Chance, daraus eine stimmige Jobidee zu entwickeln.
Achtung, Stolpersteine!
Anstatt den Blick ins Unbekannte zu wagen, schauen viele Menschen lieber wieder nur in ihren eigenen Vorgarten, wo nur herumliegt, was sie schon lange über sich selbst und ihre berufliche Möglichkeiten wissen. Und so stoßen sie anschließend auch mit größter Anstrengung immer nur auf dieselben Ergebnisse: »Bäcker, Polizist oder Lehrer – das will ich alles nicht, und etwas anderes sehe ich immer noch nicht.« In der Sackgasse dieser Phase stecken ausgesprochen viele Menschen. Das liegt meistens daran, dass sie das nötige Know-how zu einer kreativen Suche nicht haben und für die blickverengende Wirkung ihrer mentalen Blockaden besonders anfällig sind.
Die Konkretisierung: Welche Projekte und Profile kommen infrage?«
Je breiter der Blick in der letzten Phase war, desto größer kann die Sammlung von Ideen sein, auf die wir jetzt zurückgreifen können. Die optimale Ausgangsbasis sind nicht fertige Berufsprofile, sondern Puzzleteile und Fragmente mit Potenzial für einen interessanten Job.
Und die gilt es jetzt zusammenzusetzen, sodass mögliche berufliche Tätigkeiten entstehen. Anders als bei einem Puzzle gibt es höchstwahrscheinlich mehr als nur eine richtige Lösung. Die Kernfrage dieser Phase ist: Was könnte ich mit meinen Fähigkeiten und Interessen möglicherweise tun?
Um den Schritt zur Entscheidung optimal vorzubereiten, ist es wichtig, dass wir hier nicht schon gedankliche Scheren ansetzen und alles streichen, was uns auf den ersten Blick »unrealistisch« erscheint. Konstruktiver ist es, uns erst einmal alle Jobs, die sich hier herauskristallisieren, genau anzuschauen. Wir sollten uns von allen Optionen ein möglichst genaues, detailliertes Bild machen – und dazu gehört, dass wir recherchieren und uns überlegen, welche Schritte bei der möglichen Umsetzung nötig wären, welchen Weg wir dahin gehen würden und welche Investitionen nötig sein könnten.
Erst wenn wir eine Idee wirklich von allen Seiten bedacht und gedanklich schon einmal verwirklicht haben, sodass wir mit ihrer Umsetzung prinzipiell sofort starten könnten, ist eine finale Entscheidung wirklich sinnvoll.
Achtung, Stolpersteine!
Es kommt vor, dass Menschen zwar bis hier viele Ideen gesammelt haben, aber jetzt daraus keine möglichen beruflichen Optionen werden lassen. Gerade sehr kreative Charaktere bleiben hier manchmal hängen und entdecken lieber immer neue bunte Möglichkeiten, als dass eine Auswahl tatsächlich zur konkreten Option wird. Solange eine Idee schwammig bleibt und man nur davon spricht, dass man ja mal XX machen könnte und YY auch sehr spannend ist, droht ihr keine Verwirklichung. Und man muss sich nicht fragen lassen, wie weit man mit der Umsetzung ist.
Die Entscheidung: Was will ich tun?
Jetzt gilt es, die erarbeiteten Projektideen abzuwägen und zu beurteilen. Die Kriterien, die wir dabei anlegen, und ihre Gewichtung sind natürlich individuell unterschiedlich. Sehr sinnvoll ist es, unsere eigenen Kriterien und ihre Wichtigkeit vor dem Entscheidungsprozess zu definieren. Eine wichtige Rolle bei der Entscheidung spielen Fragen wie:
- Wie sehen die finanziellen Möglichkeiten aus?
- Welche und wie viel Sicherheit bietet mir diese Idee?
- Passt sie zu meiner Persönlichkeit und meinen Lebensumständen?
- Wie viel Zeit und Geld bin ich bereit, für die Verwirklichung zu investieren?
- Kann ich mir vorstellen, mich damit selbstständig zu machen?
- Auf welche und wessen Unterstützung kann ich zählen?
- Wird die Tätigkeit mich auf lange Sicht befriedigen?
- Wird sie mir in Zukunft ausreichend Entwicklungsmöglichkeiten bieten?
- Wie schätze ich meine Chancen mit diesem Projekt auf dem (Arbeits-) Markt ein?
Wahrscheinlich holen wir uns jetzt Feedbacks von Freunden, Kollegen, der Familie oder von Fachleuten. Wichtig ist natürlich, dass sie grundsätzlich eine positive Einstellung zu unserer Entscheidung haben, uns beruflich zu verändern.
Haben sie das nicht, werden sie möglicherweise Ergebnisse unseres Orientierungsprozesses immer wieder infrage stellen und uns damit eher verwirren und entmutigen. Sinnvoll ist es, mit ihnen meinen eigenen Kriterienkatalog zu diskutieren – denn möglicherweise habe ich bisher wichtige Punkte übersehen, über- oder unterschätze die Bedeutung bestimmter Kriterien. Lasse ich mir für den Entscheidungsprozess ausreichend Zeit, wird wahrscheinlich eine Option immer mehr in den Vordergrund treten, sodass meine Entscheidung sich von selbst zu fällen scheint.
Achtung, Stolpersteine!
Es gibt tatsächlich Menschen, die zwei oder mehrere richtig gute Joboptionen für sich entwickelt haben und dann doch keine davon verwirklichen. Weil sie Angst vor den Konsequenzen haben, denn bisher war ja alles noch graue Theorie. Oder sie scheuen davor zurück, alle anderen Optionen zu verwerfen, wenn sie sich für eine entscheiden. Ihre Umgebung kann dann oft nicht nachvollziehen, warum sie so viel Aufwand getrieben haben, schon so lange über ihre berufliche Veränderung reden – und jetzt die letzte Entscheidung vor dem Durchstarten nicht treffen können. Es ist nie zu spät, um zu kneifen und auf dem vertrauten toten Pferd sitzen zu bleiben!
Die Suche: Wo bekomme ich, was ich mir wünsche?
Wo und wie jemand sucht, ob er sich auf Stellenanzeigen oder initiativ bewirbt, Kontakte und Netzwerke nutzt, Kontakte zu Unternehmen aufbaut oder sein eigenes Unternehmen gründet, ist natürlich abhängig von der Art des angestrebten Jobs und der Persönlichkeit des Suchenden. Auch hier ist etwas Hilfestellung nicht verkehrt – von Freunden oder vielleicht auch von Karriereberatern oder Coachs.
Mag ich auch noch so qualifiziert sein oder meine Gründungsidee, mein Produkt noch so brillant – den entscheidenden Rückenwind geben mir zwei Erfolgsfaktoren: meine Begeisterung und meine Überzeugungskraft.
Sehe ich mich selbst nur als einen von vielen, wird es mir schwerfallen, jemanden von mir einzunehmen. Und bin ich auch noch so sehr von meinem Konzept überzeugt, ich habe keine optimalen Karten, wenn ich es nicht verstehe, mich richtig zu verkaufen. Habe ich bisher viel Schweiß und Zeit für den Prozess meiner beruflichen Umorientierung verwendet, wäre es schade, sich jetzt einfach »in die Schlange zu stellen« und zu schauen, ob mich jemand will. Bisher habe ich daran gearbeitet, mich selbst von einer Idee zu überzeugen – jetzt sollte ich sehr sorgsam überlegen, wie es mir gelingen könnte, andere zu überzeugen!
Achtung, Stolpersteine!
In dieser Phase stecken bleibe ich, wenn ich mich jetzt tatsächlich darauf beschränke, mich in Jobbörsen umzusehen, nicht zu finden, was ich doch unbedingt tun will, und mich dann schmollend in die Ecke zu setzen. Oder ich verschicke nur eine Menge Standardbewerbungen, die meine Entschlossenheit nicht wirklich erahnen lassen, und wundere mich, dass die Einladungen ausbleiben. Viele Menschen scheuen nämlich die initiative Suche und die Kontaktaufnahme zu Unternehmen ihres Interesses – doch gerade dieser Weg verspricht am meisten Erfolg!
Der Neustart
Sie haben es geschafft – Ihre Suche und die ganze Arbeit haben sich gelohnt, und Sie starten endlich in Ihren neuen Job! Vielleicht wird es nicht genau so, wie Sie es sich vorgestellt haben – möglicherweise erleben Sie auch die eine oder andere Enttäuschung. Wenn wir beruflich ganz neu beginnen, finden wir uns selten sofort im siebten Himmel wieder. Es braucht oft noch etwas Zeit, bis wir uns die neue Situation wirklich zu eigen gemacht haben.
Aber wenn wir einmal geschafft haben, uns neu zu erfinden, ist es sehr wahrscheinlich, dass Veränderung unser ständiger Begleiter wird. Und damit sind wir sehr gut gerüstet für die Herausforderungen unseres weiteren beruflichen Wegs.
Und jetzt Ihre Selbsteinschätzung, bitte!
Sie durchlaufen gerade einen grundlegenden beruflichen Veränderungsprozess? In welcher Phase befinden Sie sich im Moment? Und welche Stolpersteine behindern Sie? Schreiben Sie es uns als Kommentar – oder machen Sie den Selbsttest im Buch…
Über den Autor
Tom Diesbrock hat selbst eine kurvenreiche Karriere hinter sich: Angefangen mit einem Medizinstudium über die Arbeit in einem Musikprojekt und als Fotoredakteur, studierte er Psychologie und gründete eine Praxis für Psychotherapie. Heute arbeitet er in Hamburg als Coach und psychologischer Berater. Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist die Begleitung von Menschen bei ihrer beruflichen Neuorientierung.







Unknown
Hallo Herr Diesbrock,
danke für Ihren ermutigenden Beitrag. Ich bin alles andere als ein entscheidungsfreudiger Mensch, aber gleichzeitig hasse ich es, dass meine Ängste mich blockieren und mir Steine in den Weg stellen. Ichsehe mich als einen sehr ambivalenten Charakter – nichtsdesto trotz habe ich mich dazu entschlossen eine neue Position anzunehmen. Es stimmt, es ist nich einfach die Verantwortung für sich selbst zu tragen und natürlich fürchte ich mich derzeit vor eventuellen negativen Konsequenten. Doch kenne und liebe ich das Gefühl. wenn man am Ende eines Wege bemerkt, wieder über sich selbst hinausgewachsen zu sein. Hoffentlich kann ich aber auch andererseits mit einem herben Rückschlag lernen umzugehen.
Am Ende jedoch empfinde ich viel schlimmer vor Herausforderungen zurückzuschrecken als den Sprung in das kalte Wasser zu wagen.
Grüße