Kommentar zu Corona: Wir müssen ins Handeln kommen

Die Welt hält den Atem an: Corona-Krise. Nicht nur Deutschland hat deshalb eine Vollbremsung hingelegt. Die Wirtschaft fährt runter, das öffentliche Leben stagniert in Homeoffice und Quarantäne. Doch wie lange halten wir das durch? Wie lange kann sich ein Staat, eine Gesellschaft einen solchen Shutdown leisten? Sicher, viele der ergriffenen Maßnahmen sind vernünftig, sinnvoll und retten Leben. Fest steht aber auch: Ewig kann es nicht so weitergehen. Wir werden bald schon zu einer Normalität zurückfinden müssen. Doch wie sieht diese neue Normalität aus? Eine Analyse…

Kommentar zu Corona: Wir müssen ins Handeln kommen

Lange halten wir den Status quo nicht durch

Die Innenstädte sind leergefegt. Die Geschäfte, Restaurants, Schulen und Kitas sind geschlossen. Die Grenzen sind ebenfalls zu. Es herrschen noch nie dagewesene Kontaktbeschränkungen, um Leben zu retten und das Gesundheitssystem vor einer Überlastung durch Covid-19-Infektionen und Schwersterkrankungen zu schützen. Das ist nachvollziehbar, vernünftig und sozial richtig.

Zusammenhalt und gegenseitige Rücksichtnahme sind elementar für das Funktionieren einer Gesellschaft in der Krise. Hier zeigt sich, wie solidarisch (oder egoistisch) wir wirklich sind.

Zudem geht es um das Erfassen von statistischen Zusammenhängen. Es fehlen uns Erfahrungen und verlässliche Daten für eine solche Pandemie. Der Volkswirt würde hier auch von Elastizitäten sprechen. Es geht um Fragen wie: Wenn man Menschen isoliert, wie verändert sich dann die Infektionsrate? Wobei die umgekehrte Frage noch wichtiger ist: Wie verändert sich die Ansteckungsrate (und das Ansteckungsrisiko), wenn man so und so viele Menschen wieder auf die Straße lässt?

Oder anders formuliert:

Wie viele und welche Menschen können gleichzeitig wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, um die Infektionskurve weiterhin flach (genug) zu halten?

Diese Frage ist deshalb so wichtig, weil wir wissen: Lange halten wir den Status quo nicht durch.

  • Schon jetzt musste die Regierung ein Milliarden-Hilfspaket (bezeichnend: Rettungspaket genannt) schnüren, um Unternehmer und Unternehmen vor den gröbsten Schäden zu bewahren. Es wird nicht lange reichen.
  • Schon jetzt sprechen Experten vor „Wohlstandsverlusten“, einige sprechen gar von einer drohenden Rezession. Von einer globalen Wirtschaftskrise. Dauer: unbekannt.
  • Und wir wissen um die zunehmenden Probleme, die die heimische Isolation mit sich bringt: Angefangen bei Lagerkoller, steigt vielerorts die häusliche Gewalt. Am meisten leiden die Kinder darunter.

Es ist klar: Irgendwann übersteigen die Kosten den Nutzen der Kontaktbeschränkungen. Und dieses irgendwann wird vermutlich spätestens im Mai 2020 erreicht sein.

Doch wie sieht das Rückkehrszenario dann aus?

Schrittweise Rückkehr zur Normalität

Zurück zur Normalität – alles wieder wie vorher: Kitas, Schulen, Geschäfte machen wieder auf, alle gehen wieder zur Arbeit, alles wie immer? Das kann es nicht sein. Damit hätten wir nichts gewonnen. Im Gegenteil: Wir hätten die Infektionswelle mit anschließender Überlastung des Gesundheitssystems lediglich auf Mai/Juni verschoben. Und für diese Verschiebung einen (viel zu) hohen Preis bezahlt: Pleiten, Schulden, Rezession.

Deshalb ist schon heute klar: Eine Rückkehr zur Normalität kann es nur schrittweise geben.

  • Zum Beispiel indem sich Genesene, die das Coronavirus (SARS-CoV2) nachweislich besiegt haben (Stichwort: Antikörpertests), wieder frei bewegen können (vorausgesetzt, sie können niemanden anstecken).
  • Gleichzeitig sollten Risikogruppen weiterhin geschützt und isoliert bleiben.
  • Und wir müssen – nach dem Vorbild Asiens (speziell: Südkorea) – mehr testen, testen, testen.

Auch sind uns die wirksamsten Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus längst bekannt. Solange wir keinen Impfschutz haben und die Kontaktbeschränkungen nicht länger durchzuhalten sind, bleiben uns vor allem:

  • Sozialkontakte reduzieren (wo es möglich ist)
  • Abstand halten (mindestens 1,5 Meter, besser: 2 Meter)
  • Häufiges, gründliches Händewaschen
  • Gesichtsmasken(-pflicht) in der Öffentlichkeit

Eine schrittweise Rückkehr zur Normalität bedeutet deshalb auch:

  • Geschäfte und Restaurants könnten wieder öffnen, müssten aber die Abstandsregeln strikt befolgen. Je nach Größe dürfen dann eben nur maximal zwei bis drei Kunden in den Laden. Oder nur zehn statt wie sonst 30 Gäste ins Restaurant. Und auch die dürften nur maximal zu zweit am Tisch sitzen – mit einem Rundum-Abstand von mindestens 1,5 Metern.
  • Schulen könnten wieder öffnen. Doch müssten die Klassengrößen deutlich kleiner (halbiert) werden, damit die Kinder weiter auseinander sitzen können. Eventuell muss der Unterricht dann für die einen vormittags, für die anderen nachmittags stattfinden.
  • Auch Kinos, Theater, Universitäten & co. könnten nach diesem Prinzip öffnen, indem sie nur jeden dritten Platz besetzen und nur noch ein Drittel der Karten pro Saal verkaufen.

Sicher, ob das zum wirtschaftlichen Überleben reicht; ob genügend Lehrkräfte für solche Schritte zur Verfügung stehen – all das wissen wir (noch) nicht. Aber genau das sind die Fragen, mit denen wir uns schon jetzt beschäftigen können und müssen – und nicht erst Ende April oder im Mai.

Warum bis dahin warten, wenn wir schon heute wissen, dass die schrittweise (!) Rückkehr kommen wird, weil sie kommen muss und die Lockerung der Maßnahmen unabwendbar ist? Warum weitere Kosten und Pleiten riskieren und bis Ende April warten, wenn das Unvermeidliche auch jetzt schon – behutsam, bedacht und Schritt für Schritt – realisiert werden kann?

Es geht auch um den Schutz von Existenzen

Es geht dabei nicht um Aktionismus, nicht um voreiliges Handeln. Nur: Wenn wir jetzt schon wissen, was spätestens im Mai passieren wird, können wir auch heute (oder nächste Woche) schon damit anfangen. Weder wird es bis Mai einen Impfstoff für alle gegen Corona geben. Noch lässt sich der Lockdown in diesem Ausmaß unendlich fortsetzen.

Keine Frage: Hier treffen zwei unterschiedliche Lager und Meinungen aufeinander:

  • Die Virologen und Mediziner plädieren für eine möglichst lange Isolation, weil das die meisten Menschen schützt.
  • Die Soziologen, Psychologen und Wirtschaftsweisen halten dagegen, dass sich das kein Staat, keine Gesellschaft auf Dauer leisten kann. Auch Deutschland nicht.

Die Politik sitzt dazwischen und muss abwägen und entscheiden. Keine leichte Aufgabe, gewiss. Zumal kein Politiker sich hinterher vorwerfen lassen will, falsch gehandelt zu haben. Trotzdem ist Abwarten keine Lösung. Niemandem ist geholfen, wenn Millionen Menschen in vier oder acht Wochen vor den Scherben ihrer Existenz stehen. Arbeitslos. Mittellos. Verschuldet. Ohne Perspektiven.

Es ist richtig: Das vorrangigste Ziel muss sein, Menschenleben zu retten. Wir müssen aber auch Existenzen und deren Grundlagen retten. Oder anders formuliert: Wir müssen einen Mittelweg finden, um möglichst viel von beidem zu realisieren. Und das jetzt – nicht erst in vier Wochen.

Covid-19 wird die Arbeitswelt verändern

Das „zurück zur Normalität“ wird allerdings nicht bedeuten, dass wieder alles so wird wie am Anfang des Jahres. Das wäre naiv. Covid-19 hat die Arbeitswelt schon jetzt stark verändert. Und es wird diese auch weiterhin nachhaltig verändern. Die Normalität, wie wir sie kannten, wird es so nicht mehr geben.

Das meine ich aber nicht als bedrohliches Horrorszenario. Gar nicht. Das Coronavirus bietet uns durchaus auch einige Chancen.

Arbeitgeber, die sich der Digitalisierung, New Work und anderen modernen Arbeitsformen bisher beharrlich verweigert haben, schicken ihre Mitarbeiter unlängst ins Homeoffice. Notgedrungen zwar. Aber nicht ohne Folgen. Sie merken: Auf einmal geht es doch…

Die Post-Corona-Ära wird daher auch einige positive Veränderungen für uns haben:

  • Mehr Homeoffice, weniger pendeln.

    Dort wo die Homeoffice-Regelungen nach einer Eingewöhnungsphase jetzt gut funktionieren, werden sie auch künftig häufiger eingesetzt werden. Vor allem dort, wo es vorher undenkbar schien. Das bedeutet: Arbeitnehmer müssen künftig weniger zur Arbeit pendeln, verbringen weniger Zeit in Staus oder in überfüllten Zügen. Das spart Lebenszeit, verringert den Verkehr, schont die Umwelt und die Nerven.

  • Videokonferenzen reduzieren Dienstreisen.

    Dasselbe gilt für die modernen Kommunikationsformen, allen voran für Videokonferenzen. Bundeskanzlerin Angela Merkel regiert das Land von zuhause aus. Der britische Premier Boris Johnson sitzt ebenfalls in Quarantäne. Wenn selbst Regierungschefs per Videokonferenz handlungsfähig bleiben, gilt das umso mehr für Manager und ihre Mitarbeiter. Die Lehren daraus: Videokonferenzen werden künftig viele Reisekosten und Reisezeit sparen. Sicher, manches verhandelt man auch weiterhin besser im physischen 4-Augen-Gespräch. Aber vieles lässt sich durch virtuelle Konferenzen ersetzen. Ein enormes Potenzial – auch für unsere Umwelt (Der Klimawandel ist durch Corona schließlich nicht vom Tisch).

  • Weniger Büros, weniger Fixkosten.

    Wenn aber immer mehr Menschen im Homeoffice arbeiten können (und wollen), dann brauchen die Unternehmen insgesamt weniger Büroflächen. Schließlich müssen nicht immer alle gleichzeitig in der Firma sein. Das spart Miet- und Fixkosten. Es schafft womöglich aber auch neue Wohnflächen in den Innenstädten und entspannt so den Wohnungsmarkt.

    Mehr noch: Es könnte eine neue Rückkehr aufs Land einsetzen, wo es (für Familien) mehr Wohnfläche (und Natur) für kleinere Geldbeutel gibt. Dank Digitalisierung, den Homeoffice- und Videokonferenz-Erfahrungen müssen wir nicht zwangsläufig möglichst nah bei unseren Arbeitgebern wohnen.

  • Karriere machen im virtuellen Team.

    Auch stellt das zunehmende kollaborative Arbeiten in virtuellen Teams Führungskräfte und Fachkräfte vor neue Herausforderungen: Chefs müssen lernen, wie sie solche vernetzten, aber nicht mehr physisch anwesenden Teams managen und führen. Zugleich müssen Fachkräfte herausfinden, wie sie innerhalb solch aufgelöster Strukturen Karriere machen oder sich beruflich weiterentwickeln können. Auch dieser Prozess wird die Arbeitswelt, wie wir sie heute kennen, nachhaltig verändern.

Und nicht zuletzt wird die Coronakrise auch einige Branchen (positiv) umkrempeln. Allen voran die Gesundheitsbranche. Wir erkennen schon heute wie systemrelevant unser Gesundheitswesen ist. Der Beruf und die Leistungen von Krankenschwestern, Pflegern und Ärzten müssen daher nicht nur (zynisch) beklatscht, sondern auch finanziell aufgewertet werden – durch höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen und -zeiten. Und wir brauchen dauerhaft mehr von ihnen.

„Flatten the curve“ ist ja vor allem deshalb notwendig, weil in den meisten Industriestaaten in diesem Bereich in den vergangenen Jahrzehnten „Lower the budget“ betrieben und kurzsichtig gespart wurde. Das rächt sich jetzt.

Aus der Lähmung heraus ins Handeln kommen

Ja, wir stecken mitten in einer globalen und nie dagewesenen Krise. Die Folgen werden uns noch einige Monate begleiten. Womöglich bis ins Jahr 2021 und darüber hinaus. Die Krise wird unsere Arbeitswelt massiv verändern. Dauerhaft.

Ganz nüchtern und realistisch betrachtet: Einige Pleiten sind schon jetzt unvermeidlich. Nicht wenige Menschen werden sich neue Jobs suchen müssen. Auch längere Phasen der Arbeitslosigkeit sind denkbar. Für die Betroffenen muss es Lösungen durch den Staat und die Gemeinschaft geben. Daran kann eine Gesellschaft aber auch wachsen.

Doch selbst wenn der Wohlstand für alle absehbar weniger wird: Wir müssen aus der Lähmung heraus wieder ins Handeln kommen. Pragmatisch. Schritt für Schritt. Aber beginnend mit dem ersten Schritt. Und zwar jetzt.

[Bildnachweis: Angelina Bambina by Shutterstock.com]
30. März 2020 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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