Kooperationspartner finden: Marketing aus der Hölle

Ich dachte, ich hätte schon alles gesehen. Ich dachte auch, manche unserer Artikel würden a) zur Aufklärung beitragen und b) wie ein Schutzschild wirken: Wer darüber schreibt, wie man es mit einer Kooperation bitte nicht macht, schafft eine subtile Hemmschwelle. Dachte ich. Das war naiv, vor allem aber zu optimistisch. Heute habe ich gelernt: Es gibt nicht nur PR-Agenturen, die noch immer seelenlose Massenmails verschicken und dabei glauben, irgendwas mit Relations zu machen. Sie unterbreiten einem auch Offerten, bei denen man vor der Frage steht: Was ist die größere Beleidigung – das Angebot selbst oder die Annahme, tatsächlich so doof zu sein, den Bullshit zu glauben?

Kooperationspartner finden: Marketing aus der Hölle

Kooperationspartner gesucht: Angebote aus der Hölle

Ohne lang drumherum zu reden, diese (inzwischen anonymisierte) Mail bekamen wir jetzt:



Sehr geehrte Damen und Herren,

heute möchte ich Sie um eine Kooperation zusammen mit Motivationstrainer Thomas S. und seiner Expertenplattform Blablabla.de anfragen.

Dazu stellen wir Ihnen zur kostenfreien Veröffentlichung redaktionellen Content zum Thema „Motivation“, „Fitness“, „Karriere“, „Personal“, „Erfolg / NLP“ oder „Beruf“ zur Verfügung, die Sie als Mehrwert kostenfrei bei Verlinkung auf unsere Plattform Blablabla.de auf Ihrem Angebot verwenden können.

Variante: (Dauer: 1x)

Sie verlinken einmalig den Link im Text unter der URL http://www.Blablabla.de in Ihrem Beitrag. Natürlich besteht die Möglichkeit, dass Sie nur eine Rezension oder einen Tipp zur Expertenplattform publizieren.

Variante 2: (Dauer: 6 Monate)

Wenn Sie Interesse an einer längeren kostenfreien Zusammenarbeit mit ihm haben, bietet wir Ihnen an, dass der Motivationstrainer S. einmal im Monat einen Beitrag für Sie und Ihr Angebot kostenfrei rund um das Thema „Motivation“ schreibt, wenn Sie daraufhin auf Blablabla.de und seine Social-Media-Kanäle verlinken.

Was machen wir für Sie?

Im Gegenzug verlinken kostenfrei wir auf Ihr Angebot mit Ihrer Link-URL und teilen den Artikel auf allen Social-Media- und Web-Plattformen von Thomas S. viral im Internet sowei jeden Monat kostenfreie Anlieferung von Text und Fotos.

Was haben Sie von der Kooperation?

– kostenfreien Trafficzufluss
– Suchmaschinen-Signale durch Social-Media-Posts und Backlink
– neue User und Leser
– Ausweitung der Zielgruppe
– Link-Tausch
– virale PR (kostenfrei)

Motivation ist die Kraft, die uns treibt. Mit ihr gelingt uns alles. Die Online-Plattform http://www.Blablabla.de, die bereits seit 2007 online ist, bietet täglich aktuelle Informationen, Tipps und Hilfen rund um das Thema Blablabla und erstrahlt seit Anfang 2014 in einer frischen Optik.

Sagen Sie mir kurz Bescheid, wenn Sie weiteres Material benötigen sowie für welche Variante Sie sich entschieden haben.

Mit freundlichen Grüßen
Andreas S.

Wow! Natürlich haben wir einige ewig scheinende Millisekunden darüber nachgedacht, ob wir wirklich NEIN zu einem kostenfreien Trafficzufluss, Suchmaschinen-Signalen durch Social-Media-Posts und Backlinks sowie Link-Tausch und viraler PR – noch dazu kostenfrei!!! – sagen können. …

Schwierig, echt. Inzwischen aber sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir es diesmal trotzdem gerne versuchen würden:

Nein.

Kooperationspartner finden: Geht es um Partner oder Werbung?

Aber ersthaft. Die meisten Mails beginnen so: Wir suchen einen Kooperationspartner… Manchmal wird auch ein Medienpartner gesucht. Aber tatsächlich geht es bei diesen Anfragen zu 99 Prozent nur um Eines: Gesucht wird jemand, der möglichst gratis Werbung macht und von dem sich obendrein noch ein paar billige Links abstauben lassen.

Nur: Sieht so eine echte Kooperation aus? Oder anders (rhetorisch) gefragt: Ist es wirklich kluges Marketing, eine mögliche Kooperation mit einem Bluff zu beginnen?

Kooperationsanfragen aus der Hölle: Vortäuschen falscher Tatsachen

Ich weiß nicht, in welchem unseligen Ratgeberbuch der Tipp stand: „Schreiben Sie, dass Sie einen Kooperationspartner suchen…“ Aber es muss ein erfolgreicher Ratgeber sein, denn diese Anfragen mehren sich. Leider.

Zunächst einmal stellt sich natürlich die Frage: Was ist überhaupt eine Kooperation?

Laut Wikipedia lautet die Definition:

Kooperation (lateinisch cooperatio „Zusammenwirkung“, „Mitwirkung“) ist das zweckgerichtete Zusammenwirken von Handlungen zweier oder mehrerer Lebewesen, Personen oder Systeme, in Arbeitsteilung, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.

Es geht also um ein „gemeinsames“ Ziel. Sonst gäbe es ja für mindestens eine Partei auch kein Motiv, zu kooperieren. Die Autoren schreiben allerdings auch völlig richtig:

Kooperation führt häufig zum Nutzen für alle Beteiligten, aber es gibt auch erzwungene Kooperation und unter Täuschung zustande gekommene Kooperation, bei der eine Seite mehr oder alle Vorteile aus dieser Kooperation zieht.

Das sind dann aber eben keine echten Kooperationen mehr, sondern vorgetäuschte oder in betrügerischer Weise erschlichene. Genau das muss eigentlich jedem Bauernfänger klar sein, der solche Kooperationen anbietet.

Und eben hierin liegen denn auch gleich zwei Affronts, die in solchen Anfragen drinstecken:

  • Der erste ist allein schon der Versuch, jemand anderen über den Tisch ziehen zu wollen, indem man euphemistisch von „Kooperation“ spricht, aber im Grunde nur den eigenen Vorteil im Sinn hat.
  • Der zweite ist fast noch beleidigender: zu glauben, der Empfänger sei auch noch so blöd, das Standard-Kooperations-Blabla zu glauben und sich davon einlullen zu lassen.

Genau genommen ist der zweite Affront in sich selbst sogar inkonsequent und nicht zuende gedacht:

Da sucht jemand beispielsweise Reichweite, Aufmerksamkeit, Links – und wendet sich deshalb an den Betreiber einer Webseite, der genau das bieten kann.

Man kann wohl davon ausgehen, dass dieser Reichweiten-Erfolg jedoch nicht zufällig passiert ist. Oder anders formuliert: So jemand dürfte durchaus wissen, wie das mit dem Internetz funktioniert und weiß auch entsprechend, was seine Links und Reichweite wert sind.

Oder noch mal anders gesagt: So jemand kann nicht allzu doof sein, wenigstens was das Online-Marketing betrifft.

Einem solchen Seitenbetreibeer dann aber ein angebliches Kooperationsangebot zu schicken, welches darauf aufbaut, dass derjenige nicht merkt, dass es gar keine Kooperation ist, ist in sich selbst schon dämlich. Dabei spekuliert der Absender einerseits auf die Naivität des Empfängers – obwohl er andererseits davon profitieren will, dass der Empfänger eben nicht naiv ist, sonst wäre er nicht so erfolgreich.

Irrsinn pur! Mit einer Kooperation haben solche Mails so viel zu tun wie Heiterkeit mit einer Militärkapelle. Reden wir nicht drumherum: Das ist mieses Anfänger-Marketing, miese Relations-Arbeit – und der denkbar schlechteste Start in eine Geschäftsbeziehung.

Kooperationspartner gesucht: Denken Sie zuerst an den Vorteil des anderen

Geschäftsbeziehungen basieren auf Vertrauen. Es ist der Anfang von allem und der Grundstein jeder Verhandlung. Natürlich wissen beide Seiten, dass jeder dabei auch eigene Interessen verfolgt und womöglich auch eigenen Profit aus der Beziehung gewinnen will. Das ist völlig legitim, deshalb haben Kooperationen ja auch einen Sinn: Sie schaffen für beide Parteien zusammen mehr Vorteile, als diese jeweils alleine für sich erzielen könnten.

Im Fachjargon gibt es dafür zwei Begriffe: Synergien und Win-Win.

Beide sind ein bisschen abgenutzt und wirken daher auch recht altbacken. Der Gedanke dahinter aber veraltet nie:

Wer zuerst die Interessen seines potenziellen Partners befriedigt und dessen Vorteil sucht, hat wesentlich leichteres Spiel auch die eigenen Interessen unter einen Hut zu bringen und dafür Zusagen zu erhalten.

Gemeinsamkeiten verbinden und fördern obendrein das Vertrauen. Wer also einen echten (!) Kooperationspartner sucht, sollte dieses Ähnlichkeitsgefühl erzeugen und anfangs vor allem die Vorteile für sein Gegenüber in den Vordergrund rücken. Aber bitte nur echte Vorteile – keine erfundenen!

  • Wer Reichweite verspricht, sollte selbst auch welche haben.
  • Wer einen Backlink (oder Linktausch) anbietet, sollte mindestens eine gleichwertige Seite besitzen (und nicht – wie so oft – einen Link auf eine fetten Startseite erschnorren und dafür einen Link auf irgendeiner Unterseite eines Mini-Blogs mit 50 Lesern im Monat anbieten).
  • Wer damit prahlt, der andere könnte sich so einen neuen Leserkreis erschließen, sollte selbst nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit publizieren.

Natürlich kann es nicht nur Kooperationen unter Gleichen geben. Aber dann sollte man auch nicht so tun als ob. Schonungslose Ehrlichkeit ist dann die bessere Alternative:

Sagen Sie, dass Sie nichts Gleichwertiges zu bieten haben. Bieten Sie aber das Beste an, was Sie können und fragen Sie ehrlich, ob man Sie nicht „unterstützen“ könne. Vielleicht können Sie sich ja auf eine andere Weise revanchieren. Hauptsache, der erkennbare Wille ist da.

Und exakt darum geht es: Vertrauen schaffen durch Ehrlichkeit – auch bei asymmetrischen Verhältnissen – und sich bemühen, nicht nur zu schnorren und zu nehmen, sondern auch etwas zu geben, was einen Gegenwert darstellt.

So finden sich dann auch Partner und nachhaltige Kooperationen.

[Bildnachweis: Nomad_Soul by Shutterstock.com]
14. August 2014 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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