Work-Life-Balance: 5 Antithesen
Die Suche nach der Work-Life-Balance hat sich längst zur Manie entwickelt. Viele jagen dem allseits perfekten Ausgleich von Arbeit und Leben hinterher, obwohl schon der Begriff eine Mogelpackung ist, die uns zwei Extrempole suggeriert, die so gar nicht existieren: Wer arbeitet, lebt – da gibt es keinen Gegensatz. Leben und Arbeit können wunderbar symbiotisch miteinander verbunden sein, einander stärken und befruchten. Tatsächlich kann der Bürokaffee am Montagmorgen nach einem aufreibenden Familienwochenende genauso entspannend sein, wie das Feierabendbierchen auf der Terrasse. Wer meint, er arbeite nur um seinen Lebensunterhalt zu sichern, sitzt einem gefährlichen Irrglauben auf. Wie psychologische Studien zeigen, braucht der Mensch seine Arbeit, um glücklich zu sein...

Arbeitest du noch oder lebst du schon?

Work-Life-Balance-einsame-InselVielleicht erinnern Sie sich noch: In Robert Zemeckis Spielfilm Cast Away mimt Tom Hanks den Vielarbeiter Chuck Noland. Er ist Controller bei einem Logistikunternehmen, reist ständig kreuz und quer durch die Welt und ist deshalb kaum zu Hause. Er empfindet seine Arbeit als ungeheuer befriedigend, schöpft aus ihr wesentliche Impulse für seinen Alltag, aber er flieht nicht etwa in die Arbeit. Mit seiner Freundin Kelly führt er ein harmonisches und erfülltes Privatleben. Sie hält trotz seiner knappen Zeit fest zu ihm.

Am Ende ist es ein Flugzeugabsturz, der ihn aus diesem Leben reißt und auf eine einsame Insel verschlägt. Und wieder ist es die Arbeit, die ihn am Leben erhält: Der tägliche Kampf ums Überleben füllt ihn aus und lässt ihn – zumindest anfangs – die Einsamkeit ertragen.

Es ist kein Zufall, dass dieser Noland in einem US-Spielfilm auftaucht. Im Selbstverständnis des Durchschnittsdeutschen wäre er vermutlich erst als Aussteiger so richtig aufgeblüht: Besitzer einer eigenen Pazifik-Insel mit Hängematten-Panorama, einen Job mit freier Zeiteinteilung und einem Volleyball-Kumpel namens "Wilson"...

Hierzulande ähnelt Arbeit eher so etwas wie Muskelaufbau: Sie muss weh tun, sonst bringt sie nichts. Entsprechend gestresst sind wir bei unserem Tagwerk, arbeiten uns krumm und kaputt oder sogar tot.

Und am Ende fragen wir uns: Arbeitest du noch oder lebst du schon?

Was für ein Trauerspiel!

Wir reden heute verächtlich vom Workaholic und meinen damit den Narr, der ohne Arbeit nicht leben kann.

Der Leistungswillige steht plötzlich auf Augenhöhe mit den Alkoholikern und Drogensüchtigen. Oder er trifft sich mit der Riege der leidenden Angestellten abends zum Geschäftsessen, wo auch nur noch die Rede davon ist, wie lange einer noch arbeiten muss und wie er danach leben will. Arbeit und Leben werden zu Konkurrenten, die es – Work-Life-Balance sei Dank – gegeneinander abzuwiegen gilt.

Arbeitgeberwahl: Lebensbalance gibt den Ausschlag

Work-Life-Balance-Ausgleich-WaageBeruf und Privatleben besser zu vereinen, spielt inzwischen eine Hauptrolle, wenn Arbeitnehmer den Job wechseln. Und zwar noch vor der möglichen Karriereentwicklung oder dem Verhältnis zum Chef und dem neuen Team. Das ist das Ergebnis des "Workplace Survey" des Personaldienstleisters Robert Half. Danach gibt für 26 Prozent der deutschen Arbeitnehmer die Work-Life-Balance den Hauptausschlag, wenn sie einen neuen Arbeitgeber wählen (Österreich: 39 Prozent; Schweiz: 40 Prozent). Faktoren wie der Ruf des Unternehmens, Weiterbildungsangebote, die Option im Ausland zu arbeiten oder die Anzahl der Urlaubstage spielen hingegen nur eine untergeordnete Rolle.

Es wird Zeit, damit aufzuräumen. Deshalb, daher und darum:

5 Anti-Thesen zu Work-Life-Balance

  1. Work-Life-Balance ist ein Mythos.

    Der allzeit perfekte Ausgleich, die virtuose Balance zwischen Beruf und Privatleben gelingt nicht. Kann sie auch nicht: Sie ist ein Mythos – an dem allerdings zahlreiche Trainer und Quacksalber kräftig verdienen.

    Natürlich lassen sich Prioritäten setzen, Pläne machen, Kalender und Listen führen. Was Organisationsexperten Selbstmanagement nennen, lindert vielleicht das Chaos auf dem Schreibtisch, aber ist deswegen schon Ihr Leben in Balance? Wohl kaum.

    Das Leben ist schlicht nicht planbar. Ein Kunde wechselt zur Konkurrenz, ein neuer Wettbewerber taucht auf, der neue Chef kann Sie nicht leiden – Zufälle passieren. Wer versucht diese krampfhaft zu kontrollieren, erzeugt so nur neuen Stress: den, immer perfekt zu sein, immer geplant einen Erfolgsschritt nach dem anderen zu absolvieren. Bloß nie improvisieren müssen!

    Das Leben ist aber vor allem Überleben durch Anpassungsfähigkeit. Alle anderen Versuche müssen schiefgehen.

  2. Der Begriff selbst ist Bullshit.

    Schon der Begriff Work-Life-Balance ist ein Widerspruch in sich: Er erklärt Leben und Arbeit zu Gegensätzen. Unfug! Wer arbeitet, der lebt dabei. Da gibt es nichts auszugleichen.

    Manchmal trifft man Menschen, die nicht mehr arbeiten müssen. Sie lassen sich - mit wenigen Ausnahmen - in zwei Gruppen einteilen:

    • Die eine erfreut sich an Spaßmaßnahmen wie Extrem-Sonnenbading in Florida oder Segeln in der Ägäis. Doch schon nach kurzer Zeit fühlen sich diese Menschen leer und sehnen sich nach einer Aufgabe.
    • Die andere Gruppe arbeitet weiter, stellt vielleicht sogar Neues auf die Beine. Und interessanterweise sind diese Leute auf Dauer deutlich zufriedener.

    Die Ursache dafür ist ihre Arbeit und nicht etwa - wie viele fälschlicherweise annehmen - die Höhe ihres verfügbaren Einkommens.

    Für den deutschen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Thomas Mann war Arbeit schwer und manchmal "ein freudloses und mühseliges Stochern; aber nicht [zu] arbeiten – das ist die Hölle". In einem Beruf, der uns erfüllt, spielt die Menge der Zeit, die wir dafür investieren, keine Rolle. Wochen vergehen wie Tage, Stunden wie Sekunden. Mit der richtigen Einstellung ist dies keine Belastung, sondern eine Freude.

    Oder um es mit Mark Twain zu sagen: "Je mehr Vergnügen du an deiner Arbeit hast, desto besser wird sie bezahlt." Arbeit dient eben nicht nur dem Zweck des Lebensunterhalts, sie wirkt ebenso gesundheitsfördernd: Wer Erfolg hat, wird zufriedener, entspannt sich, das Selbstvertrauen steigt - und eben oft auch das Gefühl ausgeglichen zu sein.

  3. Der Mensch ist von Natur aus unausgeglichen.

    Schon Sigmund Freud erkannte, dass der Mensch von Natur aus unausgeglichen ist. Unausgeglichenheit sei ein wesentlicher Teil unserer Existenz, meinte er. Sie ist unser Motor für Engagement und Kreativität.

    So stammt denn auch das Wort "Karriere" aus dem Französischen und bedeutete einmal "Rennbahn". Karriere machen also die Schnellsten und Besten, nicht unbedingt die Ausgeglichenen.

    Zahlreiche Unternehmer, Manager oder Leistungsträger sind gerade deshalb so erfolgreich, weil sie von dieser inneren Unruhe getrieben werden und sich ständig verbessern wollen. Sie müssen sich und anderen beweisen, dass sie "nicht wertlos sind", wie Freud schrieb. Und tatsächlich sind diese Menschen oft unglaublich produktiv – obwohl sie freilich alles andere als ein ausgeglichenes Leben führen.

    Die Wahrheit ist: Balance, oder vielmehr Ausgeglichenheit ist eher eine Frage von Lebens-Episoden. Wenn überhaupt, gibt es so etwas wie Lebensbalance: Jeder Abschnitt verlangt von uns neue individuelle Prioritäten in denen wir uns immer wieder neu entscheiden müssen. Und mal geht dabei der Beruf vor, mal das Private.

  4. Es geht nicht um Balance, sondern um Rhythmus.

    Der Mensch ist keine Maschine, die sich an- und ausschalten lässt. Es gibt Phasen, die verlangen von uns volle Konzentration und vollen Einsatz. Vielleicht sogar über 10, 12 und 14 Stunden am Tag hinaus. Schlaf wird in diesen Phasen zur Mangelware, Freundschaftspflege zum Luxus. Aber diese Phasen gehen vorbei, und ihnen folgen in der Regel Zeiten des Ausgleichs und der Muße. Mal länger, mal kürzer.

    Allein diese Abwechslung sorgt schon in gewisser Weise für Balance, genau wie Wach- und Schlafphasen auch. Unser Körper folgt aber selbst hierbei nicht einem digitalen Ausgleich im Sinne von 0 = schlafen; 1 = wachsein. Vielmehr sind wir ein rhythmisches Wesen: Fachleute sprechen dabei auch vom Bio- oder Chronorhythmus und den Zirkadianen Rhythmen.

    Unsere kreativen Hoch- und Leistungsphasen liegen über den Tag unterschiedlich verteilt, je nachdem ob wir eher zu den Eulen (Nachtmenschen) oder Lerchen (Frühaufsteher) gezählt werden. Dazwischen ist mit uns nicht viel los, selbst wenn wir wach sind.

    Wer produktiver und ausgeglichener werden will, sollte nicht nach permanentem Ausgleich suchen, sondern vielmehr seinen eigenen Rhythmus finden. Über den Tag verteilt genauso, wie innerhalb von Wochen, Monaten und Jahren. Der Trick dabei ist, nicht die Zeit zu managen (das geht sowieso nicht, der Tag hat trotzdem nur 24 Stunden), sondern vielmehr die eigene Energie.

    Heißt: Machen Sie zum Beispiel alle 90 Minuten eine Pause, weil danach klassischerweise ohnehin die Konzentration sinkt; seien Sie kreativ, dann wenn Ihr Biorhythmus dazu in der Lage ist - vor allem aber: Arbeiten Sie Ihrem eigenen Rhythmus nicht zuwider. DAS bringt Sie aus der Work-Life-Balance!

  5. Ausgleich braucht Visionen.

    Die Beschäftigung mit der eigenen Zeit ist eine gute Sache, keine Frage. Aber zielführend ist sie meist nicht, weil sie nur an der Oberfläche kratzt. Eher beschäftigen wir uns mit dem Balance-Akt, weil wir das Gefühl haben, mit ein wenig besser organisierter Zeit besser leben und arbeiten zu könne. Fehler!

    Ein optimiertes Selbstmanagement, das nur dazu dient, mehr Dinge in den Tagesablauf hinein zu pressen, muss scheitern. Wir verdichten so nur den Druck.

    Ohne eine klare Vorstellung davon, was sich wie ändern soll und warum, bleiben Zeitmanagement-Methoden letzten Endes bloße Techniken. Getreu dem Bonmot: A fool with a tool is still a fool. Erst der übergeordnete Kontext ist es, der dem Ausgleich einen tieferen Sinn gibt und uns ermöglicht, unsere Zeit den für uns wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu widmen.

    Dahinter stecken Fragen, wie:

    • Warum will ich mich überhaupt verändern?
    • Welche Freiräume schaffe ich mir durch mehr Ausgleich?
    • Und was will ich damit (besser) machen?


    Ein weit verbreiteter Fehler der Work-Life-Balance-Eleven ist, Lebensbereiche auszuklammern. Dabei wird dann zwar der Akt des Arbeitens im Büro optimiert und ausgeglichen, während alle anderen sozialen Kontexte unberührt bleiben. Dabei würde Zeit, die man beispielsweise seinem Hobby widmet, wiederum der Familie fehlen. Echter Ausgleich muss daher alle Lebensbereiche adressieren. Und dazu braucht es eine klare Vision.

Schon in der kommende Dekade werden immer mehr von uns länger arbeiten. Natürlich gibt es auch Jobs, die körperlich anstrengend, gefährlich oder gar eintönig sind. Manns Diktum gilt sicher nicht in dem Maß für Tellerwäscher oder Fließbandarbeiter wie es auf Manager, Freiberufler oder Unternehmer zutrifft.

Aber für alle gilt: Wer seinen Beruf nicht liebt, der wird davon weder erfüllt, noch Außergewöhnliches schaffen. Mit der richtigen Einstellung ist dies keine Belastung, sondern eine Freude.

Nur wenn wir Arbeit als normalen Teil unseres Lebens begreifen und zusammen mit anderen Bereichen im Blick haben, können wir eine echte, individuell passende Balance erreichen und bewahren. Work-Life-Balance bedeutet eben nicht, dass alle Bereiche gleich stark ausgeprägt sind oder gleich viel Aufmerksamkeit erhalten. Es bedeutet jedoch, dass die Verteilung der Aufmerksamkeit und Energie von uns ganz bewusst nach unseren Wünschen gestaltet wird.

Work-Life-Blending: Arbeits- und Privatleben verschmelzen

Was in unseren modernen Zeit allerdings passiert, ist, dass Arbeitnehmer zunehmend auch am Wochenende oder im Urlaub ihre E-Mails checken, für Kunden zur Verfügung stehen oder ihre Arbeit mit nach Hause nehmen. Moderne Technik und flexible Arbeitszeitmodelle machen es möglich von überall zu arbeiten. Damit verschmelzen die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben zusehends.

Das Phänomen nennt sich Work-Life-Blending. Statt nach einem ausgeglichenen Verhältnis von Arbeit auf der einen und Freizeit auf der anderen Seite zu suchen, geht es nun um eine Verschmelzung. Das neue Ziel: Ein fließender Übergang von Arbeits- und Privatleben.

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