Praktikanten: So viel verdienen sie
Der Mindestlohn wertet Praktika auf. Praktikanten verdienen nun deutlich mehr als vorher - quer durch die Branchen. Das ist das Ergebnis des Praktikantenspiegels 2016, der zudem Dauer, Zufriedenheit und Motivation der Schnupperkräfte abfragte. Wahr ist aber auch: Viele Unternehmen drücken sich vor dem Zahltag ...

Mindestlohn für Einsteiger

Seit 2010 erhebt das Beratungsunternehmen Clevis Consult Jahr für Jahr seinen Praktikantenspiegel. Was die Praktikanten verdienen, wie lange sie arbeiten, wo sie hospitieren. In diesem Jahr aber erhält die Erhebung - durch die Einführung des Mindestlohns - eine ganz besondere Note.

Die wichtigste Erkenntnis vorweg: Das Gehaltsgefüge verschiebt sich tatsächlich nach oben. Dazu später mehr ...

Insgesamt 6.262 Praktika in 446 Unternehmen, darunter auch 17 DAX-Konzernen, hat Clevis diesmal durch die Praktikanten bewerten lassen, von denen ein Großteil noch im Studium steckte. Mehr als die Hälfte der befragten Praktikanten belegte dabei ein wirtschaftswissenschaftliches Fach (ca. 51 Prozent), gefolgt von Ingenieurs- (ca. 14 Prozent), Gesellschafts- und Naturwissenschaftlern (jeweils ca. 8 Prozent).

Am häufigsten waren Praktika in der Konsum- und Gebrauchsgüterindustrie, bei Fahrzeugbauern und -zulieferern, in der Pharmaindustrie und bei Unternehmensberatern. NGOs, Wissenschaftseinrichtungen und der öffentliche Sektor waren dagegen kaum vertreten.

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Das durchschnittliche Praktikum: So sieht es aus

  • Die meisten absolvieren ihr Praktikum im Alter von 23 bis 25 Jahren.
  • Die durchschnittliche Dauer beträgt 5,24 Monate.
  • Die Arbeitszeit liegt im Schnitt bei 39 Stunden pro Woche.
  • Rund 40 Prozent der Praktikanten müssen regelmäßig Überstunden machen.
  • Knapp 82 Prozent bleiben auch nach ihrem Praktikum beruflich oder privat mit dem Unternehmen in Kontakt.

Praxiserfahrungen sammeln, etwas lernen - das ist den meisten Praktikanten am wichtigsten. Auch kühler Pragmatismus steht hoch im Kurs: Dass sich das Unternehmen gut im Lebenslauf mache, wurde als Motivation am zweithäufigsten genannt. Danach folgt der Wunsch, eine Branche näher kennenzulernen. Viele Praktikanten wittern zudem, dieser Punkt ist auf Platz vier, die Chance auf einen festen Arbeitsplatz.

Erstaunlich hier: Der Nützlichkeitsaspekt ist ausgerechnet bei Geistes- und Kulturwissenschaftlern besonders stark ausgeprägt. Über 53 Prozent von ihnen geben als größte Praktikumsmotivation an, dass sich das Unternehmen in ihrem Lebenslauf gut mache. Von den Wirtschaftswissenschaftlern sagen das nur ca. 42 Prozent, von den Ingenieurwissenschaftlern sogar nur 28 Prozent - vielleicht, weil ihre Jobperspektiven nicht ganz so stark von einer glänzenden Vita abhängen?

Ungefähr die Hälfte bleibt dabei am eigenen Wohnort, einen Großteil zieht es aber auch in die Fremde. Immerhin 33,41 Prozent der Praktikanten ziehen für die berufliche Stippvisite über 200 Kilometer weit weg, teilweise auch ins Ausland, bei weiteren acht Prozent beträgt die Entfernung über 100 Kilometer.

Alles in allem sind die meisten Praktikanten laut Selbstauskunft sehr zufrieden. Auf einer Skala von 1 (schlecht) bis 7 (gut) vergeben sie für ihr Praktikum im Schnitt eine Punktzahl von 5,76.

Unzufrieden sind insbesondere Praktikanten, die bei Unternehmensberatern und Wirtschaftsprüfern unterkommen (4,97). Grund: Sie leisten das höchste Wochenpensum ab. Die Korrelation zwischen geleisteter Stundenzahl und Zufriedenheit zeigt sich auch am anderen Ende des Spektrums. So arbeiten Praktikanten in Banken und Versicherungen nur 36 Wochenstunden im Schnitt, sind dafür mit ihrer Work-Life-Balance deutlich zufriedener (6,00).

Hier arbeiten Praktikanten am längsten

Branche Durchschnittliche Arbeitszeit in Stunden
Unternehmensberatung, Wirtschaftsprüfung und Recht 43,81
Personaldienstleistungen 41,13
Konsum- und Gebrauchsgüter 40,62
Öffentlicher Sektor 40,50
Luft- und Raumfahrt 40,42
Transport und Logistik 40,12
Bildung und Training 39,80
Baugewerbe und -industrie 39,79
Energie und Rohstoffe 39,53
Vereine und NGOs 39,41
Freizeit, Touristik, Kultur und Sport 39,39
Insgesamt 39,26
Chemie 39,02
Pharma 38,98
Medien und Unterhaltung 38,95
Fahrzeugbau und -zulieferer 37,43
Elektrotechnik, Feinmechanik & Op k 37,43
Wissenschaft und Forschung 37,32
Telekommunikation, IT und Internet 37,02
Maschinen- und Anlagenbau 36,96
Finanzen, Banken und Versicherungen 36,55

[Quelle: Praktikantenspiegel 2016, Clevis Consult]

Wichtig vor allem: Seit dem 1. Januar 2015 profitieren auch Praktikanten vom Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde. Ausgenommen sind Praktika von bis zu drei Monaten sowie Pflichtpraktika, im Rahmen des Studiums zum Beispiel.

Während ein großer Teil der befragten Praktikanten die Einführung des Mindestlohns grundsätzlich begrüßt, sagen knapp 60 Prozent, dass sie diesen Aspekt auch bei ihrer Bewerbung berücksichtigen. Und über 81 Prozent stimmen der Aussage zu, dass ein fairer Arbeitgeber auch Praktikanten den gesetzlichen Mindestlohn zahlt. Wer hier als Arbeitgeber knausert, bekommt also Sympathie-Abzüge - und weniger Bewerbungen ...

Vergütung: Was gezahlt wird

  • 95,87 Prozent aller Praktikanten erhalten eine Vergütung.
  • Vom Mindestlohn profitiert haben aber erst 23,35 Prozent, in 47,70 Prozent der Fälle handelte es sich um ein Pflichtpraktikum.
  • Die durchschnittliche Praktikumsvergütung beträgt 950,43 Euro pro Monat. Im Vorjahr waren es erst 770,89 Euro. Die Praktikanten, die einen rechtlichen Anspruch auf den Mindestlohn hatten, erhalten im Schnitt sogar 1.240,18 Euro monatlich.

Masterstudenten verdienen dabei im Schnitt 1.034,56 Euro brutto, im letzten Jahr waren es erst 816,24 Euro. Auch für Bachelorstudenten hat der Mindestlohn eine deutliche Gehaltssteigerung gebracht. Sie bekommen nun durchschnittlich 849,22 Euro, nach 715,10 Euro im vergangenen Jahr. Auffällig sind auch die Branchenunterschiede. In bestimmten Wirtschaftsbereichen zogen die Vergütungen von einem hohen Niveau ausgehend nur leicht an, in anderen kletterten sie steil nach oben ...

Das verdienen Praktikanten

Branche Vor Einführung des Mindestlohns Nach Einführung des Mindestlohns
Unternehmensberatung, Wirtschaftsprüfung und Recht 1.166,80 Euro 1.382,90 Euro
Öffentlicher Sektor 1.150,00 Euro 1.194,33 Euro
Pharma 1.113,90 Euro 1.280,23 Euro
Konsum- und Gebrauchsgüter 1.063,86 Euro 1.380,43 Euro
Finanzen, Banken und Versicherungen 1.041,44 Euro 1.259,73 Euro
Baugewerbe und Industrie  962,14 Euro 1.321,24 Euro
Telekommunikation, IT und Internet  946,50 Euro 1.216,03 Euro
Elektrotechnik, Feinmechanik und Optik  939,66 Euro   994,08 Euro
Transport und Logistik  855,83 Euro 1.228,1 Euro
Chemie  845,21 Euro 1.181,75 Euro
Maschinen- und Anlagenbau  820,36 Euro 1.038,87 Euro
Energie und Rohstoffe  808,41 Euro 1.103,3 Euro
Fahrzeugbau und -zulieferer  755,00 Euro 1.023,49 Euro
Medien und Unterhaltung  731,10 Euro 1.231,21 Euro
Luft und Raumfahrt  691,83 Euro   950,70 Euro
Freizeit, Touristik, Kultur und Sport  679,83 Euro 1.150,00 Euro
Personaldienstleistungen  602,00 Euro 1.334,05 Euro
Vereine und NGOs  583,33 Euro   700,00 Euro
Bildung und Training  437,50 Euro 1.080,75 Euro

[Quelle: Praktikantenspiegel 2016, Clevis]

Der Wermutstropfen ganz zum Schluss: Denn so ganz rosarot ist auch die schöne neue Praktikantenwelt nicht. Denn: Die Dauer der Praktika verkürzt sich, immer mehr Unternehmen bieten nur dreimonatige Praktika an.

Vor dem Start des Mindestlohns verbrachten nur elf Prozent der befragten Praktikanten bis zu drei Monate im Betrieb, danach waren es schon 21 Prozent. Wohl ein Indiz, dass viele Unternehmen den Mindestlohn umgehen - und nicht zahlen wollen.

[Bildnachweis: Goodluz by shutterstock.com]