bowie15/123rf"Will ich das wirklich bis zu Rente tun? Sah mein Plan nicht mal ganz anders aus? Gibt es denn keine Alternative für mich?" Solche und ähnliche Fragen stellen sich die meisten Arbeitnehmer früher oder später. Sie spüren dann, dass sie am einem Wendepunkt angekommen sind, an dem sie mit ihrem alten Job nicht zufrieden sind, aber eben auch nicht wissen, wie es weiter gehen soll. Wenn Ihnen diese Situation bekannt vorkommt, befinden Sich sich in guter Gesellschaft. Ein Blick in die Weiterbildungsstatistik zeigt, dass die Zahl der Weiterbildungen und Umschulungen in Deutschland deutlich steigen. Doch Kurse und Seminare sind nur der letzte Schritt der beruflichen Umorientierung. Zuerst müssen Sie herausfinden, wohin Ihr (Karriere)Weg gehen soll.

Unzufriedenheit ist keine Basis

Ein Grundsatz sollte dabei Ihre gesamte Neuorientierung prägen: Unzufriedenheit ist keine Basis für Veränderung! Sie kann als Impuls, Anstoß oder Auslöser für Ihren Suchprozess dienen, kann Sie dazu bewegen, sich endlich mit vielleicht lange schwelenden Problemen zu befassen, doch sie reicht nicht als Basis und Motor für Ihre berufliche Neuorientierung. Dafür brauchen Sie - zumindest perspektivisch - Ziele, auf die Sie wirklich hinarbeiten wollen und die für Sie attraktiv sind.

Sie sind ganz aktuell unzufrieden und spüren genau, dass Ihnen im aktuellen Job etwas fehlt? Sehr gut, dann nehmen Sie diese Unzufriedenheit zum Anlass, sich umfassend und nüchtern mit Ihrer Situation zu befassen und herauszufinden, was genau Ihnen fehlt. Im folgenden skizzieren wir fünf bewährte Schritte, mit denen Ihnen Analyse und berufliche Neuorientierung gelingen können. Diese können Sie entweder mit der Unterstützung von Freunden oder - oft empfehlenswert - mit der Begleitung eines professionellen Coaches angehen. Worauf Sie bei der Wahl eines passenden Coaches achten sollten und was Ihnen die Zusammenarbeit an Vorteilen bietet, lesen Sie in den Artikeln im Textkasten.

Lohnt sich ein Coach?

Bei den folgenden fünf Schritten kann ein professioneller - und auf Karriereplanung oder berufliche Neuorientierung spezialisierter - Coach ein wertvoller Partner für Sie sein. Worauf Sie bei Suche und Zusammenarbeit achten sollten, lesen Sie hier:

Schritt 1: Vergessen Sie Ihre Komfortzone!

Der erste Schritt ist gleichzeitig auch der wichtigste des gesamten Prozesses und hat primär mit Ihrer Einstellung und Haltung zu tun. Lösen Sie sich von Ihren aktuellen Erwartungen und Annahmen und gehen Sie auf null zurück. Nur wenn Sie die Analyse wirklich offen und vorbehaltlos angehen, können Sie den für Sie passenden Weg finden. Die dann auftauchenden Fragen und Themen werden - das sei als Warnung gesagt - nicht immer angenehm sein und Sie oft aus Ihrer Komfortzone bringen. Wollen Sie Ihre berufliche Neuorientierung ernsthaft und nachhaltig angehen, müssen Sie sich dafür auch mit Ihren persönlichen Wünschen, Ihre Plänen und Leidenschaften - aber eben auch Ihren Ängsten, Zweifeln und Befürchtungen - befassen. Und das gilt nicht nur für den beruflichen, sondern auch für den privaten und persönlichen Bereich.

Nehmen Sie sich Zeit für eine ehrliche und umfassende Bestandsaufnahme, gehen Sie Ihre innere Inventur konsequent und brutal ehrlich an und Sie werden herausfinden, was Ihnen gerade fehlt. In der Regel brauchen Sie dazu Reflexion von Dritten - Freunden oder Coach - um sich über einige Themen und fehlende Puzzleteile klar zu werden. Stellen Sie bitte im Vorfeld sicher, dass Ihre Reflexionspartner nicht nur zuhören können, sondern auch über die notwendige Geduld, eine gewisse Hartnäckigkeit und ein dickes Fell verfügen. Sie werden vermutlich nicht immer freundlich auf die kommenden Erkenntnisse reagieren.

Schritt 2: Hinterfragen Sie jeden Bereich!

Haben Sie passende Reflexionspartner gefunden und sich innerlich so gut als möglich von Erwartungen gelöst, beginnt die eigentliche Analyse. Hier kommt es primär darauf an, die richtigen Fragen zu stellen. Im Folgenden finden Sie eine Auswahl von Fragen, die sich in der täglichen Coachingpraxis und der Arbeit mit zahlreichen Coachees bewährt haben. Tun Sie diese bitte nicht nach einer ersten oberflächlichen Betrachtung als zu einfach ab. Lassen Sie sich wirklich auf die Fragen ein und stellen Sie sich allen damit verbundenen Konsequenzen. Das tut sicherlich mehr als einmal weh, ist jedoch eine absolut notwendige Voraussetzung für echte Veränderung.

  • Wann waren Sie das letzte Mal wirklich mit Ihrer Situation zu frieden?
  • Seit wann sind Sie bereits unzufrieden?
  • Was hat sich seit dem in Ihrem Leben geändert?
  • Welche Aspekte Ihres Jobs machen Ihnen noch Spaß?
  • Welche Aspekte sind nur noch Belastung und Stress?
  • Wie sieht Ihr Privatleben aktuell aus?
  • Wie beeinflusst Ihr Job Ihr Privatleben und umgekehrt?
  • Welche unerfüllten Wünsche und Träume tragen Sie mit sich herum?
  • Welche Aufgaben reizen Sie noch?
  • Welche Themen und Leidenschaften können Sie wirklich begeistern?

Sie merken, viele der Fragen haben scheinbar nichts mit dem Beruf zu tun. Doch dieser Schein trügt, denn eine echte berufliche Neuorientierung muss auch Ihr aktuelle Lebenssituation und Ihre Wünsche und Sehnsüchte berücksichtigen.

Schritt 3: Muss es wirklich ein Jobwechsel sein?

Erst im dritten Schritt sollten Sie sich die Frage stellen, ob Ihr aktueller Job wirklich so schlecht ist und ob Sie Arbeitgeber und Aufgabengebiet ganz grundlegend wechseln wollen oder ob es auch in Ihrem aktuellen Unternehmen Entwicklungsmöglichkeiten gibt. Warum der ganze Aufwand und die teilweise schmerzhaften Fragen, wenn Sie schlussendlich vielleicht doch im Unternehmen bleiben? Gegenfrage: Wie können Sie wissen, dass Ihre Perspektive im Unternehmen liegt, wenn Sie nicht jede Facette hinterfragen und sich nicht ernsthaft mit Ihren Wünschen auseinandersetzen?

Selbst wenn Sie zufällig oder durch eine oberflächliche Beschäftigung unternehmensintern eine Möglichkeit finden würden, hätten Sie doch immer die nagende Frage im Hinterkopf, ob dieser Weg wirklich optimal für Sie ist. Ihre unbewusste Suche nach besseren Alternativen würde damit nicht enden. Genau diese nagende Ungewissheit würde Sie jedoch direkt in die nächste Sinnkrise stürzen. Gehen Sie dieses Risiko am besten gar nicht erst ein.

Schritt 4: Ziehen Sie alle Optionen in Betracht!

Stellt sich bei Ihrer Suche heraus, dass Ihre Zukunft nicht bei Ihrem aktuellen Arbeitgeber und nicht in Ihrem angestammten Job liegt, beginnt die Suche nach passenden Alternativen. Hier gilt: Ziehen Sie zunächst jede denkbare Möglichkeit in Betracht und schließen Sie keine Option aus, weil diese scheinbar unrealistisch ist. Anders formuliert: Sammeln Sie zuerst alle Möglichkeiten und Wege, machen Sie sich erst danach Gedanken über deren Realisierbarkeit. Sie kennen sicherlich den bekannten Spruch:

Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Ausreden.

Dieses Prinzip gilt für die berufliche Neuorientierung ganz besonders. Wenn Sie unter den scheinbar unrealistischen Optionen eine finden, die Sie mit Leidenschaft erfüllt, bei der Sie intuitiv spüren, dass es sich hier um Ihren zukünftigen Weg handelt und das Sie genau diesen Job machen wollen, werden Sie nicht danach fragen, ob es möglich ist. Dann wird Ihre einzige Frage sein: "Wie kann ich diesen Weg gehen?"

Schritt 5: Wie kann ich das umsetzen?

Im fünften und letzten Schritt geht es darum, den gefundenen Weg realistisch und ganz konkret anzugehen. Machen Sie sich dabei bitte klar, dass der Weg zu Ihrem Wunschjob und zur Neuorientierung in den meisten Fällen nicht gerade verlaufen wird. Niemand hat behauptet, dass die Neuorientierung einfach oder gar unkompliziert werden wird. Doch wenn Ihre Erwartungen und Ziele halbwegs realistisch sind, können Sie diese auch mit den richtigen Schritten und ausreichend viel Geduld erreichen. Realistisch bedeutet hier nicht, dass andere Ihnen zustimmen und Ihre Pläne gutheißen. Sie werden vermutlich die Erfahrung machen, das grundlegende Veränderungen in Ihrem Umfeld auf Widerstand treffen. Menschen, von denen Sie Unterstützung erwartet hätten, werden Ihnen tausend Gründe präsentieren, die gegen Ihren neuen Weg sprechen.

Ignorieren Sie solche Menschen und Aussagen so gut es geht - auch wenn es manchmal weh tut und schwer fällt. Schlussendlich werden Sie den Weg und zur neuen Arbeit gehen. Die Kritiker werden Sie dabei sicherlich nicht begleiten. Realistisch sind Ihre Erwartungen daher, wenn Sie...

  • ... intuitiv spüren, dass der Weg für Sie der richtige ist und Sie ihn wirklich gehen wollen.
  • ... auch Tage und Wochen nach der Entscheidung noch von dem Gedanken an Ihren neuen Weg begeistert sind.
  • ... die notwendigen Einschränkungen und mögliche Probleme sehen und diese bewusst akzeptieren.
  • ... sich den Weg genau vorstellen können und die Visualisierung immer realer und plastischer wird.
  • ... bereit sind, Geduld und Engagement aufzubringen, ohne sich über den vielleicht notwendigen Kampf zu beklagen.

Eine ernsthafte berufliche Neuorientierung ist ein umfassender, teilweise schmerzhafter und keinesfalls kurzer oder einfacher Prozess. Unzufriedenheit kann diesen Prozess anstoßen, doch um ihn wirklich durchzuziehen, brauchen Sie klare Ziele und Durchhaltevermögen. Gehen Sie den Weg jedoch konsequent, wird bei Ihnen wieder Ruhe einkehren, Ihre Unzufriedenheit wird Sicherheit weichen und Sie können einen neuen, individuell passenden Weg gehen. Konsequenzen, die wertvoll und notwendig sind, wenn Sie Ihren Job und Ihr Leben wirklich genießen und ausschöpfen wollen.

Tipps für Querseinteiger

Nicht selten führt eine berufliche Neuorientierung zu einem Berufs- oder Branchenwechsel. Die folgenden Artikel können Ihnen bei diesem Schritt helfen: