Working Poor: Raus aus der Erwerbsarmut

Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel: Das charakterisiert überspitzt formuliert die Situation der Working Poor. Deutschland hat auch im Jahre 2018, drei Jahre nach Einführung des Mindestlohns, etwa 4,1 Millionen Menschen, die zu den arbeitenden Armen zählen. Wer trotz Arbeit arm ist, hat es doppelt und dreifach schwer: Betroffene haben keine (ausreichende) Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, haben oft mit Stigma zu kämpfen und sind zumeist in einer schlechteren gesundheitlichen Verfassung. Welche Berufsgruppen besonders häufig unter den Working Poor vertreten sind und welche Möglichkeiten Sie als Betroffener haben…

Working Poor: Raus aus der Erwerbsarmut

Working Poor Definition: Englisch für erwerbstätige Arme

Working Poor Ursachen Gründe USA Österreich deutsch in DeutschlandWorking Poor ist der englische Ausdruck für Menschen, die trotz Erwerbsarbeit als arm bezeichnet werden.

Aber was ist eigentlich arm? Armut in Deutschland oder Österreich gestaltet sich anders als beispielsweise in Entwicklungsländern, weshalb unterschieden wird:

  • Absolute Armut

    Jeder Mensch hat bestimmte Grundbedürfnisse: Wir müssen essen, trinken, schlafen. In Entwicklungsländern haben viele Menschen kein sicheres Zuhause, die hygienischen Zustände sind katastrophal und Essen und Trinken sind Mangelware.

  • Relative Armut

    Diese elementaren Grundbedürfnisse sind in Deutschland meist befriedigt. Aber um glücklich zu sein, braucht der Mensch mehr, soziale Teilhabe am Leben. Dazu gehört ein Besuch im Biergarten oder auch mal in den Urlaub fahren zu können. Wer bei bestimmten Standards nicht mithalten kann, erlebt schnell Ausgrenzung.

Die Definition, die für Armut in Europa gewählt ist, besagt dass jemand dann zu den Working Poor gehört, wenn sein Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens im Land beträgt.

Lange Zeit dachte man, dass dies vor allem ein Problem in den USA sei. Seit einigen Jahren geraten die Working Poor auch bei Wissenschaftlern in Deutschland stärker in den Fokus. Das Problem stellt die weit verbreitete Auffassung infrage, dass man sich nur ordentlich anstrengen und fleißig arbeiten müsse, dann könne man es auch schaffen.

Von diesem Tellerwäscher-Mythos zehrt Amerika bis heute und auch in Deutschland ist diese Ansicht weit verbreitet. Einigkeit besteht bei den meisten, dass ein Mensch von seiner Arbeit leben können sollte. Genau das ist aber teilweise nicht der Fall, weshalb manche Menschen trotz ihrer Arbeit teilweise auf staatliche Unterstützung angewiesen sind.

Working Poor: Ursachen und Gründe

Es klingt zunächst plausibel: Wenn Arbeit die Haupteinkommensquelle eines Menschen darstellt und vor Armut schützt, dann ist bei Arbeitslosigkeit beziehungsweise Nichterwerbstätigkeit (wie bei Rentnern, Hausfrauen, Studenten) die Gefahr groß, in die Gruppe der Working Poor zu geraten.

Derzeit existiert in Deutschland nahezu Vollbeschäftigung, die Arbeitslosenzahlen sind so gering wie noch nie, es müsste also alles bestens sein.

Nur der Umkehrschluss, dass Berufstätigkeit vor Armut schützt, geht leider nicht auf. Denn die bloße Tatsache, dass die Menschen in Lohn und Brot sind, sagt nichts über die Qualität ihrer Beschäftigungsverhältnisse und damit nichts über das Gehalt. Problematisch erscheinen im Gegensatz zur Vollbeschäftigung oftmals sogenannte atypische Beschäftigungen.

Darunter sind vor allem Teilzeitarbeit und geringfügige Beschäftigung zu verstehen.

So haben Studien zufolge Arbeitnehmer in Teilzeit ein dreifach höheres Risiko, geringfügig Beschäftigte sogar ein vierfach höheres Risiko von Armut betroffen zu sein. Grund dafür sind nicht allein die geringere Stundenzahl, sondern der häufig geringere Lohn.

Eine 2017 von der Hans-Böckler-Stiftung herausgebrachte Studie (PDF) hat arbeitsmarkt- und sozialpolitische Maßnahmen in 18 EU-Ländern zwischen 2004 und 2014 ausgewertet.

Diese Maßnahmen – wie beispielsweise die Hartz-4-Reformen hierzulande – haben im Wesentlichen dazu geführt, Arbeitslose in Billigjobs zu bringen. Die Studie zeigt, dass im Schnitt gut zehn Prozent der Beschäftigten zwischen 18 und 64 Jahren zu den Working Poor gehören.

Traurige Spitzenreiter: Rumänien mit 18,6 Prozent, Griechenland mit 13,4 Prozent und Spanien mit 13,2 Prozent. In Deutschland hat sich innerhalb dieser zehn Jahre die Zahl derer, die als Working Poor gelten von 1,9 Millionen auf knapp 4,1 Millionen mehr als verdoppelt.

In Prozent ausgedrückt: Von 4,8 Prozent stieg die Zahl der Working Poor auf 9,6 Prozent im Jahre 2014.

Wer ist besonders gefährdet?

Als Hauptursache dafür, dass jemand zu den Working Poor gerechnet wird, sehen Forscher häufig den Niedriglohn. Unterschiedlichen empirischen Studien zufolge sind überwiegend davon betroffen:

  • Personen unter 25 Jahren,
  • Migranten,
  • Frauen,
  • Ostdeutsche,
  • gering Qualifizierte,
  • Arbeitnehmer ohne abgeschlossene Ausbildung,
  • Arbeitnehmer in Zeitarbeit,
  • Arbeitnehmer in Teilzeitarbeit und
  • Arbeitnehmer in Mini-Jobs.

Dabei muss Niedriglohn nicht zwangsläufig bedeuten, dass jemand unterhalb der Armutsgrenze lebt – lediglich das individuelle Erwerbseinkommen ist vergleichsweise niedrig, weil nur knapp über der Armutsgrenze angesiedelt.

Ebenfalls eine Rolle spielen die individuellen Lebensumstände. So haben Singlehaushalte, Alleinerziehende und Paare mit Kindern ein größeres Risiko von Armut betroffen zu sein als Paare ohne Kinder. Auch die Anzahl der Kinder kann sich negativ auswirken.

Neben dem Erwerbseinkommen fließen noch andere Gelder mit in die Betrachtung, etwa staatliche Transferleistungen in Form von Wohngeld und Kindergeld oder Vermögenseinkommen.

Ob jemand von Armut betroffen ist, richtet sich also nicht allein nach seinem Gehalt. Vielmehr hängt es davon ab, wieviele Menschen mit dem im Haushalt tatsächlich zur Verfügung stehenden Einkommen auskommen müssen.

Es gibt eine weitere Gruppe von Menschen, die nicht unbedingt in die oben aufgeführten Kategorien fallen und dennoch zu den Working Poor zählen können: Selbständige. Genauer Solo-Selbständige, also Personen, die selbständig arbeiten, aber keine Angestellten haben.

Einige erzielen zwar hohe Einkünfte, aber das durchschnittliche Einkommen liegt unter dem von Arbeitnehmern. Tatsächlich liegen viele mit ihren Einkünften sogar im Niedriglohnbereich.

In diesen Berufen gibt es ein erhöhtes Armutsrisiko

Gemäß einer Auflistung im Caritas-Artikel „Arm trotz Arbeit“ sind Personen aus folgenden Berufen besonders häufig von Armut betroffen:

Bei den Männern

  • Kraftfahrer
  • Lager-/Transportarbeiter
  • Maurer
  • Männer aus Sicherheitsberufen
  • Groß-/Einzelhandelskaufleute
  • Hilfsarbeiter
  • Beschäftigte aus Blech- und Installationsberufen
  • Tischler
  • Beschäftigte aus dem Metall- und Anlagenbau
  • KFZ-Mechaniker
  • Verkäufer
  • Maler
  • Maschinisten
  • Köche

Bei den Frauen

  • Verkäuferinnen
  • Putzfrauen
  • Bürokräfte
  • Beschäftigte aus den sozialen Berufen, zum Beispiel Altenpflegerinnen
  • Krankenschwestern
  • Köchinnen
  • Restaurantfachfrauen
  • Friseurinnen
  • Sekretärinnen
  • Kosmetikerinnen
  • Groß- und Einzelhandelskauffrauen

Mindestlohn: Lösung des Problems?

2015 ist unter der großen Koalition in Deutschland ein gesetzlicher Mindestlohn von seinerzeit 8,50 Euro eingeführt worden. Bis zum Jahre 2018 stieg er auf 8,84 Euro an und soll 2020 auf 9,35 Euro angehoben werden.

So einen richtigen Gehaltsboost hat der jedoch auch nicht gebracht. Die Gründe dafür: Die Lebenshaltungskosten sind in Deutschland vergleichsweise hoch, vor allem die Mieten. Es gibt aber auch noch andere Gründe. Denn der Mindestlohn gilt beispielsweise gar nicht für alle Arbeitnehmer – oder anders: Der Gesetzgeber hat etliche Ausnahmen zugelassen.

Diverse Praktika werden nach wie vor nicht vergütet, wenn sie zum Beispiel verpflichtender Teil des Studiums sind, der Orientierung vor dem Studium dienen oder im Rahmen eines dualen Studiums im Ausbildungsvertrag entsprechend geregelt sind.
Ferner bekommen folgende Arbeitnehmer ebenfalls keinen Mindestlohn:

  • Jugendliche unter 18 Jahren ohne abgeschlossene Berufsausbildung,
  • Jugendliche, die an einer Einstiegsqualifizierung nach dem Berufsausbildungsgesetz teilnehmen,
  • Auszubildende während ihrer Ausbildungszeit,
  • Langzeitarbeitslose in den ersten sechs Monaten ihrer neuen Tätigkeit nach der Arbeitslosigkeit,
  • Ehrenamtler, bei denen vorausgesetzt wird, dass sie sich fürs Gemeinwohl engagieren und keine finanzielle Gegenleistung erwarten.

Laut Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) belegen diverse Studien, dass zwischen 750.000 und 1,8 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland weniger als den gesetzlichen Mindestlohn erhalten. Hierbei handelt es sich nicht um die oben genannten Ausnahmen. Gefordert werden daher mehr Kontrollen.

Aber selbst wenn der Mindestlohn eingehalten wird, ist er kein Mittel, den Abstieg in die Gruppe der Working Poor zu verhindern. Denn wer aufgrund von Krankheit, schlechter Ausbildung oder mangelnder Kinderbetreuungsmöglichkeiten nicht in Vollzeit arbeiten kann, werden mit Transferleistungen aufstocken müssen.

Damit erhalten sie am Ende des Monats das gleiche verfügbare Einkommen wie wenn sie die volle Stundenzahl arbeiten würden. Und selbst wenn bei Mindestlohn Vollzeit gearbeitet würde: Rein rechnerisch bleiben bei einer 40-Stunden-Woche einem kinderlosen Single-Haushalt aktuell monatlich etwa 1.064,59 Euro netto übrig.

Wie soll in Städten wie Köln oder München davon jemand seine Miete zahlen und noch leben?

Auswege aus der Erwerbsarmut

Gemeinhin wird immer gesagt, Bildung schütze vor Armut. Und auf den Blick mag das stimmen – die Arbeitslosenquote unter Akademikern ist über Jahrzehnte hinweg immer vergleichsweise gering. Der Teufel liegt bekanntlich im Detail:

Es kommt darauf an, welche Ausbildung Sie vorweisen können. Und Ausbildung ist hier allgemein gemeint, denn auch für ein akademisches Studium gilt nicht automatisch eine Arbeitsplatzgarantie. Wer ein hohes Sicherheitsbedürfnis hat und einen entsprechenden Kündigungsschutz genießen will, muss sich verbeamten lassen.

Allerdings wird das Beamtentum seit Jahren in Deutschland abgebaut, selbst Lehrer sind immer häufiger im Angestelltenverhältnis und kennen prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Umgekehrt werden mit Blick auf die oben aufgelisteten Berufe viele feststellen, dass sie durchaus Ausnahmen kennen.

Köche mögen generell ein höheres Armutsrisiko haben – der Spitzenkoch im 4-Sterne-Restaurant dürfte dieses Problem nicht haben. Ähnliches gilt für den Beruf der Krankenschwester: Vor allem private Einrichtungen zahlen häufig weniger. Wer jedoch im öffentlichen Dienst einen Tarifvertrag hat, bekommt ein festgelegtes Gehalt und steigt nach einer bestimmten Zeit automatisch in die nächsthöhere Gehaltsstufe auf.

Aus diesen Beispielen lassen sich bereits zweierlei Empfehlungen ableiten:

  • Augen auf bei der Berufswahl

    Manche Berufe haben ein deutlich geringeres Einstiegsgehalt. Hier müssen die Motivation und der Spaß an der Arbeit enorm sein, um gewisse Durststrecken in Kauf zu nehmen. Schüler, die demnächst ihren Abschluss machen, sollten sich den Arbeitsmarkt und zukünftige Prognosen zu anvisierten Berufen gut anschauen. Der sogenannte Schweinezyklus bringt es leider mit sich, dass in bestimmten Wellen einige Jobs en masse auf den Arbeitsmarkt gespült werden. Das erschwert den Berufseinstieg und drückt oftmals das Gehalt.

  • Weiterbildungsmöglichkeiten berücksichtigen

    Wer sich für einen solchen Beruf entscheidet, sollte ein klares Ziel vor Augen haben, wohin die Reise geht. Eine Ausbildung als Krankenschwester ist auch im dritten Lehrjahr mit circa 1.200 Euro nicht gerade üppig. Anders sieht es allerdings aus, wenn die diversen Zuschläge für Wochenend- und Nachtarbeit hinzugerechnet werden. Und einen deutlichen Gehaltssprung legen Sie als Führungskraft – zum Beispiel als Stationsleitung – hin; dann sind bis zu 3.600 Euro monatlich möglich.

[Bildnachweis: Cookie Studio by Shutterstock.com]
17. Juli 2018 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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