Wichtige Fakten zur Erwerbsarmut in Deutschland
- Definition: Als armutsgefährdet gilt, wer in Deutschland weniger als 60 % des mittleren Einkommens hat. Diese Grenze liegt bei einem Einpersonenhaushalt bei 1.446 €, bei Paaren mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2.920 € im Monat (Stand: 2026).
- Risikogruppen: Überdurchschnittlich oft betroffen sind Menschen mit befristeten Arbeitsverträgen (12,2 %), Teilzeitbeschäftigte (9,6 %) und Geringverdiener.
- Ursachen: Hauptursachen für die „Armut trotz Arbeit“ sind Niedriglöhne, Minijobs, Leiharbeit und familiäre Konstellationen (z.B. Alleinerziehende).
- Regionale Unterschiede: Rund 16,1 % der Menschen in Deutschland sind laut Statistischem Bundesamt von Armut gefährdet. Bremen, Berlin und Nordrhein-Westfalen weisen höhere Armutsquoten durch Erwerbsarmut auf, während Bayern die geringste Quote hat.
Tabelle der Armutsgefährdungsschwellen (Netto pro Monat)
Haushaltstyp |
Armutsgrenze |
| Single (Alleinlebend) | 1.446 € |
| Alleinerziehende (1 Kind u. 14 J.) | 1.895 € |
| Paare (ohne Kinder) | 2.169 € |
| Paare mit 1 Kind (unter 14 J.) | 2.486 € |
| Paare mit 2 Kindern (unter 14 J.) | 2.920 € |
Definition: Working Poor
Working Poor (englisch für „Arbeitsarmut“, „Erwerbsarmut“) bezeichnet Menschen, die trotz regelmäßiger Arbeit oder mehreren Arbeitsverhältnissen unter der Armutsgrenze liegen. Das sind in etwa 4,1 Millionen Menschen in Deutschland. Dazu gehören oftmals Alleinerziehende, Minijobber sowie Personen ohne Schulabschluss oder mit fehlender Berufsausbildung. Betroffene haben überdies häufig mit dem Stigma der Armut zu kämpfen – kaum Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und schlechtere Gesundheit aufgrund schlechterer Ernährung.
Welche Gründe führen zur Erwerbsarmut?
Zur Klasse der Working Poor gehören zwar häufig Arbeitslose, Rentner, Alleinerziehende. Allerdings wächst seit Jahren die Zahl der Betroffenen in der sogenannten Mittelschicht. Immer mehr von ihnen drohen in die Erwerbsarmut abzurutschen, weil die Lebenshaltungskosten – insbesondere für Miete, Energie (Strom, Heizung) und Lebensmittel (Inflation) – zuletzt stark angestiegen sind. Hinzu kommen die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse wie befristete Arbeitsverträge oder Teilzeitarbeit und geringfügige Beschäftigungen.
Wer ist besonders gefährdet?
Eine der Hauptursachen dafür, dass Menschen plötzlich zu den Working Poor gehören, sehen Wissenschaftler primär im Niedriglohn-Sektor. Hierunter fallen oft Personen unter 25 Jahren, Migranten, Frauen, gering Qualifizierte, Arbeitnehmer ohne abgeschlossene Ausbildung, Arbeitnehmer in Zeitarbeit sowie Arbeitnehmer in Minijobs. Auch eine steigende Anzahl von Kindern kann sich – trotz Wohngeld und Kindergeld – negativ auf das verfügbare Haushaltseinkommen auswirken.
Oft unbeachtet: Selbstständige
Tatsächlich gibt es noch eine weitere, häufig wenig beachtete Gruppe unter den Working Poor: die Solo-Selbständigen. Also Personen, die zwar selbständig arbeiten, aber keine Angestellten haben. Unter diesen Gründern und Einzelunternehmern gibt es ebenfalls eine große Anzahl von Personen, deren Einkünfte nicht höher liegen als im Niedriglohnsektor.
Kann der Mindestlohn das Problem lösen?
Der gesetzliche Mindestlohn soll hauptsächlich Lohndumping verhindern und eine angemessene Bezahlung sicherstellen. Das Working-Poor-Phänomen verhindern kann er jedoch nicht: Erstens, weil der Mindestlohn nicht für alle Arbeitnehmer gilt; zweitens, weil ein bezahlter Vollzeitjob trotzdem nicht ausreichen kann, die Lebenshaltungskosten zu decken. Wer zusätzlich von Krankheit, fehlender Ausbildung oder fehlenden Betreuungsoptionen für die Kinder betroffen ist, muss trotzdem noch mit staatlichen Hilfen aufstocken.
In welchen Berufen besteht das höchste Armutsrisiko?
Nicht zuletzt hat die Berufswahl einen großen Einfluss auf das Risiko von Erwerbsarmut gefährdet zu sein. Während es einerseits die bestbezahlten Berufe gibt, die regelmäßig Spitzengehälter erzielen, existieren am anderen Ende der Skala Berufe, in denen Beschäftigte unterdurchschnittlich verdienen. Dazu gehören:
- Hilfsarbeiter
- Berufskraftfahrer
- Kfz-Mechaniker
- Köche
- Lager-/Transportarbeiter
- Maler
- Maurer
- Security-Mitarbeiter
- Verkäufer
Männer
- Beschäftigte in sozialen Berufen
- Bürokräfte
- Friseurinnen
- Köchinnen
- Kosmetikerinnen
- Krankenschwestern
- Putzfrauen
- Sekretärinnen
- Verkäuferinnen
Frauen
Wer hat Anspruch auf Aufstockung des Gehalts?
Anspruch auf eine Aufstockung des Gehalts durch staatliche Unterstützung haben in Deutschland vor allem Menschen, deren Einkommen trotz Erwerbstätigkeit nicht ausreicht, um den Lebensunterhalt zu sichern. Voraussetzung ist, dass Betroffene grundsätzlich erwerbsfähig sind und dass das vorhandene Einkommen – nach Abzug von Freibeträgen – unter dem gesetzlich festgelegten Existenzminimum liegt. Nicht anspruchsberechtigt sind in der Regel Personen, die ausreichend Vermögen besitzen oder deren Einkommen oberhalb der Bedarfsgrenze liegt. Insgesamt richtet sich die Aufstockung also nicht pauschal nach der Art der Beschäftigung, sondern nach der individuellen finanziellen Situation.
Welche Auswege gibt es aus der Erwerbsarmut?
Der beste Weg aus der Erwerbsarmut ist – so trivial es klingt –, erst gar nicht in die Armut abzurutschen. Das beginnt bereits bei der Berufswahl. In manchen Berufen liegt bereits das Einstiegsgehalt so niedrig, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dort zu verharren und bei steigenden Kosten in die Working-Poor-Falle zu tappen. Wer einen Beruf sucht, der zu ihm oder ihr passt, sollte natürlich nicht nur aufs Geld schauen. Aber eben auch darauf – und auf die Entwicklungsmöglichkeiten. Manche Jobs sind zudem von dem sogenannten Schweinezyklus betroffen. Bedeutet: Aktuell ist die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt nach diesen Fachkräften hoch. Bis Betroffene aber ihre Ausbildung absolviert haben, ist die Nachfrage befriedigt. Folge: Trotz Ausbildung oder Studium finden Sie keinen Job und müssen in den Niedriglohnsektor ausweichen.
Weiterbildungen nutzen
Einer der besten Wege aus der Working-Poor-Klasse heraus ist permanente Weiterbildung. Zur Not auch auf eigene Kosten – oder mithilfe staatlicher Förderung wie einer Umschulung oder AVGS vom Arbeitsamt. Bildung und Qualifizierung schützen noch immer am besten vor Armut, sind aber auch keine Garantie dagegen (das muss man dazu sagen). Achten Sie bei der Wahl Ihrer Fortbildungen deshalb stets auf die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt und gleichen Sie die Webinare oder Kurse mit Ihren beruflichen Zielen ab. Es hat wenig Sinn, wenn Sie eine neue Sprache lernen, wenn Sie davon beruflich weder profitieren, noch bringt es Ihnen bei der Bewerbung einen nennenswerten Vorteil.
Jobs wechseln
Der dritte Weg aus der Working-Poor-Falle sind schließlich proaktive und strategische Jobwechsel. Nachweislich lassen sich bei einem Jobwechsel immer noch die größten Gehaltssteigerungen realisieren. Schauen Sie sich also regelmäßig auf dem Arbeitsmarkt um und suchen Sie nach Stellenangeboten, bei denen Sie mit Ihrer Qualifikation und Erfahrung mehr verdienen können als bisher. Wir unterstützen Sie dabei gerne mit unseren zahlreichen Ratgebern und erfolgreichen Coachings in unserer Karrierebibel-Akademie.
Was andere dazu gelesen haben