Stigma: Wie es zur Ausgrenzung beiträgt

Jede Gesellschaft hat Normen und Werte. Wer als Einzelner in irgendeiner Form davon abweicht, fällt auf. In einer Leistungsgesellschaft wie der deutschen wird Arbeit als sehr wichtig betrachtet. Denn mit dem daraus resultierenden Verdienst deckt ein Arbeitnehmer nicht nur seine Kosten, er ermöglicht je nachdem auch den gesellschaftlichen Aufstieg. Dies gilt besonders für prestigeträchtige und/oder gut bezahlte Jobs. Umso herber trifft viele Menschen der Jobverlust – oftmals ist er ein Stigma, gegen das sich Betroffene nur schwer wehren können. Welche Stigmata es gibt und was Sie gegen Stigmatisierung tun können…

Stigma: Wie es zur Ausgrenzung beiträgt

Stigma Definition: Was versteht man unter Stigma?

Stigma Beispiel Definition Goffman Bedeutung Psychologie Synonym SoziologieDer Begriff Stigma stammt aus dem Griechischen und Lateinischen und bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie Zeichen, Stich-, Wund- oder Brandmal.

Stigma findet sich in verschiedenen Bedeutungen:

  • Religiöse Bedeutung

    In der christlichen Religion bezeichnet Stigma ein Wundmal Jesu Christi durch die Kreuzigung; auch heute noch werden Nachbildungen dieser Wundmale am Körper eines Menschen (etwa blutende Handinnenflächen) am Körper eines Menschen als Stigmatisation bezeichnet.

  • Körperliches Zeichen

    Im allgemeinen Sprachgebrauch kann Stigma ein auffälliges Merkmal sein, das negativ bewertet wird. Als Beispiel dafür können Leberflecken oder Warzen gelten. Körperliche Auffälligkeiten, die für den Betroffenen ein Stigma darstellen und zur Ausgrenzung beitrugen, findet man in der Figur des Glöckners von Notre Dame, der missgestaltet ist.

  • Moralische Bedeutung

    Stigma in der moralischen Bedeutung kann ebenfalls äußerlich sein, allerdings ist es im Gegensatz zu körperlichen Missbildungen oder Makeln durch die Gesellschaft zugefügt. Als Beispiel hierfür können drakonische Strafen in früherer Zeit gelten, etwa gebranntmarkte Sklaven oder das Schlitzohr bei Handwerksgesellen, die sich etwas zuschulden haben kommen lassen. Auslöser hier ist unehrenhaftes Verhalten, das von der Gesellschaft entsprechend sanktioniert wird.

Da Stigma also auch etwas nachträglich von außen hinzugefügtes sein kann, ist Schandmal ein Synonym zu Stigma. Der amerikanische Soziologe Ervin Goffman dazu:

Die Zeichen wurden in den Körper geschnitten oder gebrannt und taten öffentlich kund, dass der Träger ein Sklave, ein Verbrecher oder ein Verräter war – eine gebrandmarkte, rituell für unrein erklärte Person, die gemieden werden sollte, vor allem auf öffentlichen Plätzen.

Das heute weitverbreitete Verständnis von Stigma und Stigmatisierung hat vor allem Goffman maßgeblich geprägt. Das Wörterbuch der Soziologie definiert als Stigma…

als ein physisches, psychisches oder soziales Merkmal, durch das eine Person sich von den übrigen Mitgliedern einer Gesellschaft oder Gruppe, der sie angehört, negativ unterscheidet und das sie von vollständiger sozialer Anerkennung ausschließt.

Demnach ist Stigma ein Merkmal, das seinen Träger in unerwünschter Art von seinem Gegenüber unterscheidet. Dieses Merkmal sticht derart heraus, dass alle anderen Eigenschaften dieser Person dahinter zurücktreten. Bei einem Stigma entsteht Goffman zufolge eine Diskrepanz zwischen der erwarteten („virtuellen“) und der tatsächlichen („aktuellen“) sozialen Identität einer Person.

Stigmatisierung: Prozess der Ausgrenzung

In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu verstehen, dass nicht das Merkmal an sich das Problem ist, sondern die negative Definition dessen. Ein Merkmal wie beispielsweise Arbeitslosigkeit oder eine psychische Erkrankung wird dadurch zum Stigma, dass es als Normabweichung von anderen interpretiert wird.

Zusätzlich zu diesem Merkmal werden der betroffenen Person weitere negative Eigenschaften zugeschrieben. Also: Arbeitslose sind alle faul, haben nichts gelernt, sind arbeitsunwillig und dergleichen mehr. Objektiv betrachtet haben diese Zuschreibungen entweder maximal einen geringen Bezug zum Merkmal oder entsprechen überhaupt nicht den Tatsachen.

Diese Generalisierung ist ein Prozess, bei dem das eine Merkmal mitsamt seiner Bedeutungen auf die komplette Person übertragen wird. Dieser Prozess wird als Stigmatisierung bezeichnet. Zusätzlich zu dem Merkmal, das für den Betroffenen ein reales Problem darstellen kann, kommt nun die Konfrontation mit Vorurteilen, Stereotypen.

Betroffene werden plötzlich diskriminiert, Menschen aus ihrem Umfeld wenden sich von ihnen ab oder sie haben anderweitige Nachteile, die konkret aus diesem Stigma und die Stigmatisierung resultieren.

Stigma: Beispiel anhand von Arbeitslosigkeit

Bleiben wir bei dem Beispiel Arbeitslosigkeit, denn es ist ein Stigma, das auf vielen Ebenen wirkt und jeden betreffen kann. Es wohnt ihm eine moralische Bedeutung inne, die sich sogar äußerlich auswirken kann. Arbeitslosen wird gerne der Stempel des Sozialschmarotzers aufgedrückt, denn sie arbeiten nicht für ihren Lebensunterhalt, stattdessen erhalten sie Geld von der Gemeinschaft.

Dass Betroffene selbst meist in diese Arbeitslosenversicherung eingezahlt haben, dass es oftmals ungünstige Umstände sind, die Arbeitslosigkeit verursachen, wird dabei schnell vergessen. Denn schließlich ist nicht jede Kündigung personenbedingt.

Der österreichische Volkskundler Johannes Moser sieht die Schuld für diese Einschätzung bei Studien, die behaupten, dass Arbeitslosigkeit oftmals selbstverschuldet sei und durch die materielle Absicherung der Arbeitslosen vom Staat noch begünstigt werde.

Zusätzlich zu seiner Arbeitslosigkeit muss sich also ein Stigmatisierter noch mit Vorwürfen herumschlagen, dass er seinen Jobverlust selbst verursacht hätte – weil er das Falsche studiert oder gelernt hat, nicht rechtzeitig die Entwicklung am Arbeitsmarkt beobachtet hat, zu wenig Bewerbungen schreibt oder dergleichen mehr.

Diese moralische Bedeutung kann sich gerade im Fall von Arbeitslosigkeit zu einem äußeren Merkmal entwickeln: Ein Arbeitsloser hat – gerade im Falle von Langzeitarbeitslosigkeit – weniger Geld zur Verfügung. Damit wird die soziale Teilhabe an der Gesellschaft eingeschränkt: Weniger Restaurant- und Kinobesuche, keine Urlaube, keine Statussymbole.

Stigma Bedeutung: Folgen für die Betroffenen

Gerade wenn ein Stigma „neu erworben“ wurde, führt das zu Problemen von Betroffenen. Wer mit einem körperlichen Stigma, beispielsweise einer Behinderung, geboren wurde, hatte Zeit sich mit diesem auseinanderzusetzen. Stigmata wie eine psychische Erkrankung oder Arbeitslosigkeit hingegen können ganz plötzlich jemanden betreffen.

Diese Person muss sich nun mit ihrer neuen Situation auseinandersetzen und für sich eine Identität finden. Das ist deshalb so schwierig, weil die neu Stigmatisierten mit denselben Normen und Werten, aber eben auch Vorurteilen und Vorbehalten aufgewachsen sind, denen sie sich nun ausgesetzt sehen.

Das Problem ist, dass viele Betroffene sich für Ihr Stigma schämen, sich unnwohl fühlen. Das führt laut Goffman dazu, dass viele sich eine Strategie zurechtlegen, um im Umgang mit anderen Menschen überleben zu können. Denn das Wichtigste für den Menschen als soziales Wesen ist der Kontakt zu anderen Menschen.

Viele andere, nicht Stigmatisierte lehnen die Betroffenen jedoch aufgrund ihres Stigmas ab. Bei den Betroffenen führt das auf psychischer Ebene häufig zu Unsicherheit und Angst. Die Auswirkungen sind aber wesentlich weitreichender, denn die eingeschränkte soziale Teilhabe hat konkret existenzielle Auswirkungen, etwa wenn durch Rollenverlust gesellschaftliche oder berufliche Positionen verwehrt werden.

Sofern es sich nicht um äußerlich klar erkennbare Defizite handelt, versuchen Stigmatisierte alles Erdenkliche, um nicht als solche aufzufallen. So gibt es Arbeitslose, die beispielsweise früh morgens das Haus verlassen und spät zurückkommen, um ihre Arbeitslosigkeit zu verschleiern.

Goffman spricht hier von Stigma-Management der Betroffenen, die letztlich nichts weiter von der Gesellschaft wollen als Anerkennung und Sympathie, so angenommen zu werden, wie sie sind.

Stigmatisierung: Das können Sie tun

Es gibt Merkmale, die von Menschen als Stigma empfunden werden, gegen die Sie nichts tun können. Wer beispielsweise einer bestimmten Ethnie oder Religion angehört, in seinem Umfeld vorurteilsbehaftet ist, kann dieses Merkmal nicht ändern. Ebenso wenig wie ein Blinder plötzlich wieder sehen kann.

Andere Stigmata müssen nicht von bleibender Dauer sein, wie bestimmte Erkrankungen oder Arbeitslosigkeit. Egal, um welches Stigma es sich handelt, als Einzelner werden Sie immer Schwierigkeiten haben, Ihr gesamtes Umfeld zu ändern. Daher können Sie nur an sich arbeiten, das heißt lernen, damit umzugehen. Beispielsweise durch…

  • Selbstakzeptanz

    Der vielleicht wichtigste und zugleich schwierigste Punkt ist Selbstannahme. Zu sich zu stehen, den (derzeitigen) Zustand zu akzeptieren und sich selbst dennoch als liebenswert zu erachten. Als wertvolles Mitglied der Gesellschaft, auch ohne Arbeit/mit psychischen Problemen/mit Behinderung…, das mit seinen Schwächen und Stärken so sein darf, wie es ist. Das bedeutet, die eigenen Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden, sich aus dem herauszulösen, was vermeintlich „Norm“ ist und nicht in dem Versuch der ständigen Selbstoptimierung zu scheitern.

  • Authentizität

    Es ist schwer bei Themen, die ein Tabu betreffen, immer absolut transparent zu sein. Hier lässt sich auch kein genereller Rat geben, denn wie Sie mit einem Stigma umgehen, ist abhängig von der Situation und den umgebenden Menschen sowie deren Rolle. Einem potenziellen Arbeitgeber verhält man sich sicherlich anders gegenüber als einem Freund. Dennoch sollte sich kein Mensch verbiegen müssen – Kompromisse bis zu einem gewissen Grad sind etwas anderes. Freunden gegenüber sollte es möglich sein, authentisch zu sein, Probleme anzusprechen. Echte Freunde hingegen sollten sich auch bei heiklen Punkten Toleranz üben und sich zumindest offen zeigen.

  • Netzwerke

    Wer unter einem Stigma leidet, läuft Gefahr, sich im Kontakt mit „Normalen“ ständig zu verstellen. Dieses Stigma-Management ist auf Dauer nicht nur anstrengend, es ist ungesund. Und es verstellt den Blick für die Realität: Zu denken, dass alle anderen normal sind, nur man selbst nicht, ist eben nur ein kleiner Ausschnitt. Daher gilt für von Stigmata Betroffene immer: Netzwerken! Egal, ob Sie arbeitslos, krank, homosexuell oder anderweitig von der breiten Masse abweichend sind – in dem Moment, indem Sie sich mit Gleichgesinnten beziehungsweise anderen Betroffenen austauschen, werden Sie merken, dass Sie nicht allein sind.

[Bildnachweis: Borysevych.com by Shutterstock.com]
17. November 2017 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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